Ein Schuljahr zum Vergessen!? Warum Corona das Bildungssystem so erschütterte – und was wir daraus lernen müssen

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DÜSSELDORF. Können wir eine Bildungskatastrophe noch verhindern? Ja, sagt Klaus Zierer, viel Zeit bleibe allerdings nicht. Der Professor für Schulpädagogik an der Uni Augsburg gehört zu den renommiertesten Bildungsforschern Deutschlands. In seinem aktuellen Buch hat er sich unter anderem mit den Kollateralschäden der Pandemie auseinandergesetzt und konkrete Vorschläge erarbeitet, wie der drohende Bildungsnotstand doch noch abzuwenden sein könnte. Für News4teachers hat er im folgenden Beitrag seine Bestandsaufnahme zusammengefasst – und stellt fünf Forderungen an die Bildungspolitik.

News4teachers verlost fünf Bücher von Zierer (siehe unten).

Das Homeschooling hat vielen Schülerinnen und Schülern zugesetzt. Foto: Shutterstock

Ein Jahr zum Vergessen – wie wir die Bildungskatastrophe nach Corona verhindern

„Ein Jahr zum Vergessen“ – ist das nicht zu alarmistisch? Der Titel meines Buches geht zurück auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem ich erste Ergebnisse einer Meta-Analyse zu den Lernrückständen in Folge der Schulschließungen des ersten Lockdowns vorgestellt habe. Er stammt von Paul Munzinger, seines Zeichens Redakteur. Schnell machte der Titel die Runde, gerade wegen seiner Doppeldeutigkeit: Ein Jahr zum Vergessen, weil Kinder und Jugendliche, Eltern und auch Lehrpersonen das letzte Jahr gern hinter sich lassen würden und nicht mehr daran erinnert werden wollen. Zu schwer, zu herausfordernd, zu belastend waren viele Situationen. Und auch ein Jahr zum Vergessen im Hinblick auf die Bildung. Kinder und Jugendliche haben vieles vergessen. Lernrückstände sind deutlich erkennbar, körperliche Defizite lassen sich nicht vertuschen und auch die soziale Entwicklung hat Schaden genommen durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie.

„Wir Menschen können vieles schaffen und vieles erreichen. Wenn…“

So treffend die Zuspitzung des Titels auch ist, ich möchte nicht auf der Ebene des Alarmismus und der Ohnmacht stehen bleiben. Vielmehr ist es mein Anliegen, nach vorne zu schauen. Als Schulpädagoge bin ich fest davon überzeugt: Wir Menschen können vieles schaffen und vieles erreichen. Wenn, ja wenn es uns gelingt, unsere Kräfte zu bündeln, unsere Urteilskraft auf Vernunft zu gründen und durch gemeinsame Dialoge zu schärfen sowie Tatendrang in Schaffenskraft zu überführen. Dann haben wir auch jetzt noch die Möglichkeit, eine drohende Bildungskatastrophe abzuwenden. Es bleibt zwar nicht mehr viel Zeit. Aber mit Entschlossenheit kann es uns allen gelingen. Zunächst ist aber ein Blick zurück notwendig, denn ohne eine ehrliche Diagnose kann kein Schritt nach vorne gelingen.

Verlosungsaktion

Homeschooling und Unterrichtsausfall haben teils verheerende Auswirkungen nicht nur auf den Bildungsstand, sondern auch auf die körperliche und emotionale Verfassung von Schülerinnen und Schülern. Zu diesem alarmierenden Befund kommt Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg und ehemaliger Grundschullehrer, nach Analyse der vorliegenden Daten aus vergleichbaren Ländern.

In seinem jetzt erschienenen Buch „Ein Jahr zum Vergessen“ bleibt der renommierte Wissenschaftler – der auch schon gemeinsam mit dem weltweit wohl bekanntesten Bildungsforscher, dem Neuseeländer Prof. John Hattie, gemeinsam publiziert hat, nicht beim Alarmismus stehen, sondern erarbeitet konkrete Vorschläge, für deren Umsetzung es höchste Zeit ist, wenn eine Bildungskatastrophe abgewendet werden soll.

News4teachers verlost fünf Bücher – unter denjenigen Leserinnen und Lesern, die uns einen Kommentar oder einen Erfahrungsbericht zum Beitrag schicken. War das vergangene Schuljahr wirklich zum Vergessen für die Bildung? Die Kommentare möchten wir (ohne Namensnennung!) gebündelt in einem Artikel veröffentlichen: redaktion@news4teachers.de, Betreff: „Zierer“.  Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Klaus Zierer
Ein Jahr zum Vergessen
Wie wir die Bildungskatastrophe nach Corona verhindern
Softcover, gebunden mit Schutzumschlag, 128 Seiten
12.00 € (DE) / 12.40 € (AT) / 17.90 SFr (CH)
ISBN 978-3-451-07228-4 HERDER 2021

Als E-Book:
9.99 € (DE) / 9.99 € (AT) / 12.00 SFr (CH)
ISBN 978-3-451-82585-9 HERDER 2021

Die Corona-Pandemie hält die Welt in Atem. Die ergriffenen Maßnahmen wirken nicht immer wie erhofft und ziehen Kollateralschäden nach sich, die nicht unbeachtet bleiben dürfen. Denn bei aller Dringlichkeit, die Gesundheit der Menschen zu schützen, Gesundheit umfasst neben der körperlichen Unversehrtheit auch eine psychische und soziale Komponente und alle drei hängen voneinander ab. Gleiches gilt im übertragenen Sinn für Systeme, wie die Familie, die Wirtschaft oder die Schulen. Blickt man auf die zuletzt Genannten, so mehren sich die Hinweise, dass eine Bildungskatastrophe droht.

„Schule ist vom Bildungsort zum Lernort verkümmert“

Die in ihrer Anzahl stetig steigenden Studien zur Wirkung des ersten Lockdowns aus dem letzten Jahr belegen eindringlich, dass die Lernleistung von Kindern und Jugendlichen insgesamt zurückgegangen ist. Homeschooling hat weltweit nicht so funktioniert, wie man es anfänglich in einer Digitalisierungseuphorie erhofft hatte. Dies gilt flächendeckend, also sowohl für die leistungsstarken als auch für die leistungsschwachen Lernenden in den Kernfächern, wobei leistungsschwache Lernende stärker von Lernrückständen betroffen sind. Zudem zeigen sich die negativen Effekte über alle Schularten hinweg, besonders deutlich im Primarbereich. Bei den Nebenfächern, wie Kunst, Musik und Sport, sieht es insgesamt noch schlechter aus, denn sie wurden kurzer Hand aus den Stundenplänen gestrichen. Schule ist vom Bildungsort zum Lernort verkümmert und nicht einmal dieser klappt wie erhofft.

„Das Einzige, was viele in der Krise gelernt haben ist, Nichts zu tun.“

Gleichzeitig warnen Schulpsychologinnen und -psychologen davor, dass auch das Lernverhalten von Schülerinnen und Schülern Schaden genommen hat. Denn bedingt durch soziale Vereinsamung und schulische Zwangsabstinenz hat der Medienkonsum derart zugenommen, dass viele das Lernen verlernt haben. Überspitzt gesprochen: Das Einzige, was viele in der Krise gelernt haben ist, Nichts zu tun. Hält man sich vor Augen, dass Lernstrategien mit der wirksamste Faktor für Schulerfolg sind, dann ist es Zeit zu handeln. Immer mehr Lernende brauchen eine Beratung, um wieder zurück ins Lernen und manchmal sogar zurück ins Leben zu finden.

Beide Effekte schlagen sich besonders in bildungsfernen Milieus nieder: Kinder und Jugendliche aus Elternhäusern, die geringes Einkommen haben oder selbst einen niedrigeren Bildungsabschluss, sind die großen Verlierer. Zweifelsfrei ist gerade in Deutschland die Bildungsschere immer schon beachtlich, was nicht zuletzt mit der Vielfalt der kulturellen Prägung in den Elternhäusern zu tun hat. Aber die schulischen Maßnahmen, die zur Eindämmung der Corona-Pandemie ergriffen wurden, haben diese Situation bereits heute massiv verschärft und verschärfen sie noch weiter. Bildungsungerechtigkeit nimmt also zu.

Und schließlich hat all das Gesagte ökonomische Folgen. Denn der Zusammenhang zwischen Bildungsniveau einer Gesellschaft und Wirtschaftskraft eines Landes ist bekannt: In Ländern mit einem hohen Bildungsniveau wächst die Wirtschaft schneller als in Ländern mit einem niedrigen Bildungsniveau. Bildung ist also nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Ökonomie insgesamt entscheidend. Erste Schätzung gehen davon aus, dass die Schulschließungen und der damit verbundene Distanzunterricht aus dem letzten Jahr bereits massive Einschnitte zur Folge haben. Angesichts des anhaltenden Stotterbetriebs werden diese nicht nur verhärtet, sondern noch weiter ausgebaut.

Man kann es also drehen und wenden, wie man möchte: Die letzten Wochen und Monate haben dem Bildungssystem geschadet. Die getroffenen Maßnahmen haben im Vergleich zu den Jahren davor negative Effekte auf die Bildung. Somit besteht kein Zweifel: eine Bildungskatastrophe droht.

Was jetzt zu tun ist

Was also tun? Ein weiter so, kann es nicht sein. Weder die Digitalisierung ist der Heilsbringer in der Krise, noch das ständige Schließen von Schulen. Zu sehr greift beides in die pädagogische Grundeinsicht ein: Bildung ist ein sozialer Prozess. Der Mensch braucht den Menschen im Hier und Jetzt und er braucht ihn analog, weil er digital nicht abbildbar ist. Der wichtigste Grund für Lernende, in die Schule zu gehen, ist nicht die Schule, nicht das Fach und nicht die Lehrperson: es sind die Gleichaltrigen. Neuste neurologische Untersuchungen zeigen sogar, dass Aufmerksamkeit und Konzentration um ein Vielfaches höher sind, wenn sich Lernende gemeinsam im Klassenraum befinden anstatt zuhause vor dem Rechner sitzen. Aus pädagogischer Sicht kann es daher nur heißen: So schnell wie möglich die Schulen wieder öffnen und so viel Präsenz wie möglich. Alle weiteren Maßnahmen müssen in diese Richtung weisen. Da ohne Frage Hygienestandards wichtig und finanzielle Ressourcen begrenzt sind, ist einer Aufrüstung der Klassenzimmer mit Hygienemaßnahmen der Vorrang vor einer digitalen Aufrüstung der Kinderzimmer zu gewähren.

Vor diesem Hintergrund sind Maßnahmen zu ergreifen, die in den Bereichen der kognitiven, sozialen und körperlichen Entwicklung wirken: Ein verpflichtender Schullandheimaufenthalt für alle Klassen, die Stärkung von Kunst, Musik und Sport in der Schule sowie eine damit verbunden Lehrplanreform. Letztlich ist das die Chance in der Krise: Schule neu zu denken – bildungswirksamer, vielseitiger, gerechter und in diesem Sinn humaner.

Falsches Verständnis von Standardisierung und Fehlern

Damit könnte die pädagogische Klimakrise, die Ken Robinson dem Schulsystem attestiert, bewältigen. Als Gründe für diesen negativen Befund nennt er eine falsch verstandene Standardisierung, die die Individualität der Menschen verkennt. Zudem dominiert ein Verständnis von Fehlern, das nicht dem menschlichen Lernen entspricht. Diesem falschen Verständnis zufolge sind Fehler in der Schule immer etwas, was es zu vermeiden gilt. Aber richtig verstanden ist der Fehler der Motor des Lernens – ohne Fehler kein Lernen. Und schließlich kritisiert er eine daraus folgende Oberflächlichkeit, die im Kern den menschlichen Möglichkeiten nicht gerecht wird: Durch zu viel sinnloses Detailwissen verlieren Lernende die Lust am Lernen und damit auch die Freude an der Schule.

Klaus Zierer war Grundschullehrer – und ist heute einer der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland. Foto: privat

Wir brauchen folglich ein Klima des Vertrauens und Zutrauens, ein Klima der Geborgenheit und Freude, ein Klima, in dem der Mensch nicht nur aus einem Kopf besteht, sondern auch aus einem Leib und einer Seele, ein Klima, in dem die kognitive Leistung, so wichtig sie auch ist, nicht über allen anderen Dimensionen des Menschen steht. Wir brauchen ein Klima, in dem das soziale Miteinander wichtig ist, in dem der Mensch mit all seinen Möglichkeiten einen Platz bekommt, Gehör findet und mit allen zur Verfügung stehenden Kräften unterstützt wird.

„Eine Kultur der individuellen Förderung ist unerlässlich“

Was folgt aus dem Gesagten für die Schule als der wichtigsten gesellschaftlichen Institution für junge Menschen? Soll Schule nicht nur Lernort, sondern auch Bildungsraum werden und damit ein Ort der Freude, ist eine Kultur der individuellen Förderung unerlässlich. Individuelle Förderung ist dabei nicht etwas Besonderes oder eine Ausnahme oder ein Notprogramm, sondern es ist eine Selbstverständlichkeit des schulischen Lernens, sich immer wieder herauszufordern und weiterzuarbeiten. Wichtige Fragen sind: Wie werden Lernenden im Vorfeld getestet? Eine aussagekräftige Diagnose ist die Basis jeder Förderung. Hier könnten die landesweiten Vergleichsarbeiten helfen, um festzustellen, was wirklich gelernt worden ist und wo die Lücken sind. Welche Verfahren zur Förderung gibt es? Durchdachte Lernpfade wären das mindeste, liegen bis heute aber nicht vor. Welche Gruppenbildung wird angestrebt? Alle Lernenden gleich zu behandeln, schafft keine Bildungsgerechtigkeit. Wie werden Lehrpersonen darauf vorbereitet? Individuelle Förderung ist die pädagogische Königsklasse, so dass eine Professionalisierung in diesem Bereich erforderlich wäre. Und schließlich: Wie werden Eltern mitgenommen? Sie sind entscheidend für Schulerfolg, so dass über Elternarbeit nachzudenken wäre.

Sicherlich hätte das eine oder andere schon längst passieren können, ja müssen. Aber …

Hier geht es zu Teil zwei des Gastbeitrags.

Der weltweit prominenteste Bildungsforscher im Interview: Was bringt die Digitalisierung der Schulen, Herr Hattie? „Viel – wenn…“

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13 KOMMENTARE

  1. Da die Größe der lerngruppen keinen Einfluss auf die Lernleistung hat, müssen die lerngruppen auch nicht verkleinert werden. Viele SuS bedeutet auch viele fehler und somit viel mehr Lernanreize als in Kleingruppen. Die gewünschte Individualisierung bezieht sich auf die lehrkräfte. Wo kämen wir denn hin, wenn die Schulträger auch noch MPT (multiprofessionelle Teams) finanzieren müssen.

    Wenn ich Y.G. in D’dorf als Beispiel für die vorgestellte These heran ziehe, dann ist deren lernbereitschaft so gering, da sie in ihrer Funktion als Lindners Statthalterin von Stamps Gnaden im MSB keine Fehler macht.

    Und der, der sie zur Ministerin ernannt hat, hat aus seinem Fehler gelernt und verabschiedet sich – nächster fehler – in Richtung Berlin. Und watt lernt uns datt?

    • Es gilt halt nach wie vor:
      Wer arbeitet, macht FEHLER.
      Wer viel arbeitet, macht viele FEHLER.
      Wer keine FEHLER macht, wird befördert.

  2. „So schnell wie möglich die Schulen wieder öffnen und so viel Präsenz wie möglich. Alle weiteren Maßnahmen müssen in diese Richtung weisen. Da ohne Frage Hygienestandards wichtig und finanzielle Ressourcen begrenzt sind, ist einer Aufrüstung der Klassenzimmer mit Hygienemaßnahmen der Vorrang vor einer digitalen Aufrüstung der Kinderzimmer zu gewähren.“

    Wetten, dass die KM nur den ersten Satz lesen und den Rest weiterhin vollständig ignorieren?

    • @Jan aus H

      Da geh ich mit!
      Das war auch mein erster Gedanke …
      🙁

      Hoffentlich geht Herr Zierer dann ganz laut und ganz oben auf die Barrikaden, wenn er falsch zitiert wird!
      Noch VOR den Bundestagswahlen wäre die Chance gesehen und gehört zu werden am wahrscheinlichsten.

    • Lieber Jan, jepp so läuft dat hier in NRW – und leider auch in den meisten anderen BL…
      Du hast heute die Chance, den Aushilfshobbit zu treffen und ihm deine Meinung zu sagen…denn der KaKa der Union kommt nach Hagen, um bei den Aufräumarbeiten an einer massiv beschädigten Brücke zuzuschauen, sich den einen oder anderen Spaß zu gönnen und das Gesicht in Kameras zu halten. Damit das ganze nicht völlig außer Kontrolle geraten und er nicht die verbliebenen 20% Wähler*innenzustimmung pulverisiert kommt Mutti Merkel mit, die ihn beaufsichtigen soll.
      Wahrscheinlich hat sie darauf soviel Bick, wie Eltern eines absolut verhaltensoriginellen Balgs auf einen Besuch in der Oper oder auf eine Shoppingtour hin einem Porzellangeschäft, wo es nur Hutschenreuther und Meissner gibt. Einmal aus den Augen gelassen und es wird richtig teuer.

      Bestell der Dumpfbacke schöne Grüße von mir…er soll schon mal alle seine Schreibtische aufräumen, dann dauert der Abgang nicht so lange. 🙂

  3. Klingt gut, wenn man den Willen der Politik außer Acht lässt und in einem Elfenbeinturm weitab der Realität wohnt.
    Will der Staat überhaupt individuelle umfassende Bildung mit Spaß am Lernen für die Kinder?
    Das ist der KMK sch… egal! Klar das würden die nie zugeben, daher wird es einfach bis zum St. Nimmerleins -Tag vor sich her geschoben.
    Staatstragend ist folgendes für die Schule:
    – Basis Wissen zur Befähigung später als Arbeitnehmer und somit als Steuerzahler verwendbar zu sein. Individuelle Interessen interessieren da nur, wenn sie in eine Verwertbare Richtung gehen.
    – Gewöhnung an Hierarchien und Regeln um sich später als Wähler und Arbeitnehmer in die Gesellschaft eingliedern zu können.
    – Eine Einteilung in Leistungsgruppen um die Schüler je nach Abschluss vor zu sortieren.
    – Gewöhnung an ein Leistungssystem um Fleiß und Belastbarkeit für das spätere Arbeitsleben auf zu bauen.
    – Die Verwahrung der Schüler um den Eltern die Arbeitstätigkeit zu ermöglichen.

    Freude am Lernen und individuelle Talente, Interessen oder Förderung sind da nicht vorgesehen.
    Erstens kostet das Geld für kleinere Klassen, auch wenn man behauptet. dass die Klassengröße keine Rolle spielt. Individuelle Förderung und Rücksicht auf individuelle Interessen kostet Zeit und auch Lehrer beherrschen nicht die Translokation.
    Die Vorgeschlagenen Reformen wären aus Sicht der KMK sogar kontraproduktiv.
    Der Bürger muss sich später einfügen und seine Rolle als Wähler und Arbeitnehmer erfüllen. Wo kommen wir denn hin, wenn die Schule den Schülern vermittelt, dass auf jegliches Interesse Rücksicht genommen wird?
    Die Schüler kämen am Ende auf die Idee, dass der Staat und die Regierung für sie da wäre und nicht umgekehrt.
    Lang Rede kurzer Sinn, die KMK will das was vorgeschlagen wird gar nicht. Die wollen das die Schüler lernen, parieren, abhärten und in die „richtige“ Richtung marschieren.

    Die Lehrpläne kann man auch nicht kürzen. Nicht weil man alles was darin steht unbedingt braucht, aber jeder Lehrplan-Punkt wird von irgendeiner gesellschaftlich wichtigen Gruppe mit Klauen und Zähnen verteidigt.
    – Religion? Die Kirchen würden Salto schlagen
    – Deutsch? Wenn die Schüler nicht „Faust“ lesen ist das Ende das Abendlandes nahe.
    usw.
    Da zwar alle prinzipiell den Lehrplan kürzen möchten aber bitte keinesfalls im eigenen Bereich wird auch das nicht passieren.

  4. „ist einer Aufrüstung der Klassenzimmer mit Hygienemaßnahmen der Vorrang vor einer digitalen Aufrüstung der Kinderzimmer zu gewähren.“

    DAS ist augenblicklich die allerdringendste Maßnahme!

    SuS, die sich sicher fühlen – auch jüngere Kinder merken natürlich, was um sie herum für ein verlogener Bockmist praktiziert wird – profitieren dadurch auch bei Lernprozessen, denn die funktionieren nun einmal am besten, wenn man nicht immer im Hintergrund „einen anderen Film“ laufen hat.

    Ich wünsche mir, dass diese Idee ENDLICH mal in den Schul- und Kultusministerien ankommt, und zwar auch in der hinterletzten Gehirnzelle. (Meine Arbeitshypothese ist, dass es dort mehrere Gehirnzellen gibt … Plural beginnt ja bei „2“.)

    Auch im letzten Absatz („Wichtige Fragen sind: Wie werden Lernenden im Vorfeld getestet? …“) wird brühwarm geliefert, was bisher auch von LuL immer wieder gefordert, aber natürlich ignoriert wurde – wahrscheinlich weil LuL sowieso nur doofe Meckerfritzen sind, wissen ja alle, die irgendwann man SuS waren, und das sind … eben: Alle.
    Ignoriert seit Jahren? – Nö. Seit Jahrzehnten. Stattdessen wurde heiter in die falsche Richtung galoppiert, heiter weiter!
    Ich glaube zwar nicht, dass Herrn Zierer jetzt der große Durchbruch in den Tempel der 16 Master-Ignoranten gelingt, aber wer weiß? Steter Tropfen höhlt die Hohlheit – wünschenswert ist das auf jeden Fall.

  5. Ich empfehle auch das Buch von Klaus Zierer (mit Ko-Autor Julian Nida-Rümelin)
    „Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe“, Herder-Verlag von 2015 (!).
    Damals wusste niemand was von dieser Corona-Krise, und dennoch gab es zahlreiche Dinge an unserem Bildungssystem auszusetzen. Der Titel ist ja nicht zufällig gewählt.

    Da steht z.B. auf S. 45: „Mit anderen Worten: In Zukunft sollen die BA-Absolventen die fehlenden Schreiner und Mechatroniker und so weiter ersetzen. Wie das gehen soll, ist mir völlig rätselhaft.“

    Auf Seite 79 steht: „Bekannt ist, dass es in den dreigliedrigen Schulsystemen besser gelingt, die Spitzen zu fördern. […] Gleichzeitig weiß man aber auch, dass es in Gesamtschulen besser gelingt, die Schwächeren zu fördern. Damit hat man eine Pattsituation. Also lässt sich diese Frage nur schwer systemisch beantworten.“

    • Das Mantra ist ja auch:“Keiner darf zurückbleiben!“
      Wenn jetzt die Spitzen vorpreschen, bleiben automatisch einige zurück!
      Deshalb müssen die Spitzen eingebremst werden. Die brauch ja auch niemand!

  6. Alles hochkomplex und so schwierig verfahren, kein Leuchtfeuer am Horizont der unendlichen See aus Studien von Fachleuten der diversen, theoretischen Begabungen und Betätigungen … Was tun nur, wo anfangen, wohin lenken? Fangen wir mit dem Vetorecht für Kollegien an, denn von Streikrecht will ja niemand etwas hören.

  7. Lernleistung ging in den vergangenen Monaten zurück?
    Das tut sie schon lange. Sehr lange. Immer mehr.
    Die Voraussetzungen für Lernen fehlen zunehmend, angefangen bei Konzentration (gelöscht durch Digitalfreizeit) bis zu fehlenden Bildungsvoraussetzungen im Bereich ausreichender Kenntnisse in Lesen, Schreiben, Rechnen und Denken.
    Bis auf die Auswendiglernleistung vor Tests wird in der Schule nicht viel wirklich gelernt im Sinne des Lernens als eines biologischen Vorgangs, der für zukünftige Situationen fit macht.
    Schule ist seit Jahrzehnten nicht mal mehr eine Lernschule, schon gar keine Bildungsschule, bestenfalls noch eine Auswendiglernschule.

    Ein „Zurück ins Lernen“ wird bei einigen Schülern kaum stattfinden können, denn Lernen war und ist ihnen kein positiv besetzter Begriff, ist ihnen fremd, wurde ihnen nie als Wert vermittelt, nie mit ihrem eigenen Leben verknüpft, hatte nie etwas mit ihrer eigenen Persönlichkeit zu tun.
    Wenn es ein „Zurück in die Schule“ gibt, kann das m.E. bestenfalls ein Zurück in die Schule sein. Wie Schule sich in den letzten Jahrzehnten gestaltet ist ein „Zurück“ aus meiner Sicht nicht wert.

    Digitale Bildung ist sicher zweite Wahl, wo sie aber notwendig wird – und da kann man sich verschiedene Szenarien jenseits einer Pandemie vorstellen – brauchen Kinder ein tragfähiges Fundament, das sie befähigt, sich ein stückweit digital zu bilden.
    Womit wir wieder beim Lesen, Schreiben, Rechnen und Denken wären, das in der Regel nur ein Lehrer im Präsenzunterricht vermitteln kann.

    Von einer Digitalisierungseuphorie konnte ich – außer vielleicht bei einzelnen Digital-Freaks unter den Kollegen (sorry, ist nicht negativ gemeint, ohne Euch hätten wir Nicht-Digital-Kollegen nicht überlebt…) – kaum erkennen. Euphorisch waren sicher die wenigsten Kollegen, bestenfalls wenn die handmade-Versuche dann noch gewisse Erfolge brachten.

    Was die eher bildungsfernen Schüler angeht, so sehe ich nicht in erster Linie deren Herkunft als Grund für die Bildungsferne, sondern unser Schulsystem als Grund dafür, dass es so bleibt. Noch immer gilt, dass mehr Akademikerkinder studieren als andere… da wäre jeweils genug Zeit gewesen, in 13 Jahren Schule die Herkunft auf den zweiten Platz der Bedeutung für eine Bildungskarriere zu verweisen. Die Schulen sind nicht darauf ausgerichtet, diesen Schülern die gleichen Chancen zu bieten.

    Zu der Erkenntnis, dass soziales Miteinander Lernen ermöglicht (oder erleichtert, denn es geht durchaus auch ohne) gebe ich zu bedenken, dass bei aller Gemeinsamkeit auch aus dem „Gemeinsam“ kein Zwang erwachsen darf. In Schulen werden Kinder gezwungen (nicht ihnen die Gelegenheit gegeben), dauerhaft viel zu eng aufeinander zu hocken, ihre persönlichen Bedürfnisse dem allgemein vorgegebenen Ablauf und den Vorgaben der Lehrer unterzuordnen. Sie werden zum „Miteinander“ gezwungen unter dem Vorwand, dass man sie zu ihrem Glück zwingen müsse.
    Ich denke, unter dem Mantel des „Miteinanders“ wird nicht nur kräftig Geld gespart im Bildungssystem, sondern werden auch Persönlichkeiten in ihrer Entwicklung behindert.
    Nicht jedes Kind ist in jedem Alter für „Massenkindhaltung in der Schule“ geeignet. Einige sind es nie und sind dennoch nicht soziale Monster. Wenn soziales Miteinander, dann halte ich die Möglichkeit zu Rückzug, einem angemessenen Individualabstand und altersgerecht überschaubare Gruppengrößen für ein Minimum der Voraussetzungen.

    Ähnlich verhält es sich nach meiner Einschätzung mit der „individuellen“ Förderung: In der Praxis wird kollektiv eine Eingangskompetenz diagnostiziert, daraus kollektive Maßnahmen abgeleitet, die dann kollektiv durchgeführt werden – oder auch nicht oder vom Einzelnen nicht wahrgenommen werden oder nicht ankommen.
    Individuell ist nach meiner bisherigen Erfahrung da wenig und Förderung besteht oft darin, sich als Lehrer abzusichern, dass man „gemacht hat was man konnte“ und gleichzeitig weiß, dass das für das einzelne Kind niemals ausreichend und angemessen sein kann. Im schlimmsten Falle folgen auf digitale Tests digitale Diagnosen und digitale Fördermaterialien, die digital ausgefüllt werden müssen. Dabei sitzen immer wieder Kinder vor dem Computer, die nicht einmal einfachste Sätze oder Anweisungen sinnentnehmend lesen können.

    Zuletzt noch ein Satz zu der Äußerung „die letzten Wochen und Monate haben dem Bildungssystem geschadet“… ja, das haben sie. Das ist aber vielleicht genauso gut wie der Abbruchhammer, der den „Weißen Riesen“ in Duisburg sicherlich auch geschadet hat.
    Da hat aber jemand den Schaden bemerkt, den Abbruch vollzogen, um Neues zu schaffen!
    In der Schule sehe ich das nicht. Da besteht die Tendenz fort, eventuelle Schwierigkeiten mit dem immer gleichen Kitt zu flicken, zu überpinseln, als neu zu verkaufen und weiterzumachen wie immer schon.
    Ich würde mich freuen, wenn die letzten eineinhalb Jahre dem Bildungssystem wirklich so nachhaltig geschadet hätten, dass es in wesentlichen Aspekten endgültig eingerissen werden müsste, um Neues zu schaffen, um ein menschlicheres, zukunftsfähigeres Bilden zu ermöglichen. Wie weit das dann noch die Schule ist, die jeder zu kennen meint, sollte zur Diskussion stehen.
    Nur am Rande: Kompetent diskutieren können das nur die, die es getan haben und in Zukunft werden tun müssen, die Lehrer. Gibt es keine (mehr), wird’s richtig schwierig!

    Das Schulsystem krankt an der ewigen Regeneration aus sich selbst: Schüler werden zu Lehrern, Lehrer bilden Schüler, die zu Lehrern werden oder niemals zu Lehrern werden wollen… Ein konstruktiver Ausweg ist schwierig. Es gibt Möglichkeiten veränderter Perspektiven, aber die sind bisher nicht erwünscht.

  8. „ Individuelle Förderung ist dabei nicht etwas Besonderes oder eine Ausnahme oder ein Notprogramm, sondern es ist eine Selbstverständlichkeit des schulischen Lernens“

    Wer so etwas sagt oder schreibt der soll es vormachen! Nicht einmal, sondern immer und dann empirisch nachweisen, dass es was gebracht hat!

  9. Vielleicht sollte der gute Mann seine wohlklingenden Ratschläge in die Praxis umsetzen und die vorgebrachten Dehnworte einmal selbst mit Inhalten füllen. Das liest sich in wohlgesetzten Worten nach einer Bewerbung für einen Sitz in dem von ihm vorgeschlagenen „Bildungsrat“. Warum ist er nochmal nicht mehr an seiner Grundschule? Und wieviel Bäume sind für dieses Buch über den Jordan gegangen?

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