Ein Schuljahr zum Vergessen!? Auf welche pädagogischen Grundsätze es jetzt ankommt

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DÜSSELDORF. Können wir eine Bildungskatastrophe noch verhindern? Ja, sagt Klaus Zierer, viel Zeit bleibe allerdings nicht. Der Professor für Schulpädagogik an der Uni Augsburg gehört zu den renommiertesten Bildungsforschern Deutschlands. In seinem aktuellen Buch hat er sich unter anderem mit den Kollateralschäden der Pandemie auseinandergesetzt und konkrete Vorschläge erarbeitet, wie der drohende Bildungsnotstand doch noch abzuwenden sein könnte. Für News4teachers hat er im folgenden Beitrag seine Bestandsaufnahme zusammengefasst – und stellt fünf Forderungen an die Bildungspolitik. Im Folgenden: Teil zwei der Analyse.

Hier geht es zu Teil eins des Beitrags.

Wie bekommen wir Schule und Schüler aus dem Leistungsloch? Foto: Shutterstock

Ein Jahr zum Vergessen – wie wir die Bildungskatastrophe nach Corona verhindern, Teil zwei

… Sicherlich hätte das eine oder andere schon längst passieren können, ja müssen. Aber lieber spät als nie. Denn jeder Schritt, um die drohende Bildungskatastrophe abzufedern, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Langfristig braucht es dafür aber mehr als die genannten Maßnahmen. Denn die Corona-Krise hat viele Schwachstellen im Bildungssystem offengelegt. Ein pädagogischer Masterplan, der Bildungsgerechtigkeit ins Zentrum rückt, ist überfällig. Da es pädagogische Grundsätze gibt, die in allen Lebenslagen ihre Gültigkeit haben, ist eine Orientierung daran hilfreich:

  1. Bildung, nicht Lernen: Wann immer bildungspolitische Entscheidungen getroffen werden, dürfen wir Schule nicht auf Lernen reduzieren. Vor Bildschirmen lässt sich in der Tat vieles lernen. Aber damit es zu Bildung wird, ist ein Austausch über das Gelernte notwendig – und diesen Austausch können Maschinen nicht ersetzen. Dies gilt gerade für Lernende aus bildungsfernen Milieus. Die Sinnhaftigkeit vieler Lehrplaninhalte ist heute fraglich und oft Ergebnis einer falsch verstandenen Tradierung, die zu einer Überfrachtung von Lehrplänen geführt hat. Daher die erste Forderung: Entrümpelt die Lehrpläne, damit Kinder und Jugendliche nicht nur etwas lernen, sondern sich bilden. Das Anliegen ist dabei nicht, Schule leichter zu machen, sondern herausfordernder, weil sinnvoller.
    Verlosungsaktion
    Homeschooling und Unterrichtsausfall haben teils verheerende Auswirkungen nicht nur auf den Bildungsstand, sondern auch auf die körperliche und emotionale Verfassung von Schülerinnen und Schülern. Zu diesem alarmierenden Befund kommt Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg und ehemaliger Grundschullehrer, nach Analyse der vorliegenden Daten aus vergleichbaren Ländern.

    In seinem jetzt erschienenen Buch „Ein Jahr zum Vergessen“ bleibt der renommierte Wissenschaftler – der auch schon gemeinsam mit dem weltweit wohl bekanntesten Bildungsforscher, dem Neuseeländer Prof. John Hattie, gemeinsam publiziert hat, nicht beim Alarmismus stehen, sondern erarbeitet konkrete Vorschläge, für deren Umsetzung es höchste Zeit ist, wenn eine Bildungskatastrophe abgewendet werden soll.

    News4teachers verlost fünf Bücher – unter denjenigen Leserinnen und Lesern, die uns einen Kommentar oder einen Erfahrungsbericht zum Beitrag schicken. War das vergangene Schuljahr wirklich zum Vergessen für die Bildung? Die Kommentare möchten wir (ohne Namensnennung!) gebündelt in einem Artikel veröffentlichen: redaktion@news4teachers.de, Betreff: „Zierer“.  Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

    Klaus Zierer
    Ein Jahr zum Vergessen
    Wie wir die Bildungskatastrophe nach Corona verhindern
    Softcover, gebunden mit Schutzumschlag, 128 Seiten
    12.00 € (DE) / 12.40 € (AT) / 17.90 SFr (CH)
    ISBN 978-3-451-07228-4 HERDER 2021

    Als E-Book:
    9.99 € (DE) / 9.99 € (AT) / 12.00 SFr (CH)
    ISBN 978-3-451-82585-9 HERDER 2021

  1. Evidenz statt Eminenz: Meinungen sind keine Erkenntnisse, und aktuell wird nicht selten das pädagogische Anliegen von einem virologischen Argument, einem Verbandsinteresse oder einem politischen Motiv überlagert. Bildungsgerechtigkeit ist damit nur selten das Leitmotiv. Die zweite Forderung lautet daher: Gründet einen Bildungsrat, aber nicht nur aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – die Lehren aus dem Deutsche Bildungsrat weisen darauf hin –, sondern mit Pädagoginnen und Pädagogen aller Couleur, damit Kinder und Jugendliche Anwälte der Bildung bekommen.
  1. Präsenz vor Distanz: Bereits vor Corona gab es Distanzunterricht, so dass Forschungen hierzu seit Jahrzehnten vorliegen. Das Ergebnis ist eindeutig: Bei gleicher Qualität ist Präsenzunterricht nicht zu ersetzen. Die Maxime, Schulen, solange es geht, offen zu halten, ist aus pädagogischer Sicht über jeden Zweifel erhaben. Somit heißt die dritte Forderung: Investiert in alle wirksamen Hygienemaßnahmen an Schulen und bitte mit Wumms, damit Kinder und Jugendliche in die Schule gehen können.
  1. Pädagogik vor Technik: Aus der Bildungsforschung wissen wir, dass die digitale Technik allein keine Bildungsrevolutionen hervorrufen wird. Das soll die Notwendigkeit einer digitalen Ausstattung von Schule nicht infrage stellen, aber doch so weit relativieren, dass erst die Professionalität der Lehrpersonen diese zum Leben erwecken kann. Ein besonderes Augenmerk ist dabei auf die Medienerziehung zu lenken, denn immer deutlicher wird: Es mangelt vielerots nicht mehr an Technik, sondern an der Kompetenz und Haltung, Technik sinnvoll zu nutzen – dies gilt insbesondere in bildungsfernen Milieus. Daher heißt die vierte Forderung: Digitalisiert die Schule so viel wie nötig und sorgt dafür, dass Kinder und Jugendliche digitale Medien mit einem erkennbaren Mehrwert erfahren und erleben können. Andernfalls kann Digitalisierung zu einem Treiber für Bildungsungerechtigkeiten werden.
  1. Teamarbeit statt Einzelkämpfertum: Bildungserfolg ist nie die Sache des Einzelnen. Den Elternhäusern kommt eine zentrale Rolle zu. Wenn in der Krise ihre Kooperation auf null gefahren wird, dann schadet man vor allem Kindern und Jugendlichen aus dem bildungsfernen Milieu – auf längere Sicht aber auch der ganzen Gesellschaft. Gleichzeitig gibt es überall in Deutschland Schulen, die die Krise auch pädagogisch bestens bewältigen konnten. Was ist deren Geheimnis? Nicht die Technik. Nicht die Lage. Es ist ein Kollegium, das mit einer Vision geführt wird und als Team agiert. Und so lautet die letzte Forderung: Formuliert eine Bildungsagenda 2050, an der sich die Lehrerbildung künftig orientiert.

Trotz aller Kritik hat die Bildungspolitik im vergangenen Jahr eine Reihe ihrer Hausaufgaben gemacht. So gibt es Szenarien mit unterschiedlichen Hygieneplänen, zusätzliche Gelder für die Digitalisierung und Pläne für Schnelltests. So wichtig das ist: Schulen sind keine Krankenhäuser, sondern Bildungsorte. Ein pädagogischer Masterplan ist nach wie vor vonnöten. In dessen Zentrum muss die Frage der Bildungsgerechtigkeit gestellt werden Denn, wie es John F. Kennedy formulierte: Nur eines ist auf Dauer teurer als Bildung: keine Bildung.

Hier geht es zum ersten Teil des Beitrags.

Der weltweit prominenteste Bildungsforscher im Interview: Was bringt die Digitalisierung der Schulen, Herr Hattie? „Viel – wenn…“

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5 KOMMENTARE

  1. Punkt 1: Banal und allgemein, schon millionenfach geäußert. Was soll konkret gekürzt werden? Ändert sich überhaupt etwas am Schulalltag, wenn im Lehrplan ein paar Spiegelstriche umformuliert werden? Zweifel sind angebracht: Die Fachanforderungen (aka Fake-Anforderungen) in SH waren ja angeblich totaaal neu und revolutionär und kompetenzmäßig total individuell inklusiv … oder so ähnlich. Der Unterricht hat sich dadurch jedenfalls nicht merklich verändert. Was also soll die Forderung?

    2. Genauso spektakulär: noch ein Gremium mit Leuten, die wissen, wie es geht. Wow.

    3. Wo bleibt die Differenzierung? Eine große Gruppe von SuS hat vom Distanzlernen profitiert – mutmaßlich die Leistungsträger von morgen. Keine Erwähnung wert?

    4. Aha, Computer ALLEINE machen noch keinen Unterricht… vielen Dank, endlich sagt‘s mal einer, wir hatten schon das halbe Kollegium gegen Roboter eingetauscht.

    5. Warum, wie und wodurch genau „wurde die Kooperation der Eltern“ (mit wem?) „auf null gefahren“? Wo war sie denn vorher? Und was hat das mit einer Bildungsagenda/ der Lehrerbildung zu tun? Der semantische Gehalt ist bei diesem Punkt – sofern vorhanden – besonders raffiniert versteckt. Trotz mehrfacher Lektüre war nichts dergleichen zu finden.

    —> Ein Beitrag der Schulpädagogik, der meinen Erwartungen (=keine) voll und ganz gerecht wird: Warme Worte, die darauf setzen, dass das Publikum nach dem ersten Halbsatz sanft entschlummert.

    —> mehr Teil des Problems als der Lösung

    • „mehr Teil des Problems als der Lösung“
      Tja, der Gedanke hat was. Kann ihn aber nicht zu Ende führen, wo ich grad so schlummerig bin.

  2. Als Lehrerin an einer Grundschule, in welcher grade in den Hauptfächern Vergleichsarbeiten geschrieben werden, bin ich eher positiv überrascht, wieviel von dem zu Hause gelernten doch „hängen geblieben“ ist. Gelungenes Homeschooling steht und fällt wohl mit geiegnetem schülergerechtem Material…

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