Mit Peilsender in die Schule: “Schutzranzen-App” sorgt für Ärger

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GRÜNWALD. Ein GPS-Sender im Ranzen soll Kinder auf dem Schulweg schützen. Doch noch vorm ersten Test in Ludwigsburg steht das Projekt «Schutzranzen» in der Kritik. Geht es den Machern in Wahrheit um die Daten? Und wollen die Eltern ihre Kinder damit schützen – oder überwachen? Auch der VBE sieht das Projekt kritisch.

Diese Modelle kennen die Stundenpläne ihrer Träger noch nicht. Foto: ora international /Flickr (CC BY-SA 2.0)
Diese Modelle kennen die Positionsdaten ihrer Träger noch nicht. Foto: ora international /Flickr (CC BY-SA 2.0)

Bevor Walter Hildebrandt von den Vorzügen seiner Erfindung schwärmt, erzählt er erstmal eine Geschichte. Sie handelt von seinem Sohn und davon, wie schwer es ihm fiel, den Jungen früher alleine zur Schule gehen zu lassen. Die gelbe Warnweste, die er eigentlich tragen sollte, um besser gesehen zu werden, zog er bald nicht mehr an. Jeden Tag zur Schule fahren wollte ihn Hildebrandt auch nicht. «Aber Kinder mögen Digitales, so kam ich auf die Idee.»

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Hildebrandt hat nach einer Möglichkeit gesucht, Kinder im Straßenverkehr besser zu schützen. Das klingt zunächst nach einer guten Sache. Eigentlich. Und doch hagelt es Kritik – an einer Schutzranzen-App seines Unternehmens Coodriver mit Sitz in Grünwald bei München. Datenschützer warnen vor einer totalen Überwachung.

Es funktioniert so: Eine App auf dem Smartphone oder ein kleiner GPS-Sender im Ranzen erfassen die Position des Kindes. Kommt ein Autofahrer ihm gefährlich nahe, erhält er eine Warnung über sein eigenes Telefon, visuell und akustisch: «Achtung Kinder» oder auch «Achtung Schule», wenn er in die Nähe eines Schulgebäudes fährt. Telefoniert der Fahrer über eine Freisprecheinrichtung, wird das Gespräch mit der Ansage unterbrochen. So sollen Unfälle vermieden werden, etwa wenn Schüler von parkenden Autos verdeckt werden.

Das setzt allerdings voraus, dass sowohl Kind als auch Fahrer die Anwendung installiert haben. Für Eltern bietet sich noch eine weitere Funktion: Sie können feststellen, wo sich ihr Nachwuchs aufhält.

Klärungs- und Kommunikationsbedarf

Für einen Test hat das Unternehmen die Stadt Ludwigsburg in Baden-Württemberg gewonnen. «Wir wollen zusammen mit den Eltern als erste Stadt in Deutschland eine flächendeckende Verbreitung der Schutzranzen-App erreichen», erklärte Oberbürgermeister Werner Spec im vergangenen Jahr. Momentan informiert die Stadt Schulen und Elternbeiräte über das Projekt. Einen Starttermin gibt es nicht.

Auch im niedersächsischen Wolfsburg wollte man den Praxistest machen, doch inzwischen ist die Stadt zurückgerudert. Es gebe noch Klärungs- und Kommunikationsbedarf. Volkswagen hatte 2016 ebenfalls Interesse bekundet und eine Partnerschaft mit Coodriver unterzeichnet. Die Anwendung sollte in das Anzeige- und Bedienkonzept neuer Modelle integriert werden. Nach Auskunft des Konzerns wird das Projekt jedoch bereits seit dem vergangenen Jahr nicht mehr weiterverfolgt.

Kritik kommt auch von der niedersächsischen Datenschutzbeauftragten Barbara Thiel. «Wenn Eltern jederzeit per Knopfdruck die Position ihrer Kinder erfahren können, stellt das eine Totalüberwachung dar», sagte sie. «Die Aussage, dass die Positionsdaten der Kinder nur anonym in die Cloud übermittelt werden, ist zumindest zweifelhaft.»

Auch der Verband Bildung und Erziehung hat wenig für das Projekt übrig. «Ich warne mit Nachdruck davor, sich trügerischen Sicherheiten im Tausch von Daten hinzugeben», sagt der Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Es sei nicht Aufgabe der Eltern, stets zu wissen, wo ihr Kind sei, sondern sie fit für den Straßenverkehr zu machen.

Noch deutlicher wird der Bielefelder Verein Digitalcourage, der auf seinem Blog von einer neuen Stufe der Kinderüberwachung schreibt. «Wenn man das zu Ende denkt, müsste man jeden Fahrer, jedes Kind mit der App ausstatten, das ist utopisch», sagt eine Sprecherin. Zudem beklagen die Datenschützer mangelnde Transparenz – Daten gingen über die Server etwa an Google, Amazon und Microsoft.

«Wir wollen keine Daten verkaufen und speichern sie auch nicht», wehrt sich Hildebrandt. Alles werde verschlüsselt. Um sich zu registrieren, genüge ein Pseudonym. «Kein Autofahrer bekommt die exakte Position eines Kindes.» Die App zeige lediglich Sektionen mit einem Radius von 150 Metern an, in der sich Kinder aufhielten. Für ein gutes Ergebnis brauche auch nicht jeder den digitalen Schutz – eine Abdeckung von 30 Prozent genüge.

Auch auf die Überwachungs-Vorwürfe hat Hildebrandt eine Antwort. Denn zumindest über die App können Eltern die Kinder nicht automatisch lokalisieren. «Das Kind muss die Funktion selbst freischalten und kann sie auch jederzeit wieder deaktivieren.»

Ludwigsburg hält weiter an der Partnerschaft fest. Aber auch hier ist die Kritik angekommen. Datenschutz und -sicherheit hätten höchste Priorität, heißt es in einer Stellungnahme. Die Stadt will nun Datenschützer, Polizei, ADAC, Schulen und Eltern an einen Tisch holen, um über die Bedenken zu diskutieren. Von Christine Frischke, dpa

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5 KOMMENTARE

  1. Logisch zu Ende gedacht, wenn alle Autofahrer und alle Kinder die App hätten, müsste keiner mehr aufpassen, weil ja die App alle warnt. Das ist biologische Realität: was man nicht braucht, wird abgebaut. Und wenn etwas schief geht (Funkloch o.ä.), kann man den Anbieter verklagen und kriegt Geld für das geschädigte Kind.

  2. und die Schule gewinnt Zeit, weil all die vielen Belehrungen über sicheren Schulweg wegfallen .. Zeit für mehr Digitalisierung … jetzt drifte ich endgültig in schwarzen Humor ab.

  3. Dritter Vorteil: Väter, Mütter und ältere Geschwister müssen nicht mehr den langweiligen Weg mit dem Grundschulkind hin zur Schule gehen. Das stärkt doch den Wirtschaftsstandort Deutschland, oder?

  4. Sie sehen die fantastichen Vorteile dieser App noch gar nicht in ihrer ganzen Fülle. Es müssen doch nicht nur Kinder sein, die einen Peilsender tragen!
    Nach einer gewissen Zeit der Freiwilligkeit könnte es auch ein Muss geben wegen der vielen fortschrittsfeindlichen Leute, die an allem rummäkeln, was sie nicht aus ihrer guten alten Zeit kennen.

  5. In Verbindung mit einem schmerzhaften Stromschlag könnte man mit diesem Peilsender auch die Gefängnisse abschaffen und das teure Personal entlassen. Sobald die verurteilten Straftäter den Raum verlassen, in dem sie sich dauerhaft aufzuhalten haben, gibt es einen Stromschlag. Angewandte operante Konditionierung.

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