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Reaktionen auf den IQB-Vergleich: Philologen pochen auf das Leistungsprinzip – GEW: Mehr Geld für die Förderung von armen Kindern

BERLIN. Die GEW schlägt vor, mehr Ressourcen für Kinder aus sozial schwachen Familien bereitzustellen. Der Philologenverband sieht ein „gemischtes Ergebnis mit Warnsignalen und Hoffnungszeichen“. Der VBE meint: „Investitionen in die Lehrkräfte, deren Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie das Unterrichten durch Fachkräfte ist Grundvoraussetzung für Bildungserfolg“. Und der Deutsche Lehrerverband empört sich über Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Wie die Lehrerverbände auf den heute veröffentlichten „IQB-Bildungstrend“ reagieren – ein Überblick.

Der IQB-Bundesländervergleich schlägt hohe Wellen. Illu: pixabay

Der IQB-Bundesländervergleich schlägt hohe Wellen. Illu: pixabay

„Zum wiederholten Mal stellt die Studie die enge Kopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft der Schülerinnen und Schüler fest. Leider hat Politik bisher nicht die notwendigen Konsequenzen aus dieser beschämenden Tatsache gezogen. Das muss sich endlich ändern“, sagte Ilka Hoffmann, für Schule verantwortliches GEW-Vorstandsmitglied, am Freitag in Frankfurt am Main. „Wir brauchen ein sozial gerechtes, inklusives Schulsystem!“ Hoffmann bemängelte, dass zu sehr auf die Förderung sogenannter Hochbegabter gesetzt werde.

„Dass Spitzenreiterländer wie Baden-Württemberg schlechtere Ergebnisse als in der Vergangenheit haben, zeigt: Die soziale Schere ist auch in diesen Ländern größer geworden. Kinderarmut ist gewachsen“, betonte das GEW-Vorstandsmitglied. „Die schlechteren Leistungen den neuen integrierten Schulformen wie der Gemeinschaftsschule anzulasten, ist unredlich.“ Der Grund: Die Neuntklässler, die getestet wurden, hätten noch die klassischen Schulformen besucht. Seriöse Aussagen über die neuen Schulformen mit Blick auf die Schülerleistungen könnten erst gemacht werden, wenn ein Jahrgang diese voll durchlaufen hat.

Hoffmann kritisierte allerdings auch die IQB-Studie, da diese ein zu schmales Bild erfasse. „Bildungsqualität lässt sich nicht mit der punktuellen Erfassung des Outputs messen. Entscheidend für die Qualität von Bildung sind beispielsweise der individuelle Lernfortschritt von Kindern und Jugendlichen oder in wie weit das Schulsystem in der Lage ist, insbesondere Kinder und Jugendliche in Risikolagen zu erreichen und zu fördern“, sagte Hoffmann. Gerade mit Blick auf die steigende Zahl geflüchteter Kinder und Jugendlicher in den Schulen und die Umsetzung der Inklusion würden die klassischen Formen des Bildungsmonitorings noch fragwürdiger.

Orthographie „besonders schmerzlich“

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, bezeichnete den Befund als „besonders schmerzlich“, dass die Rechtschreibleistungen der getesteten Schüler deutschlandweit signifikant um neun Punkte schlechter geworden seien. Äußerst besorgniserregend sei der Verfall einer korrekten Rechtschreibung an den Schulen in Baden-Württemberg und NRW. Mit Ausnahme Brandenburgs habe sich kein Land bei den Rechtschreibleistungen signifikant verbessert. „Ich halte es für wichtig, dass hier eine ehrliche Ursachenforschung betrieben wird, insbesondere was falsche Lehrmethoden an Grundschulen, aber auch die systematische Vernachlässigung der Rechtschreibung in neuen Lehrplänen bzw. die unzureichende Leseförderung dazu beigetragen haben!“, betonte Meidinger.

Als besonders negatives Beispiel nannte der Verbandschef das Land Baden-Württemberg, das gegenüber den Leistungswerten von 2009 deutlich Federn lassen musste. „Der signifikante Leistungseinbruch Baden-Württembergs in Deutsch kann kein Zufall sein. Es liegt nahe, hierfür die seit 2009 massiv und überstürzt in Gang gesetzten Schulreformen mitverantwortlich zu machen, in denen nicht die Frage der Leistungsorientierung, sondern einer falsch verstandenen Bildungsgerechtigkeit im Vordergrund stand. Wir wissen aber, dass die Überforderung eines Bildungssystems mit Reformen, die gegen den Willen der Betroffenen durchgeführt werden, Gift für die Leistungsfähigkeit und Effektivität von Schulen ist“, so Meidinger.

Als positiv wertete der Verbandschef, dass sich die Kompetenzwerte der getesteten Schüler im Fach Englisch deutschlandweit signifikant verbessert haben. Hier zahle sich die verbesserte Ausbildung der Englischlehrkräfte an nichtgymnasialen Schularten in einigen Bundesländern aus. Als größtes Ärgernis des IQB-Ländervergleichs bezeichnete es Meidinger, dass es zwischen den Bundesländern so eklatante Leistungsunterschiede gebe, die in den getesteten Bereichen zwischen den besten und schlechtesten Bundesländern mehrere Schuljahre betragen können. Gerade im Bundesland Bremen müsse man Sorge haben, ob nicht der in beiden Testschwerpunkten festgestellte niedrige Leistungsstand der Bremer Schüler eine schwere Hypothek für deren weiteren Lebensweg sein werde.

„Quereinsteiger als Dauerlösung“

„Entscheidend ist, was im Unterricht passiert.“  Auf diese Formel haben die Direktorin des IQB, Petra Stanat, und der Schulsenator Hamburgs, Ties Rabe (SPD), das Fazit aus der IQB-Studie gebracht – und VBE-Chef Udo Beckmann kontert: „Entscheidend ist, was im Vorfeld passiert. Es ist Aufgabe der Politik, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehören unter anderem, bestausgebildete Lehrkräfte in hinreichender Zahl vorausschauend bereitzustellen. Was wir zurzeit erleben, dass die Notlösung der Einstellung von Quereinsteigern zur Dauerlösung wird, ist mehr als kontraproduktiv.“

Gerade für das Bundesland Brandenburg werde illustriert, wie durch Sprachreisen, fachliche Weiterbildung und externe Unterstützung die Qualität des Englischunterrichts gesteigert werden konnte. Der VBE-Bundesvorsitzende sieht sich bestätigt: „Einmal mehr zeigt sich, dass der Bildungserfolg der Kinder von der Qualität des Unterrichtsangebotes abhängt. Das scheint nur auf den ersten Blick selbstverständlich zu sein. Wenn man sich anschaut, wie knapp die Politik das Budget für Fort- und Weiterbildungen hält, ist dieser Zusammenhang wohl noch nicht allen klar.“ Beckmann fordert daher: „Lehrkräfte brauchen eine gute Ausbildung und ein festes Fortbildungskontingent in ihrer Dienstzeit, auf das sie innerhalb eines Schuljahres einen Anspruch haben. Um das zu ermöglichen, müssen nicht nur entsprechende finanzielle Mittel durch den Staat bereitgestellt, sondern auch Entlastungen für die Schule geschaffen werden. Zu oft scheitert die Teilnahme an dem schlechten Gewissen gegenüber der Mehrbelastung des übrigen Kollegiums.“

Ein Befund der Studie war auch, dass sich die genderspezifischen, sozialen und Zuwanderungsdisparitäten kaum verändert haben. Hierzu Beckmann: „Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Dass hier keine Veränderung herbeigeführt werden konnte, muss die Politik zu der Frage führen, warum das so ist.“ Rabe hatte in der Pressekonferenz auf den signifikanten Zusammenhang des Bildungserfolgs mit der Zusammensetzung der Schülerschaft hingewiesen. „Hier besteht Handlungsbedarf. Dieser liegt vor allen Dingen im Feld der Wohnungspolitik. Es dürfen dadurch keine sozialen Brennpunkte produziert werden, sondern Wohnungspolitik muss dazu beitragen, bestehende Probleme zu entschärfen. Dies hat automatisch Auswirkungen auf die Schülerschaft“, erklärt der VBE-Bundesvorsitzende.

Methode „Haltet den Dieb“

Der Deutsche Lehrerverband (DL) warnte die Schulpolitik vor Selbstzufriedenheit im Zusammenhang mit der jüngsten Schulleistungsstudie. Gute Landesergebnisse bedeuteten nicht, so DL-Präsident Josef Kraus, dass alles in Ordnung sei. Schließlich seien die standardisierten Vorgaben, an denen die Tests ausgerichtet seien, nicht in allen Bereichen besonders anspruchsvoll.

Vor allem den schwach abschneidenden deutschen Ländern rät Kraus, sich ab sofort nach der Decke zu strecken. Da es immer die gleichen Länder seien, die hinten lägen, hätten diese Länder seit zwei kompletten Schülerjahrgängen genügend Zeit gehabt, endlich Konsequenzen zu ziehen. Denn die Ergebnisse des Jahres 2016 sleien weitgehend identisch mit den Rangreihen, die man bereits mit PISA 2000 gehabt habe.

Empört reagierte Kraus auf eine Aussage der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD): Diese hatte als Konsequenz auf das schlechte Ergebnis Berlins unter anderem gefordert, dass die Lehrkräfte „die notwendigen Schlussfolgerungen für die Förderung des einzelnen Kindes ableiten und den Unterricht danach ausrichten“ müssten. Kraus dazu wörtlich: „Was die Senatorin hier betriebt, ist die Methode ‚Haltet den Dieb.‘ Wenn die Politik ein Schulsystem – wie Berlin dies seit Jahren tut – an die Wand fährt, sollte sie nicht plump davon ablenken und die Lehrerschaft dafür verantwortlich machen. Es ist schließlich Berlin, das nicht für genügend Lehrkräfte gesorgt hat und das die schulischen Leistungsansprüche bei einer gleichzeitigen Inflation an Zeugnissen mit Bestnoten heruntergefahren hat.“ Agentur für Bildungsjournalismus

Zum Bericht: IQB-Studie: 15-Jährige sind besser in Englisch und Rechtschreibung als erwartet – vor allem in Schleswig-Holstein

 

 

10 Kommentare

  1. Bernhard Färber

    Das vom Philologenverband beklagte Absinken der Ortographieleistungen um bundesweit 9 Punkte bezieht sich
    auf die getesteten Gymnasialschüler, bei der Gesamtpopulation stagnieren sie eher bzw. steigen sogar leicht.

    • Kann das damit zusammenhängen, dass in vielen Bundesländern die Gymnasien wegen Aufhebung einer Übertrittsnote die Schülerschaft bunter gemischt ist, aber die Lehrpläne daran evtl. noch nicht angepasst wurden? Z.B. durch intensiveres Rechtschreibtraining, wie man es in den Hauptschulen macht?

      • Nach dem Selbstverständnis der Gymnasien ist deren Unterricht auf Kinder ausgerichtet, die die Grundschule erfolgreich durchlaufen haben, also lesen, schreiben und rechnen können. Die Freigabe des Elternwillens sorgt allerdings dafür, dass dies immer weniger stimmt.

        • Damit würden sich die GY aber selbst abschaffen. Die Lese-, Schreib- und Rechenkenntnisse von Grundschülern sind dergestallt, dass allenfalls 20% eine Gymnasialempfehlung erhalten dürften.

          • nähme man weitere 15% eingeschränkte Gymnasiasten, wäre man beim bayerischen Drittel …

          • Nee, dafür müssen dann noch knapp 15% auf Förderschulen und der Rest auf Mittelschulen, die eigentlich kooperative Gesamtschulen (KGS)/ Gemeinschaftsschulen sind – aber natürlich in BY nicht so heißen dürfen.

            Ich glaub fast, dass wir dann bis auf den hohen Anteil an Förderschülern vergleichbare Verhältnisse in SH und BY hätten, oder?

          • Damit wären wir wieder bei der Frage, was ist heute anders als 1980? Und: gäbe es eine Möglichkeit, wieder auf den Stand von vor 2000 zu kommen?

      • „Kann das damit zusammenhängen, dass in vielen Bundesländern die Gymnasien wegen Aufhebung einer Übertrittsnote die Schülerschaft bunter gemischt ist, aber die Lehrpläne daran evtl. noch nicht angepasst wurden?“

        Es gibt nur sehr wenige Länder, in denen es überhaupt eine Übertrittsnote gab. In den meisten Bundesländern gibt es schon sehr lange den freien Elternwillen.

        Allerdings haben viele Bundesländern in den letzten 10 Jahren ihre Lehrpläne geändert und auf Kompetenzen umgestellt … und auch viele andere Reformen beschlossen und die Schulen in die Aufgabe der Umsetzung geschickt – mehr oder weniger begleitet und unterstützt.
        Das, was du aus BY erzählst, dass es sinnvolle Vorbereitung und Fortbildungen dazu vorab oder im ersten Jahr gibt, können andere Bundesländer nicht vorweisen. Das, was man da auf dem Bildungsserver an Unterstützung gibt, findet man in anderen Ländern nicht.
        Gleiches gilt für Inklusion (und Migration auch), wo Förderschulen aufgehoben werden ohne dass Lehrkräfte flächendeckend und umfassend Fortbildungen über das Wie? und Wann? und über Wege des Gelingens erhalten. Auch sind Aufgaben und Vorgaben nicht immer eindeutig.

        Neben der Arbeit am Kind, die mehr Vorbereitung benötigt, frisst das Wege-Suchen, das rechtliche Absichern, das Herausfinden von Möglichkeiten und das ständige Anpassen an monatliche Neuerungen und Nachbesserungen unendlich viel Zeit.

    • Nicht nur bei den Kindern – „Orthographie“ ist auch für Erwachsene nicht einfach.

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