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Paukenschlag: Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth tritt zurück – und verlässt sogar ihr Bundesland

DRESDEN. Zweiter Rücktritt von der Spitze eines Bildungsministeriums in Ostdeutschland binnen weniger Tage: Nachdem am Dienstag Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD) aus “persönlichen Gründen” plötzlich zurückgetreten war, überrascht nun Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) mit einem ähnlichen Paukenschlag: Auch sie will sich ins Private zurückziehen – und verlässt dafür sogar das Bundesland. Der Sächsische Lehrerverband würdigt die Arbeit der früheren Lehrerin und Schulleiterin – und meint, dass der Rücktritt keines der anstehenden Probleme löst.

Lockt Gymnasiallehrer - mit einem Verspechen: Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth. (Foto: Sächsisches Kutlusministerium)

Ich bin dann mal weg: Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth. (Foto: Sächsisches Kutlusministerium)

Mit Brunhild Kurth holte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) 2012 eine leidenschaftliche Praktikerin für das Kultusressort ins Kabinett. Mit Enthusiasmus wechselte die ehemalige Lehrerin für Biologie und Chemie aus der Schulverwaltung ins höchste Amt in Sachen Bildung im Freistaat. Nach fünfeinhalb Jahren nimmt sie nun «aus persönlichen Gründen» ihren Hut – und verlässt Sachsen. «Meine Zeit soll jetzt der Familie gehören», sagt die 63-Jährige, die seit Jahren wegen des Lehrermangels öffentlich in der Kritik stand. Anfang des Jahres entschuldigte sie sich sogar für die Personalsituation an den Schulen – ohne dass sie daran Schuld hätte: Als sie 2012 ins Amt kam, war der Zug nach Ansicht von Bildungsexperten schon längst abgefahren. Kurth zufolge lagen die Studienanfängerzahlen beim Lehramt von 2007 bis 2011 bei 1000 bis 1200 pro Jahr. «Überhaupt nicht ausreichend», gestand sie nun.

Spätstarter-Karriere

Mit dem Rücktritt der freundlichen, stets etwas mütterlich wirkenden Frau endet eine erstaunliche politische Spätstarter-Karriere. Die aus Burgstädt (Mittelsachsen) stammende Mutter und Großmutter machte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ihr Diplom und war ab 1976 als Lehrerin tätig. 1990 wurde sie Rektorin des Gymnasiums ihrer Heimatstadt, ab 2001 war sie Referatsleiterin im Kultusministerium, 2004 bis 2007 Direktorin des Regionalschulamtes Zwickau.

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Nach vier Jahren als Chefin der Sächsischen Bildungsagentur übernahm sie deren Regionalstelle Chemnitz als Direktorin. Im März 2012 wurde die Bildungsföderalistin Ministerin, 2015 dann Präsidentin der Kultusministerkonferenz und damit des obersten Gremiums für Bildungspolitik der Länder. Kurth, die vom Lehrerberuf als dem «wunderbarsten der Welt» spricht, musste dabei zunehmend die Fehlentscheidungen sächsischer Bildungspolitik ausbaden.

Als die Koalition 2015 von schwarz-gelb zu schwarz-rot wechselte, behielt sie aber ihren Platz am Kabinettstisch. Nach eigenen Angaben hat sie Tillich damals erklärt, nicht bis zum Ende der Legislatur zu bleiben. Unterrichtsausfälle, zu große Klassen, zu wenig Lehrer, das Seiteneinsteigerprogramm – der Druck auf das Kultusministerium und Kurth wuchs, zuletzt auch in den eigenen Reihen. CDU-Politiker in der Region lehnten sich öffentlich gegen Pläne, die Regionalschulämter zu reduzieren und dafür ein Landesamt mit drei Standorten zu schaffen.

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Lehrerabbau gestoppt, keine haushalterische Grenzen mehr für Einstellungen, ein Gesetz für die freien Schulen und ein modernes Schulgesetz für die öffentlichen Schulen – in ihrer Ära aber sind grundlegende Weichen gestellt worden. «Die versprechen, dass es in zwei, drei Jahren ruhiger wird», resümiert Kurth, die Sachsen nun verlässt. Sie will sie sich künftig um ihre hochbetagten Eltern kümmern und mehr Zeit mit der Enkelin verbringen. «Im Herbst zieht die Familie Kurth komplett nach Baden-Württemberg.» N4t/ mit Material der dpa

 

SLV: 'Ministerin tritt zurück, die Probleme bleiben!'

DRESDEN. Nach dem Rücktritt von Kultusministerin Brunhild Kurth werden die Probleme im Schulbereich des Freistaates Sachsen nicht weniger, so meint der Sächsische Lehrerverband (SLV) in einer Pressemitteilung. “Im Gegenteil – sie verschärfen sich täglich.” Das Schuljahr habe mit erhöhtem Unterrichtsausfall begonnen, weil es keine Reserven mehr gebe und die hohe Zahl von rund 720 Seiteneinsteigern zunächst ihre dreimonatige Einstiegsqualifizierung absolviere. Aufgrund der Standortnachteile bei den Arbeitsbedingungen von Lehrkräften könne Sachsen im Wettbewerb nicht mithalten, das Resultat sei die bundesweit höchste Seiteneinsteigerquote bei Neueinstellungen (Einstellungsverfahren zum 1.8.2017: 52 Prozent). In der universitären Lehrerausbildung seien nach wie vor eklatante Fehlentwicklungen zu verzeichnen, wodurch es auch noch in mindestens acht Jahren einen Mangel an ausgebildetem Lehrernachwuchs geben wird.

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Als Staatsministerin Brunhild Kurth 2012 ihren zurückgetretenen Amtsvorgänger Prof. Roland Wöller ablöste, war es bereits zu spät, dem drohenden Lehrermangel zu begegnen, denn eine Lehrerausbildung dauert mindestens sieben Jahre”, heißt es. Der SLV habe bereits im Frühjahr 2010 offengelegt, dass die Zahl der notwendigen Einstellungen pro Jahr deutlich die Zahl der zu erwartenden Absolventen der sächsischen Universitäten übersteigen werde und habe seitdem Einstellungen zur Vorsorge gefordert. “Diese notwendige Demografievorsorge passte nicht ins Sparkonzept des Freistaates, weil es Pläne des Finanzministeriums gab, die Zahl der Lehrerstellen bis 2020 von 27.595 auf 23.500 (!) zu reduzieren (der aktuelle Haushaltsplan sieht 30.188 Stellen und „Vollzeitäquivalente“ ab dem Schuljahr 2017/2018 vor)”, so heißt es.

In ihren ersten Jahren als Kultusministerin habe Kurth um zusätzliche Lehrerstellen gekämpft, um so viele Absolventen wie möglich einstellen zu können. Das konnte aber nicht genügen, um dem prognostiziertem Lehrermangel ab 2014 zu begegnen. Im Zuge der Verhandlungen des Jahres 2016 habe ihr Ziel darin bestanden, den Lehrerberuf in Sachsen generell aufzuwerten. Dazu zählte sie laut SLV  auch die Verbeamtung, konnte sich damit jedoch innerhalb der Staatsregierung nicht durchsetzen. Auf dem Chemnitzer Lehrertag am vergangenen Wochenende forderte sie noch: „Wir brauchen beim Netto-Einkommen einen Gleichstand mit anderen Bundesländern.“

„Kultusministerin Brunhild Kurth wollte den Lehrerberuf in Sachsen generell aufwerten, das ist ihr nicht gelungen, denn zu groß waren die Widerstände“, konstatiert SLV-Vorsitzender Jens Weichelt. „Es wäre zu einfach, der Kultusministerin die alleinige Verantwortung für den Lehrermangel in Sachsen zuzuschieben. Bedeutsame Fehlentwicklungen wurden bereits vor ihrer Amtszeit eingeleitet. Selbst nach der Verabschiedung des Maßnahmenpakets der Staatsregierung am 26.10.2016 musste sie noch bis weit ins Jahr 2017 mit dem Finanzminister um viele Modalitäten der Umsetzung ‚verhandeln‘! Als Kultusministerin hat sie auch zu wenig Einfluss auf die Lehrerausbildung an den sächsischen Universitäten. Wenn im Wissenschaftsministerium nicht endlich auf die Schieflage in der Lehrerausbildung reagiert wird, bleibt der Lehrermangel noch mindestens zehn Jahre akut.“

Über 90 Prozent der sächsischen Lehrerinnen und Lehrer hätten das Maßnahmenpaket der Staatsregierung des Jahres 2016 nicht als generelle Aufwertung des Lehrerberufs im Freistaat empfungen. Weichelt: „Eine Lehrergeneration, die mit jahrelanger unfreiwilliger Teilzeit Einkommensverluste und Rentenminderungen verkraften musste, erwartet endlich eine gebührende Wertschätzung.“ Der Landesvorsitzende fordert: „Der Lehrerberuf in Sachsen muss endlich aufgewertet werden. Unterschiede beim Nettoeinkommen von mehreren Hundert Euro sind den sächsischen Lehrerinnen und Lehrern nicht mehr vermittelbar. Künftige Maßnahmen müssen außerdem Höhergruppierungsmöglichkeiten in allen Schularten, eine verbesserte Eingruppierung der Grundschullehrer und Arbeitserleichterungen als Ausgleich zu den eklatant gestiegenen Herausforderungen beinhalten.“

 

 

 

Ein Kommentar

  1. Manchmal gibt es tatsächlich persönliche Gründe, das muss man einfach akzeptieren.

    ZITAT: “Lehrerabbau gestoppt, keine haushalterische Grenzen mehr für Einstellungen, ein Gesetz für die freien Schulen und ein modernes Schulgesetz für die öffentlichen Schulen – in ihrer Ära aber sind grundlegende Weichen gestellt worden.”

    Klingt gut. Ich erinnere mich vor allem daran, dass es in Sachsen gelang, das Stundensoll für die Lehrer zu senken. Was ja angeblich nicht so einfach geht.

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