Kita-Krise in Berlin: Vater bietet 5000 Euro “Belohnung” für einen Betreuungsplatz

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BERLIN. Im Vorjahr fehlten Tausende Kita-Plätze in der Hauptstadt, Eltern machten ihrer Wut auf einer großen Demonstration Luft. Seither ist einiges passiert. Wie ist die Situation heute? Genauso schlecht – meint die GEW.

Was haben die Anstrengungen zur Beilegung der Kita-Krise in Berlin gebracht? Für die GEW zu wenig. Foto: redsheep / pixelio.de

«Wir suchen dringend einen Kita-Platz oder eine Tagesmutter.» In sozialen Netzwerken wird deutlich, was viele Eltern in Berlin derzeit beschäftigt. Zwar haben sie einen Rechtsanspruch auf Betreuung ihrer Kleinen ab dem ersten Geburtstag. Doch versuchen Tausende oft seit Monaten vergeblich, einen Platz zu bekommen.

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Wie groß die Not ist, zeigt sich bei Ebay: In Kleinanzeigen bieten verzweifelte Eltern teils mehrere Hundert Euro «Belohnung» für die Vermittlung eines Kita-Platzes an. Für Schlagzeilen sorgte jüngst ein Vater, der bereit war, dafür sogar 5000 Euro auf den Tisch zu legen.

Vor einem Jahr war die Wut vieler Eltern so groß, dass Tausende in der Hauptstadt für mehr Kita-Plätze auf die Straße gingen. Sie forderten auch attraktivere Arbeitsbedingungen für Erzieher, die an allen Ecken und Enden fehlen und händeringend gesucht werden. Von einer «Kita-Krise» war die Rede.

Der rot-rot-grüne Senat, der den Ausbau der Kinderbetreuung zu einer Priorität erklärt hat und hier viel Geld in die Hand nimmt, gelobte damals Besserung. Familiensenatorin Sandra Scheeres (SPD) schob zahlreiche Maßnahmen an, um kurz- wie mittelfristig zu mehr Plätzen und zu mehr Personal zu kommen. So zahlte sie Prämien an Kita- Betreiber, die zusätzliche Plätze schufen.

Genau so viele Eltern suchen einen Kita-Platz wie im Vorjahr

«Aber die Situation ist nicht besser geworden», sagt Ronny Fehler, Kita-Experte bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin. Derzeit suchten genauso viele Eltern Kita-Plätze wie im Vorjahr. «Das Problembewusstsein kann man dem Senat nicht absprechen, aber ein durchschlagender Erfolg ist nicht in Sicht.»

Wenig positiv gestimmt ist auch Katharina Mahrt, eine junge Mutter, die sich in der Elterninitiative «Kitakrise Berlin» engagiert. «Die Lage hat sich zugespitzt», schließt sie aus Erfahrungsberichten verzweifelter Eltern, die sie immer wieder erreichen.

«Neulich hat sich eine Mutter gefreut, dass sie in einer Kita auf Platz 96 der Warteliste kam», schildert Mahrt. «Dann stellte sich heraus, dass die erste Liste bei 1000 geschlossen wurde, also Platz 1096 gemeint war.» Viele Einrichtungen hätten ihre Wartelisten für das kommenden Kita-Jahr 2019/20 schon geschlossen, bei manchen gehe sogar für 2020/21 nichts mehr.

100 Anfragen bei Kitas und Tagesmüttern, erzählen Eltern, sind keine Seltenheit. «Viele fangen direkt mit der Kitasuche an, wenn sie schwanger geworden sind», berichtet Mahrt. «Da sind die Chancen besser.» Wer sein Kind länger zu Hause betreut und erst mit drei oder vier Jahren in eine Kita geben will, habe praktisch keine Chance.

Inzwischen wehren sich immer mehr Eltern vor Gericht. In den meisten Fällen haben die Kläger Erfolg: Der Bezirk wird verdonnert, einen Platz zur Verfügung zu stellen oder eine Tagesmutter zu bezahlen.

Senatorin Scheeres räumt ein, dass die Lage angespannt ist. «Die ergriffenen Maßnahmen für mehr Plätze und mehr Personal zeigen Wirkung», sagte sie. «Aber wir sind noch nicht über den Berg.»

Da Berlin jährlich um 40.000 Menschen wächst und es viele Familien in die Hauptstadt zieht, nennt Scheeres den Kita-Ausbau einen «Wettlauf mit der Zeit». «Wir müssen weiter aufs Tempo drücken», sagt sie und sieht dabei neben dem Senat Bezirke und Kita-Träger in der Pflicht.

Laut Statistischem Landesamt leben derzeit 260 000 Kinder bis sechs Jahre in Berlin, einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben 223 000 davon, die älter als ein Jahr sind. Dem stehen aktuell 175 200 Plätze in Kitas und Tagespflege gegenüber, 5400 mehr als vor einem Jahr.

In den Ausbau investiert der Senat dreistellige Millionensummen, in zwei Jahren sollen 193 000 Plätze zur Verfügung stehen. Wie ehrgeizig dieses Ziel ist, zeigte sich vor kurzem: Bei einer Ausschreibung für gut zwei dutzend neue Kitas in modularer Bauweise mit mehr als 3000 Plätzen fand sich keine Baufirma. Nun soll alles von vorne beginnen.

Ein großes Problem ist auch das Personal. Zwar stieg die Zahl der Erzieher zuletzt um jährlich 1000 auf 30 500. Aber das reicht nicht. In vielen Kitas ächzen Beschäftigte unter hoher Arbeitsbelastung. «Die Grenzen der Belastbarkeit sind überschritten», hieß es jüngst in einem offenen Brief von Betriebsräten. Viele Kitas seien unterbesetzt, vernünftige pädagogische Arbeit kaum noch möglich.

Besonders sauer stößt der Gewerkschaft auf, dass Scheeres verstärkt auf Quereinsteiger setzt, die keine klassische Erzieherausbildung haben, und auf sogenannte multiprofessionelle Teams. «Das ist kein Qualitätsgewinn, sondern belastet die Erzieher sogar noch mehr», schimpft GEW-Experte Fehler. Immerhin: Eine deutlich bessere Bezahlung für Erzieher ist beschlossene Sache. Von Stefan Kruse, dpa

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1 KOMMENTAR

  1. Das kommt davon, wenn die Politik Ziele vorgibt und Rechtsgarantien ins Gesetzbuch schreibt, ohne vorher nachzurechnen, ob das alles auch erreichbar sei. Deutschland nähert sich immer mehr dem DDR-System der Kinderbetreuung an, hat aber die Ressourcen gar nicht, um es tatsächlich durchzuführen.

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