Welttag des Lehrers: VBE und GEW fordern, „Großbaustelle“ Bildung endlich anzugehen

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BERLIN. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) machen sich mit Blick auf den Welttag der Lehrerin und des Lehrers am 5. Oktober für bessere Rahmen- und Arbeitsbedingungen der Lehrenden stark. Gerade mit Blick auf die Bundestagswahl am vergangenen Sonntag und die nun neu zu bildende Regierungskoalition fordern sie die Politik zum Handeln auf: Die fünf „Großbaustellen“ im Bildungssystem – Fachkräftemangel beheben, Investitionsstau beseitigen, Digitalisierung voranbringen, Vision von Kita, Schule, Hochschule und Weiterbildung ausfinanzieren und Qualität anbieten, Corona-Folgen abfedern – müssten umgehend angegangen werden.

Wegen Einsturzgefahr wurden Teile des Gebäudes geschlossen. (Symbolbild) Foto: Shutterstock

Auch während der Coronapandemie hätten Lehrkräfte einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag geleistet, um die Krise zu meistern. Daran erinnert die Bildungsinternationale (BI, engl. Education International EI) am Welttag der Lehrerin und des Lehrers, der unter dem Motto „Wir würdigen das Engagement der Lehrkräfte und gedenken der Verstorbenen in der Pandemie!“ steht.

Lange habe die Politik nicht ausreichend für den Schutz der Beschäftigten gesorgt, heißt es. Die Hygienemaßnahmen, wie Testkits, Masken und die Priorisierung der Lehrkräfte bei den Impfungen, mussten von den Gewerkschaften erkämpft werden. VBE und GEW machen deutlich, dass hierdurch viel Vertrauen verspielt worden sei. Zudem habe die Coronapandemie die Versäumnisse der Politik in den vergangenen Jahren offengelegt. GEW und VBE unterstrichen, dass es für das Engagement der Lehrkräfte mehr Wertschätzung und bessere Rahmenbedingungen brauche.

Maike Finnern, Vorsitzende der GEW, sagt: „Es darf kein ‚Weiter so‘ geben! Wir erwarten von der Politik einen grundlegenden Kurswechsel in der Bildungspolitik. Chancengleichheit für alle muss in den Mittelpunkt rücken. Für Sanierungen und Neubauten, zusätzliche Fachkräfte und eine bessere digitale Infrastruktur sind über Jahre hinweg Milliardeninvestitionen nötig. Um diese Herausforderungen zu stemmen, brauchen wir einen Schulterschluss von Bund, Ländern und Kommunen. Die Arbeitsbedingungen müssen so gestaltet werden, dass der Beruf auf Dauer attraktiv ist, die Arbeitgeber müssen diesem Anspruch in der anstehenden Tarifrunde gerecht werden.“

„Es muss erste Priorität sein, Lehrkräfte von Aufgaben zu entlasten und den Beruf wieder attraktiver zu gestalten“

Der Bundesvorsitzende des VBE, Udo Beckmann, betont: „Die Wertschätzung gegenüber den Engagierten im Bildungsbereich hat in der Coronakrise sehr zu wünschen übrig gelassen. Die warmen Worte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Situation vor Ort sich stetig verschlechtert. Der überall spürbare Personalmangel und die steigenden Anforderungen an das Lehrpersonal tun ihr Übriges. Es muss erste Priorität sein, Lehrkräfte von Aufgaben zu entlasten und den Beruf wieder attraktiver zu gestalten. Dazu gehört auch eine angemessene Bezahlung. Die anstehenden Tarifverhandlungen sollten von der Politik genutzt werden, um ihrer Wertschätzung Ausdruck zu verleihen – und nicht für Machtspielchen.“

„Wir brauchen eine echte Trendwende im Bildungssystem. Seit Jahren gelingt es uns immer weniger, die offenen Stellen an den Schulen zu besetzen. Das trifft insbesondere die Grund- und Förderschulen; auffällig häufig in den sozial benachteiligten Stadtteilen. Der Grund ist klar: Wir machen Lehrer*innen zu Mangelverwalter*innen“, erklärt Ayla Çelik, Vorsitzende der GEW in Nordrhein-Westfalen.

„Wir brauchen gut ausgestattete Schulen, in denen die Kinder und Jugendlichen individuell gefördert werden“

Sie unterstreicht: „Mangelhafte Ausstattung, stetig zunehmende Aufgaben, fehlende Kolleg*innen – die Liste ließe sich fortsetzen. So wird der Beruf als Lehrer*in immer weniger attraktiv. Deshalb danke ich ausdrücklich allen Lehrer*innen, die sich trotz der widrigen Rahmenbedingungen jeden Tag für die Lebenschancen junger Menschen engagieren und einsetzen. Die Politik muss dazu ihren Teil beitragen. Die strukturellen Rahmenbedingungen müssen umfassend verbessert werden, um den Abwärtstrend umzukehren: Wir brauchen mehr junge Menschen, die sich für den Beruf als Grund- oder Förderschullehrer*in entscheiden. Wir brauchen gut ausgestattete Schulen, in denen die Kinder und Jugendlichen individuell gefördert werden, weil ausreichend Zeitressourcen für die pädagogische Arbeit zur Verfügung gestellt werden.“

Lehrkräfte leisten laut GEW und VBE auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft in den Bildungseinrichtungen einen unverzichtbaren Beitrag. Dies sei gerade während der Coronapandemie noch einmal sehr deutlich geworden. Zum Weltlehrer*innentag erscheint die deutschsprachige Ausgabe des Buches „Bildung und Demokratie: 25 Empfehlungen aus der Arbeit der Lehrkräfte“, das die Bildungsinternationale (BI, engl. Education International EI) veröffentlicht hat. Der Band zeigt anhand internationaler Erfahrungen: Lehrkräfte haben die wichtige Aufgabe, sich für die Demokratie einzusetzen und Schülerinnen und Schülern demokratische Werte zu vermitteln.

VBE und GEW sind angesichts der Zunahme rassistischer, antisemitischer und extremistischer Tendenzen in der Gesellschaft sowie der Verbreitung von Verschwörungserzählungen besorgt. „Die politische Bildung und die Demokratiebildung müssen einen deutlich höheren Stellenwert bekommen“, mahnen die beiden Bildungsgewerkschaften an. News4teachers

Hintergrund

Der „World Teachers Day“ wird seit 1994 jährlich am 5. Oktober gefeiert. Die UNESCO, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und die Bildungsinternationale (BI) haben ihn ins Leben gerufen.

Der 5. Oktober ist für die internationale Bildungsbewegung ein herausragendes Datum: 1964 haben UNESCO und ILO die „Charta zum Status der Lehrerinnen und Lehrer“ angenommen. Damit war es zum ersten Mal gelungen, in einem internationalen Konsens den Status des Lehrberufs in der Gesellschaft und die Verpflichtung der Politik zur Sicherung ausreichender Arbeits- und Lebensbedingungen für Pädagoginnen und Pädagogen festzuschreiben.

Die BI ist der internationale Dachverband von rund 400 Bildungsgewerkschaften aus 170 Ländern. Sie vertritt weltweit fast 30 Millionen Beschäftigte im Bildungswesen. GEW und VBE sind Mitglieder der BI.

 

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5 KOMMENTARE

  1. „Wir brauchen gut ausgestattete Schulen, in denen die Kinder und Jugendlichen individuell gefördert werden, weil ausreichend Zeitressourcen für die pädagogische Arbeit zur Verfügung gestellt werden“.
    So sagt die zitierte GEW-Vorsitzende in NRW. Aber logisch klingt das nur dann, wenn mit „gut ausgestattet“ die Zahl der Lehrkräfte gemeint ist. Eine materielle Ausstattung kommt nicht automatisch der individuellen Förderung zugute, und sie schafft nicht automatisch mehr Zeit für die pädagogische Arbeit. Diese materielle Ausstattung will ja dann auch gepflegt und genutzt werden. Und die Zahl der Lehrer drastisch zu erhöhen, das kann man zwar fordern, aber wenn jetzt schon nicht alle Stellen besetzt werden können, ist das nur Schaufensterpolitik, die kurzfristig zu gar nichts führt.
    Immerhin kann man aus dem Artikel herauslesen, worin die Gründe für die fehlenden Grundschul- und Förderschullehrer liegen könnten. Aber mit der Sehnsucht nach Demokratiebildung scheint das nichts zu tun zu haben, die ist ja auch wieder etwas, das man bei den Lehrerpflichten oben drauf sattelt, wo ohnehin schon alles überlastet ist. Und wieso Lehrer gerade an den genannten Schulen in „sozial benachteiligten Stadtteilen“ fehlen, kann man nur raten. Dass das was mit spezifischen Eigenheiten der dortigen Kinder und insbesonderer ihrer Elternhäuser zu tun haben könnte, wird nicht gesagt. Ein Stadtteil als solcher kann ja nicht die Ursache sein. Hier sollte man sich vielleicht doch ehrlich machen und das benennen, was zwischen den Zeilen steht. Dazu gehört auch, dass die große Politik jahrzehntelang diese „sozial benachteiligten Stadtteile“ hat entstehen lassen. Dazu gehört aber auch die wachsende Zahl von Elternhäusern, in denen nie oder kaum Deutsch gesprochen wird. Dass Grundschullehrer sich nicht darum reißen, Kinder ohne deutsche Sprachkenntnisse zu unterrichten, liegt doch wohl auf der Hand. Dazu aber fällt der GEW offenbar nichts ein außer die „individuelle Förderung“ zu postulieren.

  2. Herr Ralf Scholl vom PhV-BW hat eine Aufruf in der Pandemie ausgesprochen um nach diesem langfristigen Ausnahmezustand eine faire Aufarbeitung zu ermöglichen für Lehrer und Schüler.
    Leider hat sein Anliegen bei der KM und Politik keine Aufmerksamkeit bekommen und vor allem kein Gehör für seine Forderung. Der Ausnahmezustand hat die Großbaustelle verstärkt und offen gelegt und gezeigt, eine Handlungsfähigkeit ist gefordert. Der Flickenteppich gehört entsorgt und ein neuer Weg muss nach der langen Krise an den Schulen dringend überholt werden und vor allem eine neue Richtung. Die G8 Schulen haben keine Anerkennung ihrer Bildungsnot bekommen nach einem G7 Schuljahr und ist mit keiner Ehrlichkeit anerkannt worden. Frau Schopper spricht von etwaigen Lernrückständen und beschönigt die Situation der angehäuften Defizite. Die Schüler und Lehrer fühlen sich mit keiner Ernsthaftigkeit vertreten im Wahlkampf und nach dem Wahlkampf. Frau Schopper hat eine Mogelpackung serviert und die Mogelpackung ist aufgeflogen und keiner verfolgt die Mogelpackung zum Aufholprogramm. An vielen Schulen in Mannheim kam kein Aufholprogramm an und kann auch nicht umgesetzt werden, weil Pesonal fehlt. Der Stundenplan für G8 Schulen ist schon ausgefüllt und für Zusatzstunden kein Platz mehr. Das Aufholprogramm ist eine Unwahrheit für die letzten in der Reihe. Die Lehrer haben in dieser außergewöhnlichen Lebensphase von Schülern sehr viel geleistet und ermöglicht. Ich als Mutter bin dieser Berufsgruppe sehr dankbar für Ihren Einsatz und für eine vergessene Generation Halt zu geben. Die Politik Und KM haben keinen Beitrag geleistet und die Realität der Bildungsnot nicht mit aller Ehrlichkeit anerkannt. Augenwischerei und Blendwerk hat man genug betrieben für Lehrer und Schüler und ehrlicher Blick ist man dem weiteren Entwicklungswerg dieser Generation schuldig.https://www.phv-bw.de/phv-bw-zu-einem-corona-aufholjahr-fuer-schueler-am-allgemeinbildenden-gymnasium-durch-uebergang-auf-g9-ab-september-2021/

  3. Mehr Kollegen wären toll, wenn es da nicht den Zuweisungsschlüssel gäbe, der sich allein an Schülerzahlen orientiert. Je nach Generationswechsel mit mehr oder weniger Schülern (geburtenschwache und geburtenstarke Jahrgänge), wird meinem Gefühl nach nur nach unten korrigiert. Und wenn man Sozialarbeit an der Schule haben will, muss das Kollegium mit Lehrerkonferenzbeschluss auf eine Lehrerstelle verzichten.
    Das System ist in sich absurd.
    So führt ein Überhang in Deutschfächern dazu, dass kein Lateinlehrer eingestellt wird.

    Und dann kommt dazu, dass der Lehrberuf den Ruf hat, dass ihn jeder machen kann, weil jeder ja Schule „kennt“. Dass sich auch an den Schulen vieles verändert hat, von den Umgangsarten der Schüler bis zu Helikoptereltern ist nichts mehr undenkbar.

    Mich wundert, dass überhaupt noch jmd. Lehramt macht, plus Refendariat, das ziemlich an die Substanz geht, und dann in einen Null-Wetschätzungs-Beruf befeuert von der BILD-Zeitung geht.

    Und auf Applaus und warmen Worten von den paar, denen dann doch mal auffällt, dass Schul(lehr)arbeit doch vielleicht so ein klein wenig wichtig ist, kann ich gut verzichten, wenn wenigstens ein aufenthaltswertes Schulgebäude (Winter ist coming with extreme Lüfting), Internetanbindung, genug Lehrkräfte zur Verfügung ständen.

  4. Es würde mich stark wundern wenn es nach der Coronakrise mit ihren immensen Kosten plötzlich noch Geld übrig wäre für Investitionen in die Bildung. Für Berufszufriedenheit bräuchte ich zunächst einen Klassenteiler der bei max 20 Kindern in der Grundschule liegt. Dazu ein multiprofessiones Team (Schulsozialarbeiter, Schulkrankenschwester…) Immerhin habe ich jetzt digitale Endgeräte von meiner Schule erhalten. Mein Büromaterial zahle ich allerdings immernoch von meinem Gehalt. Schön wäre auch ein Aufwandsausgleich für Klassenlehrer und Überstundenausgleich in Coronazeiten für Grundschullehrer, die neben Videokonferenzen und Materialzur Verfügung stellen in der Notbetreuung dauerhaft eingesetzt wurden und in BE an Ostern durcharbeiten durften.

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