Wahlerfolge der AfD: Aggression verdrängt Sachthemen (wie die Bildungspolitik) 

16

LEIPZIG. Bei den Europa- und Kommunalwahlen hat die AfD in Ostdeutschland als stärkste Kraft abgeschnitten. Seither wird nach Erklärungen gesucht, warum die Partei, die vom Verfassungsschutz in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen als «gesichert rechtsextremistisch» eingestuft wird, gerade dort auf so viel Resonanz stößt – trotzdem? Oder gerade deswegen?

Eine Wutwelle zieht durch Deutschland, vor allem durch den Osten. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Der Leipziger Psychologe und Sozialforscher Oliver Decker führt die aktuell hohen Zustimmungswerte der AfD in Ostdeutschland auf einen Groll in der Bevölkerung zurück. «Die AfD profitiert derzeit stark von Ressentiments. Die sind in der Bevölkerung stark ausgeprägt. Es gibt einen Groll, ein Gefühl, ungerecht behandelt zu werden», sagte der Professor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Dieses Phänomen lasse sich schon seit längerer Zeit beobachten. Momentan sei es wahlentscheidend.

Decker zufolge haben die anderen Parteien nicht allzu viel Einfluss darauf. Die Möglichkeiten, die Stimmung zu kippen, seien begrenzt. Die Wähler träfen ihre Entscheidung danach, was ihnen momentan am wichtigsten ist. Früher seien das einmal die Bildungspolitik, die Umwelt oder die Wirtschaftspolitik gewesen. Der Wind werde sich vermutlich erst drehen, wenn Themen auftauchten, die für die Wähler relevanter sind als Ressentiments. «Etwa wenn bei einer Naturkatastrophe Kompetenzen gefragt sind, die die AfD definitiv nicht besitzt.»

Nach den Worten von Decker – Direktor des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts für Demokratieforschung an der Universität Leipzig – sind die grundsätzlichen Einstellungen zwar relativ konstant («Es sind nicht mehr Menschen geworden, die rechtsextrem eingestellt sind.») Aber: «Wir stellen (..) eine gewisse Schwankung fest bei der autoritären Orientierung, die nicht nur Menschen mit rechtsextremen Einstellungen betrifft. Die autoritäre Orientierung ist die Orientierung an Macht und Stärke, um die eigene Schwäche zu kompensieren. Diese resultiert aus gesellschaftlichen Verhältnissen und dem Versprechen zur Teilhabe an der Macht von jemand Größerem und Stärkeren. Das schlägt nicht nur durch bei rechtsextremen Einstellungen, sondern wirkt sich aus auf die Atmosphäre in der gesamten Gesellschaft», so sagt er in einem aktuellen Interview mit der IG Metall Leipzig.

«Wer einer Ideologie der Ungleichwertigkeit anhängt – wie die AfD-Anhänger – der nimmt gewissermaßen eine Abkürzung: Wut und Hilflosigkeit dürfen plötzlich berechtigt ausgelebt werden. Aber der gleiche gesellschaftliche Druck lastet auf allen. Es ist der Konkurrenzdruck, die Angst vor dem Verlust des Selbstwerts, die Erfahrung mangelnder Anerkennung: Damit haben wir alle zu tun. So finden wir die Reaktionen auch bei vielen und uns selbst, also dass wir versuchen, mit einer Gruppenidentifikation handlungsfähig zu werden. Davon ist ja niemand frei. Und so nehmen die aggressiven Dynamiken zwischen Gruppen zu.»

Weiter betont er: «Und das größte Problem ist, dass Menschen mit rechtsextremen Einstellungen jetzt auch so handeln. Das wirkt sich auch auf die Wahlen aus. Früher war die Herkunft oder konkrete politische Inhalte entscheidend für die Wahl: Wirtschaftskompetenz, soziale Gerechtigkeit, Bildungsaufstieg. Heute sind es oft Aggressionen und die führen dann zur Wahl der AfD. Im Hintergrund steht diese grundsätzliche Ent-Solidarisierung und starker Druck innerhalb der Gesellschaft. Deshalb ist es jetzt so wichtig, dass wir uns alle die Frage beantworten: Wie gehen wir in einer Gesellschaft miteinander um, in der wir immer mehr miteinander in Konkurrenz stehen?»

Decker hält nichts von der Ansicht, die AfD würde sich im Fall einer Regierungsbeteiligung selbst entzaubern, wie er gegenüber der dpa erkärt. «Wir haben es mit einer Partei zu tun, die in all ihren Äußerungen sehr deutlich erkennen lässt, dass sie zwar auf die demokratische Legitimation schielt, aber keinesfalls eine demokratische Partei ist. Ich würde bei der AfD nicht darauf wetten, dass sie ohne Probleme Machtmöglichkeiten bei einer nachfolgenden Wahl einfach aufgibt. Das kann man bei vielen rechtspopulistischen Bewegungen sehen.» Auch viele Exponenten der AfD würden wohl eher von Wahlbetrug sprechen, als Macht wieder abzugeben.

In der Zwischenzeit habe die AfD aber die Möglichkeit, viel zu zerstören. «Sie ist keine Partei mit einem hohen Gestaltungswillen und sagt selbst, dass sie aufräumen will. Etwas kaputtzumachen ist viel leichter, als etwas aufzubauen», sagte Decker. Nach einer Regierungsbeteiligung der AfD würde man viele Jahre brauchen, um zerstörte Strukturen wieder aufzubauen. News4teachers / mit Material der dpa

„Autoritär-populistischer Ernstfall“: Die GEW bereitet Lehrkräfte darauf vor, dass die AfD ab Herbst die Schulen regiert

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

16 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
RainerZufall
1 Monat zuvor

„Früher seien das einmal die Bildungspolitik […]“
Wann? Wann soll das gewesen sein? Oder bezieht er sich auf das Kaputtsparen?

Und warum sollte die AfD Probleme angehen, für die sie gewält werden? Je mehr Armut, Ellenbogengesellschaft, Armut und Rassismus, um so besser.

Im Falle eines bundesweiten Wahlerfolges, werden dann Bezahlkarten für Bürgergeldempfänger*innen ausgestellt, um noch mehr Spaltung und Verachtung zu entfalten

takethemickey
1 Monat zuvor

„Im Hintergrund steht diese grundsätzliche Ent-Solidarisierung und starken Druck innerhalb der Gesellschaft.“ Hier ist etwas krumm im Satz, liebe Redaktion.

Unfassbar
1 Monat zuvor

Es wird wirklich Zeit, dass die afd mal inhaltlich und nicht nur emotional-moralisch angegangen wird. Das Argument afd=nazi zieht schon lange nicht mehr, das Wahlprogramm „wählt uns, weil wir gegen die afd sind“ stets weniger, weil das die Parteien ununterscheidbar macht. Es gibt genug Gründe, die gegen die afd sprechen, es braucht mal Gründe, die für die cdu als solche, für die Grünen als solche usw. sprechen. Eine cdu, die ernsthaft über eine Koalition mit der Linkspartei oder dem bsw nachdenkt, nur um die afd zu verhindern, kann man nicht mehr ernst nehmen. Umgekehrt genauso wenig.

Besseranonym
1 Monat zuvor
Antwortet  Unfassbar

Solange ein Friedrich Merz wieder einmal versucht, ganz vorne mitzuspielen, alle anderen aber die politischen Billardkugeln seiner Meinung nach falsch anstoßen, können Sie darauf lange warten/ das vergessen.
Er wird sich nicht festlegen. Sein Ziel dürfte das Kanzleramt sein und v.a. es allen, die ihn bisher > verkannt 😉 haben zu zeigen.

Individualist
1 Monat zuvor
Antwortet  Unfassbar

Wie hat eigentlich die AfD im kommunalen Bereich (wo sie auch hohe Zustimmungswerte hat) gewirkt? Was war zerstörerisch, wo gab es Skandale? Man hört davon so wenig.

Marie Brand
1 Monat zuvor
Antwortet  Redaktion

Das ist ein Bezahlartikel und ich bin etwas sprachlos, dass sich n4t jetzt der Bild bedient.
Scheinbar reicht eine hetzerische Überschrift für ein Medium, was sich so gerne gegen Hetze ausspricht.
Tatsächlich macht Sesselmann seinen Job bisher ganz gut.

Besseranonym
1 Monat zuvor
Antwortet  Marie Brand

Bitte klären Sie mich auf:
Warum? Und wie? macht H. Sesselmann seinen Job bisher ganz gut.

Oder ist das wie bei den Glorreichen? > wer nicht so recht bewiesen hat, dass er knackig politisch ein Amt vertritt, wird Kultusminister ? 🙂

Marie Brand
1 Monat zuvor
Antwortet  Besseranonym

Bisher fällt er nicht auf. Das ist doch schon mal gut

Besseranonym
1 Monat zuvor
Antwortet  Marie Brand

Aha, jetzt weiß ich , dass H. Sesselmann Ihrer Meinung nach durch Nichtauffallen einen guten Job macht.
Das Auffallen überlässt er wohl dann seinen braunen Unterstützern ? 🙂
Ehrlich gesagt, merken Sie selbst nicht, wie leer-naiv-mitläuferisch Sie daherschreiben ?

RainerZufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Individualist

Diese kommunalen Politiker*innen müssen ja nicht der AfD beitreten. Wer glaubt denn ernsthaft, die würden die Ansichten von Weidel, Höcke und anderem Spitzenpersonal ablehnen? Eben dafür sind die doch dabei, sonst könnte man zig demokratische/n Alternativen beitreten/ gründen 😉

Peter
1 Monat zuvor
Antwortet  RainerZufall

Politiker wechseln dorthin, wo sie am leichtesten Karriere machen können. Eine unter 5%Partei verspricht maximal ein Bürgermeisteramt.
Man sah ziemlich gut bei der Piratenpartei vor etwa 10 Jahren, was Erfolg für einen Menschenschlag anlockt, welche dann auf das nächste Pferd springen, sobald das erste lahmt.

RainerZufall
29 Tage zuvor
Antwortet  Peter

Ach, er wechselte aus Opportinismus zu den Rechtsextremen? Welch ein Glück! Hätte mir fast Sorgen gemacht 😉

AvL
25 Tage zuvor

Die AfD profitiert in ihrem Zuspruch bei
den Wahlen von der allgemeinen wirtschaftlichen
Verunsicherung der Bevölkerung, die als Folge
der angestiegenen Rohstoffpreise und der darauf
stark folgenden starken Inflation hervorgerufen wurde.

Hinzu kommen die stark ausgeprägten Vorurteile
gegenüber den Menschen anderer Kulturen,
mit denen diese im Osten im Vergleich zum Westen
eher nur sehr geringen gesellschaftlichen Kontakt haben.
Und vor diesem Hintergrund werden unterbewusste
Ängste durch die Vertreter dieser deutsch-nationalen
Rassisten geschürt.
Der Leipziger Psychologe und Sozialforscher Oliver Decker:
„Die AfD profitiert derzeit stark von Ressentiments.
Die sind in der Bevölkerung stark ausgeprägt.
Es gibt einen Groll, ein Gefühl, ungerecht behandelt zu werden“,
sagte der Professor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.
Dieses Phänomen lasse sich schon seit längerer Zeit beobachten.
Momentan sei es wahlentscheidend.