Erziehermangel! OECD: Mehr Geld in die Kindergärten – und mehr Männer!

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BERLIN. Der Fachkräftemangel trifft viele Branchen in Deutschland – auch besonders sensible Bereiche wie Kitas. Und das, wo Eltern doch sicher sein wollen, dass ihre Kinder dort gut aufgehoben sind. Was tun? Die OECD hat Empfehlungen zusammengestellt.

Mehr junge Männer in die Kitas – fordert die OECD. Foto: Shutterstock

Erzieher-Demos, akuter Personalmangel, Kindergarten-Gruppen, die vorübergehend geschlossen werden müssen – die Lage in vielen Kitas in Deutschland ist extrem angespannt. Eine Analyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommt zu dem Schluss: Es ist nicht nur die schlechte Bezahlung von Erzieherinnen und Erziehern. Schuld an der Personalmisere sind auch viele andere Faktoren.

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In dem OECD-Papier, das in Berlin bei einer Fachtagung des Bundesfamilienministeriums vorgelegt wurde, bemängeln die Autoren neben Niedriglöhnen ein geringes Ansehen, fehlende Wertschätzung und öffentliche Anerkennung, schlechte Arbeitsbedingungen und begrenzte berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Das alle führe dazu, dass Personalgewinnung und -bindung in Kitas schwierig sei. Der Erzieher-Job werde «oft als unattraktiv wahrgenommen».

Die Studie empfiehlt ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um langfristig genug Personal in der Kinderbetreuung sicherzustellen. Dafür haben die Experten die Situation in den verschiedenen OECD-Ländern analysiert und Beispiele zusammengetragen, wie erfolgreich gegen den Fachkräftemangel vorgegangen werden kann. Eine Empfehlung: Es müssen verstärkt Männer angeworben werden für Kitas.

Norwegen habe bei dem Thema in den vergangenen 30 Jahren «nachhaltige Anstrengungen unternommen», zum Beispiel durch Vorschriften, dass männliche Bewerber bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt würden. Der Männeranteil in der Kita-Betreuung in Norwegen liege inzwischen bei zehn Prozent. Andere Länder machten Marketing-Kampagnen, um das öffentliche Image männlicher Kinderbetreuer zu fördern. In Deutschland gab es 2018 bundesweit knapp 36 000 männliche Erzieher in den Kitas, ein Anteil von rund 6 Prozent.

Mehr Männer in der Kita – das könnte nicht nur helfen, die Personalprobleme abzumildern. «Es wird zunehmend anerkannt, dass die Beschäftigung männlicher Fachkräfte in der frühen Bildung das Potenzial hat, die Entwicklung und das Lernverhalten der Kinder zu verbessern», heißt es in dem OECD-Bericht.

Wie dramatisch die Personallage in den Kindergärten ist, hatte eine repräsentative Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) im Frühjahr gezeigt: Neun von zehn Einrichtungen in Deutschland leiden demnach unter akutem Erziehermangel. «Viele Kitas müssen regelmäßig mit so wenig Personal auskommen, dass eine ordnungsgemäße Aufsichtsführung überhaupt nicht mehr möglich ist», hieß es vom VBE – und das bei wachsendem Bedarf: Von 2008 bis 2018 ist die Anzahl betreuter Kinder in Deutschland laut OECD-Bericht von knapp 1,6 auf gut 2 Millionen gestiegen.

Wie lässt sich der Erzieherberuf attraktiver machen?

Zwei aktuelle Stimmen aus der Praxis aus Berlin, wo die Situation besonders angespannt ist: Es müsse etwas getan werden «für das Ansehen unseres Berufs», sagt Kita-Erzieherin Alice Christina Grapatin (23) bei der Fachtagung im Familienministerium. Sie höre von vielen Eltern oft «Tschüss und viel Spaß euch heute». Zwar sei der Beruf auch Spaß, aber «es gehört viel mehr dazu als Spielen und mit den Kindern zu basteln». «Knackpunkt ist und bleibt das Gehalt», sagt Magdalena Naumann (32), ebenfalls Erzieherin aus Berlin. «Mehr Geld ins Personal, dann kommen die Männer von ganz allein und auch qualifizierte Frauen. Der Beruf muss sich auch finanziell lohnen!»

Das Einstiegsgehalt einer Erzieherin liegt nach Verbandsangaben bei rund 2800 Euro brutto, das einer Leiterin, je nach Größe der Einrichtung, zwischen 2900 und 3450 Euro. Zum Vergleich: Das Durchschnittsbrutto für Vollzeitjobs in der Wirtschaft in Deutschland liegt laut Statistischem Bundesamt bei 3771 Euro.

Mindestbetreungsschlüssel in den Kitas senken

Die OECD-Experten raten nicht nur zu einer besseren Bezahlung, sondern auch zu mehr Differenzierung beim Gehalt, um Erzieherinnen und Erzieher im Job zu halten: Verschiedene Karrierestufen innerhalb einer Erzieherlaufbahn könnten die Bindung erhöhen. Weiterbildungen, die besucht werden, müssten sich auf dem Konto auszahlen. Außerdem sollte der vorgeschriebene Mindestbetreuungsschlüssel gesenkt werden, um Stress für die Mitarbeiter zu reduzieren. Und in der Ausbildung sollten angehende Erzieherinnen und Erzieher Geld bekommen.

Der Punkt Ausbildungsgeld ist Familienministerin Franziska Giffey (SPD) wichtig. «Es wird nicht anders gehen», wenn man mehr Nachwuchs für die Kitas wolle, sagte sie am Freitag in Berlin. Und zum «Totschlagargument», wer das alles bezahlen solle, fügte sie hinzu: «Jeder investierte Euro in die Kitas heute, spart im schlimmsten Fall später die Knastplätze». Von Jörg Ratzsch, dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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1 KOMMENTAR

  1. Erzieher verdienen nun wirklich nicht üppig, aber merkt ihr was? Immer ist der erste Ruf: mehr Geld (Gehalt/Lohn)? Ob bei den Lehrern, den Erziehern, den Altenpflegern, den Polizisten, den Jugendamtsmitarbeitern ………

    Wo soll das Geld denn herkommen? Letztlich wird eben auch alles teurer, um die gestiegenen Personalkosten zu begleichen, d.h., wir haben gar nicht wirklich mehr, denn wir müssen ja auch mehr ausgeben, aber die schwierigen Arbeitsbedingungen haben sich NICHT gebessert, wenn man einfach nur auf mehr Gehalt/Lohn setzt!

    Irgendwer muss das doch bezahlen? Ihr glaubt, das werden die Reichen tun? …

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