„Diese Art der Pädagogik steht eigentlich jedem Kind zu“ – Eine Schulleiterin über Montessori-Pädagogik in der Regelschule

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BERG/BAMBERG. Was bringen einer Schule in öffentlicher Trägerschaft Herangehensweisen und Methoden aus der Reformpädagogik? Viel, sagt Susanne Dörfler. Die Schulleiterin einer Grund- und Mittelschule in Bamberg-Gaustadt hat sich schon vor Jahren an der Akademie Biberkor ausgiebig mit der Montessori-Pädagogik beschäftigt und fortgebildet. Nicht nur ihr eigener Unterricht und ihre Haltung als Lehrerin haben sich dadurch verändert: Die gesamte Schulentwicklung hat profitiert. Heute ist die Schule sogar Gastgeberin für einen Basiskurs der Akademie und viele Lehrkräfte haben den Weg ins Kollegium gefunden, die ebenfalls eine Montessori-Ausbildung gemacht haben. Im Interview erzählt Susanne Dörfler, was sie inspiriert hat, ihre Regelschule reformpädagogisch auszurichten und welchen Herausforderungen sie gegenübersteht.

Pädagogik aus einem anderen Blickwinkel: Für Schulleiterin Susanne Dörfler war eine Montessori-Ausbildung in der Akademie Biberkor ausschlaggebend, um die eigene Haltung zu verändern und die Schulentwicklung an ihrer staatlichen Grund- und Mittelschule voranzubringen. Ihre Arbeit sei heute erfüllender, sagt Dörfler. Foto: Shutterstock

Sie sind seit fast 20 Jahren in der Schulleitung einer staatlichen Grund- und Mittelschule mit insgesamt 370 Schülerinnen und Schülern in Bayern tätig. Wie sind Sie zur Montessori-Pädagogik gekommen?

Susanne Dörfler: Das erste Mal bin ich mit der Arbeit mit Montessori-Materialien in Berührung gekommen, als ich Konrektorin in Gaustadt wurde. Damals war ich vor allem für die Grundschule zuständig. Eine Kollegin hatte schon einen Montessori-Kurs bei einem der heutigen Leiter der Akademie Biberkor, Claus-Dieter Kaul, gemacht. Sie war davon so inspiriert gewesen, dass sie dann die Montessori-Materialien, die sie dabei kennengelernt hat, vor allem aber auch die Haltung, die dahintersteht, sozusagen als Einzelkämpferin in ihrer Klasse umgesetzt hat. Und da bin ich darüber gestolpert. Denn ich hatte in ihrer Klasse auch oft Unterricht als Fachlehrerin und habe mich immer sehr gewundert, warum die Kinder dort so anders ticken und meine relativ gebundenen Fachstunden nicht so funktioniert haben, wie ich es aus meiner vorherigen Schule gewohnt war.

Ich kannte zwar auch Freiarbeit und offenen Unterricht, aber nicht in der Form wie die Kollegin ihn gestaltet hat. Als ich mich dann näher damit beschäftigt habe, war mir klar, wie sie unterrichtet und wie ich im Gegensatz dazu in diesen Fachstunden unterrichte. Die Kinder waren bei der Kollegin ein sehr freies Arbeiten gewöhnt und sie waren auch gewöhnt, dass man ihnen sehr viel zutraut, sehr viel Verantwortung gibt und sie dabei aber auch gut begleitet. Das, was ich gemacht habe, hat dem überhaupt nicht entsprochen. Da bin ich dann neugierig geworden und habe das beobachtet. Und irgendwann war der Zeitpunkt, dass die Kollegin mir vorschlug, doch auch einmal einen Kurs zu besuchen und so hat sie den Stein ins Rollen gebracht.

Ich habe dann damals mit einer anderen interessierten Kollegin den einjährigen Wochenend-Basiskurs angefangen. So sind wir im Endeffekt ein Stück weit in die Montessori-Pädagogik hineingeschlittert. Und dank des Kurses konnten wir im Kollegium zeigen, dass von der ersten bis zur vierten Klasse Materialarbeit, offener Unterricht und Freiarbeit auch an unserer Schule möglich sind.

Beim Montessori-Ansatz geht es ja vor allem darum, die Kinder zu beobachten und individuell beim eigenständigen Lernen zu unterstützen. Sie haben zudem noch jahrgangsgemischte Klassen, das heißt, die Jahrgänge eins und zwei sowie drei und vier – und in einem Modellversuch auch die Stufen fünf und sechs der Mittelschule – sind zusammengefasst. Das hört sich nach sehr heterogenen Lerngruppen an – und nach Mehrarbeit. 

Susanne Dörfler:  Wir sind tatsächlich eine bunte Schule. Und zwar auch deshalb, weil wir uns in einem Stadtteil von Bamberg befinden, der sehr gemischt ist. Wir haben einen ungefähr 45-prozentigen Migrationsanteil mit 21 Nationen an der Schule. Wir haben Kinder, die aus sozial sehr schwachen Schichten kommen. Wir haben aber auch sehr schicke neue Wohngebiete in Gaustadt, in denen wohlsituierte Familien leben. Hinzu kommen seit 11 Jahren Partnerklassen im Haus, das sind Klassen mit Kindern aus dem Förderzentrum mit dem Schwerpunkt geistiger Entwicklung, der Berthold-Scharfenberg Schule Bamberg, die möglichst viel mit unseren Regelkindern gemeinsam inklusiv unterrichtet werden.

Susanne Dröfler ist Schulleiterin der Grund- und Mittelschule Bamberg-Gaustadt, einer staatlichen Schule mit Montessori-Profil. Foto: privat.

Also, ich bin mir sicher, dass alle meine Kolleginnen im Haus – und mittlerweile haben 12 das Montessori-Diplom – sehr viel arbeiten. Ich glaube aber, es ist eine andere Art der Arbeit, die sie leisten. Ich habe vor unserer Umorientierung oft Nachmittage lang gesessen und mir überlegt, wie ich eine Stunde aufbaue. Was ich da alles reinpacke, wo ich welchen Impuls setze, welches Bild ich wann einsetze und wie ich daran anschließe. Wenn ich jetzt mit den Kindern arbeite, dann bereite ich mich anders vor. Ich überlege mir, wo die Kinder gerade stehen, in welche Leistungsgruppe sie passen und wo ich da ansetzen und welches Material ich dazu nehmen kann. Ich bereite die Einführung des Materials vor und begleite dann die Kinder im Unterricht. Dabei bin ich ganz offen dafür, was von den Kindern kommt. Die Aufgabe der Nacharbeit ist dann, sich zu notieren, wo die einzelnen Kinder stehen und was sie gemacht haben. Es ist also ein ganz anderer Blickwinkel und ein individuelleres Arbeiten.

„Wir lernen, einen anderen Blick auf unsere Kinder, auf unsere Schüler, aber auch auf die Eltern zu bekommen und in ein anderes Zusammenarbeiten miteinander zu gehen.“

Das heißt, Sie können gelassener sein und mehr auf die Situation eingehen?

Susanne Dörfler: Ja und das ist auf jeden Fall erfüllender, weil man mitbekommt, was die Kinder leisten können. Dahinter steht unglaublich viel Beziehungsarbeit. Wir sind seit sieben Jahren Gastgeber eines Jahreskurses der Akademie Biberkor bei uns im Schulhaus. Ich bin bei diesen Kursen immer mit dabei als Hausherrin und begleite und darf immer nochmal mithören. Ich stelle dabei immer wieder fest, dass es natürlich auch darum geht, das Material und den Umgang damit kennenzulernen. Aber es geht viel mehr um den Perspektivwechsel und die Beziehungsarbeit: Wir lernen, einen anderen Blick auf unsere Kinder, auf unsere Schüler, aber auch auf die Eltern zu bekommen und in ein anderes Zusammenarbeiten miteinander zu gehen. Und das ist das, was ich so sehr schätze.

Hat diese andere Sichtweise auf Sie persönlich auch Auswirkungen gehabt?

Susanne Dörfler:  Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich habe mich dadurch auf jeden Fall viel mit meiner eigenen Biografie, mit meinem eigenen Lernen beschäftigt. Zum Beispiel mit der Frage: Wie habe ich Schule damals als Schülerin empfunden? Ich war eine extrem angepasste, brave Schülerin, die gut auswendig lernen konnte. Und in dem allerersten Kurs, den ich gemacht habe, habe ich mich oft wirklich geärgert über das Schulsystem, in dem ich groß geworden bin. Weil ich immer auswendig gelernt, aber nichts begriffen habe, und in dem Kurs dann oft so Aha-Erlebnisse gekommen sind, die mir dann manchmal auch fast ein bisschen peinlich waren. Also, dass man wirklich mit 40 Jahren irgendwann mitbekommt: „Ach, deshalb ist es so, und nicht nur, weil der Mathelehrer jetzt die Formel an die Tafel geschrieben hat.“ Ich glaube, dass es schon viel mit mir gemacht hat, ja. Dazu brauchte es Impulse von außen, und die habe ich eindeutig durch die Kurse der Akademie bekommen. Ich habe dann noch irgendwann einfach so aus Spaß den Sekundarstufenkurs aufgesetzt und dann auch noch den Schulleitungskurs von Biberkor.

Zu den Impulsgebern gehörten auch die viele Begegnungen mit den sehr unterschiedlichen Menschen, die teilgenommen haben. Auch das finde ich in den Kursen immer wahnsinnig spannend, was da für unterschiedliche Sichtweisen zusammenkommen. Dabei sind Regelschullehrer, Lehrer, die an einer Montessori-Einrichtung arbeiten, Zweitkräfte von Montessori-Einrichtungen, manchmal aber auch Vorstände oder Elternteile. Erzieher:innen und Sozialpädagog:innen sind mit dabei. Die Spannbreite ist total groß und macht es auch sehr anregend, weil jeder anders auf das Material schaut und jeder anders auch an den allgemeinen Diskussionen teilnimmt: Wie stellen wir uns Schule vor? Wie stellen wir uns vor, dass wir mit unseren Kindern umgehen? Wie haben wir Schule und Erziehung selber erlebt?

„Ich bin mir […] sicher, dass diese Kurse der Akademie, die Begegnungen dadurch und auch die Hospitationen an anderen Schulen, […] bei uns ganz viel an Schulentwicklung angestoßen haben.“

Denken Sie, das fehlt Schulen manchmal, dieser Blick über den Tellerrand?

Susanne Dörfler: Ja. Ich bin mir auch sicher, dass diese Kurse der Akademie, die Begegnungen dadurch und auch die Hospitationen an anderen Schulen, die immer mit dazu gehören, bei uns ganz viel an Schulentwicklung angestoßen haben. Vieles von dem, was an unserer Schule in den letzten 13 Jahren passiert ist, ist aus dem erwachsen, was wir bei der Biberkor-Akademie gelernt haben. Zum Beispiel, dass wir das Schulprofil Inklusion bekommen haben, dass wir in die Jahrgangsmischung gegangen sind. Dass wir jetzt versuchen, unseren Ganztag möglichst breit aufzustellen und umzustrukturieren. Dass es uns ganz, ganz wichtig ist, möglichst viel Kontakt mit unseren Eltern zu haben. Das sind alles Dinge, die sich aus diesen Urgedanken, die in den Kursen grundgelegt werden, entwickelt haben.

Bedeutet das denn auch, dass Ihre Schule sich zu einer reinen Montessori-Schule entwickeln wird?

Susanne Dörfler: Nein, das ist mir immer ganz wichtig zu betonen: Wir sind keine Montessori-Schule, denn dazu würde die Notenfreiheit gehören. Um Benotung komme ich als Schule in öffentlicher Trägerschaft aber nicht herum. Wir sind im Endeffekt eine ganz normale bayerische Regelschule, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Vielzahl ihrer Kinder zu sehen. Genau hinzugucken, ins Gespräch zu gehen mit den Eltern, um den bestmöglichen Weg für die Kinder zu finden, und die in die Jahrgangsmischung gegangen ist. Das ist in Bayern auch als Regelschule möglich.

Wir haben die Noten und wir haben den ganz normalen Übertritt mit Übertrittzeugnis nach der vierten Klasse. Das ist natürlich etwas, was uns auch ausbremst. Aber wir nutzen die Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel, statt dem Zwischen- und Jahreszeugnis in der ersten Jahrgangsstufe, dem Zwischenzeugnisse in der zweiten Jahrgangsstufe und dem Zwischen- und Jahreszeugnis in der dritten Jahrgangsstufe, Lernentwicklungsgespräche zu führen.

Wir sind im Kollegium einfach der Ansicht, dass diese Art der Pädagogik und diese Art, auf das Kind zu sehen und es stark werden zu lassen, dass das eigentlich jedem Kind zusteht – nicht nur denen, die Eltern haben, die darüber nachdenken, wie es sinnvoll wäre. Deswegen finden wir es so wichtig, dass man diese pädagogischen Prinzipien auch in der Regelschule umsetzt. Erstaunlicherweise enthält der bayerische LehrplanPLUS, den wir gerade aktuell haben, viele passende Elemente dazu. Zum Beispiel ist er sehr jahrgangsmischungsfreundlich. Es kann sehr interessant sein, den Lehrplan einmal genau zu lesen. Es ergibt sich daraus oft mehr Spielraum, als man vorher gedacht hätte.

Sie haben an Ihrer Schule nun schon vieles bewirkt und gestaltet. Welche Herausforderungen packen Sie denn als nächstes an?  

Susanne Dörfler: Ich glaube, das, was als Herausforderung in den nächsten Jahren auf Gaustadt zukommt, nämlich die unterschiedlichen Lebenswelten zusammenzubringen, wird sich auch bei uns in der Schule widerspiegeln. Der Stadtteil ist relativ spät eingemeindet worden, erst Mitte der 1970er Jahre, und hat noch Dorfcharakter. Es kehren viele Alteingesessene hierhin zurück und gleichzeitig ziehen auch viele neue Einwohner hinzu – von der Ärztin mit ihrer Familie über die alleinerziehende Mutter bis hin zu fremdsprachigen Familien. Also diese sehr unterschiedlichen Menschen alle zusammenzubringen und allen beizubringen, dass es wichtig ist, dass wir aus unserer eigenen Blase herausschauen und uns gegenseitig wahrzunehmen, ohne die Nase zu rümpfen, sondern das einfach so stehenzulassen – das wird unsere Aufgabe sein in den nächsten Jahren. Und ich glaube, die wird nicht leicht werden.

Aktuelle Starttermine für Montessori Basis-Diplomkurse

In den folgenden Kursen gibt es noch freie Plätze! Verpasste Module können nachgeholt werden:

Lauf a.d. Pegnitz: Fr. 21.6.2024 bis So. 02.11.2025

Biberkor Ferienkurs: Fr. 02.08.2024 bis Sa. 04.04.2026

Potsdam Ferienkurs: So. 18.08.2024 bis Sa. 16.05.2026

Wülfrath Wochenendkurs: Fr. 23.8.24 bis So. 16.11.2025

St. Gallen, Schweiz, Wochenendkurs: Fr. 30.8.24 bis So. 09.11.2025

Details, weitere Infos sowie den gesamten Terminkalender finden Sie hier: www.akademie-biberkor.de/montessori-kurse

Haben Sie Fragen? Dann rufen Sie uns gerne an unter Tel.: 08171/2677-155.

Unsere Bürostunden: Montag bis Donnerstag von 8:00 bis 12:00 Uhr und 13:00 Uhr bis 16:00 Uhr, Freitag 8:00 bis 13:00 Uhr.

Wir freuen uns auf Sie!

Dies ist eine Pressemeldung der Akademie Biberkor e.V.

 

Akademie Biberkor: Wir gestalten Lernen für die Zukunft! Ganzheitliche und praxisorientierte Bildungsangebote für Pädagog:innen

 

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