Lehrerverband warnt: Zeit des Übertritts stresst Viertklässler

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Wenige Tage, bevor Bayerns Viertklässler ihre sogenannten Übertrittszeugnisse bekommen, schlägt der BLLV Alarm. Die Zeit des Übertritts an die weiterführenden Schulen sei für viele Kinder und Familien sehr belastend, hieß es in einer Mitteilung des BLLV.

Fleischmann möchte Viertklässler nicht verunsichern. Foto: BLLV

Viele fühlten sich vom Lernpensum, dem Lernrhythmus und dem damit verbundenen Leistungsdruck überfordert. Die Folge sei psychischer Stress bei vielen Schülern. Am 2. Mai bekommen Grundschulkinder der vierten Klassen in Bayern ihr Übertrittszeugnis.

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«Unser Ziel muss doch sein, dass keiner an der Schnittstelle nach der vierten Klasse verloren geht. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass alle Kinder motiviert lernen wollen», sagte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann laut Mitteilung.

Bayerns Kultusminister Bernd Sibler (CSU) betonte, dass die Schulwahl nicht endgültig über den weiteren Bildungsweg eines Kindes entscheide. «Wir haben in den vergangenen Jahren massiv an der Durchlässigkeit des bayerischen Schulwesens gearbeitet und können zusagen: Jeder Abschluss bietet einen Anschluss», so Sibler laut einer Mitteilung des Ministeriums. dpa

Die Erklärung des BLLV

In der Pressemitteilung des BLLV heißt es wörtlich:

“Die Zeit des Übertritts ist für viele Kinder und Familien sehr belastend. Viele fühlen sich vom Lernpensum, dem Lernrhythmus und dem damit verbundenen Leistungsdruck überfordert. Die Folge ist psychischer Stress bei vielen Schülerinnen und Schülern. ‘Jeder geht freilich anders damit um. Was der eine gut wegsteckt, kann sich bei einem anderen zu einer psychosomatischen Störung entwickeln’, erklärte die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, heute in München, wenige Tage vor Vergabe der Übertrittszeugnisse am 2. Mai an Grundschulkinder der vierten Klassen.

Dass die Zeit des Übertritts besonders anstrengend und für manche Kinder quälend sei, wüssten alle, die ein Schulkind in dieser Phase begleiteten. Und doch wiederhole sich die Prozedur jedes Jahr aufs Neue – genauso wie die damit verbundene längerfristige Forderung nach einer veränderten Form des Übertritts und die kurzfristige Forderung der Freigabe des Elternwillens. „Unser Ziel muss doch sein, dass keiner an der Schnittstelle nach der vierten Klasse verloren geht. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass alle Kinder motiviert lernen wollen.“

Es sei eine Tatsache, dass der Übertrittsdruck an vielen Kindern nicht spurlos vorüber gehe, sagte Fleischmann. Er löse Stresssymptome aus, die sich auch in Konzentrationsproblemen oder Schlafstörungen zeigten. Tausende erhielten Nachhilfeunterricht, damit sie ins Gymnasium oder wenigstens auf die Realschule wechseln könnten. Somit verkürze sich ihre Freizeit nochmals. ‘Viele Schülerinnen und Schüler haben Terminkalender, die so voll sind wie bei einem Erwachsenen.’ Für ungezwungenes Spielen und freie Zeit bleibe immer weniger Zeit. ‘Wir reden hier von zehnjährigen Kindern’, betonte die BLLV-Präsidentin. Weil ihre Bedürfnisse viel zu wenig berücksichtigt würden, könnten Krankheitssymptome auftreten, die ihre Gesundheit nachhaltig gefährden.

Der Druck sei aber nicht mit der Grundschule vorbei. Er setze sich fort und begleite Heranwachsende während ihrer kompletten Schulzeit. ‘Mädchen und Jungen, die den Sprung auf ein Gymnasium oder in eine Realschule geschafft haben, wissen genau, dass sie ausgesiebt werden, wenn ihre Leistungen nicht stimmen.’ Der Druck in der Schule und die Angst, zu versagen, könnten bei Kindern, die ohnehin angegriffen sind, Krankheitsbilder auslösen oder bestehende verstärken. ‘Generell steht fest, dass die Erwartungen, die heute an Kinder gestellt werden, immens sind.’

Um den Druck zu entschärfen verlangte die BLLV-Präsidentin Sofortmaßnahmen wie eine intensive individuelle Förderung an jeder Schulart. Jeder Schüler sollte zudem an der von ihm bzw. den Eltern gewählten Schulart verbleiben können.

Grundsätzlich müssten Lehrer und Schüler so schnell wie möglich vom „Zwang der Auslese“ und der „Abschulung“ befreit werden. Im Mittelpunkt schulischer Arbeit müsse vielmehr die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler stehen, es müsse darüber hinaus auch ein moderner Lernbegriff gelebt und neue, pädagogisch sinnvolle Formen der Leistungserhebung ermöglicht werden.

Die BLLV-Kampagne Zeit für Bildung lege hier den richtigen Fokus: ‘Alle Kinder müssen gefordert und gefördert werden – egal welche Stärken und Schwächen sie haben – egal wie ihre Bedürfnisse sind. Alle Kinder haben ein Recht auf individuelle Förderung und das die ganze Schulbiographie lang’, betonte Fleischmann.”

Studie: “Das Ziel Chancengleichkeit verfehlt” – soziale Herkunft bestimmt weiterhin die Wahl der weiterführenden Schule

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6 KOMMENTARE

  1. Solange den Eltern von allen Seiten aus gesagt wird, dass alles unter Abitur sozialer Abstieg und die Mittelschulen zu Förderschulen mit Asischülern verkommen wurden, setzen die Eltern sich selbst und ihre Kinder weiterhin extrem unter Druck.

  2. Mal ganz dumm gefragt: Was wird konkret verlangt, damit ein Kind eine Gymnasialempfehlung bekommt? Mehr oder weniger als vor 10 oder 20 Jahren? In Bayern soll die Summe der Noten von Deutsch, Heimat- und Sachkunde sowie Mathematik höchstens 7 sein, also 2,33 im Schnitt. Aber was heißt das praktisch? Wie restriktiv sind diese Noten? Und sonst? Gibt’s nicht schon Bundesländer, wo allein der Elternwille entscheidet? Und der macht Stress?
    Oder ist der Stress eine bayerische Spezialität? Mir san mir, sollen die Bayern das doch halten, wie sie wollen. Zur Belohnung haben sie ja gute Testwerte bei praktisch allen Schulvergleichstests. Sportler, die mehr trainieren (teils auch mit Stress), haben auch bessere Ergebnisse bei Meisterschaften.

    • Da auch in Bayern die Gymnasialquote immer weiter steigt und in anderen Bundesländern der Grundschullehrplan gesenkt wurde, dürften die Anforderungen zumindest indirekt gesunken sein, weil für mehr Schüler der erforderliche Schnitt erreichbar wurde.

      • Genau das sollten aber die bayerischen Grundschullehrer entscheiden. Nur die können das beurteilen. Sie müssen es ja selber irgendwie handhaben.

  3. Ich würde den Übergang nicht unbedingt als “Stress” bezeichnen, aber auch in den Bundesländern, in denen die Eltern über die Schulwahl entscheiden, führt der Wechsel auf die weiterführende Schule dazu, dass sich Eltern und Kinder Gedanken über den Wechsel machen, eine Entscheidung auf grundlage von den zur Verfügung stehenden Informationen treffen müssen und sich einer neuen Umgebung und neuen Anforderungen stellen müssen.
    “Stress” wird es dann, wenn Erwartungen überzogen sind.

    In BY kommt zu dem Übergang aber hinzu, dass dieser an die Notengebung gebunden ist.
    “Genau das sollten aber die bayerischen Grundschullehrer entscheiden. Nur die können das beurteilen.”
    Die bayerischen GS-LuL können auch erläutern, warum so viele Proben angesetzt sind, wie es mit dem Probeunterricht aussieht und wie häufig Eltern Anwälte zur Rate ziehen, um entsprechende Noten für ihr Kind zu erreichen.

  4. Hier werden mal inhaltliche Bedingungen für den Übergang aufs Gymnasium formuliert:
    https://www.nuernberg.de/imperia/md/sigena_gymnasium/dokumente/uebertritt/gs-info-17-nbg-home.pdf
    Da ist auch von einer gewissen Belastbarkeit die Rede, die man eben auf dem (oder diesem) Gymnasium braucht:
    “Mein Kind ist körperlich und geistig ausreichend belastbar. Lernen ist keine Qual.”
    Es führt doch nichts an der Erkenntnis vorbei: Wer schon in der Grundschule gestresst ist, sollte sich lieber das Gymnasium nicht antun, denn dort wird es noch mehr Stress geben.

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