Wegen Corona: Zeugnisse aus dem Kofferraum heraus – SPD beklagt Notendruck

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KIEL. Trotz Corona-Pandemie gab es vielerorts Halbjahreszeugnisse. Mitunter auf ungewöhnliche Art und Weise – auf dem Parkplatz oder aus dem Fenster heraus. Die SPD beklagt zu großen Notendruck.

Zeugnisse geben Orientierung, bieten aber keine konkrete Hilfestellung. Foto: Dirk Vorderstraße / flickr (CC BY 2.0)
Nicht alle Schüler konnten sich über gute Noten freuen. Foto: Dirk Vorderstraße / flickr (CC BY 2.0)

Die Lehrer der Beruflichen Schule des Kreises Pinneberg etwa hätten die Zeugnisse am Freitag auf verschiedene Weise ausgehändigt, sagte Schulleiter Ulrich Krause. «Wir geben unter anderem durch die Fenster im Erdgeschoss unsere Zeugnisse aus. Wir empfangen Schüler, die mit einem Auto kommen, auch auf dem Parkplatz.» Dabei hätten die Lehrer die Zeugnisse aus Gründen der Distanz in den Kofferraum der Wagen gelegt. In Einzelfällen seien Schüler auch ins Schulgebäude gelassen worden.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) sprach von einem fordernden Schulhalbjahr. «Danke an alle, die an Schulen arbeiten, an Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler.» Sie hoffe, dass «so bald wie möglich wieder möglichst viele in der Schule lernen und lehren können».

„Es hat mich unglaublich gefreut, die Kleinen mal wieder zu sehen“

Laut dem Ministerium konnten Schüler ihr Zeugnis mit Termin in der Schule abholen. Als weitere Möglichkeiten hatte Prien den Schulen Telefon/Videokonferenz genannt, wobei das schriftliche Zeugnis bei Beginn des Präsenzunterrichts übergeben werden soll. Auf Wunsch der Eltern konnten die Schulen eine Kopie des Zeugnisses per E-Mail verschicken. Nur in Ausnahmefällen sollte das Original per Post versandt werden.

Lockdown-Not machte auch in Niedersachsen erfinderisch: An der Oberschule Rodenkirchen in der Gemeinde Stadland in der Wesermarsch bekamen Schüler ihre Leistungsnachweise am Freitag aus dem Fenster des Schulsekretariats gereicht – mit Mund-Nasen-Schutz und Abstand. «Zeitweise war es ein bisschen stressig, aber so haben die Schüler ja ihre Zeugnisse bekommen und das ist doch die Hauptsache», sagte Schulsekretärin Kerstin Schermer. «Es hat mich unglaublich gefreut, die Kleinen mal wieder zu sehen.» Doch viel Zeit zum Plaudern sei bei dem Andrang kaum geblieben. Nach und nach traten Schülerinnen und Schüler der Jahrgänge 5 bis 10 an das Fenster und gaben Name und Klasse an. «Bei manchen mit besonders vielen Einsen, habe ich natürlich auch noch einmal gelobt», sagte Schermer.

„Es scheint Klassen zu geben, in denen bei der Hälfte aller Schülerinnen und Schüler die Versetzung bedroht ist“

Da der Präsenzunterricht weitgehend ausfällt, müssen Schulen sich insbesondere für die mittleren Jahrgänge kreative Zeugnis-Übergaben einfallen lassen. Laut niedersächsischem Kultusministerium gibt es dafür keine Vorgaben – jede Schule regelt dies eigenverantwortlich. Neben der Fenster-Ausgabe sei auch eine Übergabe in durchlüfteten Klassenräumen und eine Zustellung per Post oder E-Mail möglich. Bis kommenden Freitag (5.2.) sollen alle Zeugnisse verteilt sein.

Der schleswig-holsteinische SPD-Bildungspolitiker Martin Habersaat verwies auf Schüler, die zu Hause traurig auf den Hinweis einer gefährdeten Versetzung blickten. «Es scheint Klassen zu geben, in denen die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler betroffen ist.» Damit werde neben den Schwierigkeiten der Pandemie «zusätzlicher Druck auf junge Menschen aufgebaut». Es bestehe die Gefahr, dass Schüler dauerhaft abgehängt werden. «Deshalb brauchen wir ein umfassendes Maßnahmenpaket, das die Gefahr der sozialen Spaltung im Schulbereich minimiert.» News4teachers / mit Material der dpa

Wenn der Lehrer an der Haustür klingelt: Millionen Schüler bekommen Zeugnisse – manche per Zustelldienst durch die Schule

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8 KOMMENTARE

  1. Die Frage ist, warum es ein einzelnen Klassen so viele Schüler gibt, die seit Februar 2020 die Schule haben schleifen lassen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, die Versetzung 19/20 zu verschenken. Das rächt sich jetzt oder anders formuliert: „Geliefert wie bestellt“

    • Kann ich nur bestätigen. Bei mir machen genau die SuS „schlapp“, die im ersten Lock-down abgetaucht sind, später trotz Nichtversetzung versetzt wurden und dann meinten, sie hätten dadurch einen Freischein fürs Nichtstun. Das Ganze Nichtversetzen ist eine schlechte Strategie und macht eigentlich die Gräben tiefer (von wegen Bildungs- und Chancengerechtigkeit). Und wissen Sie was, Georg, wir an der Front, die unsere Schätzchen kennen, werden dazu einfach nicht gefragt….

  2. Zitat: „Laut dem Ministerium konnten Schüler ihr Zeugnis mit Termin in der Schule abholen. Als weitere Möglichkeiten hatte Prien den Schulen Telefon/Videokonferenz genannt, wobei das schriftliche Zeugnis bei Beginn des Präsenzunterrichts übergeben werden soll. Auf Wunsch der Eltern konnten die Schulen eine Kopie des Zeugnisses per E-Mail verschicken. Nur in Ausnahmefällen sollte das Original per Post versandt werden.“

    Ich finde das akzeptable und praktische Möglichkeiten.

  3. Es fielen bei uns 6 Wochen Präsenz weg. Alle SuS, die in Distanz geliefert haben, wurden von mir üppig belohnt. Die Leistungsverweigerer oder gemäßigt Motivierte stechen jetzt halt mehr heraus als vorher. Aber ich habe bei denen die bisherige Leistung gewürdigt.
    Und ich baller die Schüler mit Aufgaben auch nicht zu, sondern versuche mit Augenmaß Material zu verteilen. Lieber präzise und wenige Aufgaben, als eine Materialschlacht auszurufen.

    Durch die Pandemie wird einfach nur alles sichtbarer, was an Problemen schon da war.

    Das Abtauchen fällt nun mehr auf, als wenn SuS im Klassenzimmer sitzen, aber trotzdem keine Leitung zeigen – neben die der Anwesenheit. In NRW ist allein die Anwesenheit eine -hust- Vier in der SoLei.

  4. Die SPD würde am liebsten auch die gesamte Leistungsbewertung abschaffen. Ja, gerade in Grundschule und Sek I ist Leistungsbewertung ein kontroverses Thema. Wir bereiten die SuS aber letztlich auf eine Leistungsgesellschaft vor, die unserem Land überhaupt erst zu dem Wohlstand verholfen hat. Und ich für meinen Teil finde es immer noch besser, darauf in der Schule vorzubereiten, als das böse Erwachen nach der Schule in Beruf oder Studium kommen zu lassen.

    • Jetzt aber auf Biegen und Brechen die Schüler durch das verkorkste Schuljahr zu schleusen und in der Situation Noten zu vergeben (wie auch immer man die finden will!) ist aber auch nicht die Lösung.

  5. Die Notenvergabe ist doch immer schwierig. Da müssen wir uns doch nur in unsere eigene Zeit als Schüler zurückversetzen. Ja, bei manchen schien es pure Anwesenheit zu sein, aber oft auch als Selbstschutz vor den Klassenkameraden. Es ist nicht immer alles so einfach, wie es scheint. Nicht jeder stille Schüler ist ein Komplettversager. Vielleicht sollte man da jetzt schauen, ob nicht das ein oder andere Kind im Distanzunterricht ohne die anderen aufblüht.

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