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Ganztag: „Es darf nicht darum gehen, eine wenig erfolgreiche Halbtagsschule einfach zu verlängern“ – ein Interview

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LEIPZIG. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung in der Grundschule soll ab dem kommenden Schuljahr 2026/27 schrittweise umgesetzt werden – beginnend mit den Erstklässlern. Doch vielerorts fehlen noch Personal, Räume und Ressourcen. Wie steht es überhaupt um den Ausbau des Ganztags in Deutschland? Welche Chancen bietet er für mehr Bildungsgerechtigkeit – und welche Herausforderungen müssen noch bewältigt werden? Darüber sprach News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek mit Dr. Anna-Maria Seemann, 2. Vorsitzende des Ganztagsschulverbands, und dessen Geschäftsführer Christoph Bülau.

Happy Ganztag. Illustration: News4teachers

News4teachers: Wir haben in den vergangenen Jahren einen kräftigen Aufwuchs beim Ganztag in Deutschland erlebt. Jetzt kommt noch der Rechtsanspruch. Ist also alles auf einem guten Weg?

Seemann: Das ist schwer allgemein zu beantworten, weil die Situation in den Ländern und teilweise auch in den Kommunen sehr unterschiedlich ist. Insgesamt haben sich durch den Rechtsanspruch aber alle auf den Weg gemacht. Kaum jemand fängt bei null an, denn Ganztagsangebote gab es vielerorts bereits vor dem Beschluss des Rechtsanspruchs. Jetzt hat das Thema noch einmal deutlich an Dynamik gewonnen, weil die Angebote zumindest für die Erstklässler vorgehalten werden müssen und dafür Räume, Personal und Ressourcen benötigt werden. Die Stadtstaaten und die östlichen Bundesländer sind insgesamt besser aufgestellt. Die großen westdeutschen Flächenländer haben noch die meisten Hausaufgaben zu machen – sowohl beim Ausbau der Plätze als auch bei den Themen Räume und Personal.

News4teachers: Viele Kommunen beschweren sich darüber, dass sie die Aufgabenflut kaum noch bewältigen können – und hätten den Rechtsanspruch am liebsten verschoben. Wie ernst zu nehmen sind solche Klagen?

Bülau: Klappern gehört zwar zum Handwerk, aber natürlich ist etwas dran. Ein Bundesgesetz regelt nun, dass die Kommunen als Sachaufwandsträger Dinge umsetzen müssen, die sie selbst nicht beschlossen haben. Gleichzeitig sind viele Kommunen chronisch überschuldet. Während manche noch damit beschäftigt sind, den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz umzusetzen, kommt nun ein weiterer Rechtsanspruch hinzu. Das ist ein großes Problem.

Allerdings haben sich einige Kommunen auch deutlich zu spät bewegt. Viele haben offenbar gehofft, dass der Rechtsanspruch noch gestoppt wird. Erst nachdem endgültig grünes Licht gegeben wurde, begann man vielerorts damit, Sportstätten zu ertüchtigen, Mensen zu planen oder zusätzliches Personal zu suchen. Es ist also beides: ein erhebliches Finanzproblem und teilweise auch ein Mangel an vorausschauender Planung.

“Wenn eine Schule, die bisher mittags endet, plötzlich zu einer verbindlichen Ganztagsschule wird, ist das ein großer Einschnitt”

News4teachers: Haben wir in Deutschland ein falsches Verständnis vom Ganztag? Viele wünschen sich zwar Ganztagsangebote, aber möglichst freiwillig und flexibel.

Seemann: Wir haben noch nicht das Verständnis von Ganztag, das wir haben könnten und das wir uns als Ganztagsschulverband wünschen würden. Das liegt vor allem an der jahrzehntelangen Tradition der Halbtagsschule, insbesondere in Westdeutschland. Dieses Modell ist tief in den Köpfen verankert – bei Eltern ebenso wie bei vielen Bildungspolitikern.

Wenn eine Schule, die bisher mittags endet, plötzlich zu einer verbindlichen Ganztagsschule wird, ist das ein großer Einschnitt. Gleichzeitig wird der Ganztag in der öffentlichen Diskussion stark über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf definiert. Hinzu kommt, dass wir die Tradition einer echten Ganztagsschule nicht haben. Deshalb braucht es mehr gesellschaftliche Debatten über die Chancen des Ganztags und vor Ort oft eine bessere Kommunikation.

Außerdem sind wir häufig gefangen in einem Entweder-oder zwischen sehr freiwilligen offenen Angeboten und vollständig gebundenen Ganztagsschulen. Ich denke, wir bräuchten mehr Übergangsmodelle, etwa mit einer verbindlichen Kernzeit bis 14.30 oder 15 Uhr, mit gemeinsamem Mittagessen und weiteren Lern- oder Freizeitangeboten, die über den Unterricht hinausgehen. Solche Lösungen gibt es, aber die Rahmenbedingungen lassen oft wenig Spielraum.

News4teachers: Ist die Skepsis vieler Eltern angesichts der Qualitätsprobleme im Schulsystem nicht berechtigt?

Bülau: Wenn Ganztag bedeutet, eine schlechte Halbtagsschule um ein paar weitere Stunden Betreuung mit schlecht qualifiziertem Personal in schlechten Räumen zu verlängern, dann wären wir die Ersten, die sagen würden: Lasst es. Dann sollten Kinder lieber andere Angebote nutzen.

Der Rechtsanspruch kann aber auch ein gesellschaftlicher Anlass sein, sich noch einmal grundsätzlich zu fragen: Was wollen wir eigentlich mit dem Ganztag? Die Idee entstand nach dem ersten PISA-Schock. Damals wurde deutlich, dass in Deutschland der Bildungserfolg besonders stark vom Einkommen der Eltern abhängt. Außerdem zeigte sich, dass viele erfolgreichere Bildungssysteme auf die ganztägige Schule setzen.

In den vergangenen 20 Jahren ist dieser Bildungsaspekt allerdings in den Hintergrund geraten. Heute sprechen wir oft vor allem über Betreuung. Wir reden lieber über ganztägige Bildung. Betreuung und Freizeit gehören dazu, aber der Bildungsauftrag darf nicht verloren gehen.

News4teachers: Wie steht es denn um die Qualität des Ganztags in der Fläche?

Seemann: Es gibt viele gute Modelle. Neben bekannten Leuchtturmschulen und Schulpreisschulen gibt es zahlreiche weniger bekannte Schulen, die hervorragende Arbeit leisten. Gleichzeitig gibt es viele Orte, an denen Ressourcen fehlen oder die Haltung noch nicht stimmt. Dort wird das Potenzial des Ganztags oft noch nicht erkannt.

Wichtig ist, den Ganztag zu nutzen, um Schule insgesamt weiterzuentwickeln. Es sollte gefragt werden: Was brauchen Kinder und Jugendliche heute und in Zukunft? Welche Kompetenzen benötigen sie? Wie gehen wir mit Digitalisierung um? Wenn man diese Fragen gemeinsam mit den zusätzlichen zeitlichen Möglichkeiten des Ganztags denkt, kann sich Schule insgesamt positiv entwickeln.

Rechtsanspruch Ganztag: Chance statt Belastung – wenn die Qualität stimmt

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bringt für Einrichtungen, Träger und pädagogische Fachkräfte weitreichende Veränderungen mit sich. Neue Strukturen müssen geschaffen, bestehende Konzepte weiterentwickelt und pädagogische Prozesse neu gedacht werden. Gleichzeitig eröffnet sich eine große Chance: den Ganztag qualitativ weiterzuentwickeln und nachhaltig zu stärken – im Sinne der Kinder, ihrer Familien und der Fachkräfte.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, braucht es fundiertes Fachwissen, Orientierung in aktuellen Entwicklungen sowie praxisnahe Impulse, die im Alltag tragfähig sind.

Genau hier setzt das Angebot des HERDER Verlags an: Mit der Zeitschrift Unser Ganztag, sorgfältig ausgewählten und regelmäßig aktualisierten Fachbüchern sowie thematisch fokussierten Themenheften wird eine verlässliche Begleitung für den pädagogischen Alltag im Ganztag geboten. Die Inhalte greifen zentrale Fragestellungen auf, liefern konkrete Anregungen für die Praxis und unterstützen dabei, Qualität im Ganztag gezielt weiterzuentwickeln.

Nähere Informationen dazu finden Sie hier.

News4teachers: Ist die Konstruktion des Ganztags mit unterschiedlichen Zuständigkeiten nicht ein Grundproblem?

Bülau: So einfach ist es nicht. Tatsächlich haben wir in Deutschland mehr als 30 unterschiedliche Systeme des Ganztags. Allein in Bayern existieren fünf Varianten nebeneinander.

Auch wenn wir als Ganztagsschulverband klar die gebundene Ganztagsschule favorisieren, sollten auch hier Partner aus der Kinder- und Jugendhilfe und externe Experten eingebunden werden. Und letztlich steckt in allen Systemen Potenzial. Entscheidend ist, an welchen Stellschrauben Qualität verbessert werden kann.

Bildung hängt außerdem nicht davon ab, ob ein Angebot im Schulgesetz oder im Kinder- und Jugendhilfegesetz verankert ist. In vielen ostdeutschen Horten beispielsweise wird auf der Grundlage von Bildungsplänen gearbeitet. Deshalb ist die Frage komplexer als die reine Organisationsform.

News4teachers: Was macht einen guten Ganztag aus?

Seemann: Ein guter Ganztag basiert auf einem gemeinsamen Konzept. Es gibt ein Team aus Erwachsenen, das gemeinsam mit Schülerinnen, Schülern und Eltern den Ganztag gestaltet, regelmäßig überprüft und weiterentwickelt.

Zugleich orientiert sich guter Ganztag an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen. Er verbindet Bildung, Chancengerechtigkeit, Freispiel, Bewegung, kulturelle Bildung und eine gute Mittagsverpflegung. Das ist viel, aber genau deshalb muss jede Schule schauen, was vor Ort möglich ist und was die Kinder konkret brauchen. Daraus sollte ein möglichst vielfältiges Angebot entstehen.

Im Interview: Bülau und Dr. Seemann. Illustration: News4teachers

News4teachers: Worauf sollten Eltern achten, wenn sie die Qualität einer Ganztagsschule beurteilen wollen?

Bülau: Ich würde zuerst die Kinder fragen: Gehst du gerne in die Schule? Nicht nur: Gehst du gerne in den Ganztag? Ganztag bedeutet viel mehr als Nachmittagsangebote.

Wichtig sind Fragen wie: Gibt es gutes Essen? Fühle ich mich in den Räumen wohl? Kann ich mich austoben und gleichzeitig zurückziehen? Habe ich vertrauensvolle Ansprechpersonen? Wie ist die Toilettensituation?

Erst danach würde ich fragen, welche zusätzlichen Angebote es gibt. Gute Angebote sind vor allem solche, die aus Sicht der Kinder attraktiv und lebensweltorientiert sind.

Die Erwachsenen würde ich fragen: Gibt es Vorbereitungs- und Nachbereitungsräume? Können Materialien vor Ort gelagert werden? Ist ausreichend qualifiziertes Personal vorhanden? Das sind ebenfalls wichtige Qualitätsmerkmale.

News4teachers: Verändert der Ganztag die Rolle der Lehrkräfte?

Seemann: Ja. Lehrkräfte erleben Kinder über einen längeren Zeitraum und in anderen Situationen. Dadurch entsteht mehr Zeit für Beziehungsarbeit und ein besseres Verständnis für die Lebenswelt der Kinder.

Das setzt allerdings voraus, dass Lehrkräfte bereit sind, ihre Rolle zu erweitern. Vor allem aber wird Kooperation unverzichtbar. Lehrkräfte müssen mit anderen Professionen zusammenarbeiten. Wer dazu nicht bereit ist, wird das Potenzial des Ganztags nicht ausschöpfen können.

“Schulforschung zeigt, dass erfolgreiche Ganztagsschulen von inspirierenden und gestaltenden Leitungen geprägt werden”

News4teachers: Welche Rolle spielt die Schulleitung?

Bülau: In kooperativen Modellen leitet eine Schulleitung gewissermaßen zwei Schulen: die klassische Vormittagsschule und den Ganztagsbereich mit anderem Personal, anderen Berufslogiken und anderen Rahmenbedingungen. Das sollte aber, wenn ein Kooperationspartner mit an Bord ist, gleichberechtigt mit der Leitung des außerunterrichtlichen Teils erfolgen.

Schulforschung zeigt, dass erfolgreiche Ganztagsschulen von inspirierenden und gestaltenden Leitungen geprägt werden. Sie müssen eine gemeinsame Vision entwickeln, unterschiedliche Professionen zusammenbringen und Räume für Kooperation schaffen.

Gleichzeitig braucht es Mut, neue Wege zuzulassen. Ganztag kann bedeuten, Unterricht neu zu denken – etwa mit mehr Projektarbeit, Freiarbeit oder anderen Lernformen. Schulleitungen müssen dafür Freiräume schaffen.

News4teachers: Bietet der Ganztag auch Chancen zur Entlastung von Lehrkräften?

Seemann: Grundsätzlich ja. Zusätzliche Förderangebote können z. B. den Unterricht sinnvoll ergänzen. Das funktioniert aber nur, wenn die Beteiligten miteinander kommunizieren.

Für Lehrkräfte ist es ein großer Vorteil, wenn am Nachmittag weitere Fachkräfte mit den Kindern arbeiten, eigene Ideen einbringen und Informationen zurückspiegeln. Dadurch entstehen zusätzliche Fördermöglichkeiten.

Kooperation wirkt grundsätzlich entlastend. Viele Lehrkräfte erleben das auch so, wenn die Zusammenarbeit einmal etabliert ist. Besonders wertvoll ist die sozialpädagogische Perspektive, die zusätzliche Erkenntnisse über Kinder und ihre Bedürfnisse liefert. Das kann letztlich auch den Unterricht erfolgreicher machen.

News4teachers: Welcher Aspekt kommt in der Debatte aus Ihrer Sicht zu kurz?

Seemann: Vor allem die Zeit. Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und andere Beteiligte brauchen Zeit für Kooperation, Elternarbeit, Teamgespräche und Konzeptentwicklung. Diese Zeiten sind oft nicht ausreichend eingeplant. Hinzu kommen Fragen des Personalschlüssels und der Qualifizierung. Hier besteht auf politischer Ebene weiterhin erheblicher Nachholbedarf.

Bülau: Beim Personal ist die Situation tatsächlich dramatisch. Berechnungen zufolge fehlen bis 2030 rund 100.000 Fachkräfte, um den Rechtsanspruch umzusetzen. Dabei geht es zunächst nur um die Anzahl, noch gar nicht um die Qualifikation.

Dazu kommen große Herausforderungen bei den Räumen. Der Sanierungsstau an Schulen ist enorm. Gleichzeitig braucht guter Ganztag zusätzliche Flächen und eine Infrastruktur, in der Kinder sich gerne aufhalten. Und schließlich ist die Finanzierung entscheidend. Die Potenziale des Ganztags lassen sich nur vollständig ausschöpfen, wenn er möglichst kostenfrei ist. Werden hohe Elternbeiträge erhoben, wird das Ziel, Bildungserfolg vom sozialen Hintergrund zu entkoppeln, unterlaufen. News4teachers 

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Guter Ganztag”. 

Bildungsforschung: Ganztag wirkt (aber bei Fachleistungen nicht so direkt wie erhofft)

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1 Kommentar
DerechteNorden
55 Minuten zuvor

“Ja. Lehrkräfte erleben Kinder über einen längeren Zeitraum und in anderen Situationen. Dadurch entsteht mehr Zeit für Beziehungsarbeit und ein besseres Verständnis für die Lebenswelt der Kinder.

Das setzt allerdings voraus, dass Lehrkräfte bereit sind, ihre Rolle zu erweitern. Vor allem aber wird Kooperation unverzichtbar. Lehrkräfte müssen mit anderen Professionen zusammenarbeiten. Wer dazu nicht bereit ist, wird das Potenzial des Ganztags nicht ausschöpfen können.”

Ähem, und wie viel sollen Lehrkräfte in diesem Modell von Ganztag dann arbeiten?
Oder müssen wir dann keinen Unterricht mehr vorbereiten, Leistungskontrollen konzipieren und korrigieren?