Warum wir Kinder annehmen sollten, wie sie sind (und trotzdem nicht alles tolerieren müssen) – ein Plädoyer

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MÜNCHEN. Lehrer begegnen ihr mitunter kritisch – dabei ist sie eine Kollegin. Eltern hingegen fühlen sich von ihr oftmals bestätigt – dabei geht sie mit manchen Vätern und Müttern hart ins Gericht. Die Rede ist von Heidemarie Brosche, Bestsellerautorin und Hauptschullehrerin. Ihr besonderer Fokus liegt auf Kindern und Jugendlichen in schulischen Problemlagen und Krisensituationen. „Mein Kind ist genau richtig, wie es ist“, so lautet der Titel ihres aktuellen Buches. Was sie damit meint, erklärt sie im folgenden Gastbeitrag für News4teachers.

Kinder sind heute keine Duckmäuser mehr. Foto: Shutterstock

Sind Kinder richtig, wie sie sind?

Im Juli 2017 erschien mein Buch „Mein Kind ist genau richtig, wie es ist“. Von Anfang an war mir bewusst, die Botschaft könne missverstanden werden. Prompt hielt mir anlässlich eines Vortrages ein Zuhörer entgegen, ich sei wohl aus der Zeit gefallen. Ich wisse ganz offensichtlich nicht, wie es heute an Schulen zugehe. Wie Kinder und Jugendliche heute drauf seien. Wie die Eltern heutiger Schüler drauf seien. Der Mann war, wie er betonte, Lehrer an einer Schule mit schwieriger Klientel. Ich wusste, wovon er sprach. Ich bin selbst Lehrerin. An einer Schule mit schwieriger Klientel. Natürlich habe ich ihm das gesagt. Natürlich habe ich erklärt, was ich wirklich meine.

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Wie gesagt: Die Aussage überraschte mich nicht. Wo auch immer ich die Botschaft meines Buches an die Menschen bringe, sehe ich besonders bei Lehrkräften kritische Blicke. Die meisten Eltern wiederum saugen meine Worte dankbar und begierig in sich auf.

Das Buch

Viele Eltern hören von Lehrern, Erzieherinnen, Freunden oder anderen Familienmitgliedern: Das Kind sei zu laut oder zu leise, zu aufgedreht oder zu ernst, zu ruhig oder zu aggressiv – jedenfalls nicht so, wie es sein sollte.

Heidemarie Brosche ermuntert in ihrem Buch „Mein Kind ist genau richtig, wie es ist“ Eltern, solche Zuschreibungen kritisch zu betrachten und sie mutig anders zu sehen. Schreibt ein Kind in den Augen seiner Lehrerin zum Beispiel zu langsam, kann das heißen, dass es ganz bei sich ist, sehr konzentriert arbeitet und keine Flüchtigkeitsfehler macht. Oder wird ein Kind als zu dominant und aggressiv beschrieben, kann das bedeuten, dass es auch durchsetzungs- und willensstark ist. Erkennen Eltern das Positive dieser Qualitäten, hilft dies dem Kind, Selbstbewusstsein und Ichstärke zu entwickeln und sein So-Sein zu akzeptieren.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Die Sicht vieler Lehrer

Kinder und Jugendliche sind heute in der Regel keine angepassten Duckmäuser mehr, sie sind nicht selten respektlos gegenüber Autoritäten. Viele Kinder und Jugendliche zeigen Verhaltensweisen, denen man Etiketten von „auffällig“ bis „gestört“ verpassen könnte. Wir Lehrer bekommen dies zu spüren – mehr oder weniger belastend.

Das Respektlose, das Auffällige hat viel mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Aber eben auch mit den Eltern. Was von Lehrern ja immer wieder beklagt wird. „Die Eltern!“, so stoßseufzt es durchgängig in Lehrerkreisen. „Die können es nicht. Die erziehen nicht oder falsch.“

Klar, dass dann die Botschaft „Mein Kind ist genau richtig, wie es ist“ zunächst mal kritisch beäugt wird. Soll alles, was das Kind macht, richtig sein? Ist dies nicht genau das Gegenteil von dem, was aktuell angebracht ist: endlich wieder Grenzen setzen, endlich wieder Respekt?!

Heterogenität in der Elternschaft

Ein differenzierter Blick auf „die Eltern“ scheint mir dringend geboten. Wer in das Standard-Mantra von „den schrecklichen Eltern“ einstimmt, sollte genauer hinsehen. Meiner Erfahrung gibt es derzeit nicht „die Eltern“, sondern eine enorme Vielfalt an Müttern und Vätern:

Es gibt Eltern, bei denen es zu Hause rau zugeht, die ihre Kinder aber in allem gegen die Schule in Schutz nehmen, ja sogar aufhetzen. Da meldet der Sohn, der sich in der Schule katastrophal aufgeführt hat, zu Hause, der Lehrer habe ihn ein wenig gegen die Brust gedrückt. Reaktion des Vaters: “Beim nächsten Mal schlägst du zu!“

Es gibt die, denen der Abschluss ihres Kindes so wichtig ist, dass sie massiv Druck ausüben – auf ihr Kind und auf die Schule. Gerne wird der Anwalt bemüht.

Es gibt die, die ihre Schätzileins in Watte packen und helicoptern, was das Zeug hält.

Es gibt die, die alles besser als die Lehrer wissen.

Es gibt die, die Wachs in den Händen ihrer Kinder sind und extrem darunter leiden, dass diese ihnen entgleiten, obwohl sie doch – oftmals mittels Verschuldung – jeden materiellen Wunsch erfüllen. Zitat Schülerin: „Ich habe nur zwei Tage gebraucht, bis meine Mutter mir das neue iPhone gekauft hat.“ Zitat Vater: „Wir kaufen ihm alles, damit er es sich nicht anders besorgen muss.“

Es gibt die, die selbst so viele Probleme haben, dass fürs Erziehen keine Kraft mehr bleibt oder dass für die Kinder keine Kraft mehr bleibt. Manchmal scheint auch das Interesse zu fehlen.

Es gibt die, bei denen Willkür herrscht und die Kinder sich nicht auskennen, was wirklich gilt.

Es gibt die, die versuchen, ihre Kinder mit großer, ja übergroßer Härte zu erziehen, um sie gefügig zu machen oder nur ja nicht zu verweichlichen.

Und es gibt die, die sich – manchmal trotz aller Lebenskämpfe – viel Mühe geben, liebevoll und klar zu sein, und entsprechend nette, engagierte, sozial kompetente Kinder groß ziehen, die auch nicht immer alles richtig machen. Normale Kinder eben.

Selbstverständlich gibt es Mischtypen, selbstverständlich erhebt diese Aufstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Eines aber gilt meiner Beobachtung nach fast immer: Egal, wie Menschen ihr Eltern-Sein leben – für ihre Kinder wünschen sie sich Gutes.

Die Sicht vieler Eltern

Bei meinen Vorträgen treffe ich auf Eltern, die sehr traurig sind, weil sie selbst, die Umwelt, die Schule (die vor allem) an ihrem Kind so viel auszusetzen haben: “Das Kind ist zu langsam.”, “Das Kind ist zu lebhaft.”, „Das Kind ist zu schüchtern.“, „Das Kind ist zu faul.“ Von der Intensität der Traurigkeit fühlt sich dies oft so an, als sei das Kind schwerkrank. Mir tut dies unendlich leid.

Ich treffe auch auf Eltern, die einerseits ihr Kind annehmen wollen, wie es ist, andererseits große Angst haben, dass das Kind nicht gut durch die Schule, durch den Beruf, durch das Leben kommt, wenn sie es akzeptieren, wie es nun mal ist.

Kinder annehmen, wie sie sind

An dieser Stelle muss ich endlich das Missverständnis aufklären: Selbstverständlich muss nicht jedes Verhalten von Kindern und Jugendlichen akzeptiert werden! Selbstverständlich tun Kinder und Jugendliche Dinge, die nicht „genau richtig“ sind! Aber zwischen So-Sein und So-Agieren ist ein riesengroßer Unterschied: Ein Mensch muss so angenommen werden, wie er nun mal ist – mit seinem Temperament, mit all seinen Wesenszügen.

Warum ich das behaupte? Weil ich überzeugt davon bin, dass jeder Mensch darunter leidet, wenn er das Gefühl hat, die Erwartungen nicht zu erfüllen. Wenn er sich nicht als der angenommen fühlt, der er ist. Wenn er so, wie er nun mal ist, auf Ablehnung stößt.

Dass dies nicht nur auf meinem Mist gewachsen ist, belegen Untersuchungen, aber auch zahlreiche Gespräche. Einhellig erhielt ich auf meine Frage „Haben Bemängelungen etwas zum Guten bewegt?“ die Antwort: „Nein, es ist nur noch schlimmer geworden.“ Viele Erwachsene berichten, die Zu-Zuschreibungen ihrer Kindheit seien leider noch heute aufdringliche Begleiter. Im harmloseren Fall als Mängelstempel, die sie nicht mehr abkriegen. Im Extremfall so belastend, dass professionelle Hilfe nötig wird.

Wer glaubt, auf Erziehungsschwierigkeiten und -missstände mit Bemängelung und Abwertung reagieren zu müssen, erliegt einem tragischen Trugschluss!

Den anderen Blick wagen

In vielen vermeintlichen Schwächen stecken Stärken, wenn man nur bereit ist, die Dinge mutig anders zu sehen. Der besagte andere Blick, weg vom Mainstream, kann Eltern wie Kindern ungemein helfen. Und muss kein bisschen dazu führen, dass die Kinder aus dem Ruder laufen und in ihren Fehlverhaltensweisen bestärkt werden.

Ach so, auch Langsamkeit kann ihre Vorteile haben?!

Als lebhafter Mensch bin ich zwar in der Schule manchmal eine Last, aber im Freundeskreis – jetzt und später – ein Gewinn?!

Wenn ich Mühe habe, mich zu Wort zu melden, ist dies womöglich meiner Introvertiertheit geschuldet, die völlig in Ordnung ist?!

Wer diesen positiven Blick auf sich selbst spürt, fühlt sich besser und muss weniger durch negatives Verhalten kompensieren.

Starke Menschen

An dieser Stelle kehre ich zum Anfang zurück: Gerade in einer Zeit, in der so viel erziehliche Verunsicherung herrscht und so vieles schief läuft, ist es wichtig, dem Kind das Gefühl zu vermitteln, dass es angenommen wird, so wie es ist. Auf der Basis dieses sicheren Gefühls kann dann auch Kritik an Verhaltensweisen geäußert werden, die anderen oder dem Kind selbst schaden. Es kann auch klar gesagt werden: „Nein, das tust du nicht!“

Klaus Kratzer, ein Augsburger Polizist mit langjähriger Erfahrung in der Jugendarbeit, plädiert in seinen Elterntrainings zwar vehement dafür, Grenzen zu setzen, aber er sagt auch ganz klar: „Kinder, die so sein dürfen, wie sie nun mal sind, kommen ganz oft ohne Schwierigkeiten durch das Leben. Es gibt kein schöneres Gefühl, als sich angenommen und mit Stärken und Schwächen akzeptiert zu fühlen. Aus diesen Kindern werden starke Menschen.“

Diese Aussage sollten sich Eltern und Lehrer auf der Zunge zergehen lassen!

Die Autorin
Heidemarie Brosche. Foto: Privat

Heidemarie Brosche, Jahrgang 1955, ist Hauptschullehrerin und arbeitet in einem Projekt für Jugendliche in schulischen Problemlagen und Krisensituationen. Seit vielen Jahren schreibt sie Kinder-, Jugend- und Sachbücher: www.h-brosche.de. Als Lehrerin war ihr die Abkehr von der Defizitorientierung von Anfang an ein Herzensanliegen, als Mutter dreier sehr unterschiedlicher Söhne (31, 29, 22) wurde ihr dann endgültig klar, dass Zu-Zuschreibungen à la “Das Kind ist zu ruhig!”, “Das Kind ist zu eigensinnig!” fehl am Platze sind.

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3 KOMMENTARE

  1. Ich bemerke keinen Mehrwert in diesem Artikel. Das ist doch die übliche Pädagogik der vergangenen 20-30 Jahre und so ein beständiges Hin- und Herwanken zwischen provokativen Aussagen und der Zurücknahme in ihrer scheinbaren Schärfe.

    Als Rezept wird präsentiert, was seit Jahrzehnten versagt: positives Motivieren und nur nicht bestrafen. Bestrafen ist doof und macht den Menschen kaputt. (Also schmeißen wir mal gleich das BGB über Bord.) Wie werden wir künftig Diebstahl, Körperverletzung und Mord “positiv motivierend überwinden”?

    Dass man sich anpassen muss, ja! Dass das nicht unterdrücken soll, ja! Das ist doch alles ein alter Hut.

    • Selbstverständlich interessieren mich Rückmeldungen zu meinen Artikeln und Büchern. So hab ich nun also diesen Kommentar gefunden.
      Kleine Antwort:
      1) ” … ein beständiges Hin- und Herwanken zwischen provokativen Aussagen und der Zurücknahme in ihrer scheinbaren Schärfe.” =>
      Welche provokativen Aussagen? Welche Zurücknahme?
      2) “… positives Motivieren und nur nicht bestrafen.” =>
      Darüber spreche ich in meinem Plädoyer NICHT! Ich bin zwar tatsächlich auch ein Fan positiven Motivierens und halte wenig von Bestrafen, aber darum geht es hier nicht. Was das BGB betrifft: Es ist schon ein Unterschied, ob es um Beziehungen, wie z. B. zwischen Eltern und Kindern, geht, in denen es in der Regel eine echte BINDUNG gibt, oder ob ein Staat für einen relativ reibungslosen Ablauf in der Interaktion von Millionen von Menschen zu sorgen versucht.
      3) Das mit dem Anpassen und Unterdrücken hat auch nichts mit meinen Aussagen zu tun.

      Fast habe ich den Eindruck, Sie haben mein Plädoyer nicht ganz oder nicht gründlich gelesen. Wenn das alles ein alter Hut wäre, würde bestimmt nicht so oft anders gehandelt. Ich habe so viele Rückmeldungen bekommen, dass dieses Schwächen-Suchen, dieses Bemängeln nicht nur nichts Positives bringt, sondern geradezu kontraproduktiv ist.

      Sofawolf, egal ob Sie ein Wolf oder eine Wölfin sind – ich würde mich gerne mit Ihnen austauschen.

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