Diskriminierung: „Im Durchschnitt werden pro Klasse ein bis zwei Kinder ausgeschlossen“

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KONSTANZ. Was, wenn der Schulbesuch zum Spießrutenlauf wird? Wenn niemand mit einem zusammenarbeiten will? Wenn man in den Pausen alleine bleibt? Prof. Jeanine Grütter, Bildungsforscherin für Schulpädagogik mit Schwerpunkt Inklusion an der Universität Konstanz, schildert im Interview, welche sozialen Dynamiken sich in den Klassenzimmern heute abspielen.

Ein Junge schreit ein an einer Wand hockendes Mädchen an. Im Hintergrund schauen zwei Kinder zu.
Dass es an jeder Schule Probleme mit Mobbing gibt, gilt unter Experten als unstrittig. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Wie äußert sich die Diskriminierung an Schulen?

Jeanine Grütter: Wenn ein Kind aufgrund von seiner Zugehörigkeit benachteiligt wird oder negative Erfahrungen macht. Dies kann auf sprachlicher Ebene geschehen, dass ein Kind beschimpft wird oder Gerüchte verbreitet werden. Diskriminierung kann aber auch aggressives, gewaltsames Verhalten beinhalten. Hintergrund ist ähnlich wie bei Mobbing oft ein Machtungleichgewicht im Klassengefüge. Im Durchschnitt werden pro Klasse etwa ein bis zwei Kinder ausgeschlossen oder leiden unter Mobbing.

Aufgrund von welchen Merkmalen werden Klassenkameradinnen oder -kameraden diskriminiert?

Grütter: Solche sozialen Merkmale können die Herkunft sein, eine Behinderung oder auch die sexuelle Identität. Alle möglichen sozialen Merkmale, aufgrund deren jemand als unterschiedlich wahrgenommen wird. Wenn ein Kind aufgrund eines solchen Merkmals negative Erfahrungen macht oder benachteiligt wird, erlebt es dies häufig als unkontrollierbar, weil es seine soziale Zugehörigkeit beispielsweise nicht ändern kann. Daher fühlt es sich dem häufig ausgeliefert.

Was bedeutet das für die betroffenen Kinder?

Grütter: Die Kinder sind meistens eingeschränkt in ihren schulischen Leistungen, weil sie vor allem ihre Aufmerksamkeit darauf lenken: „Was machen jetzt gerade die anderen? Werde ich gleich wieder Zielscheibe?“ Sprich, sie konzentrieren sich weniger auf den Stoff und sind auch weniger bereit, sich am Unterricht zu beteiligen.

Kinder und Jugendliche, die Diskriminierung erleben, nehmen die Schule nicht mehr als sicheres Umfeld wahr und fühlen sich häufig auch nicht mehr zu der Schule zugehörig. Mitunter suchen sie sich andere Quellen, wo sie sich als eine positive Person wahrnehmen können. Und durch die negativen Erfahrungen mit Gleichaltrigen kann der Selbstwert sehr stark beeinträchtigt werden, sodass sie später ein höheres Risiko für psychische Störungen haben.

Welche Rolle spielt die Lehrkraft, wenn es zu Diskriminierung in einer Klasse kommt?

Grütter: Wie die Lehrerinnen und Lehrer im Falle von Diskriminierung reagieren, spielt eine besonders wichtige Rolle. Wenn die Lehrkraft eingreift, signalisiert sie dem ausgeschlossenen Kind, dass es sich auf sie verlassen kann, und es erlebt die Schule als sicheres Umfeld. Die negativ agierenden Kinder merken, dass sie mit ihrem Verhalten nicht durchkommen. Am wichtigsten aber sind die Kinder, die nicht direkt Teil der Handlungen sind, sondern nur beobachten, die sogenannten Bystander. Diese sehen: „An dieser Schule werden Kinder nicht ausgeschlossen und wenn es passiert, dann tritt jemand für sie ein. Also mache ich das auch.“ Eine solche Motivierung der Bystander ist eigentlich das effektivste Mittel, damit Mobbing, Ausschluss oder Diskriminierung gar nicht erst stattfinden. Die Lehrkraft kann insofern ein Rollenmodell für die Kinder sein.

Immer noch begegne ich jedoch leider manchmal der Haltung: „Das geht mich als Lehrperson wenig an, das ist nicht meine Verantwortung.“ Aber es liegt sehr wohl in deren Verantwortung, ob sich die Kinder in der Schule wohlfühlen, sich zugehörig fühlen.

Was können Lehrkräfte konkret tun, um soziale Dynamiken positiv zu beeinflussen?

Grütter: Da gibt es viele Möglichkeiten. Der erste Schritt ist zu erkennen, was in der Klasse abläuft. Um dies zu verstehen, zeichnen wir jeweils soziale Netzwerke von einer Klasse und schauen dann, welche soziale Stellung die Kinder haben und wie man diese verändern könnte: zum Beispiel über strategisch geplante Gruppenspiele, Gruppendiskussionen, aber auch Sitzplatzanordnungen oder sonstige Lerngruppeneinteilungen. So kann man bewusst viele Begegnungsräume für die Kinder schaffen und sie zu Offenheit bei Gruppenbildung ermuntern.

Für die Gruppendiskussionen eigenen sich Geschichten von Kindern, die divers sind, sehr gut. Anhand solcher Geschichten kann die Gruppe diskutieren: War es fair oder unfair, wie sich die Charaktere verhalten haben, wenn zum Beispiel ein Kind ausgeschlossen wurde, weil es langsam lernt? Was könnten sie sich dabei gedacht haben? Wie fühlen sich die Beteiligten? Die Idee ist, dass die Kinder all diese Gedankengänge nachvollziehen und so ihr Bewusstsein für ihre eigenen Haltungen und Verhaltensweisen schärfen und eigene Strategien überlegen. Wichtig ist dabei, dass die Lehrperson sich in der Diskussion zurücknimmt und nur nachfragt, um der Diskussion mehr Tiefe zu geben.

Was kann die Schule, tun, um ein tolerantes Umfeld zu schaffen?

Grütter: Es braucht eine Willkommenskultur an der Schule, Anlaufstellen für die Kinder und Jugendlichen bei persönlichen Fragen oder Schwierigkeiten, ein Lehrerteam, das wirklich zusammen einsteht für eine gute Schulkultur. Dies alles ist absolut wichtig, um ein tolerantes Umfeld zu bereiten. Interview: Marion Voigtmann (PM)

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers heiß diskutiert.

Charité-Kinderpsychiaterin: Es gibt ein großes Problem mit körperlicher und emotionaler Gewalt an Schulen

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49 Kommentare
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DerechteNorden
1 Jahr zuvor

Schule heute: Die Opfer müssen die Schule wechseln, um sicher zu sein. Die Täter*innen dürfen bleiben, ohne große Konsequenzen befürchten zu müssen.

Konsequenzen?
1 Jahr zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Den Opfer wird zudem ein psychologe empfohlen

Tigrib
1 Jahr zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Man hat als Schule halt nichts in der Hand. Bei uns wurde noch nie ein Schulverweis ausgesprochen, obwohl es Anlässe genug gegeben hätte. Man setzt darauf, dass die Kinder freiwillig von der Schule gehen…

Tim Bullerbü
1 Jahr zuvor
Antwortet  Tigrib

In Niedersachsen darf seit Kurzem von Klassenfahrt ausgeschlossen werden.
Allein ich hatte in diesem Schuljahr 5 Konferenzen, davon 4 mit Suspendierung.
Was viele Lehrkräfte nicht verstehen: Es gilt der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Daher nicht wegsehen, nicht ignorieren. Stattdessen sammeln!!! Erziehungsmittel, Erziehungsmittel,Erziehungsmittel, Konferenz.
Und dann Runde 2. Ja, macht Arbeit. Hilft aber und spricht sich rum.

unverzagte
1 Jahr zuvor
Antwortet  DerechteNorden

Es gibt durchaus Sanktionen für Täter*innen: Interner Klassenwechsel, begrenzte Zeit des Schulauschlusses und/oder gemeinsam beschlossene Konsequenzen im Klassenrat fallen mir spontan ein.
Konsequenzen im Klassenrat werden mit SuS gemeinsam erarbeitet. Direkt folgende von Gleichaltrigen beschlossene Maßnahmen haben eine nicht zu unterschätzende Wirkung.

Georg
1 Jahr zuvor

Sehr viel häufiger sind es charakterliche Stärke, dominantes Auftreten usw., die über die soziale Rangliste innerhalb einer Klasse entscheiden. Mit Herkunft oder einer Behinderung hat das erst einmal nichts zu tun. Die Inklusionspädagogin hat wohl noch nie eine Hauptschulklasse von innen gesehen.

Indra Rupp
1 Jahr zuvor
Antwortet  Georg

Oder das Haifischbecken im Gymnasium… ist auch nicht zu unterschätzen,genau genommen schlimmer, weil mehr indirekt und hintenrum. Die Hauptschüler mobben mehr gerade heraus, also weniger intelligent, und dadurch können Lehrkräfte besser darauf reagieren.

Indra Rupp
1 Jahr zuvor

Herkunft, Behinderung, sexuelle Identität…
Da fehlt noch Sozialstatus, Charaktermerkmale wie Schüchternheit oder fehlendes Selbstwertgefühl zB aufgrund von Missbrauchserfahrungen, optische Normabweichungen, Hochbegabung,…
Im Falle von Hochbegabung ist es Neid/Missgunst. Ansonsten dienen solche Kinder als Puffer, als Ausgleichsventil um sich an jmd abzuarbeiten. Jmd runterzudrücken um sich selber zu erhöhen oder einfach „Spaß“ am quälen.
Mit solchen gequälten Kindern wollen andere nichts zu tun haben, aus Angst sich „anzustecken“. Mit einem „rangniedrigen“ Kind zu spielen kann dem eigenen Rang schaden . Es färbt ab.
Erwachsene sind da gesellschaftlich nichts besser nur weniger offensichtlich.

Fresh L
1 Jahr zuvor

„Das geht mich als Lehrperson wenig an, das ist nicht meine Verantwortung.“ 

So eine Aussage ist für mich unfassbar. Wir haben zwar Lehrkräftemangel, aber solche Lehrkräfte sollten direkt entlassen werden.

Diese Sichtweise widerstrebt mMn doch der grundlegenden Berufung als Lehrkraft und widerspricht jeder Moralvorstellung.

Ich wüsste gar nicht, wie ich so eine Aussage überhaupt mit meinem Gewissen vereinbaren könnte.

Küstenfuchs
1 Jahr zuvor
Antwortet  Fresh L

Und woher nehmen Sie diese Gewissheit? Weil die gute Frau das – ohne jeden Beleg zu liefern oder auch nur die Größenordnung zu nennen – mal so in den Raum stellt?

Fresh L
1 Jahr zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Ich verstehe gerade nicht, in welchem Zusammenhang sie von einer Gewissheit sprechen.

Könnten Sie bitte einmal erklären, worauf Sie sich dabei beziehen?

Dil Uhlenspiegel
1 Jahr zuvor
Antwortet  Küstenfuchs

Jetzt kommen wir der Sache näher.

Jollyroger
1 Jahr zuvor
Antwortet  Fresh L

Oh das können wir noch toppen, Aussage der Lehrerin: „Ich bin als Kind auch gemobbt worden, da muss sie durch „.
Meine Tochter hatte einen 4fach bruch im Fuß, da die Mitschülerin sie nicht durch die Tür lassen wollte.
Da es sich um 4. Klasse handelte,gab es ausser dududu trotz Anzeige keinerlei weitere Sanktionen.
Die Lehrerin ist heute stellvertretende schulleitung.

Lisa
1 Jahr zuvor
Antwortet  Jollyroger

Die Lehrerin: Fall von PTBS und Identifikation mit dem Aggressor später. Ja, da brauchts wohl eine Therapie

Dil Uhlenspiegel
1 Jahr zuvor

Ich finde auch, die Lehrer sollen das richten. Wofür hat man die sonst? Genau dafür sind die doch auch zuständig. Und das ist doch volle wichtig, für die ganze Gesellschaft und für alle Kinder, gerade heute. Dass man sich wohlfühlt und Spaß hat und man tolerant behandelt wird. Da wird doch keiner sagen wollen, dass das unwichtig ist und man als Lehrer keine Zeit und keinen Raum dafür hat, lächerlich, was für eine schreckliche Berufseinstellung. „Zu viele, wir brauchen Unterstützung, wir brauchen Fachleute“ blabla … einfach typisch, genau wie man es kennt. Mein Kind kam jetzt auch schon dreimal nach Hause und hatte keine Freude in der Schule, wie intolerant kann man eigentlich sein, ich schreib denen gleich mal was, aber volle. Nicht mit mir und meinem Kind! Die werden was erleben. Das ist mein gutes Recht, dass mein Kind sich dort wohlfühlt und Spaß hat, da können die Lehrer doch auch dafür sorgen, dass andere meinem Kind nicht den Spaß verderben. Und die tun einfach nichts, gar nichts.

Aus der Rubrik: Unmöglich, aber echt.

Indra Rupp
1 Jahr zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Sehr relativierend , Dil!
Zuhause gibt es keine Gruppe und kann somit kein Gruppenleben geübt werden. Gruppendynamiken wiederum können grausam sein, da reicht ein Blick in die Geschichtsbücher. Der Gruppenleiter herrscht über die Gruppendynamiken, sofern ihn das interessiert, zumindest bei jüngeren Kindern. Unsere Grundschullehrerin hatte da extrem viel Einfluß drauf-im positivem Sinne.
Die Kinder verbringen die Hälfte ihrer Kindheit in der Schule, so sollte das definitiv keine Hölle sein und es ist aufgrund von Mängel mitunter schon eine Verwahranstalt, in die man per Schulpflicht zT sogar ganztägig gezwungen wird.
Wer weiß, vielleicht sind manche Kinder auch gar nicht traumatisiert, weil sie Zuhause misshandelt werden, sondern rund um die Uhr von Mitschülern. Schulweg, Pause, böse, feixende Blicke im Unterricht,…
Kannte vor der Grundschullehrerin eine Waldorf Lehrerin mit schlechter Ausbildung, von Psychologie nie was gehört. Die hatte die Klasse im Griff, indem sie zu den Stärkeren gehalten hat. Dieser Freifahrtschein hat die Kinder völlig durchdrehen lassen. Man kam sich vor, als wäre man bei einer mittelalterlichen Hinrichtung. Ja, das steckt drin im Menschen und kann hervorgelockt werden. Lehrer müssen sich als Gruppenleiter mit solchen Dynamiken auskennen und das ist wichtiger als Unterricht, denn solange solche Dynamiken herrschen, ist Unterricht gar nicht möglich, bzw lernen die Kinder eh nichts. Hier geht es nicht um Ressourcen, sondern um professionelle Ausbildung. Dazu kann nicht nur Pädagogik gehören, sondern muss auch Gesellschaft wissenschaftliche Psychologie gehören, weil in der Schule eben große Gruppen von Menschen zusammen kommen.

Dil Uhlenspiegel
1 Jahr zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Ah jetzt hab ich das auch mal kapiert!

Indra Rupp
1 Jahr zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Schön, dann müssen Sie jetzt ja nur noch die billig-einfachen Vorurteile ggü Eltern ablegen.
Eltern, die sich Sorgen, weil ihr Kind sich in der Schule nicht wohl fühlt oder unglücklich ist, meinen bei differenzierterer Betrachtung wohl doch nicht so ganz oberflächliche Dinge, aber das muss der Lehrer dann auch hören wollen und nicht beim ersten Wort als Banalität abhaken, weil einfacher…. und Achtung, jetzt kein „ja, ja, fauler S…“ – Selbstmitleid, sobald Kritik kommt, das wäre feige!

Dil Uhlenspiegel
1 Jahr zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Dazu müsste ich erstmal Vorurteile gegenüber Eltern haben.

Indra Rupp
1 Jahr zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Ergänzend dazu schaue/lese man
Die Welle!

Fräulein Rottenmeier
1 Jahr zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Oder Der Herr der Fliegen…..

Lustig
1 Jahr zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

„Mein Kind kam jetzt auch schon dreimal nach Hause und hatte keine Freude in der Schule“

Im Artikel ist von Mobbing die Rede, was leider in Klassenzimmern Realität sein kann. Die Folgen für betroffene Kinder oder Jugendlichen sind oft existenziell und gar nicht lustig.
Ich empfinde daher ihren Kommentar als unangemessen.

Dil Uhlenspiegel
1 Jahr zuvor
Antwortet  Lustig

Nichts daran ist lustig gemeint.

Tim Bullerbü
1 Jahr zuvor
Antwortet  Dil Uhlenspiegel

Sehe ich anders. Es ist mein Job, eine Lernatmosphäre zu schaffen. Dazu gehört, dass man sicher sein kann, nicht beleidigt und angegriffen zu werden.
Wenn mir das zu anstrengend ist, bin ich im falschen Beruf.

TaMu
1 Jahr zuvor

Es gibt auch Kinder, die aufgrund ihres eigenen Verhaltens zum Außenseiter werden, die sich einfach blöd benehmen und mit denen es anderen keinen Spaß macht, sofort beleidigte Leberwürste, Heulsusen, Petzen, Besserwisser, passiv aggressive Kinder. Auch darauf sollte geachtet werden. Es ist nicht immer einseitig die mobbende Gruppe allein verantwortlich für die Gruppendynamik, auch wenn ich damit Mobbing nicht entschuldigen möchte.

Indra Rupp
1 Jahr zuvor
Antwortet  TaMu

Das stimmt, ist aber nur ein Aspekt von vielen. Ich habe umgekehrt dieses Argument zu oft und zu schnell als Ausrede gehört. „Selbst Schuld“ ist bequemer.
Wenn es richtig chaotisch in der Klasse wird, verschwimmen zudem die Grenzen. Kinder werden durch ein unerträgliches Klima auffällig, die zuvor gar nicht auffällig waren. Sie schreien zB durch den Raum, dass die Anderen ruhig sein sollen, weil sie den Lärm nicht ertragen und werden somit selber laut.
Gemobbte Kinder werden durch den psychischen Stress auffällig. Sie werden zB tollpatschig, kippen im vorbei gehen Sachen um, stolpern – weil sie sich negativ beobachtet fühlen. Dann sollen sie als nächstes auf AD(H)S untersucht werden, weil sie so ungeschickt sind. Gute Lehrer aber, durchschauen das und in einer neuen Klasse ist das Problem von heute auf morgen weg.
Wird das Problem aber nicht erkannt, spitzt es sich zu und das Kind ist nur noch im Verteidigungsmodus, wird evtl aggressiv oder depressiv. Und dann heißt es oft :“Siehste! Liegt am Kind selber, dass es keiner mag, kein Wunder!“
Leider werden immer Opfer zum Arzt geschickt und nicht die Täter. Die Täter sind oft unauffällig und seelenruhig, sie leiden ja nicht, wenn sie andere quälen.
Klar können Opfer auch von vornherein unangenehmes Verhalten mitgebracht haben – das gilt aber auch für Andere und bei denen hat das keine negativen, sogar positive Auswirkungen. ZB haben dominate Kinder, die immer den Ton angeben wollen, durchaus viele Freunde.

Pit2020
1 Jahr zuvor
Antwortet  Indra Rupp

@Indra Rupp

„ZB haben dominate Kinder, die immer den Ton angeben wollen, durchaus viele Freunde.“

Ja, das ist so.
Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein, z.B.
– ein ruhiges Kind fühlt sich „sicherer“, wenn es die Anführer-„Persönlichkeit“ als „Freund“ hat … aber dann ist es nicht mehr weit zum Mitläufertum bei Mobbing!!! (Und bekannterweise sind die Mitläufer ein entscheidender Faktor beim Mobbing!)
– ein ruhiges Kind möchte sich ein wenig „sonnen im Licht und Glanz“ derer, die den Ton angeben
– ein ruhiges Kind hat die Hack-Ordnung schon durchschaut („Lehrstunden“ kann man auch außerhalb der Schule bei einer Vielzahl von Gelegenheiten bekommen!) und versucht sich eventuell darin, die eigene Position zu „verbessern“.

Nichts davon ist wirklich ehrenwert (Natürlich: Es sind Kinder.) und gleichwohl zeigt es, dass die meisten Menschen Verhaltensweisen (auch schon in sehr jungem Alter) erproben.

Dabei können die Rollen wechseln, auch mehrfach.

Entweder passiert dann etwas bei den „Kindern, die den Ton angeben wollen“, was sie zu einem Perspektivwechsel sorgt … oder die Positionen verfestigen sich (bis hin zu den Erwachsenen, die dann immer noch anderen Menschen das Leben schwer machen und diesen Zustand als beglückend oder gar als einzigen Sinn ihres Daseins empfinden).
Falls ein Perspektivwechsel stattfindet, dann (Vorsicht: Anekdotische Evidenz!) sind es nicht die netten Sozialtrainings oder sonstige „dolle Errungenschaften“ wie z.B. Projekt-Tage, sondern ganz klassisch: Wenn ein Mädchen neu in die Klasse kommt und sich dadurch die „Girl-Clübchen“ neu formieren und das kann auch ganz gewaltfrei passieren. Plötzlich hat jemand z.B. etwas zu erzählen, was interessanter ist und manch ein Mädchen ergreift ganz clever die Chance, bevor der zeitlich begrenzte Zauber des neuen Ereignisses vorüber ist. Allerdings: Das hängt von 2 Dingen ab, nämlich dem Zufall (neues Mädchen kommt in die Klasse) und die Chance zur „Flucht“ aus alten Cliquen-Strukturen wird erkannt. Und KEINE dieser 2 Möglichkeiten lässt sich bewusst herbeiführen/steuern!

Erfreulich offensichtlich ist das „Ton angeben“ bei den Jungs: Morgens gibt es „auffe Zähne, abba feste“ – und nachmittags beim Kicken erstmals/wieder gute Kumpels.
Bei den Mädchen läuft es oft tendenziell „versteckt“, dafür aber sehr hässlich/tatsächlich hasserfüllt (!) ab und dauert … nun, so lange, wie die Ober-Grazie Lust drauf hat, und das kann seeeeehr lange sein.
Leider gibt es dann schon Gruppenstrukturen, die nicht einfach nachzuweisen sind, dann sind sie auch nicht aufzubrechen. … Isso. Sorry.
Auch wenn das nicht gerne gehört wird: Wenn nicht jedes Mädchen aus einer „Clique“ 1 eigene sozialarbeitende Betreuung hat – und das hat sie natürlich nicht – dann kommt „die Schule“ bzw. eine oder auch alle LKs gemeinsam nicht dagegen an. … Und man darf durchaus davon ausgehen, dass die Ober-Grazie oft schon viele Jahre Übung – und vielleicht auch Beobachtungslernen bei älteren Mitmenschen – auf dem kindlichen „Buckel“ hat, bevor sie an einer weiterführenden Schule Quartier bezieht … und wenn dann noch die „Zofen“ von der Grundschule mit herüberwechseln … (Den Rest kann man sich denken.)

Cuibono
1 Jahr zuvor
Antwortet  Pit2020

Kann ich bestätigen, habe eine reine Mädchenschule besucht. Die Fiesheiten, die sich Mädchen ausdenken können, ist nicht zu glauben, vor allem nicht von manchen GrundschullehreInnen, die dann ihre lieben Mädels gern als leuchtendes Beispiel hinstellen.

Hellus
1 Jahr zuvor
Antwortet  Indra Rupp

@Indra Rupp

„ZB haben dominate Kinder, die immer den Ton angeben wollen, durchaus viele Freunde.“

Flying Monkeys?

Lisa
1 Jahr zuvor
Antwortet  TaMu

Nein, das stimmt so nicht. Mit dem gleichen Recht könnte man auch, und entschuldigt für den harten Vergleich sagen: Es gibt immer Frauen, die sich aufreizend anziehen, kokettieren und provozieren, also sind nicht nur die Sexuellen Belästiger einseitig schuld. Natürlich kann es sein, dass ein Kind, das sich unpassend benimmt wie beispielsweise ein Asperger Autist, keine Freunde findet. Es gibt kein Recht auf Freundschaft. Doch es gibt ein Recht, vor Schikanen, tätlichen und seelischen Angriffen geschützt zu sein. Tenor in solchen Klassen, in denen das geklärt ist: „Ich kann XY zwar nicht leiden, aber keiner darf ihm seine Sachen kaputt machen“

TaMu
1 Jahr zuvor
Antwortet  Lisa

Da bin ich ganz Ihrer Meinung. Ich hatte auch nicht geschrieben, dass ich Schikane gutheiße. Ich empfinde das im Gegenteil sehr bedrückend. Ich finde es nur wichtig, beide Seiten zu sehen. Beim Thema Mobbing fällt mir auf, dass so gut wie nie darüber geschrieben wird, was das gemobbte Kind an Verhaltensweisen mitbringt. Eventuell hat auch dieses Kind Bedarf an feinfühliger, professioneller Hilfe, damit es Verhaltensweisen ablegen kann, die es zum Außenseiter machen. Das ist meiner Meinung nach kein victim blaming.
Über den Umgang mit der mobbenden Gruppe wird bereits so viel geschrieben, was auch alles richtig und gut ist, dass ich darauf nicht eingegangen bin.

Fresh L
1 Jahr zuvor
Antwortet  TaMu

auch wenn ich damit Mobbing nicht entschuldigen möchte.“

Zumindest relativieren Sie mMn Mobbing mit Ihrer Aussage.

Es kann doch keine Antwort und keine verständliche Reaktion sein, EINEM Kind mit irgendwelchen negativen Eigenschaften als GEMEINSAME Gruppe das komplette Schulleben zur Hölle zu machen.

Genau um solche schädlichen Gruppendynamiken zu verhindern bzw. in die richtigen Bahnen zu lenken, brauchen wir aufmerksame, mitfühlende und konsequente Lehrkräfte, die sich kümmern wollen.
Dazu gehört natürlich auch, klar zu machen, dass bestimmtes Verhalten, welches Sie beispielhaft genannt haben, einen negativen Einfluss auf das Miteinander hat und daran ebenso gearbeitet werden muss.

Rücksicht ist natürlich auch hier keine Einbahnstrasse.

Aber nichts, rein gar nichts entschuldigt nur ansatzweise Mobbing.

TaMu
1 Jahr zuvor
Antwortet  Fresh L

Ich habe nirgendwo mobbing relativiert oder gutgeheißen. Ich glaube, dass ich mich klar ausgedrückt habe. Auf die mobbenden Kinder wird ohnehin zurecht der Fokus gelegt. Die gemobbten Kinder haben aber häufig ebenfalls Bedarf an feinfühliger Unterstützung bezüglich ihres Verhaltens in Gruppen, das sie nicht per se in die Wiege gelegt bekommen haben. Man hilft ihnen nicht fürs Leben, wenn sie gemobbt werden und die entsprechende Gruppe deshalb ihr Sozialverhalten ändern soll, während es selbst das Opfer bleibt und davon abhängig ist, dass die Gruppe sich ändert. Es hilft gemobbten Menschen häufig, wenn auch sie sich durch die Dynamik positiv verändern können. Dazu brauchen sie ebenfalls Unterstützung.

Tim Bullerbü
1 Jahr zuvor
Antwortet  TaMu

Es gibt ein Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung. Ich muss meinen Sitznachbarn nicht normal finden.
Es ist unser Job, dass Kindern lernen, dass Unterschiede normal sind.
Ich finde auch vieles an Menschen seltsam, so what.
Und ich würde mich hüten, zu definieren, was normal ist. Solange das Kind seine Mitschüler nicht ärgert, verletzt, demütig, …kann es meinetwegen jeden Tag im rosa Tütü und mit Rollschuhe und ungekämmten Haaren zur Schule kommen.
Mir egal. Das ist Demokratie verdammt noch mal. Wenn du dich an die Gesetze hältst, feel free.

Blau
7 Monate zuvor
Antwortet  Tim Bullerbü

Die gemobbten SuS, die ich kenne, wollen aber nicht bloß in Ruhe gelassen werden. Sie möchten Teil einer Gruppe sein. Tolerieren kann man den SuS beibringen, aber man kann sie nicht zwingen ein sozial auffälliges Kind zum Freund zu nehmen. Deshalb finde ich den Einwand gut, dass diese Kids auch Hilfe bekommen, wenn dies notwendig ist.
Noch habe ich nicht erlebt, dass ganz unauffällige, soziale SuS Opfer von Mobbing wurden. Aber das soll’s ja auch geben. Dann macht es natürlich keinen Sinn, da unterstützend einzugreifen.

Tim Bullerbü
1 Jahr zuvor
Antwortet  TaMu

Aber wen ich doof finde, mit dem spiele ich nicht, den lade ich nicht zu meinem Geburtstag ein. Aber den mache ich nicht systematisch fertig.

OMG
1 Jahr zuvor

Aha. Und das haben die Lehrkräfte an den Schulen in Brennpunkten bisher vergessen in den Blick zu nehmen, deswegen läuft es da nicht? Es gibt Statements, die kernpeinlich sind. Das oben gehört dazu. Es handelt sich um Grundwissen der Lehrerausbildung, nachzulesen z.B. in den Büchern der Uni Münster der 60er Jahre!

Dil Uhlenspiegel
1 Jahr zuvor
Antwortet  OMG

Ja, die LuL da haben das scheins nicht gelernt oder ignorieren es absichtlich. Wird ja ausgiebig analytisch erkannt, auch hier.

Lisa
1 Jahr zuvor

Bitte auch noch einmal klären, dass schlechte Schulleistungen sein können, aber nicht müssen. Gerade für begabte gemobbte Kinder sind die Noten oft die einzige Konstante in dem Chaos. Und schlimm ist, wenn dann eine Bemerkung kommt wie: „XY geht es doch super, sie schreibt doch lauter Einser“

Blau
7 Monate zuvor
Antwortet  Lisa

Gerade die Einser können auch Grund für Mobbing sein

Nordost
1 Jahr zuvor

Solche sozialen Merkmale können die Herkunft sein, eine Behinderung oder auch die sexuelle Identität. Alle möglichen sozialen Merkmale, aufgrund deren jemand als unterschiedlich wahrgenommen wird. 

Wie etliche Kommentatoren bereits darauf hingewiesen haben, muss man so weit überhaupt nicht gehen. Häufig reicht es bereits aus, dass das Kind charakterlich etwas ruhiger ist oder anstatt von Smartphone-Gedaddel lieber ein Buch liest. Die geringste Abweichung von der Norm genügt.

Georg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Nordost

Norm = Durchschnitt der Klasse

Nordost
1 Jahr zuvor
Antwortet  Georg

Kann man natürlich so sehen. Vermutlich habe ich „Norm“ positiver klingen lassen, als beabsichtigt. Die Grundaussage sollte aber klar sein.

Georg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Nordost

In einer Klasse voller Arbeitsverweigerer und Mitläufer ist das einzige lernwillige Kind der Außenseiter und oft Mobbingopfer. Das meinte ich mit „Durchschnitt der Klasse“.

Last edited 1 Jahr zuvor by Georg
Nordost
1 Jahr zuvor
Antwortet  Georg

Das war im Kern auch mein Gedanke im Eingangsposting – ich hatte dabei jedoch noch nicht einmal den Extremfall von 25 unbeschulbaren Brennpunktrabauken vor Augen, die über den einzigen anständig lernenden Schüler herfallen. Mit etwas introvertierteren Zügen und leicht unkonventionellen Interessen/Hobbies läuft ein solcher selbst in einer „normalen“ Grundschule noch Gefahr, zu sehr aus der Reihe zu tanzen und zum Boxsack für die inoffiziellen Leader zu werden.

Pit2020
1 Jahr zuvor
Antwortet  Nordost

@Nordost

„Die geringste Abweichung von der Norm genügt.“

Vor etwa 15 (!) Jahren in einer Klasse 5:
Kennlernphase, mit den Klassikern wie „einen Steckbrief von sich selbst verfassen und ein Hobby benennen“ schrieben 2 Jungen (kannten sich von der Grundschule) „Modellbau“.

UIUIUIUIUI!
Die waren sofort und für viele Jahre die Zielscheibe von Spott und Hohn. …
Warum?
Tja: Die restlichen Schlaubis wussten gar nicht, was „Modellbau“ bedeutet! 🙂 🙂
Geändert hat das nichts, denn: Aggro und Dummheit „sticht“ alles andere … Zum Glück haben die beiden Jungs die Ruhe weg gehabt und auch den Rückhalt von Familien, die nicht versessen darauf waren, dass ihre Söhne mit buchstäblich jedem „best friends“ sein sollen/müssen. So hatten die beiden wohl die netteste Schulzeit verglichen mit allen anderen aus der Klassen-„Gemeinschaft“, die sich nämlich in den nächsten Jahren reihum wechselseitig-gegenseitig angingen, jeder „durfte“ mal „ganz unten“ sein. (Nicht ganz unwichtig: Wie weiter oben in meinem längeren Post bereits angemerkt kannten sich die Kinder alle von der Grundschule, wohnten fast alle in 1 Siedlung mit „toller Stimmung“, inkl. regelmäßiger Besuchsfahrten 😉 von Polizeistreifen … und: FESTHALTEN! Die Eltern nahmen ihre Kinder natürlich in Schutz (Natürlich. „Es sind Kinder.“) Und nach und nach kam heraus, dass sich viele Ereignisse einfach eine Generation später wiederholten. Tststs … Ja, ich gebe ohne Umschweife zu, dass dies ein extremer Einzelfall war, aber wenn man es nicht selber erlebt hätte – man würde es nicht glauben bzw. nicht glauben wollen! … Dennoch spiegelt das – in variabler „Härte“ – den Alltag.)
Und wer jetzt denkt: „Müssten die nach 15 Jahren nicht mittlerweile junge Erwachsene sein?“ … hat ganz richtig gedacht! 😉 The show must (?) go on!

Alex
1 Jahr zuvor

Als ob das was völlig neues wäre. Gab es schon bei meinen Eltern, gab es zu meiner Schulzeit, wird es auch weiterhin immer geben. Gruppen stellen ihre „Hackordnung“ her, da können sich Lehrer auf den Kopf stellen. Im Gegenteil, zu meiner Zeit wurde es eher schlimmer, wenn sich der Lehrer für einen eingesetzt hat.

DerechteNorden
1 Jahr zuvor
Antwortet  Alex

Bisschen einfach, nicht wahr?

Indra Rupp
1 Jahr zuvor
Antwortet  Alex

In unserer Grundschule hat sich die Lehrerin in der Hackordnung vorne angestellt und den anderen (den Kindern) befohlen und vorgelebt, was sozial ist.