Holter: „Rolle rückwärts“ – CDU und FDP wollen die Inklusion zurückdrehen

10

ERFURT. Vor drei Jahren veränderte der Thüringer Landtag mit der damaligen Mehrheit von Rot-Rot-Grün das Schulgesetz – mehr Inklusion, mehr gemeinsamer Unterricht. Die CDU will nun zusammen mit der FDP das Gesetz ändern – und provoziert eine hitzige Debatte.

„Sie wollen einen 30-jährigen, erfolgreichen Weg beenden“: Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke). Foto: Jacob Schröter / Bildungsministerium Thüringen

Die rot-rot-grüne Minderheitskoalition lehnt einen Gesetzentwurf von CDU und FDP zur Stärkung der Förderschulen in Thüringen ab. Die vorgeschlagene Änderung des Schulgesetzes würde Grundpfeiler des inklusiven Schulsystems einreißen, sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Astrid Rothe-Beinlich, am Donnerstag im Landtag in Erfurt. Bildungsminister Helmut Holter (Linke) warf CDU und FDP vor, mit ihren Vorstellungen zur Inklusion auf den Stand des Jahres 1992 zurückkehren zu wollen. «Sie wollen einen 30-jährigen, erfolgreichen Weg beenden.»

Der Gesetzentwurf der Opposition soll nun im Bildungsausschuss weiter beraten werden. CDU und FDP verlangen unter anderem, das Recht von Eltern zu stärken, darüber zu entscheiden, ob ihr Kind eine Förderschule besuchen soll oder nicht. «Das Recht, über die Bildung und Erziehung der eigenen Kinder zu entscheiden, ist ein grundlegender Wert demokratischer Gesellschaften», heißt es in der Begründung des Gesetzesentwurfs.

2019 hatte die rot-rot-grüne Koalition mit ihrer damals noch vorhandenen Landtagsmehrheit das Schulgesetz novelliert. Damit hatten Linke, SPD und Grünen den gemeinsamen Unterricht gestärkt: Kinder mit besonderem Förderbedarf sollen nun grundsätzlich gemeinsam mit Kindern ohne solchen Bedarf unterrichtet werden. Die Förderschulen waren dadurch zwar nicht abgeschafft, aber geschwächt worden. Sie sollen mit Grund- oder Regelschulen kooperieren.

Holter verteidigte die Grundidee dieser Regelungen: Es müsse verhindert werden, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf in Förderschulen von anderen Schülern separiert werden, erklärte er. Genau das wollten CDU und FDP aber letztlich erreichen. «Das, was Sie wollen, ist eine Rolle rückwärts», sagte der Minister.

Vertreter von CDU und FDP widersprachen dieser Darstellung. Der CDU-Bildungspolitiker Christian Tischner sagte, in der Praxis bewährten sich die Änderungen nicht. Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf sei in der Realität oft mangelhaft. Tatsächlich gebe es in den Schulen oft nicht die baulichen Voraussetzungen, um zum Beispiel behinderte Kinder ebenso zu unterrichten wie Kinder ohne Handicaps. Zudem fehle in vielen Einrichtungen das Personal für einen solchen Unterricht. Die Schwächung der Förderschulen sei ein Fehler gewesen. Tischner sprach von einem «traurigen Überlebenskampf der Förderschulen in Thüringen».

Auch die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Franziska Baum, betonte, ehe gemeinsamer Unterricht stattfinden könne, müssten die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Es sei eine Tatsache, dass viele Dinge zwar vorgeschrieben seien, in der Praxis aber nicht umgesetzt würden.

Holter sagte in der Landtagsdebatte, auch er sehe im Bildungsbereich punktuellen Reformbedarf. Bereits vor wenigen Tagen hatte sich der Minister offen für Überlegungen gezeigt, die Besondere Leistungsfeststellung (BLF) abzuschaffen, die Thüringer Gymnasiasten am Ende der zehnten Klasse ablegen müssen. Sie können so einen Schulabschluss erhalten, der dem Regelschulabschluss gleichgestellt ist. Die BLF war als Reaktion auf den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 2002 eingeführt worden. News4teachers / mit Material der dpa

GEW: Inklusion benötigt veränderte Strukturen im Bildungssystem – letztlich Gemeinschaftsschulen

Anzeige


Abonnieren
Benachrichtige mich bei

10 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Julia
3 Monate zuvor

Richtig, Eltern entscheiden, ob ihr Kind zur Förderschule geht oder woanders hin. Nicht politischer Wille, Ideologie oder gar Spardiktat.

Indra Rupp
3 Monate zuvor
Antwortet  Julia

Dann aber bitte auch nicht die Eltern manipulieren oder bewusst die I-Kinder vor die Wand laufen lassen, damit Eltern am Ende die Förderschule für das Richtige halten… Gibt es!

Carsten60
3 Monate zuvor

Man vergleiche dazu den Artikel hier bei news4teachers mit dem Titel „Umfrage: Fast alle Lehrkräfte halten die Inklusion unter den derzeitigen Rahmenbedingungen für nicht realisierbar.“ So sieht der „30-jährige, erfolgreiche Weg“ in der Praxis aus.

Cornelia
3 Monate zuvor

Wenn Inklusion mangelhaft läuft, MUSS gebremst werden!! Von den Schulen, von sonstigen Einrichtungen, von der Opposition. Inklusion braucht nicht nur Geld und Ressourcen, sie braucht auch Zeit!
Seit Jahren bekomme ich mit, dass in der Inklusion, sei es im schulischen oder im Wohn- oder auch anderen Bereichen, manches schief läuft. Vor allem, wenn Inklusion zu schnell und voreilig und unter Druck vorangebracht wird. „Kollateralschäden“, so muss man leider manchmal sagen, werden nicht groß kommuniziert.
Das gilt selbst für Förderschulen, z.B. wenn junge, unerfahrene Lehrkräfte ihre neugelernten Ideen auf Biegen und Brechen umsetzen wollen, ohne genau zu schauen, was für ein Kind sie vor sich haben. Da müssen Eltern manchmal einiges auffangen!
Es gibt viel zu tun, und manchmal ist es besser, zu bremsen und das Erreichte mit besseren Mitteln zu implementieren.

Indra Rupp
3 Monate zuvor
Antwortet  Cornelia

Es gibt einiges, das in der Schule nicht läuft. Dann Schrauben wir doch bitte überall zurück und nicht nur bei den Schwächsten!

Cornelia
3 Monate zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Ich weiß. Aber ich habe nichts davon gesagt, bei den Schwächsten „zurückzuschrauben“. Lesen Sie bitte genau. Mir geht es darum: wenn Inklusion, dann in guter Qualität. Ja, ich bin sehr skeptisch, weil ich weiß, welche extremen Änderungen da letztendlich auf die Schulen zukommen. Und weil ich genau will, dass nicht die „Schwächsten“ den Preis dafür bezahlen.

Ronja
3 Monate zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Liebe Frau Rupp,
glauben Sie mir, bei den lernstarken und pflegeleichten Schülern wird noch mehr zurück geschraubt. Im Schulalltag geht es bei Lehrern nämlich mehr und mehr um die Frage: Wen kann ich (mit Arbeitsblättern) sich selbst überlassen und wer braucht meine unmittelbare Hilfe und Zuwendung, weil er/sie anders nicht zurecht kommt.?
Außerdem sind wir auch „von oben“ angehalten, besonderes Augenmerk auf die Schwächsten zu richten.
In den vergangenen Jahren hat sich die Bildungspolitik vor allem um die Armen und Schwachen gekümmert und keineswegs um die Starken. Es könnte noch mehr sein, geht in der Regelschule aber nicht.

Ich weiß, dass Sie das anders sehen und weiter sehen werden. Es bringt aber nichts, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen und Lehrkräften einreden zu wollen, sie kümmerten sich vorzugsweise um die Starken und ließen die Schwachen links liegen?. Jeder Lehrer und jede Lehrerin weiß doch nur zu genau, wie die Wirklichkeit aussieht.

Indra Rupp
3 Monate zuvor
Antwortet  Ronja

Nun, bei uns waren die schlaueren Schulkinder NICHT die pflegeleichten Schulkinder. Und es ist eher das I-Kind, das zurück stecken muss. Wegen ständigem Lehrkräftemangel werden Förderlehrkräfte sogar als Klassenlehrer*in eingesetzt und die Förderstunden auf Null runtergeschraubt, sowie eben das I-Kind im Unterricht mit Malblättern beschäftigt. Dazu ist das I-Kind noch das pflegeleichteste der Klasse. Und welches Kind ist das erste, wenn darüber spekuliert wird, auf wen man verzichten könnte oder wer die Klasse erleichtern soll und angeblich das Niveau der Klasse verantwortet und soziale Mißstände auszubaden hat? Dazu reden wir immer vom dreigliedrigem Schulsystem, obwohl es VIERgliedrig ist.

Was würde eigentlich passieren, wenn ALLE I-Kinder auf einmal zur Förderschule wollten? Hat dann die 5c an unserer Regelschule keine Klassenlehrerin mehr, weil die dann zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückkehren müsste? Gäbe es an den Förderschulen dann überhaupt genug Lehrkräfte? Und wenn ja, wo sind die jetzt und warum werden die nicht für „ihre“ Kinder eingesetzt?

Indra Rupp
3 Monate zuvor

Rechnen wir das doch mal nach :

An der Förderschule, die wir ausprobiert hatten kam ein Erwachsener (Lehrer, Sozialpädagogin, Therapeutin, ect) auf zwei Kinder. Die Schule ging verpflichtend 38h pro Woche (viel zu lang für Kinder, die im Kopf und im Herzen viel jünger sind als ihre Altersgenossen). Das heißt ein Erwachsener hat etwa 19 h pro Woche für ein Kind Zeit…

– Entweder ist der Betreuungsschlüssel falsch, dann sollten schleunigst ein Teil dieser Erwachsenen an die Regelschulen entsandt werden, wo sich die anderen 50% I-Kinder befinden!

– Oder der Betreuungsschlüssel ist korrekt, es gibt aber garnicht so viele Betreuende, so dass das die Regelschule automatisch übernehmen MUSS!

– Oder der Betreuungsschlüssel ist korrekt, die Förderkräfte werden aber wegen Lehrermangel den Regelkindern spendiert.

Soweit ich das mitbekomme, ist an allen drei Punkten was wahres dran : Der benannte Betreuungsschlüssel wäre ideal, wird aber ungerecht verteilt. Es gibt dafür auch garnicht genug Personal und das wenige Personal, dass es gibt wird für Regelschulunterricht zweckentfremdet.

Es ist also sehr einseitig immer nur davon zu reden, dass die I-Kinder den armen schlauen, starken, gesunden Kindern und deren Lehrer*innen das Leben schwer machen und es sich im Unterricht nur noch um sie drehen würde.

Wie sähe eine Alternative aus? I-Kinder an Betten fesseln und optimale Zustände für die Regelkinder ODER I-Kinder durch Förderkräfte an Förderschulen halbwegs gut versorgen und dafür 50 Kinder in jeder Regelklasse – dafür aber ohne Beeinträchtigung. Aber Achtung! Das heißt dann auch die doppelte Menge Korrekturen pro Lehrkraft und wer sagt, dass nicht – beeinträchtigte Kinder alle Engel seien? Zumal einige weitere durch die Klassengröße zu I-Kindern werden könnte.

Schon erbärmlich immer alles auf die Anwesenheit der I-Kinder an Regelschulen zu schieben.

Cornelia
3 Monate zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Die Sonderschule unserer Tochter war personalmäßig gut aufgestellt. Aber das hieß nicht, dass ein Erwachsener auf zwei Schüler kam. In den unteren Klassen waren pro Klasse 6 bis 7 Kinder, eine Lehrkraft und eine Betreuerin. Letztere hatte genug Betreuungsaufgaben für die Schwächeren der Klasse zu bewältigen, denn die Klassen waren immer heterogen. In den höheren Klassen waren 8-9 Schüler, dazu eine Betreuerin für die, die ständig Hilfe brauchten, also auch beim Essen und beim Toilettengang. Meistens waren es etwa zwei Schüler, die mehr Unterstützung brauchten.
Therapeuten waren keine in den Klassen, Kinder, die zusätzlich Therapie bekamen, wurden für diesen Termin aus der Klasse genommen.