Studie: Menschen grenzen andere oft nicht beliebig, sondern strategisch aus

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KAISERSLAUTERN. Die Sozialpsychologin Selma Rudert untersucht, mit welchen Gründen Menschen andere aus Gruppen ausgrenzen. Ein aktuelles Ergebnis: Menschen grenzen andere Personen aus, die sich ihrer Ansicht nach unangemessen verhalten oder entbehrlich für die Ziele der Gruppe sind – und das durchaus strategisch.

Ausgrenzung erfahren manche Kinder häufig (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Warum Menschen andere Menschen aus Gruppen ausgrenzen, kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Die Forschung zur Ausgrenzung konzentriere sich dabei aber meist auf das Erleben der ausgegrenzten Personen und nicht auf die Frage, warum es überhaupt zur Ausgrenzung kommt. „Dieser Aspekt ist allerdings wichtig, um das Phänomen der sozialen Ausgrenzung zu verstehen und ihr entgegenwirken zu können“, stellt die Sozialpsychologin Selma Rudert fest, Juniorprofessorin von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU).

Gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern der Universität Basel untersuchen Rudert und ihr Team daher, aus welchen Gründen und in welchen Situationen Menschen andere ausschließen. In einer aktuellen Studie konnten sie nun zeigen, wie es zu bewussten Ausgrenzungsentscheidungen kommt, die Menschen zum Wohl von Gruppen treffen. Das Ergebnis: Menschen grenzen andere Personen aus, die sich ihrer Ansicht nach unangemessen verhalten oder entbehrlich für die Ziele der Gruppe sind – und das durchaus strategisch.

„Wir konnten in allen Studien zwei zentrale Motive identifizieren, warum Menschen andere Personen ausgrenzen“, erklärt Selma Rudert. Erstens würden Gruppenmitglieder eher ausgeschlossen, die dazu neigen, Regeln zu brechen und sich nicht an die Normen der Gruppe halten. Zweitens würden Personen, die nicht mit der Leistung der Gruppe mithalten können und dadurch die Gruppenziele gefährden, oft als entbehrlich angesehen und ebenfalls ausgeschlossen.

Um die Gründe für Ausgrenzung zu untersuchten, führte das Forschungsteam insgesamt fünf Experimente und zwei Befragungen mit insgesamt über 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch. In den Befragungen berichteten diese über ihre eigene Erfahrungen in der Rolle von Ausgrenzenden sowie Ausgegrenzten. In den Experimentalstudien sollten sie eine Gruppe für eine darauffolgende Aufgabe zusammenstellen und hatten die Möglichkeit, zuvor eine Person aus der Gruppe auszuschließen.

Menschen grenzen andere strategisch aus

„Ein bedenklicher Befund der Studien ist, dass sich oft eine Mehrheit der Teilnehmenden für ausgrenzendes Verhalten entschied, wenn es den Zielen der Gruppe dienlich war“, so Rudert. Es habe jedoch auch vereinzelte Lichtblicke gegeben: Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer handelten strategisch in ihren Entscheidungen und grenzten nicht einfach beliebig alle Menschen aus, die aus irgendeinem Grund anders waren. Der Kontext habe hier eine entscheidende Rolle gespielt: So wurden Personen, die leistungsschwach, aber sehr kooperativ waren, seltener ausgeschlossen, wenn für eine anstehende Aufgabe die Bedeutung der gemeinsamen Zusammenarbeit relevanter war als die Leistung. Umgekehrt wurden wenig kooperative, aber leistungsstarke Gruppenmitglieder seltener ausgeschlossen, wenn die Gruppenaufgabe auf Leistung anstatt auf Zusammenarbeit ausgerichtet war.

Rudert und ihre Kolleginnen und Kollegen betonen selbst, dass die bewussten Entscheidungen zum Wohl einer Gruppe nur ein Fragment der möglichen Ausgrenzung darstellen. „Es können allerdings auch andere Motive zum Tragen kommen“, so die Kaiserslauterer Sozialpsychologin. Menschen würden etwa aus eigennützigen Gründen andere ausschließen, beispielsweise, weil sie ihre eigene Position in der Gruppe durch die andere Person als bedroht erlebten. In vorangehenden Studien konnten die Forscherinnen und Forscher außerdem bereits zeigen, dass Persönlichkeit ein wichtiger Risikofaktor für soziale Ausgrenzung ist. Wenig verträgliche und unzuverlässige Menschen werden demnach mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ausgegrenzt. In vielen Situationen liege aber auch überhaupt kein klares Motiv vor. So grenzten Menschen andere auch unbewusst oder versehentlich aus, weil sie die Person schlichtweg übersehen oder nicht an sie gedacht haben.

Soziale Ausgrenzung kann verringert werden

Dennoch biete die Studie wichtige Impulse für die Arbeitswelt und Schulen, so die Wissenschaftlerin – zwei Bereiche, in denen viel Ausgrenzung stattfinde. „Eine entscheidende Erkenntnis unserer Forschung ist, dass soziale Ausgrenzung in Gruppen nicht unvermeidlich ist“. Sie könne verringert werden, indem man die Bedingungen ändert, die ausgrenzendes Verhalten in einer bestimmten Situation fördern. Beispielsweise könnten externe Stressfaktoren wie hoher Zeitdruck oder Wettbewerb soziale Ausgrenzung fördern, weil Gruppen in diesem Fall auf eine hohe Leistung aller Mitglieder angewiesen seien. Wird der Stress verringert, ermögliche dies Gruppen, schwächere Mitglieder zu unterstützen, anstatt sie auszuschließen. In sozialen Gruppen, Freundeskreisen oder Familien lasse sich Ausgrenzung vermindern, indem unterschiedliche Meinungen, Entscheidungen und Lebensweisen akzeptiert sowie konstruktive Meinungsverschiedenheiten zugelassen würden. „Dies erlaubt es Menschen, die unbeliebte Meinungen äußern oder nicht der Norm entsprechen, dennoch Teil der Gruppe zu bleiben“, erklärt Rudert. (zab, pm)

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16 Kommentare
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Lera
1 Jahr zuvor

„In sozialen Gruppen, Freundeskreisen oder Familien lasse sich Ausgrenzung vermindern, indem unterschiedliche Meinungen, Entscheidungen und Lebensweisen akzeptiert sowie konstruktive Meinungsverschiedenheiten zugelassen würden.“

Wow!

Ausgrenzung lässt sich vermindern, wenn weniger ausgegrenzt wird!

Mindblowing!

Spektakulär!

Überraschend!

Bemerkenswert!

Und jeden Cent Forschungsförderung wert.

Meinetwegen
1 Jahr zuvor
Antwortet  Lera

Bitte grenzen Sie mich aber auch nicht aus: Was soll „Mindblowing“ sein? Ich verstehe das nicht.

447
1 Jahr zuvor
Antwortet  Meinetwegen

Geben Sie „mind blown GIF“ in eine Suchmaschine ihrer Wahl ein und klicken Sie auf „Bildersuche“, der Rest erklärt sich von selbst. 🙂

Georg
1 Jahr zuvor

Gilt das auch für vom aktuellen Mainstream abweichende Meinungen, Entscheidungen und Lebensweisen?

Meinetwegen
1 Jahr zuvor
Antwortet  Georg

Das ist in Deutschland eigentlich ganz einfach: Die Grenzen setzt das Grundgesetz. Und darüber „wachen“ das Verfassungsgericht und der Verfassungsschutz. Volksverhetzung z.B. ist also nicht gedeckt unter dem „Tarnmantel“ der Meinungsfreiheit.

Georg
1 Jahr zuvor
Antwortet  Meinetwegen

Was ist mit Frauen, die aus Überzeugung die Kinder als Hausfrau zuhause erziehen wollen, auf eine vegetarische oder vegane Ernährung bewusst verzichten usw.? Oder grob geschrieben ihr Leben kulturell so gestalten wollen, wie sie selbst erzogen wurden? Das ist weitab vom medialen Mainstream und voll vereinbar mit dem Rahmen des Grundgesetzes.

Last edited 1 Jahr zuvor by Georg
NichtErnstZuNehmen
1 Jahr zuvor
Antwortet  Georg

Grob geschrieben?
Was hat das denn jetzt mit dem Thema zu tun? Und wo ist das Problem?

A.J. Wiedenhammer
1 Jahr zuvor

„Wird der Stress verringert, ermögliche dies Gruppen, schwächere Mitglieder zu unterstützen, anstatt sie auszuschließen.“
Ach nein?! Das erklärt, warum ich unter Stress immer so unleidlich bin. Gut, dass man mir das mal erklärt hat.

„Wow!
Ausgrenzung lässt sich vermindern, wenn weniger ausgegrenzt wird!“
Danke, @Lera, das trifft den Nagel auf den Kopf.

Ansonsten: Menschen grenzen also am ehesten die Mitmenschen aus, die unkooperativ, wenig umgänglich oder unzuverlässig sind? Also, mich persönlich stimmt das ja eher hoffnungsfroh: Viel schlimmer fände ich, wenn Menschen aus vollkommen irrationalen Gründe oder reinem Bauchgefühl ausgegrenzt würden.

Und wieso ist es ein „bedenklicher Befund“, wenn Ausgrenzung geschieht, weil es den Zielen der Gruppe zuträglich ist? (Ziele der Gruppe=Allgemeinwohl) Die Mannschaft, die nach der Meisterschaft greift, soll also alle mitspielen lassen, egal, ob diese jetzt fleißig trainiert haben oder nicht?
Dermaßend wertende Begrifflichkeiten wie „bedenklich“ oder „Lichtblick“ haben in der Auswertung einer Studie nichts zu suchen.
Die besagte Sozialpsychologin darf aber gerne sagen: „In MEINEN Augen ist es ein bedenklicher Befund, dass….“

potschemutschka
1 Jahr zuvor

@A.J.Wiedenhammer
Sehr guter Kommentar! Danke!

Georg
1 Jahr zuvor

Problem ist nur, dass aktuell der Stress aufgrund immer größerer Heterogenität immer höher wird.

447
1 Jahr zuvor

Sie verstehen den Hintergrund der enorm wissenschaftlichen Wissenschaftsstudie nur nicht! 🙂

Aber macht nichts, diese sehr K.L.U.K.E. (frei nach H. Simpson) Drohne hier hilft ihnen:
„Bedääähnklisch“ ist das, weil es ja eigentlich so sein soll, dass zuverlässige, leistungsstarke „Gruppenmitglieder“ möglichst viele unkooperative, unsoziale und Leistungsschwäche Gruppenmitglieder durchziehen sollen – und sich am besten voller Freude auch von selbigen ständige Querschüsse und Nervereien gefallen lassen sollen. Weil Sozialismus nämlich voll toll ist.

Je mehr störende, Leistungsschwäche oder unkooperative Mitglieder die Gruppe also mitschleift um so BESSER ist die Gruppe! 🙂

TaMu
1 Jahr zuvor

Da schließe ich mich an! „Bedenklich“ und „Lichtblick“ fand ich auch bedenklich. Ich finde es überhaupt bedenklich, dass bei mir ankommt, Ausgrenzung sei gleichzeitig diskriminierend.

Alx
1 Jahr zuvor

Auf die Schule übertragen:

Lernen ist Stress.
Noten sind Wettbewerb.
Ein Viertel der Viertklässler kann nicht lesen und keiner will mit denen Gruppenarbeit machen.

Wenn keiner mehr lesen könnte, gäbe es überhaupt kein Problem mehr.
Ohne Lerninhalte könnten wir uns endlich auf das Miteinander konzentrieren.

Alle würden zusammen den ganzen Tag Netflix schauen und Playstation zocken. Da bleibt keiner mehr außen vor.

Es kann alles so einfach sein, wenn man nur auf die Wissenschaft hört. ❤️

Indra Rupp
1 Jahr zuvor

Habe vernommen, dass Lehrerinnen bei der Partnerwahl ausgegrenzt werden. ZB in Partner-suche-Foren. Inwiefern sind die jetzt leistungsschwächer, weniger kooperativ, asozialer oder benehmen sich daneben?

447
1 Jahr zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Es gibt das negative Klischee, dass Lehrerinnen angeblich äusserst meinungsstark und „emanzipiert“(verstanden als Rosinenpicken) bei geringer Leistungsfähigkeit und wenig real-life-Erfahrungen (=Erfahrungen außerhalb von institutionellen Schonräumen wie Schule, Universität) seien.

Aus der subjektiven Sicht bestimmter Personen mögen eventuell diese angeblichen Eigenschaften „wenig kooperativ“ oder „sich daneben benehmend“ wirken.

Ich persönlich kann das nicht beurteilen, da ich zu Lehrerinnen keine engen Beziehungen pflege.