Studie zur Lehrerfortbildung: Immer weniger Angebote, qualitativ fragwürdig, unstrukturiert – GEW und VBE zeigen sich empört

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BERLIN. Geschätzt 130 Millionen Euro werden jährlich in Deutschland für die Lehrerfortbildung ausgegeben – viel zu wenig. Und: Die Investitionen in diesem Bereich sind zwischen 2002 und 2015 sogar noch um zehn Prozent zurückgegangen. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer bundesweiten Bestandsaufnahme von Peter Daschner, selbst früher Lehrer und ehemaliger Leiter des Hamburger Amtes für Bildung, im Auftrag des Deutschen Vereins zur Förderung der Lehrerinnen und Lehrerfortbildung  (DVLfB) mit Unterstützung der Bosch Stiftung. Der VBE und die GEW reagieren empört auf die Studie – sie fordern endlich professionelle Strukturen für die berufliche Weiterbildung der Kolleginnen und Kollegen.

„Auch Lehrer müssen lernen.” Foto: Chemie-Verbände Baden-Württemberg / flickr (CC BY 2.0)

„Auch Lehrer müssen lernen. Das klingt nach einer Banalität, aber wenn wir den Unterricht flächendeckend verbessern wollen, können wir nicht auf den biologischen Austausch der Lehrerschaft warten. Lehrerfortbildung ist der Schlüssel für relativ schnelle Qualitätsverbesserungen des Unterrichts und für eine gute Schulentwicklung insgesamt“, so erklärt Peter Daschner in einem Interview auf „Spiegel online“. „Das Problem ist allerdings: Wir investieren hier viel zu wenig – und verzichten damit in der Folge auch auf bessere Schülerleistungen.“

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Auch die Qualität der Angebote sei mitunter fragwürdig. „Es gibt zwar ermutigende Beispiele, etwa bei Angeboten in der Berufseingangsphase und für Schulleiter“, sagt Daschner. „Aber wenn Sie zum Beispiel das Thema Inklusion nehmen, sehen Sie: 42 Prozent der Fortbildungen dazu sind kürzer als sechs Stunden. Wie soll man denn ein so umfassendes Thema in einem halben Tag abhandeln?“ Zumal es weder einen Überblick über das Angebot noch eine  systematische Auswertung der Ergebnisse gebe. Kurzum: ” Jedes Land macht letztlich, was es will. Es gibt keine Standards und zu wenig Kooperation untereinander”, sagt der Experte. Von Nachhaltigkeit könne deshalb keine Rede sein.

Gemeinsame Erklärung von GEW und VBE

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisieren, dass das Thema Fortbildung bei der Diskussion um die Bildungsqualität in Deutschland seit Jahren „stiefmütterlich behandelt wird“. Sie mahnen in einer gemeinsamen Erklärung höhere Investitionen in die Fortbildung an, damit diese quantitativ und qualitativ ausgebaut wird. Zudem müsse dem Thema Fortbildung von Kultusministerkonferenz (KMK) und Ländern mehr Bedeutung beigemessen werden.

„Integration, Inklusion und Digitalisierung stellen Anforderungen an Lehrkräfte, denen sie nur mit einer qualitativ hochwertigen Vorbereitung angemessen begegnen können. Engagement und Motivation der Lehrkräfte allein reichen dafür nicht aus. Die Politik ist gefordert, Lehrkräfte endlich ausreichend zu unterstützen. Es kann nicht sein, dass ihnen immer mehr abverlangt wird, die Politik aber die notwendige Unterstützung durch Fortbildung verweigert“, bemängelt VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann.

Der Verbandschef macht deutlich, dass sich auch die Bedarfsplanung für die Schulen ändern müsse. Beckmann: „Muss eine Schule mit 100 Prozent Lehrerbesetzung planen, reißt jede Fortbildung ein Loch in den Stundenplan. Damit jede Lehrkraft während der Dienstzeit Fortbildungen wahrnehmen kann, braucht es einen entsprechenden Stellenpuffer pro Schule.“

GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann, die für Schule verantwortlich ist, stößt in dasselbe Horn. „Man darf bei der Weiterentwicklung der Bildungsqualität nicht immer nur auf den Lehrkräftenachwuchs und das Studium setzen und dabei die Lehrkräfte im Schuldienst vernachlässigen“, betont sie. Hier gebe es zu wenig Unterstützung durch gezielte schulinterne Fortbildungen. Zudem brauche es einen Anspruch auf eine fixe Zahl an Fortbildungstagen für schulinterne Fortbildungen. „Gerade angesichts des Lehrkräftemangels müssen die Kapazitäten in den Fortbildungsinstituten massiv erhöht werden. Die Lehrkräfte an den Schulen stemmen momentan immer mehr. Deshalb müssen sie besonders intensiv auf die Aufgaben vorbereitet werden“, unterstreicht Hoffmann. Dazu braucht es Qualität auf allen Ebenen des Fortbildungssystems.

„Weil die aber bisher von der Bildungspolitik vernachlässigt wurde”, so meint nun der Vorsitzende des DVLfB Rolf Hanisch, „haben wir neben der Bestandsaufnahme einen Musterqualitätsrahmen entwickelt – als Bauplan für wirksame Fortbildung”. Dem haben sich der VBE und die GEW angeschlossen. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Hier ist die vollständige Untersuchung herunterladbar.

Die Forderungen der Gewerkschaften

In dem Musterqualitätsrahmen wird von der KMK und den Kultusministerien der Länder gefordert:

  1. Herstellung von Transparenz und Vergleichbarkeit durch regelhafte Berichterstattung nach definierten Kriterien (KMK-Kommission Lehrerbildung)
  2. Länderübergreifende Kooperation, z. B. bei der Entwicklung nachhaltiger Formate und aussagekräftiger Evaluationsverfahren
  3. Systematische Erfassung des Fortbildungsbedarfs durch gezielte Befragung der Lehrerschaft und Nutzung vorhandener Daten wie der schulischen Fortbildungspläne sowie der Ergebnisse von Schulinspektionen
  4. Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung, darunter:
  • gemeinsame Standards
  • gemeinsame Kriterien für Monitoring, Evaluation und Berichterstattung
  • Umsteuerung bei den Formaten: Entwicklung und Einsatz wirksamer Angebote mit Input-, Erprobungs- und Reflexionsphasen,
  • länderübergreifender Austausch zu good practice und Kooperation bei der Vergabe von Forschungsaufträgen
  • Professionalisierung des Fortbildungspersonals (spezifische Qualifizierung, Einsatz mit mindestens einer Drittelstelle; Zertifizierung der freien Anbieter)
  • definierte Zeitgefäße für die Lehrerfortbildung (100 Prozent + x Versorgung im Lehrerstellenplan) zur Ermöglichung wirksamer Formate und zur Vermeidung von Unterrichtsausfall

5. Ressourcenabbau stoppen, Angleichung an die Entwicklung der Ausgaben für das staatliche Schulwesen, dazu:

  • Offenlegung der tatsächlich für Lehrerfortbildung eingesetzten Mittel
  • Einigung auf Kostenkriterien
  • Beteiligung der -Lehrerfortbildung an der Qualitätsoffensive Lehrerbildung.

Die Diskussion nimmt auch auf der Facebook-Seite von News4teachers an Fahrt auf.

Lehramts-Studierende übernehmen eine Woche lang den Unterricht – und das Kollegium fährt geschlossen zur Fortbildung

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5 KOMMENTARE

  1. Alles altbekannt und doch zunehmend bitter: Kolleginnen und Kollegen versuchen alles mit ganz viel Idealismus – und werden durch das Fortbildungsangebot auf den Arm genommen.
    Problematisch ist daran: Ganz viele Dienststellen und Dienstposten wurden in Deutschland eben für diesen Bereich eingeführt und gebildet. Viele Fortbildner leben hauptberuflich davon, immer wieder “brandaktuelle” Themen in teuer bezahlten Nachmittagskursen anzubieten.
    Die Frage nach Qualität hat aber nie wirklich eine Rolle gespielt.

    • Das kann ich leider bestätigen – habe neulich eine solche FoBi zu einem aktuellen Thema durchlitten, in der die Referenten im Wesentlichen sich selbst präsentierten und ansonsten Allgemeinplätze als neue Methoden und Möglichkeiten darstellten.
      Der Eindruck lag auch definitiv nicht an der Vorbildung (die ich in dem Bereich zugegebenermaßen besitze), da zwei in dem Bereich durch wenig Vorwissen belastete Koleginnen ebenfalls zu einem vernichtenden Urteil kamen…

  2. Ich sehe es ähnlich und beziehe das AUCH auf die FoBi des Ministeriums, z.B. zur Inklusion.

    Was aber eben auch notwendig wäre, wäre ZEIT.
    Wenn ich mich angesichts der Inklusion in Förderplanung etc. einarbeiten muss oder gar als Schule ein gemeinsames Vorgehen entwickeln will, brauche ich: ZEIT (zum Suchen, zum Abwägen, zum Diskutieren, zum Entscheiden). Dazu ist das Buchen einer FoBi oder die Begleitung eines Externen nicht unbedingt notwendig.

    Wenn ich mich angesichts der Inklusion in einen Förderschwerpunkt oder in ein Krankheitsbild einarbeiten muss, brauche ich: ZEIT (zum Erkundigen, Nachlesen, Material suchen oder erstellen, für Förderplanung und vieles mehr) Dazu ist das Buchen einer FoBi oder die Begleitung eines Externen nicht unbedingt notwendig, hilfreich wäre eine Art medizinischer und sonderpädagogischer Dienst, der unbürokratisch zur Verfügung steht und allgemeine Informationen für klassische Förderschwerpunkte digital bereithält sowie über eine Hotline oder E-Mail Nachfragen zeitnah beantwortet.

    Wenn ich mich hinsichtlich der Digitalisierung mit neuer Technik selbst anfreunden bzw. den versierten Umgang erlernen möchte sowie die Möglichkeiten und den tatsächlichen Nutzen für den Unterricht erschließen will, brauche ich: ZEIT – Zeit, es selbst auszuprobieren, aber eben auch viel Zeit um Didaktik und Methodik zu überdenken, Konzeption und Materialien des Unterrichts umzustelleln, zu verändern, Neues zu erschaffen oder Bewährtes zu digitalisieren (sofern hilfreich) … zusätzlich dann auch noch mal mehr ZEIT, wenn eine Schule an Medienkonzepten uvm. arbeitet.
    Diese ZEIT wird Lehrkräften nicht zugestanden, es muss immer alles zusätzlich zu bisherigen Aufgaben erfolgen. Dazu ist das Buchen einer FoBi oder die Begleitung eines Externen nicht unbedingt notwendig und wenn, dann reichen keine Firmenmitarbeiter der Gerätehersteller aus, sondern es bräuchte Lehrkräfte meiner Schulform, die sich eingehend mit Methodik und Didaktik für den Unterricht beschäftigt haben und dies IM NORMALEN Alltag ausprobieren.

    Und:
    Es bräuchte neben den klassischen Nachmittagsveranstaltungen auch andere Formate.
    Wo ist die Digitalisierung in der Weiterbildung? Abrufangebote könnten digital zur Verfügung gestellt werden, für schulische Themen ebenso wie für die Forschung, die ohnehin vom Land (teil)finanziert ist.
    Warum wird das nicht auf einem Bildungsserver für Lehrkräfte zur Verfügung gestellt?
    Da könnte ich einen ganzen Katalog an Wünschen zusammenstellen, die sehr viele Lehrkräfte betreffen, die sich alle einzeln informieren und mühsam Informationen sammeln müssen. MEIN Bundesland ist da schrecklich nachlässig, zum Glück gibt es andere Länder mit erheblich besseren Bildungsservern und informativen Angeboten.

    Letztlich:
    Wenn ich zu einer FoBi fahren will, muss ich für diesen Tag ausgeplant werden. Ich arbeite vorab den Unterricht aus, den ich an dem Tag erteilen müsste, und bereite alles vor und schreibe alles dezidiert auf, eine Pädagogische Mitarbeiterin führt den Unterricht durch, Kontrolle und Korrektur liegen wieder bei mir.
    Allein zur FoBi fahren zu können, ist schon Mehrarbeit.
    Wenn dann das Angebot vorab wenig transparent und letztlich nur aus 15 min allgemeiner Einführung und anschließender Gruppenarbeit, bei der die Teilnehmenden die Inhalte mitbringen, besteht oder fernab jeglicher Realität in Schulen ist, ist diese Mehrarbeit Mehr-Ärgernis.
    15 min 4teachers bringen da häufig erheblich mehr!

  3. Kann ich nicht vollständig bestätigen, ich habe in letzter Zeit einige wirklich hilfreiche und unterstützende Fortbildungen genossen.

  4. Was ich wirklich schlimm und nervig finde, ist dass man bei etlichen Lehrerfortbildungen auf absolut lächerliche Methoden trifft. Ich komme mir manchmal in einer Fortbildung vor, als wäre ich ein 10 jähriges Kind. Man kann sicher auch neue Methoden lernen, ohne dass man sich selbst zum Affen macht. Ich wünsche mir wieder mehr Input und wirklich Dinge zu lernen, stattdessen muss man häufig die absurdesten Dinge machen und sich vieles selbst zusammenreimen, da es gemäß aktuellen Beratungskonzepten irgendwie verpönt ist, jemandem irgendwas neues beizubringen … stattdessen wird darauf gesetzt, dass das meiste Potential schon in jedem vorhanden ist, dabei kann man sich schön seine eigenen Vorstellungen und Ideale bewusst machen, man lernt aber nicht immer etwas dabei.
    Ganz groß im Mode im Moment: Eine gestaltete Mitte

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