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Digitale Lernmedien auch schon in der Kita? Expertin sieht darin „eine pädagogische Chance“

MÜNCHEN. Wann sollten Kinder mit digitalen (Lern-)Medien konfrontiert werden? Während in der Sekundarstufe I eine recht große Offenheit von Eltern und Lehrkräften gegenüber dem Einsatz von Computern im Unterricht herrscht, sieht es in der Grundschule schon anders aus – hier fragen sich viele: Sind Bildschirme fürs Lernen wirklich notwendig? Umso größer dürften die Vorbehalte gegen digitale Lernmittel in der Kita sein. Der Argwohn ist aber unbegründet – meint jedenfalls Eva Reichert-Garschhammer, stellvertretende Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Bei einem pädagogisch durchdachten Einsatz erweitern digitale Medien die pädagogischen Gestaltungsmöglichkeiten auch schon bei den Kleinen, sagt sie im Interview. Ihre Thesen wird sie auf der Bildungsmesse „didacta“ in Stuttgart vorstellen.

Hier geht’s zum „Teacher’s Guide“ von News4teachers zur „didacta“.

Gibt es ein "zu klein" bei der Nutzung digitaler Medien - oder sind die Vorbehalte unbegründet? Foto: Wayan Vota / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Gibt es ein „zu klein“ bei der Nutzung digitaler Medien – oder sind die Vorbehalte unbegründet? Foto: Wayan Vota / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Frau Reichert-Garschhammer, wann und wie macht der Einsatz digitaler Medien in der Kita Sinn?

Reichert-Garschhammer: Kinder wachsen heute bereits zuhause in eine digitalisierte Lebenswelt hinein. Die intuitiv bedienbare Oberfläche von Tablet und Smartphone macht es für sie leicht, die digitale Welt zu erobern. Ihre Medienerlebnisse und -themen bringen Kinder dann auch im Kita-Alltag aktiv in ihre Spiele, Erzählungen und künstlerischen Werke ein. Diese Situation gilt es als pädagogische Chance zu verstehen, die das Kind mit seinen Bedürfnissen, Interessen und Kompetenzen ins Zentrum stellt. Beim sinnvollen Einsatz digitaler Medien in der Kita geht es keinesfalls um ein Mehr an Medienkonsum. Es geht darum, dass die Kinder digitale Medien als vielseitig verwendbare Informations-, Kommunikations-, Gestaltungs- und Lernmittel neben anderen kennen und kompetent nutzen lernen.

Geräte wie Digitalkamera, Tonaufnahmegerät, Tablet und Beamer sowie Kindersuchmaschinen und Apps für Kinder können in der Kita sinnvoll genutzt werden. Bei einem pädagogisch durchdachten Einsatz erweitern digitale Medien, vor allem Tablets mit ihrer mobilen Multifunktionalität und einfachen Handhabung, die pädagogischen Gestaltungsmöglichkeiten, schaffen neue interaktive Spiel- und Lernformen, erleichtern es, mit Kindern eigene Medienprodukte herzustellen und Bildungsprozesse zu dokumentieren. Wesentlich ist, dass die Eltern als wichtigster Bildungspartner aktiv einbezogen werden und die Mediennutzung von Fachkräften pädagogisch begleitet wird. Die direkte Interaktion mit den Kindern muss im Mittelpunkt stehen.

Eva Reichert-Garschhammer, stellvertretende Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Foto: didacta / Messe Stuttgart

Eva Reichert-Garschhammer, stellvertretende Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Foto: didacta / Messe Stuttgart

Sehen Sie auch Grenzen für den Umgang mit digitalen Medien in der Kita?

Reichert-Garschhammer: Die Nutzung digitaler Medien versteht sich als ein ergänzendes Angebot mit Mehrwert, das andere Elemente im Kita-Alltag nicht verdrängt. Die eigentlichen Grenzen bestehen derzeit darin, dass Medienbildung in der Kitapraxis trotz ihrer Verankerung in den Bildungsplänen bislang keinen hohen Stellenwert einnimmt. Bei der digitalen Bildung in der Kita besteht ein sehr hoher Forschungs- und konzeptioneller Entwicklungsbedarf. Der pädagogisch verantwortete und kreative Einsatz von Tablets im Kitalltag ist für die meisten pädagogischen Fachkräfte Neuland, so dass nicht nur in die Ausstattung mit technischen Endgeräten, sondern vor allem auch die entsprechende Qualifizierung und Unterstützung des pädagogischen Personals eine weitere zu bewältigende bildungspolitische Herausforderung ist.

Ist Medienkompetenz inzwischen schon eine Art Bildungsziel der Kita?

Reichert-Garschhammer: Politisch ist das schon länger so gewollt: 2004 entschieden die Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) und die Kultusministerkonferenz (KMK), dass nicht nur Medien-, sondern auch informationstechnische Bildung zu den Aufgaben früher Bildung in Kitas zählt. In den meisten Ländern wurde dieses Bildungsziel daher auch im Bildungsplan verankert. Digitale Bildung in der Kita entwickelt Medienbildung weiter. Sie zielt darauf ab, es Kindern entwicklungsangemessen zu ermöglichen, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden – und allen Kindern diese Chance zu eröffnen.

Der in der KMK-Strategie vom 8. Dezember 2016 enthaltene Rahmen „Kompetenzen in der digitalen Welt“ geht davon aus, dass der kompetente Umgang mit digitalen Medien neben Lesen, Schreiben und Rechnen eine vierte Kulturtechnik darstellt und für eine gleichberechtige gesellschaftliche Teilhabe unverzichtbar geworden ist. Der Kompetenzrahmen umfasst sechs ineinander greifende Kompetenzbereiche, die aus Sicht der Fachwelt auch für die frühkindliche Bildung bedeutsam sind: Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren, Kommunizieren und Kooperieren, Produzieren und Präsentieren, Schützen und Sicher Agieren, Problemlösen und Handeln, Analysieren und Reflektieren. Kinder entwickeln diese digitalen Kompetenzen am besten über eigene Erfahrungen mit digitalen Medien. In der Kita sind sie ein Werkzeug im Bildungsprozess. Dort bieten sich viele Gelegenheiten, digitale Medien als nützliches Recherche-, Problemlöse- und Dokumentationsinstrument kreativ zu nutzen. Digitale Medien sind vor allem auch Werkzeuge, mit deren Hilfe man etwas gestalten, erstellen, erzeugen kann, so z.B. auch Bilderbücher, Hörspiele oder Kurzfilme, in denen Kinder ihre eigene Ideen und Geschichten zum Ausdruck bringen.

Wie sensibilisiert man Kinder auch für die Grenzen und Gefahren digitaler Medien?

Reichert-Garschhammer: Die bewusste und aktive Nutzung ermöglicht es, mit Kindern über digitale Medien, deren Bedeutung, Einsatzmöglichkeiten, Inhalte und Wirkungen ins Gespräch zu kommen. Aber auch die Wichtigkeit, diese Geräte wieder auszuschalten, um ausreichend Zeit für Bewegung und andere Spielmöglichkeiten zu haben, ist dabei anzusprechen. Beim gemeinsamen Spielen und Forschen mit Tablets findet ein reger inhaltlicher Austausch der Kinder untereinander und mit der Fachkraft statt. Kinder lernen Medieninhalte zu beurteilen, wenn sie beispielsweise an deren Auswahl beteiligt und Vergleiche angestellt werden oder in der Kita das Ritual eingeführt wird, mit den Kindern Bilderbuch-Apps zu bewerten und die Beste als „App des Monats“ allen Familien mittels Kitaaushang zu empfehlen.

Bereits junge Kinder sind darin zu unterstützen, zu lernen, im Netz drohende Gefahren zu erkennen. Die österreichische Handreichung „Safer Internet im Kindergarten“ gibt erste Tipps: Die aktive Mediennutzung in der Kita bietet viele Anknüpfungspunkte, mit Kindern Gespräche über Sicherheitsthemen im Internet zu führen, wie sie Hilfe holen, mit Gefühlen umgehen, eigene Grenzen einschätzen, mit eigenen Passwörtern umgehen sowie das Recht am eigenen Bild oder das Urheberrecht kennenlernen. Sie ermöglicht auch, mit Kindern Regeln über die Mediennutzung aufzustellen und sie in ihrem Bewusstsein zu stärken, was gute und schlechte Medieninhalte sind. Durch solche Herangehensweisen legt frühe Bildung den Grundstein für eine sichere und verantwortungsvolle Internetnutzung. Dann entwickeln bereits junge Kinder Kompetenzen, die für sie später in problematischen Situationen im Netz hilfreich sind. Bevor jedoch Tablets in Kinderhand gegeben werden, sind die von Fachleuten empfohlenen Sicherheitsvorkehrungen und eine Vorauswahl geeigneter Medieninhalte zu treffen.

Hier geht’s zum „Teacher’s Guide“ von News4teachers zur „didacta“.

Über die Chancen und Grenzen von Kita 4.0 spricht Eva Reichert-Garschhammer auch auf der didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Frühe Bildung
Aktionstag: Digitale Medien in der Kita
Vortrag: Kita 4.0 – Chancen der Digitalisierung im frühen Bildungssystem
Eva Reichert-Garschhammer, Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP)
17. Februar 2017
10:45 – 12:00 Uhr
ICS, Raum C7
Veranstalter: Didacta Verband mit dem Verband Katholischer Tageseinrichtungen für Kinder (KTK) – Bundesverband e.V. und der Bundesvereinigung Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder (BETA)
Bitte melden Sie sich unter www.didacta.de an.

Weitere Veranstaltungen zum Thema

Kita-Seminare
Chancen und Risiken der Sprachförderung und digitale Medien
Antje Bostelmann, Klax-Gruppe
15. Februar 2017
13:00 – 14:30 Uhr
ICS, Raum C5.1.2
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Bitte melden Sie sich unter www.didacta.de an.

 

Forum didacta aktuell
Gutes Aufwachsen mit Medien: Kinderkultur im Netz – Zwischen Bildungsanspruch und digitalem Gedaddel
Darüber diskutieren:
•Adrian Liebig, Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“
•Jutta Croll, Stiftung Digitale Chancen
•Helga Kleinen, Seitenstark e.V.
•Prof. Dr. Friederike Siller, Technische Hochschule Köln

14. Februar                                                                                                         14.00 – 14.45 Uhr
Veranstalter: Initiativbüro „Gutes Aufwachsen mit Medien“

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta finden Sie unter www.didacta-stuttgart.de/programm.

13 Kommentare

  1. Bei diesen Ausführungen habe ich eher das Gefühl, dass von kleinen Erwachsenen gesprochen wird. Es wird von Dingen gesprochen, wo ich mir überlege, ob das wirklich kleine Kinder leisten können, da hätten auch Grundschüler ihre Schwierigkeiten. Frau Reichert – Garschhammer ist studierte Juristin. Ich frage mich so ganz allgemein, ob genug Praxiserfahrung und -bezug da ist oder ob diese Aussagen eher auf einem gewissen Wunschdenken beruhen.

  2. Yeah. Kinder, die zuhause mit dem Tablet ruhig gestellt werden, können das auch in der Kita. Bewegung, soziale Kontakte und teilen lernen sind ja egal.

    Ach ja: Wer bezahlt und wartet eigentlich die Infrastruktur?

    • Wer bezahlt die Infrastruktur? der Förderverein, der Lions‘ club, der Bund, der Träger …
      Wartung? das muss sich um ein Missverständnis handeln. Moderne digitale Medien wartet man nicht, man kauft neue Geräte. ein naiver Spinner, wer das für unökologisch hält.

      • Irrtum, mein Lieber, die Infrastruktur bezahlt zunächst immer der Träger, in der Regel die Kommune. Selbstverständlich wird gewartet und aktualisiert bis es nicht mehr geht. Wer das dann macht, wissen wir ja. Und wenn er Glück hat, hilft die entsprechende Abteilung der Zuständigen mit.

  3. Die nächsten Angriffe auf die Fähigkeiten der Lehrer und auf das Schulsystem sind vorprogrammiert.

  4. axel von Lintig

    Da vermitteln uns die Ergebnisse der Hirnforschung ein ganz anderes Bild. Die Verdummung der Gesellschaft schreitet unaufhaltsam vorran.
    Eigentlich sollten die Kinder im manuellen Bereich, wie zum Beispiel dem Umgang mit Buntstiften,Kreide, mit Knete,Sand,Wasser, Bauklötzen, Sprachspielen, der Motorik (Klettern,Rutschen,Laufrad, Kettca,Roller Seilspringen,Laufen, Hüpfen,Schwimmen etc) gefördert werden.
    Dieser ganze digitale Mist gehört nicht in Kinderzimmer. Meine Kinder schauen auch nur maximal eine Stunde Fernseh, und dann bin ich dabei (Kikakanal +Logo-Sendung)
    Die haben auch kein Telefon in der Schule dabei und erst recht im Kindedrgarten nicht.

    • yep, „die Verdummung der Gesellschaft schreitet voran!“ Genau so ist es! Eine gesunde Entwicklung der Kinder wird systematisch behindert. Schauen wir uns die Generation, der seit den 90ern Geborenen an. Aufgewachsen mit diesen, ach so segensreichen, Multimedien. Ein Leben ohne IPhone? Unvorstellbar! Haben wir deshalb soviele singles? Und, wie hält sie Einzug in unser aller Leben, die Digitalisierung? Es gleicht einer Entmündigung. der Kühlschrank bestellt selbstständig fehlende Nahrungsmittel. Es wird, dank GPS eigenständig gemäht und gesaugt. Der Bediener sitzt auf dem Sofa und … wartet auf den nächsten Stromausfall?

  5. Zitat:
    „Bei einem pädagogisch durchdachten Einsatz erweitern digitale Medien die pädagogischen Gestaltungsmöglichkeiten auch schon bei den Kleinen, sagt sie im Interview. “

    Aber niemand dieser „Computer- und Bildungsexperten“ sieht sich genötigt ein solches Konzept zu erstellen und dieses wissenschaftlich untersuchen zu lassen.
    Wenn solche Versuche dann scheitern heißt es nur: Das Konzept war halt schlecht.
    Lachhaft.

    • Zitat:
      „Ihre Thesen wird sie auf der Bildungsmesse „didacta“ in Stuttgart vorstellen.“

      Thesen, also nicht überprüfte Behauptungen.

    • Zitat:
      „Die bewusste und aktive Nutzung ermöglicht es, mit Kindern über digitale Medien, deren Bedeutung, Einsatzmöglichkeiten, Inhalte und Wirkungen ins Gespräch zu kommen.“

      Natürlich reflektieren dann Kinder in der Kita ihre eigene Nutzung.

    • Hört endlich auf, Kinder wie kleine Erwachsene zu behandeln. Behandelt Kinder als das was sie sind, nämlich Kinder.

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