Gebauer: Mehr Lehrer für Schulen in Brennpunkten – GEW: „Nullsummen-Spiel“

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DÜSSELDORF. Schulen in sozialen Brennpunkten müssen besondere Herausforderungen meistern. Deshalb sollen sie in Nordrhein-Westfalen mehr Stellen bekommen, damit die Schüler besser gefördert werden können. Schafft das insgesamt mehr Chancengerechtigkeit oder nur neue Ungerechtigkeit anderswo?

Bonjour tristesse: Bild aus Duisburg-Marxloh. Foto: Sascha Kohlmann (CC BY-SA 2.0) Wikimedia Commons
Bonjour tristesse: Bild aus Duisburg-Marxloh. Foto: Sascha Kohlmann (CC BY-SA 2.0) Wikimedia Commons

Schulen in sozialen Brennpunkten sollen in Nordrhein-Westfalen künftig eine bessere Lehrerausstattung erhalten. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) sprach am Dienstag in Düsseldorf bei der Vorstellung des Konzepts «schulscharfer Sozialindex» von einem großen Schritt zu mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit. Damit könnten erstmals unterschiedliche soziale Zusammensetzungen in den einzelnen Schulen ermittelt, mit einer besseren Ausstattung reagiert und Stellen gerechter nach sozialen Aspekten verteilt werden.

SPD und Grüne kritisierten, es werde nur umverteilt statt zusätzliche, dringend benötigte Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht nur «ein Nullsummen-Spiel».

Die CDU-Landtagsfraktion hielt dagegen: «Unterstützung kommt genau da an, wo sie gebraucht wird.» Laut wissenschaftlichen Berechnungen der Ruhr-Universität Bochum hätten rund 300 Schulen in NRW eine besonders hohe Belastung und bräuchten spezielle Hilfe. «Die werden sie dank eines satten Stellenzuwachses für sozialpädagogische Fachkräfte erhalten», unterstrich die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Claudia Schlottmann.

Nach Angaben der Schulministerin werden den Schulen mit besonderem Bedarf im kommenden Schuljahr in einem ersten Schritt insgesamt rund 5200 Stellen nach den neuen Regeln zugewiesen. Davon würden 3260 Stellen gegen Unterrichtsausfall, für Vertretungsaufgaben und für besondere Förderaufgaben eingesetzt.

Darunter seien auch 360 Stellen, die Schulen in den Indexstufen 6 bis 9 zugewiesen werden, die Indexstufe 9 ist die höchste. Insgesamt seien auch rund 1500 sogenannte Integrationsstellen enthalten für Sprachbildung und Sprachförderung. Rund 450 Stellen sind für Sozialpädagogische Fachkräfte an den Grundschulen eingeplant, die zusätzlich geschaffen worden seien.

«Ich meine, dass wir zu lange hier bei uns die Augen vor Missständen verschlossen haben»

Im Detail erfolgt die Zuordnung der Schulen in die Indexstufen nach vier Indikatoren: Kinder- und Jugendarmut im Einzugsgebiet der Schule, Anteil der Schüler mit nichtdeutscher Familiensprache, Anteil der Schüler mit Zuzug aus dem Ausland sowie Anteil der Schüler mit Förderschwerpunkten Lernen, emotionale und soziale Entwicklung und Sprache. Die Schule werde dann über ein statistisches Verfahren einer Indexstufe von 1 bis 9 zugeordnet. Nach einer Ministeriumsübersicht befinden sich 3 Prozent aller Schulen in den Indexstufen 7 bis 9 mit dem höchsten Bedarf. Rund 75 Prozent aller Schulen könnten den Stufen 1 bis 3 mit einem im Vergleich geringeren Bedarf zugeordnet werden.

Gebauer betonte, dass sie für eine faktenbasierte Bildungspolitik stehe. «Ich meine, dass wir zu lange hier bei uns die Augen vor Missständen verschlossen und tatsächliche, unausweichliche, sicherlich manchmal auch unangenehme Zahlen wie Gegner betrachtet haben.» Der von der rot-grünen Vorgängerregierung genutzte Kreissozialindex habe Unterschiede innerhalb einer kreisfreien Stadt wie dem Norden und Süden in Essen nicht abgebildet und sei nur für eine kleinere Stellenzahl zum Einsatz gekommen. Staatssekretär Mathias Richter betonte, dass die neue Regelung nicht zu Lasten anderer Schulen gehen solle. Der Grundbedarf bleibe unangetastet.

SPD und Grüne sehen keinen Mehrwert für die Schullandschaft. SPD-Landtagsfraktionsvize Jochen Ott sprach von einem «billigen Taschenspielertrick». Anstatt neue Stellen zu schaffen, würden nun die Stellen gegen Unterrichtsausfall und die Integrationsstellen umverteilt. Tatsächlich müssten dauerhaft mehr Stellen geschaffen werden, forderte er. Schulen der Standortstufen 4-9 benötigten «mindestens 20 Prozent mehr Stellen». Ähnlich äußerten sich die Grünen und die GEW.

Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Sigrid Beer, warf Gebauer zudem vor, sie habe es versäumt, Lehramtsstudierende ebenso wie Künstler, Handwerker oder Jugendarbeiter zur Unterstützung der Schulen zu gewinnen. Allein im vergangenen Jahr seien wegen unbesetzter Stellen mehr als 266 Millionen Euro an das Finanzministerium zurückgeflossen, die für Stellenkontingente vorgesehen gewesen seien. Diese Mittel müssten für die Schulen jetzt beim Sozialindex genutzt werden, forderte sie. News4teachers / mit Material der dpa

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8 KOMMENTARE

  1. Was sagt denn Herr Möller dazu, der uns vor einiger Zeit hier den Sozialindex mitsamt Ressourcenverteilung in Hamburg wärmstens empfohlen hat? Eine Internet-Recherche ergab, dass auch in Hamburg von einer SPD-geführten Regierung Lehrerstellen nur umverteilt werden, um dem Sozialindex gerecht zu werden. Genau das aber kritisieren SPD und Grüne in NRW. Es ist halt Wahlkampf.

  2. „Gebauer betonte, dass sie für eine faktenbasierte Bildungspolitik stehe. «Ich meine, dass wir zu lange hier bei uns die Augen vor Missständen verschlossen und tatsächliche, unausweichliche, sicherlich manchmal auch unangenehme Zahlen wie Gegner betrachtet haben.“

    Soso, das hat Poison Yvi also heute herausposaunt?

    Faktenbasiertes Augen vor Missständen verschließen kann sie – das ist eine ihrer absoluten Kernkompetenzen…mein Gott!

    Wie kann ein Mensch sich so dermaßen entblöden, nachdem sie seit über einem Jahr einen völlig erratischen Schlingerkurs in Anbetracht unleugnenbarer Realitäten hinlegt.

    Die Frau gehört ganz dringend in ärtzliche oder psychologische Behandlung – je nachdem, ob man das Ganze medikamentös oder über eine Verhaltens- oder Gesprächstherapie in den Griff bekommen möchte. Auf alle Fälle muss sie aus dem Amt. Denn bei ihr scheint dabei auch der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt mitzuspielen:
    Inkompetenten Menschen fehlt leider auch die Kompetenz, ihre Inkompetenz zu erkennen.

  3. Als Lehrer an einer Brennpunkteschule kann ich sagen, dass das totaler Quatsch sein würde. Wieso? Weil ich es seit Jahren live erleben darf, dass unsere weniger schlimme Nachbarschule seit Jahren von der örtlichen Verwaltung als Brennpunkt gesehen wird, unsere Schule an der deutlich mehr passiert aber nicht.

    Solange weiterhin nur Flaschen in diesem Land entscheiden, was als was betitelt werden darf, bringt das gar nichts. Von dem offensichtlichen Lehrermangel noch gar nicht gesprochen…

    Jeder KuMi, der während Corona sein Amt geleitet hat, sollte aus dem Land geprügelt werden. Habe nicht eine/n erlebt, der sich an wissenschaftliche Empfehlungen gehalten hat. Diese hätten Vorrang vor allem anderen haben sollen (sage ich deswegen, weil das offensichtliche Hintern-Küssen der Wirtschaft alles schlimmer gemacht hat für Lehrer wie Schüler wie Eltern…).

  4. Eine Erneuerung und Verbesserung des Schulsystems in Deutschland darf nicht den KuK überlassen werden. Die Gesellschaft muss sich insgesamt dafür entscheiden, Schule mehr Bedeutung beizumessen, unabhängig, ob eigene Kinder oder Enkel gerade in der Schule sind oder nicht. Es muss richtig Geld fließen, um bundesweit versiffte Klos, schimmelnde Wände, tropfende Wasserhähne und kaputte Fenster zu ersetzen. Im Moment wird schon das Vorhandensein von WLAN als Sensation abgefeiert, es muss doch eine Selbstverständlichkeit sein. Der mangelnde Respekt vor den in Schulen arbeitenden Menschen ist auch ein gesellschaftliches Problem in Deutschland, der Neid auf Beamte wird kräftig geschürt (ich bin keine Beamtin!) und somit fehlt irgendwann jede Motivation. Zu den vielen engagierten LehrerInnen kommen, wie in jedem Beruf auch, weniger engagierte. Die soziale Schieflage in einigen Stadtteilen wird ausschließlich von engagierten Lehrkräften an Schulen bewältigt, oft bis über deren Kräfte hinaus. Ich kenne Eltern, die noch nicht mal Bock darauf haben, ein Leihgerät für ihre Kinder in der Schule abzuholen, selbst das ist denen zuviel. Dennoch schere ich nicht alle Eltern über einen Kamm. Wir brauchen im nächsten Jahrzehnt einen handfesten Soli für das Bildungssystem, und wer das ablehnt, sollte sich in der Diskussion besser zurückhalten. Wir haben jahrzehntelang einen Soli gezahlt, das geht jetzt für einen anderen, gesamtgesellschaftlichen Zweck auch.

  5. Sozialindizes sind ja jetzt die neue Wunderwaffe. Hier steht, worauf dieser Index in Hamburg basiert:
    https://www.hamburg.de/bsb/hamburger-sozialindex/4025318/artikel-faq-sozialindex
    Da geht der Anteil der Familien mit nicht-deutscher Muttersprache ein, also ein hausgemachtes Problem durch eine seltsame Zuwanderungspolitik der letzten 50 Jahre.
    Ferner geht der Hartz-IV-Anteil ein, sodann der Anteil der Abiturienten. Offenbar verbessert sich der Index allein schon dadurch, dass man mehr Abiturzeugnisse verteilt. Nur zu! Und schließlich geht die Wahlbeteiligung bei der letzten Landtagswahl ein. Das ist nur verrückt, denn offenbar bekommen die Schulen in einem Bezirk dann besonders viele Ressourcen, wenn die Wahlbeteiligung dort besonders niedrig ist. Oder sollte es umgekehrt sein?

  6. Es hilft aber auch nicht, wenn ein Gymnasiallehrer mit A14 für ein Jahr abgeordnet wird, der kurz vor der Pension steht und wegen hoher Fehlzeiten immer vertreten werden muss.
    Naja, auf dem Papier sieht es ja dann gut aus.

  7. Mehr „Leere“ in Brennpunkten und deren Schulen wäre erheblich besser. Bessere Bildungschancen werden mit kleineren und weniger Brennpunkten – und ohne FDP natürlich – viel leichter zu erreichen.

  8. Aber die FDP in NRW hat doch gerade erst ihr Herz für bildungsferne Kinder entdeckt! Jedenfalls werden ihre empathischen Vertreter nicht müde, das zu betonen. Wo ist eigentlich der Ministerpräsident des Landes, etwa in Quarantäne oder in Berlin, an der ganz großen Karriere basteln? Impfmobile für alle Stadtteile besorgen?

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