Krankheitswelle rollt über Deutschlands Schulen – GEW: “Wir haben ein Hygiene-Problem”

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FRANKFURT/MAIN. Eine Welle mit Magen-Darm- und Erkältungsinfekten rollt derzeit über Deutschlands Kindergärten und Schulen. Die Wartezimmer der Kinderärzte sind voll, Lehrerzimmer und Kitas leerer als sonst. Mangelt es an Hygiene?

Die Grippewelle in Deutschland rollt auf ihren Höhepunkt zu. Foto: anna gutermuth / flickr (CC BY 2.0)
Die Grippewelle in Deutschland rollt auf einen Höhepunkt zu. Foto: anna gutermuth / flickr (CC BY 2.0)

Die Hygiene an deutschen Schulen ist aus Sicht von Kinderärzten und Lehrern deutlich verbesserungswürdig. Anlass für die Kritik ist eine Welle von Grippe-, Erkältungs- und Magen-Darm-Infekten, die momentan viele Kinder und auch Lehrer das Bett hüten lässt. Dies sei in dieser Wucht mit mehr Hygiene vermeidbar, sagten der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und die Lehrergewerkschaft GEW auf Anfrage. Da gebe es jedoch bei Eltern, Schulen und Kindergärten Nachholbedarf.

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«Das ist jedes Jahr dasselbe und ich weigere mich anzuerkennen, dass das gottgegeben ist», sagte die Sprecherin der Kinderärzte, Barbara Mühlfeld. Meistens fange die Krankheitswelle in den Kindergärten an und verbreite sich dann über Geschwister in die Grund- und weiterführenden Schulen. «Diese Woche sind wir in der Grundschule angekommen», sagte die Ärztin.

Das Gesundheitswissen und damit auch die Kenntnis, wie man sich vor Krankheiten schütze, habe insgesamt abgenommen. Dabei könne die Ansteckungsgefahr simpel vermindert werden: Unter anderem mit Husten und Niesen in die Ellenbeuge, stündlich Stoßlüften, regelmäßig Hände waschen und Taschentücher nur einmal benutzen. «Wenn das in den Kitas und Schulen mehr gelehrt und beherzigt wird, könnte man die Ansteckungsgefahr vermindern.»

Die GEW bestätigt dies: «Natürlich haben wir ein Hygieneproblem», sagte GEW-Sprecherin Ilka Hoffmann. Darunter litten nicht nur die Kinder: «Momentan ist gerade an kleineren Grundschulen wirklich Land unter, weil viele Lehrer krank sind.» Veraltete Toiletten, siffige Tafelschwämme und kaum Zeit für Maßnahmen wie regelmäßiges Lüften sorgten dafür, dass sich Keime schnell verbreiten. «An vielen Schulen sehen die sanitären Anlagen nicht so aus, dass die Kinder da gerne hingehen und sich die Hände waschen.»

Hygiene-Mängel aus Zeitmangel?

Oft sei der Hygiene-Mangel auch schlicht Zeitmangel: Die Lehrer hetzten schnell in die nächste Klasse, müssten sich dazwischen noch mit Kollegen und Eltern absprechen – das Lüften werde dann vergessen. Hygiene- und Gesundheitswissen sei kaum Thema in der Lehrerausbildung, an den Schulen fehlten dann Weiterbildungen und Konzepte, kritisierte die Gewerkschaftssprecherin.

Zudem gibt es aus Sicht der Lehrerin immer mehr Kinder, die zu Hause nicht mehr die einfachsten Hygieneregeln lernen. «Das nimmt zu und das sind Aufgaben, die nach und nach die Schule übernehmen muss – wer soll es denn auch sonst tun, wenn es die Eltern nicht machen.» Dafür brauche man aber mehr Zeit und Lehrer.

Das hessische Kultusministerium zum Beispiel verweist auf Anfrage darauf, dass die Landkreise als Schulträger für die baulichen Maßnahmen wie Toilettensanierung verantwortlich sind. Es gebe das Programm «Schule und Gesundheit», mit dem engagierte Schulen ausgezeichnet würden. Fragen, ob es einen grundsätzlichen Hygienemangel an Schulen gibt und Lehrer Zeit für solche Aufgaben haben, blieben unbeantwortet.

Neben den öffentlichen Einrichtungen sehen die Experten aber auch die Eltern und die Arbeitgeber in der Pflicht. Kinder bräuchten mehr Zeit, um sich von Krankheiten zu erholen, fordert die Ärztin: «Sie husten und rotzen relativ lange. Wenn man den Kindern die Zeit zu Hause gönnt, bis das abgeklungen ist, dann könnte man den Teufelskreis durchbrechen.» Doch nach Erfahrung von Hoffmann schicken berufstätige Eltern ihre kranken Kinder mangels Betreuungsmöglichkeiten immer schneller in die Schule. «Die Kinder sitzen dann mit vereiterten Augen und Ohren in der Grundschule», bemängelt sie.

Um das zu ändern und Ansteckung zu vermeiden, braucht es aus Sicht der Kinderärztin mehr Verständnis vom Arbeitgeber. Die je nach Vertrag maximal zwölf Fehltage pro Jahr wegen eines kranken Kindes seien mit Kleinkindern schnell ausgeschöpft.

Die Kleinen selbst sind nach Aussage der Ärztin bei der Krankheitswelle gar nicht die Hauptleidtragenden: «Das ist sehr unangenehm für die Kinder, aber in der Regel nicht lebensgefährlich.» Sie verbreiteten es aber über die Familien immer weiter und steckten damit auch ältere Menschen an. Und für sie könne eine Grippe schnell lebensgefährlich werden. dpa

Für sauberere Schultoiletten – So funktioniert Hygiene (kostenfrei) als pädagogischer Auftrag

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