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Warum wir jetzt (auch mal wieder) über die Vorteile von G8 sprechen müssen

Ein Kommentar von ANDREJ PRIBOSCHEK.

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Das G8 kann einem schon fast leid tun. Immer mehr Parteien und Verbände erklären sich zu Gegnern des Modells, das – daran sei hier erinnert – bei der Einführung vor einigen Jahren einhellig begrüßt und beschlossen wurde. Nun ist es nichts Ehrenrühriges, die eigene Position im Licht neuer Erkenntnisse zu überdenken und auch zu ändern. Was allerdings verblüfft, ist die Tatsache, dass offenbar kaum jemand mehr weiß, warum G8 überhaupt eingeführt wurde. Mehr noch: Das „Turbo-Abitur“ ist für viele offenbar zum Synonym für alles geworden, was aus ihrer Sicht an den Schulen falsch läuft. Anders lässt sich der Furor etlicher G8-Gegner kaum erklären.

Denn es gab – und gibt – ja gute Gründe, die für die Schulzeitverkürzung sprechen. Ausgangspunkte für die Reform seinerzeit waren zwei Beobachtungen: Erstens, nirgends in Europa waren die akademischen Berufseinsteiger so alt wie in Deutschland, nämlich fast 30 Jahre alt im Schnitt. Ein später Berufseinstieg hat auch eine soziale Dimension: Wer kann es sich (selbst ohne Studiengebühren) leisten, so lange ohne geregeltes Einkommen zu leben? Und zweitens, die Erfahrungen mit dem Abitur nach zwölf Schuljahren sind sowohl in Deutschland (zum Beispiel Sachsen, Dauersieger im IQB-Bundesländervergleich) und im übrigen Europa ja nicht schlecht.

So fragte der damalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner berühmten Berliner „Ruck“-Rede am 26. April 1997: „Wie kommt es, dass die leistungsfähigsten Nationen in der Welt es schaffen, ihre Kinder die Schule mit 17 und die Hochschule mit 24 abschließen zu lassen?“

Zur Einordnung: Seinerzeit galt Deutschland aufgrund von hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Wachstumsraten als der „kranke Mann Europas“. Das hat sich deutlich geändert. Natürlich nicht wegen G8. Eher schon aufgrund einer Reform, die heute ähnlich unpopulär wie das „Turbo-Abitur“ ist, die aber niemand zurücknehmen wird: die Agenda 2010 (im Volksmund auf das Kürzel „Hartz IV“ gebracht). Eine stärker am gesellschaftlichen und ökonomischen Bedarf hin ausgerichtete Schule entspricht allerdings durchaus dem Geist des damaligen „Wir-krempeln-jetzt-mal-die-Ärmel-hoch“-Ansatzes. Und der könnte schneller wieder gefragt sein, als uns heute lieb ist.

Tatsächlich spricht viel für G8 – aber wenig für die reale Umsetzung der Reform. Der Kardinalfehler: Gekürzt wurde das Jahr in der Sekundarstufe I, obwohl (wie jeder weiß, der selbst früher einmal das Abitur gemacht hat) das 11. Schuljahr weitgehend verzichtbar war. So wurde die Hauptbelastung auf die Kleinen gebracht; und es war vor allem ein ideologischer Grund, weshalb so verfahren wurde: Konservative wollten das Gymnasium vom übrigen Schulsystem abkoppeln, damit dieses von jenem nicht irgendwann geschluckt werden kann. Die überzogene Angst vor der Einheitsschule hat also das G8 vermurkst. Dazu kamen handwerkliche Mängel, die vor allem in der Scheu begründet liegen, Inhalte auch mal auszusortieren. Das Ergebnis ist nicht schön, aber so schlecht auch wieder nicht, alles ruckzuck rückgängig zu machen.

Denn eins ist mittlerweile gewiss: Bildungsreformen benötigen Sorgfalt und damit Zeit bei der Umsetzung – und eine breite gesellschaftliche Debatte, die ein Für und Wider erkennen lässt. Sonst kann sich in ein paar Jahren keiner mehr daran erinnern, warum zum Teufel dieses G9 plötzlich wieder eingeführt wurde.

Zum Bericht: Die Gymnasien kommen nicht zur Ruhe – Umfrage zeigt klare Mehrheiten unter Eltern und Lehrern für G9

Zum Bericht: Reaktionen auf die G8-Umfrage – Löhrmann warnt vor Schnellschüssen, Beckmann: Runder Tisch gescheitert

 

23 Kommentare

  1. Zitat:
    „Gekürzt wurde das Jahr in der Sekundarstufe I, obwohl (wie jeder weiß, der selbst früher einmal das Abitur gemacht hat) das 11. Schuljahr weitgehend verzichtbar war. So wurde die Hauptbelastung auf die Kleinen gebracht.“

    Es wurden in allen Jahrgangsstufen Kürzungen vorgenommen. Der Stoff wurde dann auf die 8 Schuljahre verteilt. Jahrgangsstufe 11 war zum Beispiel in Mathematik nicht verzichtbar, hier wurden die Grundlagen der Differezialrechnung gelegt.
    Natürlich wurden auch „die Kleinen“ belastet. Wenn man an der Gesamtstundenzahl nichts verändern möchte, werden alle Jahrgangsstufen höher belastet werden. In Bayern hat zum Beispiel die Jahrgangsstufe 5 keinen Nachmittagsunterricht (außer Wahlkurse) – also ist die Belastung hier nicht höher geworden (30 Wochenstunden). In den Jahrgangsstufen 6 – 8 sind es 32 Wochenstunden statt im G9 30. Erst ab den Jahrgangsstufen 9 werden es 34 Wochenstunden oder mehr.
    Insofern kann ich nicht erkennen, warum gerade „die Kleinen“ höher belastet wurden.

    • Was wird denn in der EF/10/11 (erste Stufe Sek II) außer den Grundlagen der Differenzialrechnung noch gemacht? Mit dem neuen Lehrplan NRW die sehr einfachen Teile der ohnehin einfachen Vektorrechnung, die vorher in der Q1 lag und ebenfalls neu Wahrscheinlichkeitsrechnung im Sinne von Vierfeldertafeln, die zum großen Teil schon in Klasse 8 gemacht wurde. Der Rest ist sich selbst ärgern über den Taschenrechner und über die Schüler ärgern wegen ihrer fehlenden Algebra-Kenntnisse.

      Mit anderen Worten kann man gerade im Fach Mathematik das Programm locker in 8 Jahren schaffen, z.B. indem man jeweils ein halbes Schuljahr aus der EF und aus der 5 kürzt. Ja, 5, weil dort die stark differierenden Kenntnisstände aus den Grundschulen natürlich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner angeglichen werden. Ersatzweise könnte man die Grundlagen der Differenzialrechnung und die Vektorrechnung auch in die Q1 schieben, die Wiederholungsphase kurz vor den Osterferien der Q2 auf maximal vier Wochen kürzen und so komplett auf die EF verzichten. Die Sek I könnte man dann wieder auf sechs Jahre verlängern.

      In Physik habe ich andererseits noch nie eine Wiederholungsphase einbauen können. Bei einer Verkürzung der Sek II auf zwei Jahre müssten dann die Inhalte der EF in die Mittelstufe geschoben werden. Das ginge z.B. indem man die Mechanik und die mechanischen Schwingungen der 8 und der EF dann neu komplett in die 10 schiebt.

  2. Übrigens: die Unternehmen jammern mittlerweile schon darüber, dass die Absolventen zu jung und zu unreif sind.

  3. Das G8 war in jeder Hinsicht Quatsch.
    Die Politik will, dass mehr Kinder Abitur machen. Warum verschärft man gerade dann die Bedingungen durch eine Verkürzung der Lernzeit?
    Die Öffentlichkeit möchte mehr „neue Unterrichtformen“ (der Nutzen sei mal dahingestellt). Diese Unterrichtsformen benötigen vor allem eines: mehr Zeit.

    • Gerade noch im Hinblick auf den Pisa-Schock. Natürlich verbessert man die Leistungen der Schüler, wenn man Unterrichtszeit kürzt.

      • Die Leistungen (im Sinne von Noten) verbessert man noch viel mehr, indem man die Anforderungen reduziert und das Ganze als Kompetenzen verkauft. Klingt gut, ist aber nicht viel mehr als heiße Luft.

  4. Lieber Kollege,

    ich kommentiere hier ganz bewusst als Privatperson und nicht als Vorstandsmitglied der LE.
    Ich halte Ihren „Erinnerungskommentar“ für an dieser Stelle richtig – weil in der Tat in dieser Diskussion die politischen (nicht die im Hintergrund mit Sicherheit auch wirtschaftlichen) Gründe für die G8 Einführung vergessen werden.

    Allerdings sollten Sie fairerweise auch Wissen, dass nicht DIE Landeselternschaft von Anfang an für die Einführung von G8 war und die ganze Zeit diesem Thema positiv gegenüberstand, sondern DER Vorstand bzw. damals agierende Vorstandsmitglieder. Obwohl schon sehr früh seitens vereinzelter und im Laufe der Jahre (und offenbar mit dem Unmut über die Folgen von G8 verärgerter) Eltern in den Mitgliedsversammlungen eine Umfrage unter den Mitgliedern der LE gefordert wurde.

    Diese Forderung wurde – dies kann ich aus eigener Kenntnis als in der Sache eigentlich relativ indifferenten Elternvertreter schreiben, der über mehrere Jahre immer mehr den Kopf schüttelte über die Diskrepanz zwischen im Saal bei Mitgliederversammlungen geäusserten Ansichten zu G9 bzw. G8 und denen derer, die dort auf dem Podium sassen und die Forderung nach Umfrage schlicht ignorierten.

    Zu unterstellen, DIE Eltern in NRW hätten ja die G8 Einführung die ganze Zeit positiv begleitet über ihre Verbände, entspricht dem Formellen (der LE-Vorstand war für G8), aber nicht dem Informellen (es waren so viele Mitglieder, die wissen wollten, was die Eltern denken zu dem Thema…aber diese vielen wurden ignoriert…)

    Dies nur zur Klarstellung 🙂

    Und zum Thema „Die Erfahrungen in anderen Ländern mit G8 sind ja nicht schlecht“ sei – neben vielen anderen Argumenten – vielleicht mal bei den Hochschulen nachgefragt, die inzwischen regelmässig Einsteiger KURSE! für Abiturienten in wichtigen Fächern wie Mathematik und anderem anbieten müssen bzw. die Studenten sogar zur Teilnahme verpflichten, damit mancher G8 Abiturient überhaupt die Studienvoraussetzungen erfüllt, die er/sie frühen selbstverständlich hatte…

    • „Und zum Thema „Die Erfahrungen in anderen Ländern mit G8 sind ja nicht schlecht“ sei – neben vielen anderen Argumenten – vielleicht mal bei den Hochschulen nachgefragt, die inzwischen regelmässig Einsteiger KURSE! für Abiturienten in wichtigen Fächern wie Mathematik und anderem anbieten müssen bzw. die Studenten sogar zur Teilnahme verpflichten, damit mancher G8 Abiturient überhaupt die Studienvoraussetzungen erfüllt, die er/sie frühen selbstverständlich hatte…“

      Das dürfen Sie aber nicht den Schulen oder G8 ankreiden. Die Politik hat die Lehrpläne gerade in Mathematik auf das Konkrete reduziert. Aber gerade das abstrakte Erkennen und Beweisen von Strukturen, losgelöst von jeglichen Kontexten, macht die Mathematik aus. Ich prophezeie Ihnen, dass der grafikfähige Taschenrechner die Situation noch erheblich verschlimmern wird, weil die Schüler jetzt auch kaum noch rechnen müssen. Die Argumente „Loslösung von kalkülhaftem Rechnen“ und der „kreative Umgang mit Mathematik“ sind Quatsch, weil die guten Schüler letzteres sowieso tun, die schwachen nicht und das erste Argument gerade den schwachen Schülern etliche Erfolgserlebnisse nimmt.

  5. Lieber Herr Priboschek,

    ich schätze grundsätzlich ihre Kommentare,- in diesem hier kann ich aber leider kein einziges nachvollziehbares Argument entdecken.

    1. Das G8 wurde in den alten Bundesländern eingeführt, ohne dass es dazu ein einziges pädagogisches oder bildungsinhaltliches Argument gegeben hätte.

    2. Es waren fast ausschließlich finanzpolitische Gründe, also z.B. versprach sich die Finanzministerkonferenz 1994 Einsparungen von 1,3 Milliarden DM, man wollte die Rentenkassen entlasten, weil ein Jahr länger einbezahlt werde und man erhoffte sich Wettbewerbsvorteile auf dem globalisierten Arbeitsmarkt druch jüngere Abiturienten.

    Die Realität sah anders aus: Durch den verstärkten Nachmittagsunterricht und die ständigen Nachbesserungen wurde das G 8 kaum billiger, die Rentenkassen wurden in der Folge durch zahlreiche Wahlgeschenke noch mehr geplündert als zuvor und die jungen Leute heute schieben häufiger als früher ein Orientierungsjahr bzw. eine Pause nach dem Abi ein.

    3. Das Niveau dagegen wurde nicht gehalten: Heutige Abituraufgaben insbesondere in den Naturwissenschaften, Mathematik und im Fach Deutsch können anforderungsmäßig nicht mehr mit dem Abitur vor vor 2010 konkurrieren, Lehrpläne wurden gerade auch in den Kernfächern (Fremdsprachlicher Wortschatz, Kürzung der Zahl der Deutschlektüren um 30 Prozent) massiv beschnitten und viele Unis machen heute Brückenkurse und Orientierungssemester am Studienbeginn, um den Abiturienten den Einstieg überhaupt erst zu ermöglichen.

    4. Verschweigen darf man auch nicht, dass inzwischen durch den Wegfall der Wehrpflicht ein Jahr für die Jungs weggefallen ist.

    5. Und bitte nicht immer das falsche Argument bemühen, die im Osten schaffen es doch auch in 8 Jahren.
    Zum einen haben in der DDR nur 10-12 Prozent der Schülerinnen und Schüler (EOS) das Abi gemacht und zum anderen haben im Ländervergleich die hochgelobten Ostländer mit acht Jahren in der Regel die höchsten Abidurchfallquoten und die geringsten Studienerfolgsquoten, PISA-Testerfolge hin oder her.

    Also bitte: Es gilt nicht, das G 8 einmal wieder zu verteidigen, sondern es gilt endlich ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende vorzuziehen.

    • zu Punkt 3: Sie ignorieren, dass die Sek I um ein Jahr gekürzt wurde, die Sek II bei drei Jahren blieb. Die Niveauverflachung müssten Sie eher mit dem Zentralabitur als mit G8 begründen.

      zu Punkt 4: Die Jungs waren zwei Jahre älter als die niederländischen Abiturienten (m), die Mädchen ein Jahr. Bei Rückkehr zu G9 sind sie alle ein Jahr älter.

      zu Punkt 5: Das Argument DDR zieht nicht, weil Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt nie auf G9 umgestellt haben.

    • Lieber Herr Cohnen, liebe/r Conny, liebe Mitdiskutierende,

      der angebliche Qualitätsverlust des Abiturs wird allenthalben beklagt – und nie belegt. Fakt ist, wie ich an anderer Stelle bereits ausgeführt habe (http://www.news4teachers.de/2016/04/und-immer-ist-die-schule-schuld-das-maerchen-vom-sinkenden-bildungsniveau-in-deutschland/), dass in den letzten zehn Jahren fast bundesweit die Abiturbedingungen verschärft wurden und dass das Zentralabitur eingeführt wurde. Letzteres hat natürlich zur Folge, dass das Niveau einzelner Prüfungsaufgaben sinken muss – dafür haben sich die Schüler auf ein weitaus größeres Repertoire vorzubereiten als früher. Vor dem Zentralabitur konnten Lehrer ihre Abiturienten auf die von ihnen selbst gestellten Aufgaben hin vorbereiten und deshalb eine höhere Spezialisierung voraussetzen.

      Dass die Unis Brückenkurse anbieten, muss auch nicht zwingend auf einen Niveauverlust der Abiturienten hinweisen. Kritiker des universitären Betriebs legen vielmehr nahe, dass die Lehre im Zeitalter von Massenvorlesungen und -seminaren schlecht (geworden) ist – sodass die Inhalte eben in Brückenkursen vorbereitet werden, damit die Abbrecherquoten nicht noch weiter in peinliche Bereiche steigen. Bei guten universitären Lehrveranstaltungen wären Brückenkurse vermutlich nicht nötig.

      Darüber hinaus gibt es keine mir bekannten wissenschaftlichen Belege dafür, dass durch G8 das Niveau gesunken ist. Stattdessen gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die erkennen lassen, dass die Leistungen von G8-Abiturienten durchaus denen von G9-Abiturienten entsprechen: http://www.diw.de/de/diw_01.c.497011.de/presse/diw_roundup/empirische_befunde_zu_auswirkungen_der_g8_schulzeitverkuerzung.html

      Auch ich stelle eine Überlastung der Schüler in G8 fest – allerdings zeitlich begrenzt. Immer noch schaffen es viele Kollegien offenbar nicht, sich vernünftig abzusprechen. damit die Belastung für die Kinder und Jugendlichen sich über das Schuljahr gleichmäßig verteilt. Stattdessen: Wochen mit zwei, drei Klassenarbeiten und etlichen Tests binnen fünf Tagen – und dann wieder Monate, in denen so gut wie nichts passiert. Aus meiner Sicht sollten erst mal die zeitlichen Ressourcen, die zur Verfügung stehen, sinnvoll ausgeschöpft werden, bevor eine Rücknahme der Reform, die wieder jahrelang Unruhe in die Schulen trägt, angegangen wird.

      Es war sicherlich ein Fehler, G8 nicht gründlich genug vorzubereiten. Den Fehler sollte die Politik meines Erachtens nicht ein zweites Mal machen.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek

      • Die Aussagen vom Niveauverlust stützen sich in meiner Umgebung auf den Vergleich zwischen alten und neuen Kurs- und Abiturarbeiten und sind insofern nur fächerspezifisch möglich. Im Lauf einer längeren Dienstzeit erlebt man aber auch Veränderungen im Sprachniveau der Schüler. Die weisen nicht nach oben.

  6. @Conny und Dieter Cohen

    Danke für Ihre fundierten und überzeugenden Kommentare!

  7. Milch der frommen Denkungsart

    Hinter dieser quasikriminellen Organisation – und nichts anderes war jene Kopfgeburt eines konzeptionslos implementierten G8 – stand doch letztlich ein ökonomistisches Weltbild, das junge Menschen allein als
    „Humankapital“ betrachtet und sie beurteilt wie einen großen Lederlappen, aus dem es gilt, in möglichst
    kurzer Zeit ein Maximum an Sohlen zu stanzen, welches aber der geistige Reifeprozess der Jugendlichen
    keinen Pfifferling schert, sondern nur der Effizienz wie einem Götzen huldigt.

  8. In der ganzen Debatte fehlt mir die Sicht „aus dem Osten“. In der DDR legte man das Abitur nach 12 Schuljahren ab statt nach 13. Alles, was jetzt gegen G 8 ins Feld geführt wird, konnte man so in der DDR nicht beobachten. Dass die Schulbildung in der DDR (abzüglich der politischen Indoktrination) gut war, bestreitet kaum noch jemand. Manche finden sie rückblickend sogar besser – aber natürlich sind das meistens Ossis. 🙂

    Ich glaube, es liegt eher an der Organisation von G 8 statt an G 8 selbst, dass es so viele Schwierigkeiten damit gibt – wenn das denn ehrlich ist. (Ich habe keine Erfahrungen damit.)

    • Meine Rede, es geht um das wie die Milch treffend schrieb konzeptionslos implementierte G8. Der Lehrplan G8 wurde z.B. erst gültig als die ersten G8-Jahrgänge ihr Abitur bereits absolviert hatten.

    • Beim Vergleich der Lehrpläne in einzelnen Fächern (ich kenne nur Physik und Mathematik) erkennen Sie durchaus, dass im Osten Inhalte weggelassen oder oberflächlicher behandelt werden. Die DDR-Didaktik scheint aber eine gute Gesamtabstimmung der Inhalte hingekriegt zu haben, so dass man mit dem insgesamt Gelernten ordentlich studieren konnte und kann.

      • „dass im Osten Inhalte weggelassen oder oberflächlicher behandelt werden.“
        Das stimmt m.E. so – in absoluter Formulierung – nicht, denn dann sollte es auf alle anderen Länder übertragen werden. Jedes Land setzt Schwerpunkte, lässt Inhalte weg, oder oder oder. Nur der Rahmen – bestimmt durch die KMK – muss eingehalten werden.

        Es ist tatsächlich die „Gesamtabstimmung“ – wenn wir es denn so nennen wollen – aus historischer Tradition und weil die LuL es kompetent umsetzen können ;-). Ach ja – die SuS lassen es sich gefallen und die meisten Eltern stehen dahinter.

        Wie sieht nun die bessere Gesamtabstimmung aus in Thüringen oder Sachsen?
        (Ich kann nur über die math.-nawi Fächer reden, da ich mit diesen fast täglich zu tun habe und an den aktuellen Lehrplänen mitgewirkt habe.)
        Zum Einen eine klare Linie der Kompetenzorientierung (seit Ende der 90er Jahre) und ein „Abspecken“ der Lehrplaninhalte (bzw. kein „Aufblähen“ älterer Strukturen nach der Wende). Daneben wurde Freiräume (inhaltlich, für SuS und LuL) eröffnet durch die Schaffung von Wahlpflichtbereichen, die sich stark an übergreifenden Kontexten (z.B. Alltag, Umwelt) orientieren. Die Umsetzung (Weiterentwicklung des alten ? Systems) wird unterstützt durch ein Fortbildungssystem mit Fachberatern für die Schulamtsbereiche und viele andere Sachen.

        Ich habe nie verstanden, dass die alten Länder im Rahmen der Umstellung (also vor langer, langer Zeit) nicht einmal in Thü oder Sa nachgefragt haben – vom Osten lernen heißt siegen lernen, geht wohl nicht!

        Wenn ich für die oben angesprochenen Bereiche die entsprechenden Bildungspläne/Lehrpläne nebeneinander lege, fällt mir auf, dass – und dieses deckt sich mit meinen Erfahrungen aus den 70er – 90er Jahren als Sek 2 – Lehrkraft in den alten Ländern – insbesondere die Halbjahre 11.1 und 13.2 wesentlich „straffer“ inhaltlich organisiert sind. (Diese waren zu meiner Zeit, na ja, nennen wir es „keine Lernzeiten“). Auch früher mussten 2 Jahre Qualifikationsphase reichen, wenn die entsprechende Vorbereitung in Klasse 10 einfach gut organisiert war. Und tiefer musste man es nicht schieben.
        Aber ich weiß – ein heikles, emotional besetztes Thema.

        • Zur weiteren Diskussion muss ich wohl konkreter werden; ich denke bei Physik/ Oberstufe z.B. daran, dass (wenn ich mich recht erinnere) in Brandenburg im Abitur noch mechanische Themen drankommen konnten – habe vor Jahren mal Abituraufgaben quergelesen. Die Kernphysik wurde nach meiner Erinnerung nicht besonders quantenmechanisch behandelt.
          Die von Ihnen erwähnten Wahlpflichtbereiche haben wir auch, als Wahl-Module.

          In der Mathematik hatte ich den Eindruck, dass Themen oft pragmatischer unterrichtet wurden, mehr am Rechnenkönnen als am „tiefen Verstehen“ orientiert, was ja enorm Zeit spart. Da sind die westlichen Länder nachgerückt, z.B. indem Pi jetzt auch schon in Klasse 7-8 eingeführt wird ohne die ganze wissenschaftliche Betrachtung von Pi als irrationaler Zahl.

          • ja stimmt – „pragmatischer unterrichtet.“ Und so kommen auch weniger quantenmechanische zum Wirken. (Haben m.E. in der Schule sowieso nichts verloren, da diese den Blick auf das „Wesentliche“ auf das Verständnis verstellen. Ist aber – einschränkend formuliert – nur mein ganz persönlicher Blick auf die „Materie“)

            Und zum Thema Zahlräume, Zahlraumerweiterung. Muss ich Pi gänzlich wiss. betrachten? Ach nein, reicht nicht ein Blick in die Antike.

          • Das Problem an Physik in der Schule ist, dass sie den mathematischen Kenntnissen der Schüler ausgeliefert ist. „Richtige“ Mechanik ist ohne Differenzialrechnung z.B. schwierig zu behandeln, allerdings wird diese erst im Laufe der EF ansatzweise entwickelt. Dabei schreibe ich noch nicht einmal über die sehr häufig fehlenden Algebra-Kenntnisse aus der Mittelstufe, wenn das Fach mal nicht Mathematik heißt. Die Moderne Physik, wozu die Quantenmechanik ausdrücklich gehört, ist in der Schule aufgrund der wirklich anspruchsvollen Mathematik und aufgrund des Abstraktionsgrades (im Sinne von komplett fehlender Veranschaulichbarkeit) im Leistungskurs ansatzweise, im Grundkurs kaum realisierbar. NRW machte dafür mit dem neuen Lehrplan die Hochspannungsleitung als Anwendung des Transformators abiturrelevant, Unterrichtsstoff der genauso bis spätestens vor der Umstellung auf G8 noch in der Mittelstufe unterrichtet wurde. Niveau ist halt keine Creme.

            Durch das Zentralabitur verkommt Unterricht in der Sek II besonders in Mathematik stark zu einem sehr pragmatischen „Teaching to the Test“. Der kundige Lehrer sieht nämlich, dass es nur 4-5 verschiedene Aufgaben gibt, die immer wieder dran kommen. Das ist aber auch kein Wunder, weil sich die Lehrer, die Aufgaben konzipieren müssen, an den Vorjahresaufgaben orientieren. Ganz automatisch gleichen sie sich auf eher niedrigem Anspruchsniveau immer weiter an, weil es auf den Pseudo-Kontext sowieso nicht ankommt, viel mehr auf Schlagworte wie „maximal“, „Zeitpunkt“, „langsamsten“ usw..

  9. G8 hat mich ruiniert. Ich bin stark durch den Destress gelähmt, verliere meine Schulklasse früher, muss dem ekelhaften Berufsleben früher beitreten, und habe wenig Zeit für sportliche Aktivitäten, und bin körperlich geschwächt. Ich verwette vieles darauf, dass ich jeden einzelnen G8-Vorteil zerstören könnte.

    • Ich bedanke mich bei Ihnen herzlich für das Freischalten des Kommentares 226419. Hier nimmt man mich scheinbar ernster.
      Ich wollte noch folgendes erwähnen:
      • Ich habe einen 34 KB langen Text verfasst, voller Nachteile, Belege und Beispiele, weshalb G8 eine minderwertige Schulform ist. Ein kleiner Teil der Argumente gegen G8, welcher mir zurzeit einfällt, folgt nun:
      • Wir Deutschen müssen den internationalen Standards entsprechen? Warum essen wir dann nicht gleich Schnecken?
      •Das Schuljahr wird von der ERSTEN Sekundarstufe abgezogen? Ich kann mir kaum vorstellen, wie unangenehm es in der 2.Sekundarstufe sein wird, nicht mehr von der vertrauten Schulklasse umgeben zu sein.
      • Bei G9 gäbe es viel „Luft im System“? Genau das benötigen Schüler doch, besonders kurz vor dem Ende vom 13.Schuljahr (siehe Text von Thomas Kerstan, wo man jedes seiner Argumente wie Tim Heldt von KuchenTV auseinandernehmen könnte)
      • „Turbo-Abitur“ ist reiner Euphemismus. Der Körper erleidet durch den Destress extremen Schaden, und egal wie „reif“ man für die zweite Sekundarstufe ist, allein, dass der Begriff „Oberstufen-Reife“ existiert, bedeutet schon, dass man später umso reifer ist, und robuster gegen dem Verlust von geliebten und vertrauten Mitschülern. Außerdem muss ein Arbeitsgeber wissen, wie sehr
      • Nach einer Karriere bis in die Rentenzeit macht nur ein Jahr kaum ein Unterschied.
      •Bei G9 hat man zwar seltener Klassenarbeien, jedoch sind diese etwas ausführlicher. Man muss sich beim Lernen nur auf wenigere Fächer gleichzeitig Konzentrieren, jedoch intensiver. Dadurch lernt man den Stoff eindeutig ausführlicher.
      •Ich habe noch etwa zwei Punkte vergessen zu Erwähnen.

      Hoffentlich bleibt G8 mindestens 15 Jahre erzwungen, nachdem ich eingeschult wurde. Sonst werde ich von jüngeren G9-Mitschülern aus deren Schadenfreude verspottet.

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