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Neue Ministerin Eisenmann: Es bleibt beim (begrenzten) G9-Modell – Philologen: Wahlbetrug

STUTTGART. Die Frage, ob das Abi nach acht oder nach neun Jahren gemacht werden soll, wird an den Gymnasien in Baden-Württemberg unterschiedlich beantwortet. Und das soll dort so bleiben. Allerdings: Eine Wahlfreiheit für die Schulen wird es nicht geben – obwohl die CDU, die das Kultusministerium nach der Wahl von der SPD übernommen hat, bislang eine andere Haltung vertrat. Das sorgt für Diskussionen.

Neue Kultusministerin von Baden-Württemberg: Susanne Eisenmann (CDU). Foto: Landeshauptstadt Stuttgart / flickr (CC BY-NC 2.0)

Neue Kultusministerin von Baden-Württemberg: Susanne Eisenmann (CDU). Foto:
Landeshauptstadt Stuttgart / flickr (CC BY-NC 2.0)

Gymnasien mit neunjähriger Schulzeit wird es nach Angaben der Landesregierung auch auf lange Sicht in Baden-Württemberg geben. Zwar bleibe die achtjährige Schule (G8) Regelform des Gymnasiums in Baden-Württemberg, aber die G9-Standorte würden abgesichert, sagte die neue Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) auf Anfrage in Stuttgart. Derzeit bieten 44 der 378 öffentlichen Gymnasien in Baden-Württemberg die Möglichkeit zum neunjährigen Weg an. Die G9-Modellschulen waren unter Grün-Rot auf Druck der SPD eingeführt worden. Die Partei wundert sich nun, dass die neue CDU-Ministerin daran festhält und eine Wahlfreiheit an jedem Schulstandort ablehnt.

Die CDU hatte sich im Wahlkampf dafür ausgesprochen, dass die Gymnasien selbst über G8 oder G9 entscheiden sollen. Im Laufe der Koalitionsgespräche mit den Grünen nahmen die Christdemokraten aber Abstand von der Forderung. Die CDU-Politikerin Eisenmann sieht die einstige Haltung ihrer Partei im Rückblick durchaus kritisch, sie ist hier gegen flexible Lösungen. «Ich muss ehrlich sagen, Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an einem Standort hätte ich nicht befürwortet, weil es für die kommunalen Schulträger schwierig wird, diese umzusetzen», sagte sie mit Blick auf Klassenräume und Klassengrößen.

Die CDU-Ministerin setze mit dieser Linie sozialdemokratische Bildungspolitik fort, sagte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Stefan Fulst-Blei, am Dienstag.

Philologenverband: „Fehlstart“

Von einem «Fehlstart» der Kultusministerin und «Wahlbetrug» der CDU spricht indes Cord Santelmann vom Philologenverband. Dass Eisenmann die Wahlfreiheit nach eigenem Bekunden nie befürwortet habe, erkläre den mangelnden Verhandlungserfolg der CDU. «Das ist ein Armutszeugnis für die bildungspolitische Kompetenz der CDU», sagte Santelmann am Dienstag. Er hatte im April eine Online-Petition für die Wahlfreiheit gestartet, die bislang gut 8000 Unterstützer fand. Viele G9-Gymnasien platzen ihm zufolge wegen der großen Nachfrage aus allen Nähten.

Eisenmann vertritt die Position, dass die überwiegende Mehrheit der Mütter und Väter inzwischen den G8-Weg akzeptiere, wie die bisherige Stuttgarter Schulbürgermeisterin sagte. Zugleich äußerte sie aber mit Blick auf Forderungen nach G9 Verständnis, «dass Eltern gerade in der Pubertät ihrer Kinder mehr Zeit lieber wäre». Eisenmann war auch Vorsitzende im Bildungsausschuss des Städtetags Baden-Württemberg.

Unklar ist noch, wie der Bestandsschutz der 44 als Schulversuch geltenden G9-Gymnasien technisch umgesetzt wird. Denn Modellversuche sind per Definition zeitlich begrenzt. Vor diesem Hintergrund lässt der grün-schwarze Koalitionsvertrag Interpretationsspielraum zu. Dort heißt es: «An den 44 G9-Modellschulen wollen wir den Schulversuch unverändert weiterführen.» Bliebe es aber bei dem Versuch, hätte die erste Tranche der G9-Gymnasien letztmalig 2017/18 Fünftklässler aufnehmem können, die zweite Tranche 2018/19. Nun machte Eisenmann aber klar, dass ein Ende des G9-Weges keineswegs in Sicht sei und auch nicht angepeilt werde.

Der Landeselternbeirat (LEB) äußerte sich erleichtert, dass G9 auch über die Zeit des Schulversuchs hinaus bestehen bleiben soll. «Alles andere wäre politischer Selbstmord», sagte Verbandschef Carsten Rees. Er hält ein flexibles Kurssystem für wünschenswert. «So könnten die Schüler das Abitur im eigenen Takt nach 8, achteinhalb oder 9 Jahren ablegen.»

Die Lehrergewerkschaft GEW begrüßt, dass G9 nicht weiter ausgebaut wird. Die Einführung eines flächendeckenden G9 entzieht nach Angaben der GEW anderen Schularten starke Schüler. Die würden aber etwas an der Gemeinschaftsschule dringend benötigt, um auch dort den Weg zur Hochschulreife anzubieten. Von Julia Giertz und Lena Müssigmann, dpa

Zum Bericht: Philologenverband: Bestandsschutz für G9-Schulen zu wenig – Zahl soll verdreifacht werden

Zur Person
War bis dato Schulbürgermeisterin von Stuttgart - kennt sich also aus: Susanne Eisenmann. Foto: Ironldy / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

War bis dato Schulbürgermeisterin von Stuttgart – kennt sich also aus: Susanne Eisenmann. Foto: Ironldy / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Die neue Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) ist Pragmatikerin. Für die 51-Jährige ist längeres gemeinsames Lernen ebenso wenig ein rotes Tuch wie Ganztagsschulen. Mit der Gemeinschaftsschule fremdelt sie nicht wie etliche andere Parteifreunde. Sie erkennt an, dass die Eltern mit den Füßen abstimmen und ihre Kinder lieber an die von Grün-Rot eingeführte Schulart schicken als an die Werkrealschule.

Die bisherige Stuttgarter Schulbürgermeisterin hat keine ideologischen Scheuklappen und nimmt auch gegenüber der eigenen Partei kein Blatt vor den Mund. Die Niederlage des CDU-Kandidaten Sebastian Turner bei der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl 2012 analysierte sie schonungslos und attestierte ihrer Partei Schwächen bei den Antworten auf die drängendsten Fragen der städtischen Wähler. Sie, selbst ebenfalls als Kandidatin für das Amt gehandelt, hatte den liberaleren Kandidaten, Ex-Sozialminister Andreas Renner (CDU), unterstützt.

Mit der Wahl der gebürtigen Stuttgarterin haben die Christdemokraten zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie befriedigt nicht nur die Forderung der Frauen Union nach weiblichen Ressortchefs, sondern sie verkörpert in der CDU auch die Anliegen der großen Städte, die in der Landtagsfraktion nicht vertreten sind. Im Städtetag leitete die blonde Frau mit dem Kurzhaarschnitt den Bildungsausschuss. Politisch ist die promovierte Philologin bestens vernetzt. So war sie von 1991 bis zu ihrer Kür zur Schulbürgermeisterin 2005 Büroleiterin des CDU-Landtagsfraktionschef und späteren Ministerpräsidentens Günther Oettinger. Verheiratet ist sie mit dessen früherem Sprecher Christoph Dahl, derzeit Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung.

Vor ihrem Wechsel in die Bürgermeisterriege des damaligen Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster, seinerseits bekannt als undogmatischer CDU-Vertreter, war sie CDU-Fraktionschefin im Stadtrat. Kooperation mit Grünen ist ihr nicht neu, arbeitet sie doch seit 2013 mit dem grünen Rathauschef Fritz Kuhn reibungslos zusammen.

 

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