Streit über das achtjährige Gymnasium flammt wieder auf – Kretschmann in der Defensive

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STUTTGART. Die Frage, ob Kinder grundsätzlich in acht oder neun Jahren zum Abitur geführt werden sollen, ist ein politischer Dauerbrenner. Der Philologenverband hält das das achtjährige Gymnasium in Baden-Württemberg für gescheitert. Ministerpräsident Kretschmann bringt der Vorstoß in die Defensive.

Einer der letzten Verfechter von G8 in Deutschland: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Mitten in den Sommerferien ist eine Debatte über das achtjährige Gymnasium (G8) in Baden-Württemberg entbrannt. Während Ministerpräsident Winfried Kretschmann und andere Grünen-Politiker das G8 verteidigten, plädierten sowohl der Philologenverband als auch die oppositionelle SPD noch einmal für eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9. Bislang wird das Abitur an Gymnasien im Südwesten grundsätzlich nach acht Jahren gemacht. Viele Eltern klagen aber über zu viel Stress für ihre Kinder.

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Früher ins Studium? Viele Abiturienten legen erst einmal eine Pause ein

Der Landeschef des Philologenverbandes, Ralf Scholl, sagte am Freitag in Stuttgart, der Großteil der Abiturienten beginne das Studium nicht – wie erhofft – ein Jahr früher, sondern lege nach dem Abitur eine einjährige Pause ein, um sich zu orientieren. «Die Verkürzung der Gymnasialzeit im Rahmen des G8 ist in allen ihren Zielen gescheitert.» Der Verband vertritt die Gymnasiallehrer.

Er widersprach damit Ministerpräsident Kretschmann. Dieser hatte das achtjährige Gymnasium in einem Videointerview mit der «Stuttgarter Zeitung» und den «Stuttgarter Nachrichten» gegen Kritik verteidigt. Er erklärte, man müsse heute ein Leben lang lernen. Es sei sinnvoll, Schulzeit und Studium kurz zu halten.

Verbandschef Scholl meinte, eine großen Mehrheit der Schüler und Eltern wolle eine Wahlmöglichkeit zwischen dem acht- und dem neunjährigen Gymnasium. Die grün-schwarze Landesregierung ignoriere dies, obwohl sie ständig von einer «Politik des Gehörtwerdens» rede. Vor allem die Grünen schalteten bei diesem Thema einfach «auf Durchzug». Gerade in einer Zeit des lebenslangen Lernens sei eine bestmögliche Schulbildung als Grundlage wichtig, sagte Scholl.

G8-Gymnasium “ist tragende Säule unseres Schulsystems”

Der Philologenverband ist für eine Wahlfreiheit zwischen dem G8 und dem G9. Diese Haltung vertritt auch die SPD. Landeschef Andreas Stoch sagte: «Wir müssen jungen Menschen die notwendige Zeit geben, dass sie sich Wissen aneignen und gleichzeitig ihre eigene Entwicklung durchmachen können.» Kretschmann könne nicht die Augen davor verschließen, dass junge Menschen zwar mit siebzehneinhalb Jahren das Abitur hätten, aber Hochschulen und Unternehmen zunehmend über eine unzureichende persönliche Entwicklung der jungen Leute klagten.

Hingegen meinte Grünen-Landtagsfraktionschef Andreas Schwarz: «Das G8-Gymnasium hat sich als leistungsstarke Schule und tragende Säule unseres Schulsystems etabliert.» Ein neunjähriger Weg bis zum Abitur sei an den 44 Modellschulen, an Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe und über die Real- und Werkrealschulen mit anschließendem beruflichen Gymnasium möglich. Damit gebe es so viel Wahlfreiheit wie nie zuvor. dpa

Nur drei Gymnasien (von mehr als 600) wollen bei G8 bleiben

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6 KOMMENTARE

  1. Die Argumentation von Grünen-Landtagsfraktionschef Andreas Schwarz legt offen, dass G8 ihm vor allem deshalb wichtig ist, damit möglichst viele das Abitur über die Gemeinschaftsschulen und beruflichen Gymnasien angehen, weil sie nur dann 9 Jahre Zeit fürs Abi haben. Man muss die Bedingungen fürs Gymnasium so schlecht halten, dass die Alternativen gewählt werden. Das ist aus grüner Sicht vernünftig.

      • Das gälte nur, falls uns egal wäre, was die Schüler in ihrer Schulzeit lernen und in welcher Atmosphäre. Bildung – besonders Persönlichkeitsbildung – braucht auch Zeit. Wenn die Gitarrenstunden, die Mitarbeit im roten Kreuz und die lockereren Diskussionsstunden im Leistungskurs wegfallen müssen, damit die Schüler G8 mit guten Noten packen, dann hat es sich nicht gelohnt.

  2. Viele Gymnasiallehrer vermissen es, 13.Klässler zu unterrichten, mit denen ein “erwachsenerer” Umgang möglich war, sagen sie …. Sehr viele SuS wollen nach dem 8jährigen Abitur 1 Jahr lang etwas anderes machen, sich orientieren, weil sie noch nicht genau wissen, wo es beruflich hingehen soll. Bei manchen scheitern dann auch Pläne, weil sie noch nicht volljährig sind, z,B, als Au pair zu arbeiten oder andere längere Auslandsaufenthalte. Meine jüngere Tochter war einmal sechzehnjährig mit ihrer volljährigen großen Schwester in zu einem Musicalbesuch in Hamburg, da rief uns das Hotel an und machte Krawall wegen der Jüngeren. Wir mussten unsere Ausweise einscannen und an das Hotel weitergeben. Aber wenn Minderjährige allein an einen Studienort ziehen, kümmert das wohl niemanden.

  3. Sie schreiben über “viele”. Was ist mit den anderen? Warum stellt sich das “Problem” im Ausland außer Österreich nicht? Was ist mit denen, die nach 13 Jahren auch noch keine Ahnung haben?

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