Chaotischer Start in den Lockdown an Schulen – „Was hat das Bildungsministerium eigentlich in den letzten 9 Monaten gemacht?“

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DÜSSELDORF. Die coronabedingte Veränderung an den Schulen in Nordrhein-Westfalen ist chaotisch verlaufen. Positive Rückmeldungen waren nicht zu hören – stattdessen Frust, Verunsicherung, Vertrauensverlust. Auch in anderen Bundesländern herrscht ein wildes Durcheinander. In Schleswig-Holstein fragen  Eltern öffentlich, was das Bildungsministerium eigentlich in den vergangenen neun Monaten seit Beginn der Pandemie gemacht hat.

Das Chaos an den Schulen ist riesig – nicht nur in NRW. Foto: Shutterstock

Die kurzfristige coronabedingte Umstellung des Schulbetriebs für 2,5 Millionen Schüler in NRW ist am Montag nach überwiegender Einschätzung chaotisch verlaufen. Die Lehrergewerkschaft GEW forderte eine Einstellung des Unterrichts schon ab diesem Mittwoch. Dann solle nur noch eine Notbetreuung sichergestellt werden. «Alles andere ist mit den Beschlüssen zum harten Lockdown nicht vereinbar.» Auch aus der Elternschaft und von Schülervertretern kamen kritische bis frustrierte Stimmen.

Für die jüngeren Kinder der Klassen eins bis sieben habe sich die Wahlmöglichkeit zwischen Präsenz- und Distanzunterricht als «schwieriger Knackpunkt» erwiesen, sagte Anke Staar, Vorsitzende der Landeselternkonferenz. Viele Eltern hätten ihre Kinder aus Sorge vor Nachteilen doch wieder in die Klassenräume geschickt. Verwirrung habe es etwa darüber gegeben, ob Klassenarbeiten in den kommenden Tagen ausgesetzt würden oder doch geschrieben werden müssten.

Für die Lehrer sei die Lage belastend, weil sie parallel ein Angebot im Klassenraum aufrechterhalten müssten und zugleich Kinder zu Hause unterrichten sollten. «Es geht aber nur entweder, oder», unterstricht Staar. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollten nach Ansicht der LEK-Vorsitzenden auch über die Jahrgänge sieben hinaus weiter in die Schulen kommen dürfen.

Eine Doppelbelastung mit Präsenz- und Distanzunterricht ist für Lehrer nicht zu schaffen

Der GEW zufolge zeigen Rückmeldungen aus den Schulen am Montag eine äußerst schwierige Arbeitssituation. Es herrsche Verunsicherung unter Lehrkräften, Eltern und Schülern, teilte auch der NRW-Landesverband mit. Es sei unklar, wie es mit Klassenarbeiten aussehe, wie die Parallelität von Präsenz und Distanz organisiert werden solle, schilderte die GEW-Vorsitzende Maike Finnern. Klassenarbeiten und andere Leistungsüberprüfungen sollten in dieser Woche grundsätzlich gar nicht mehr stattfinden, mahnte sie.

Wichtig sei es nun, die nächsten Wochen intensiv zu nutzen, um für die Zeit nach den Weihnachtsferien zu einer verlässlichen Planung zu kommen. Dabei ist aus GEW-Sicht klar, dass eine Doppelbelastung mit Präsenz- und Distanzunterricht für Lehrer nicht zu schaffen sei.

Nach der Neuregelung haben bei Schülern der unteren Jahrgänge bis Stufe sieben Eltern die Wahl, ob die Kinder in der Schule oder von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen. Für ältere Schüler ab Klasse acht ist das Lernen zunächst bis zu den Ferien vollständig auf Distanz umgestellt, wie Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) erst am vergangenen Freitag mitgeteilt hatte.

Der Vizevorsitzende des Philologen-Verbandes NRW, Patrick Albrecht, sprach von teils chaotischen Zuständen. An manchen Schulen seien 80 bis 90 Prozent der Schüler in die Klassenräume gekommen, an anderen Schulen deutlich weniger. «Das Ergebnis ist, dass die Lehrkräfte extrem belastet sind, weil sie doppelte Arbeit leisten müssen», sagte Albrecht der dpa. Jeder Lehrer müsse gleichzeitig dieselbe Lerngruppe in Präsenz und in Distanz unterrichten.

„Die Stimmung an den Schulen ist schlecht, es ist enorm viel Vertrauen verloren gegangen“

Das funktioniert dem Philologen-Verband zufolge aber oft nicht, weil die Voraussetzungen fehlen. «Weder stehen die notwendigen Endgeräte zur Verfügung noch gibt es überall funktionierende Plattformen, außerdem sind vielerorts die Leitungen überlastet.» Die Schulen seien von der Neuregelung völlig überrascht worden. Die Information sei «quasi aus heiterem Himmel» erst nach Schulschluss am Freitag gekommen. «Fazit: Die Stimmung an den Schulen ist schlecht, es ist enorm viel Vertrauen verloren gegangen.»

Die Landesschülervertretung verlangte, dass in diesem Schuljahr niemand «sitzen bleiben» dürfe. Unter diesen Umständen könnten auch keine normalen Prüfungen stattfinden. Alle Schulabschlüsse müssten an die Situation der jeweiligen Schule angepasst werden. Nachdem das Schulministerium sich immer gegen Schulschließungen ausgesprochen habe, zeige sich nun, «dass die Landesregierung interne Absprachen offenbar für überflüssig hält». Lehrer und Schüler hätten keinen einzigen Tag Zeit bekommen, um sich um sich auf die neue Situation einzustellen, kritisierte Sophie Halley vom Landesvorstand.

Das Schulministerium reagierte auf die Verärgerung über die späte Information: «Die Kritik an sehr kurzfristig übersandten Schulmails prallt nicht an uns ab», schrieb Staatssekretär Mathias Richter am Sonntag in einer Mail an alle Einrichtungen: «Aber immer wieder in dieser Pandemie konnten wir bestimmte Entwicklungen nicht verlässlich genug und so frühzeitig vorhersagen, um rechtzeitig alle Beteiligten einzubinden.» News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zu Teil zwei des Beitrags: Auch in anderen Bundesländern herscht großes Durcheinander.

Die Kultusminister haben gezockt – Schüler, Eltern und Lehrer haben verloren

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23 KOMMENTARE

  1. Aber immer wieder in dieser Pandemie konnten wir bestimmte Entwicklungen nicht verlässlich genug und so frühzeitig vorhersagen, um rechtzeitig alle Beteiligten einzubinden.» News4teachers / mit Material der dpa
    Alles unwahr und faule Ausreden!!!!
    Die Kultusministerien (ALLE!!!!) wollten einfach nicht! Frechheit!!!

    • @Mama51

      Aber der Richter-Matze 🙂 hat sich doch auch gaaaanz lieb bei Schulen und bei uns Lehrern bedankt!
      Mehr DÜRFEN Lehrer sich doch gar nicht wünschen … Meiner Treu! Was fühlen wir uns da aber wertgeschätzt …
      „Schatz, können wir noch mal von vorne anfangen?“ – Nö du!

      Aber bemerkenswert, dass nach dem Machwerk von Freitagmittag am Sonntag kurz nach 14.00 Uhr kein „Wellenbrecher“, sondern so ein Pseudo-„Wogenglätter“ hinterkam.
      Da merkt man wohl, dass die Lunte von beiden Enden brennt?

      • Am Freitagabend im Interview in der Aktuellen Stunde machte Frau Gebauer gar nicht den Eindruck, dass sie Kritik in irgendeiner Weise anficht. Das war Borniertheit, Überheblichkeit und Uneinsichtigkeit pur. Die Frau hat das Amt so beschädigt, da kann der Richter-Matze gar nichts mehr richten. Ich sage auch: Nö du!
        War das wieder ein Wochenende mit Telefonaten etc. mit verunsicherten Eltern, der Vorbereitung der analogen Arbeitspläne für Zuhause-LernerInnen, die ja auch Absprachen mit den KollegInnen erforderten, der sonntäglichen Schlacht um den Kopierer in der Schule und der Vorbereitung des Präsenzunterrichts. Danke, Frau Gebauer, für NIX!
        Es wird LehrerInnen-Generationen brauchen, das verlorene Vertrauen in die Schulpolitik, die meinerseits nie groß war, wieder aufzubauen. Da haben Frau Gebauer und Herr Richter ganze Arbeit geleistet, von der sie sich in der Weihnachtspause sicher erst mal ausruhen müssen.
        Die Schulmail, wie es nach den Ferien weitergeht, erwarten wir frühstens am letzten Freitag in den Ferien, aber eigentlich am Sonntag, den 10.1.21…

    • Alles was hier geschrieben wurde stimmt: Die Ankündigung am Freitagnachmittag war für alle Beteiligten, sagen wir mal, suboptimal. Die LuL wurden von heute auf morgen in eine Situation katapultiert, die sie so nicht als Plan B aus den Schubladen ziehen konnten. Viele LuL arbeiten am Rande ihrer physischen und psychischen Belastungsgrenze. Die KM haben es versäumt, gemeinsam mit den Schulen tragfähige Konzepte zu entwickeln und die Rahmenbedingungen zu optimieren.

      AAAABER: Trotz all dieser berechtigten Kritikpunkte bin ich als Mutter derzeit einfach nur unglaublich erleichtert, dass ich endlich die offizielle Erlaubnis habe, meine Kinder nicht in den Präsenzunterricht zu schicken. Ich habe große Sorge, wie es im Januar weitergeht und finde, wir sollten uns jetzt nicht darauf konzentrieren, die Versäumnisse der vergangenen Monate zu kritisieren, denn genau diese Kritik werden die Damen und Herren der KMK im Januar als argumentatives Futter für die schnelle Rückkehr zur Präsenzpflicht unter bekannten Bedingungen heranziehen. Die dritte Welle lässt grüßen…

      Nun läuft der Präsenzunterricht mit parallelem Homeschooling seit erst einem Tag – insgesamt ist er (bislang) angekündigt für eine Woche. Wir alle, LuL, Eltern und SuS sollten das auch als Chance und Testlauf begreifen. Aus meiner Sicht ist jetzt nicht der Moment, die Fehler und Verantwortlichkeiten der vergangenen Monate zu hinterfragen, sondern (erste) tragfähige Ideen für die kommenden Monate zu entwickeln und zu zeigen, dass geteilter Unterricht nämlich doch geht.

      • Präzise!!! Ich stimme diesen Überlegungen umfänglich zu…die Kms haben offensichtlich beschlossen, mit aller Kraft gehen die KuK, die SuS und die nörgelnden Eltern abzuarbeiten…immer mit der Losung auf den Lippen:“Was motzt ihr jetzt schon wieder….ihr habt das doch so gewollt“

  2. Der Sommer war einfach zu schön… Warum sollte man sich in dieser Zeit mit dem unseligen Herbst / Winter und Vorausplanungen herumplagen? Wäre ja noch schöner!
    Planen und ad hoc Entscheidungen umsetzen dürfen Lehrer, die können alles, machen alles.
    Selbst in dieser Lage (Man bedenke, dass die „Schulschließungen“ am Mittwoch beginnen), lassen sich die KM Zeit.
    Peinlich, peinlich.

  3. Für jetzt:
    Wenn es etwas für die Gesamtlage bringen soll, muss sofort alles zu.
    Für alle anderen Lösungen ist es zu spät. Notlösungen an den Schulen könnten die Infektionslage noch verschärfen.

    Vor allem darf es nicht zu Schnellschüssen führen, die niemandem mehr vermittelt werden können – Klassenarbeiten nein, dann doch, dann wieder nicht, dann nur in manchen Jahrgängen, Neubildung von Gruppen wegen Lehrermangel (Pandemie????? Infektionsschutz durch reduzierte Schülerzahl????????????), Mails nach Schulschluss am Freitag, dann übers Wochenende alle paar Stunden, dann wieder neu, wieder anders, doch nicht, geht nicht, wollen wir doch, die Eltern jetzt aber nicht, also alles canceln und neu, Dienstbesprechungen und Konferenzen bleiben (????? s.oben ???????????), Eltern zufriedenstellen, Kinder zufriedenstellen, Benachteiligten Sonderbedingungen (das ist jetzt auch zu spät) oder doch nicht………..

    Fürs neue Jahr:
    Endlich klare Inzidenzwerte für verbindliches schulisches Handeln, klare Rahmenbedingungen für Wechselunterricht, Einsatz verbliebener Lehrkräfte, Spielraum für pädagogische Entscheidungen (benachteiligte Gruppen), klare Regeln für Arbeitsbelastung der Lehrkräfte, Regelungen für Präsenzveranstaltungen wie Konferenzen, Noten oder nicht, Klassenarbeiten oder nicht, wie viele, welche Gewichtung, schließlich Versetzungen und Abschlüsse…

    Es kann nicht sein, dass jeder Schulleiter nach jedem Einfall der KM Schule neu erfinden muss.
    Das kostet unendlich Ressourcen, die den Schülern oder der Qualität des Unterrichts am Ende verloren gehen.
    Wir rennen immer noch dem toten Pferd hinterher, um es auf Teufel komm raus zu reiten…

  4. Am Freitag hab es schon die passende Information?? In Brandenburg erfuhren Lehrer und Eltern am Sonntag aus der Pressemitteilung des Bildungsministerium, wie es ab Montag weitergehen sollte.

    • Aber immerhin an dem Sonntag, der dem folgenden Montag voran geht, und nicht erst am Sonntag, der im Laufe der Woche auf den Montag folgt. – Also worüber beschweren Sie sich?
      Da Ihr Dienstherr Sie ja nicht verpflichten kann, dienstliche Emails am „freien“ Wochenende zu lesen, blieb diesem als verantwortungsvollem und um Fürsorge für seine Bediensteten bemühten Dienstherren ja nucr die Möglichkeit, die Betroffenen über den ÖR sowie die Printmedien als lokale Bekanntmachungsanzeiger zu informieren. Dass Sie das auch nicht verstehen können bzw. wollen …:))))

  5. Die Frage, „Was hat das Schulministerium eigentlich in den letzten 9 Monaten gemacht?“, ist ganz einfach zu beantworten.
    NICHTS, jedenfalls nichts Sinnvolles. Das Chaos jetzt war also vorprogrammiert!
    Dass die berühmte 2. Welle kommen würde, war der Wissenschaft schon lange klar und unvermeidbar, und es wurde auch oft genug davor gewarnt.
    Aber wie so oft in der Politik, Augen zu und durch: „Was nicht sein darf, ist nicht!“ „Was interessiert mich meine Geschwätz von gestern.“
    Daran wird sich leider auch zukünftig nichts ändern, solange sich die Ignoranz der Verantwortlichen gegen simplen Sachverstand behauptet.

    • Na, die ist von den Fleißigen dann durchgefüttert worden…wobei sie diesen dann weiter ihre alte Leier vorgetragen hat…..frage mich gerade, ob ich das bisschen Musik, das ich hören will dann nicht lieber selber mache….

  6. Zitat Laschet von gestern:
    „Das hat die Pandemie in diesem Jahr gelehrt: Jegliche Prognose (…), die über vier Wochen ausgerichtet ist, geht schief“, sagte er. „Es ist meistens anders gekommen, als Experten geraten haben und als wir selbst auch in unseren Verordnungen festgelegt haben.“

    Wie dreist! Richtigerweise hätte es heißen müssen:
    „Es ist anders gekommen, als die Experten, auf die wir uns zu hören entschieden haben geraten haben.“
    Oder noch korrekter:
    „Es ist anders gekommen, als die Experten, die bereit waren zu sagen, was wir hören wollten, geraten haben.“

    • Korrekt!

      Wer wollte konnte die Warnungen für den Herbst und Winter bereits seid Monaten hören. Das wir uns keine Sorgen machen müssen, hat kein einziger vernünftiger Wissenschaftler gesagt. Lediglich in Dringlichkeit und im Ausmaß gab es Unterschiede.

      Und wenn ich verantwortlicher Entscheider für so viele Menschen bin, dann hätte ich nicht nur auf die gehört deren These mir in den Kram passt, sondern hätte mich breit gefächert genau informiert. Das hätte mich zumindest zu der Entscheidung geführt – wenn die positiven Stimmen recht haben können wir mit wenig Kotelateralschäden durchschliddern aber ich muss definitiv festgezurrte, realisierbare und innerhalb von 1 Woche umsetzbare Pläne in der Schublade haben, die ich in der Praxis auch teste. Und das bis runter zur kleinsten Einheit.

      Und dass das nicht passiert ist verstehe ich nicht und werde es auch nie verstehen.

      • Ich bitte um Verständnis für das Wort Kotelateralschaden. Mir ist klar, dass es sich hier um Tote, Langzeitgeschädigte und Langzeiterkrankte handelt.

        Ich selber, als auch meine Kinder, haben persönlich genug Erfahrungen mit dem zu frühen Tod von Familienmitgliedern machen müssen, so dass wir genau wissen welches Leid das bedeutet.

  7. In Bayern melden sich die Schulämter bis zum 9.1. ab ( …sind bis zum 9.1.2021 weder telefonisch noch per Mail erreichbar). Die Schulleitungen bekommen von den Regierungen die Anweisung, ab 5.1.2021 durchgängig per Mail, telefonisch, … erreichbar zu sein. Das verstehe wer will.

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