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Kolumne: Frau Weh ist zurück – so viel Endorphin verursacht der erste Schultag

DÜSSELDORF. Tatsächlich gibt es auch in der Grundschule Tage, die sanft plätschernd und kurzweilig an der jeweiligen Lehrkraft vorbeiziehen. An denen alles reibungslos und ohne größere Katastrophen läuft. Andere Tage ziehen sich wie Kaugummi und lassen den Vormittag endlos erscheinen. Endlich Pause, endlich letzte Stunde, endlich vorbei.

Und dann gibt es da noch den ersten Schultag nach den Ferien.

Achterbahnen erreichen mittlerweile eine g-Kraft von 6, was bedeutet, dass der Körper durch Beschleunigen oder Bremsen das Sechsfache seines Gewichtes aushalten muss. Versuche haben ergeben, dass dabei ein Puls über 200 keine Seltenheit darstellt. Der Blutdruck steigt, Adrenalin wird freigesetzt. Schlussendlich erlebt man Endorphinausschüttung vom Feinsten. (Oder man übergibt sich anschließend in einen Blumenkübel. Ich kenne mich da aus.) Dabei spielt es eine Rolle, ob es sich um positive oder negative g-Kräfte handelt, in welche Richtung sie einwirken und wie lange der Körper ihnen ausgesetzt wurde.

Übertragen auf erste Schultage muss man als Hauptvariablen die Dauer der vorangegangenen Ferien, Schüleranzahl, das Schulbesuchsjahr sowie die Außentemperatur in Korrelation zueinander setzen, um eine valide Aussage über den g-Wert des Wiedersehens zu treffen. Nebenfaktoren wie der Gemütszustand der Lehrkraft, erfolgte oder nicht erfolgte vorherige Grundreinigung des Klassenraumes, pünktliche oder unpünktliche Bücherlieferung wirken ebenfalls mit ein, sind aber im Grundschulbereich lediglich zur Normierungsanpassung heranzuziehen. Hier ist die erfahrene Lehrkraft in der Regel größeren Kummer gewöhnt.

Der Schulanfang gleicht einer Achterbahnfahrt, findet Frau Weh. (Foto: Boris23/Wikimedia)

Der Schulanfang gleicht einer Achterbahnfahrt, findet Frau Weh. (Foto: Boris23/Wikimedia)

Ich gebe also

  • 6 Wochen Sommerferien
  • 30 Kinder
  • 3. Schulbesuchsjahr
  • 27,5 ° Celsius um 10.00 Uhr

ein, füge folgende Aspekte dazu

  • fehlendes oder fehlerhaftes Material bei einem Schülerdrittel
  • 5 zu verteilende Elternbriefe, alle dringend
  • ein Sonnenstich
  • eine verschimmelte Brotdose mit pelzigem, grünem Inhalt, drei niesende Kinder und anschließende Stoßlüftung
  • unbekannte Betreuungszeiten

bringe alle diese Nebenfaktoren auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, subtrahiere den vormittäglichen Besuch der Fensterputzer, vernachlässige den Nervenzusammenbruch einer Kollegin, multipliziere das Ergebnis mit 587 mal Frau Weheee!? und komme somit auf einen heutigen g-Wert von …

… Drölfzilliarden.

Willkommen zurück!

Die kleine My ist das digitale Ich von Frau Weh. (Foto: Privat)

Die kleine My ist das digitale Ich von Frau Weh. (Foto: Privat)

Witz, Charme und einen tiefen Blick in die Seele einer Grundschullehrerin erlaubt Frau Weh auf ihrem Blog “Kuschelpädagogik” und auf www.news4teachers.de. Frau Weh heißt im wahren Leben nicht Frau Weh, aber ihre Texte sind häufig so realitätsnah, dass sie lieber unter Pseudonym schreibt.

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Ein Kommentar

  1. Liebe Frau Weh!
    „Tatsächlich gibt es auch in der Grundschule Tage, die sanft plätschernd und kurzweilig an der jeweiligen Lehrkraft vorbeiziehen.

    An denen alles reibungslos und ohne größere Katastrophen läuft.“

    Bitte streichen Sie diese doch im kommenden Schuljahr mal rot im Kalender an oder kennzeichnen Sie diese mit einem Sternchen 🙂

    Ich empfinde den ersten Tag häufig auch als Crash-Kurs,
    fehlende und wechslende Stundenpläne, neue Kinder etc. kommen noch hinzu,
    aber Tage, die sanft dahinplätschern, halte ich auch im Schuljahres-Alltag für sehr selten.

    Wenn mein inklusiv geplanter Tag reibungslos läuft, bin ich schon sehr glücklich,
    aber sanft und kurzweilig?

    Beruhigend ist:
    Nach mehr als 3 Schulwochen, gefühlt 15 Stundenplanänderungen samt Fachwechseln, diversen Konferenzen und neuen KollegInnen in der Klasse, die noch nicht wissen, wie man inklusiv einer besonderen Schülerschaft begegnet, etlichen Stunden in einer auffallend kribbeligen 1.Klasse als Fachklasse sowie besänftigen der neuen „Ramons“ hat man den ersten Schultag schon wieder vergessen.

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