Erste-Hilfe im Unterricht – Ministerium veröffentlicht Leitfaden (gibt aber kein Geld)

12

SCHWERIN. Notärzte beklagen, dass Unsicherheiten beim Leisten von Erster Hilfe oft Menschenleben kosten. Regeln sollen das mal wieder die Schulen. Das Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern hat dafür nun einen Leitfaden vorgelegt. Die Kosten für die notwendigen Materialien – etwa 2000 Euro je Schule – übernimmt das Land allerdings nicht.

Die Kosten für notwendige Materialien, wie Puppen für Beatmungsübungen und Herzdruckmassage, sollen die Schulträger tragen. Foto: Shutterstock

An den Schulen Mecklenburg-Vorpommerns soll die Erste-Hilfe-Ausbildung der Schüler wieder größeren Raum einnehmen. Anknüpfend an das 2016 ausgelaufene Projekt «Retten macht Schule» hat das Bildungsministerium jetzt einen Leitfaden für einen Grundkurs vorgelegt. Vom kommenden Schuljahr an soll Schülern der Klassen sieben und acht altersgerecht und unterrichtsbegleitend in den Fächern Biologie und Sport Basiswissen zur Ersten Hilfe vermittelt werden.

«Oft hindern einfach Hemmungen daran, in Notfällen zu helfen. Die verliert man aber, wenn man weiß, wie man helfen kann», sagte Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) am Dienstag in Schwerin bei der Vorstellung des Programms. Mit einer unbefangenen Einstellung zum Helfen-Wollen in jungen Jahren biete sich die Chance, mehr Verantwortungsgefühl und Zivilcourage für Notfallsituation aufzubauen.

Der gemeinsam mit der Universitätsmedizin Rostock und den Hilfsorganisationen entwickelte Leitfaden diene als Handlungsempfehlung. Im Rahmen eines zweijährigen Modellvorhabens könnten diese eigenständig und freiwillig von interessierten Schulen umgesetzt werden. Die Unterweisung erfolge in zwei Modulen von jeweils 90 Minuten. Angestrebt werde die Beteiligung von landesweit 50 Schulen, doch sei auch eine höhere Zahl möglich.

«Helfen kann jeder. Je früher das trainiert wird, desto besser.»

«Die ersten Reaktionen zeigen, dass wir mit einer großen Resonanz rechnen können», sagte Oldenburg. Die Kosten für die Materialbeschaffung, wie etwa von Puppen für Beatmungsübungen und Herzdruckmassage, bezifferte sie mit etwa 2000 Euro je Schule, die vom jeweiligen Träger zu finanzieren seien. Womöglich könnten aber auch Stiftungsgelder eingeworben werden.

Gernot Rücker, Notarzt an der Universitätsmedizin Rostock, hob die Bedeutung eines schnellen Eingreifens in Notfallsituationen hervor. «Helfen kann jeder. Je früher das trainiert wird, desto besser», sagte er.

Nach den Erfahrungen der Ärztlichen Leiterin des Rettungsdienstes Nordwestmecklenburg, Patricia Bunke, sterben Menschen oft, weil niemand Erste Hilfe leistet. «Die Unsicherheit und Hemmschwelle sind oft einfach zu groß. Kinder und Jugendliche sind für dieses Thema sehr offen und können die richtigen Maßnahmen schnell erlernen und umsetzen», sagte Bunke.

«Wir sind Feuer und Flamme für dieses Projekt.»

Das erlebe sie seit Jahren im Reanimationsunterricht, den sie an einer Schule gebe. «Wir haben als Notärzte immer die negative Erfahrung, was passiert, wenn niemand hilft. Deswegen ist es uns eine Herzensangelegenheit, die Erste Hilfe in die breite Masse zu kriegen. Wir sind Feuer und Flamme für dieses Projekt», betonte Bunke.

Laut Oldenburg hatte das Thema Erste Hilfe lernen, können und anwenden bereits in dem Projekt «Retten macht Schule» der Björn-Steiger-Stiftung von 2010 bis 2016 einen besonderen Stellenwert. In diesem Zeitraum seien in 278 allgemeinbildenden Schulen etwa 300 Lehrkräfte und 54 000 Schülerinnen und Schüler im Land ausgebildet worden.

Danach hätten Lehrerinnen und Lehrer in eigener Verantwortung mit den noch vorhandenen Übungsmaterialien Projekte zur Wiederbelebung umgesetzt. Doch seien diese Materialien inzwischen meist verschlissen. News4teachers / mit Material der dpa

Ärztekammer fordert Erste-Hilfe-Kurse für alle Schüler ab der siebten Klasse

Anzeige


Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

12 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Heuwägelchen
4 Tage zuvor

Gibt es bei uns seit zehn Jahren in Klasse neun…….

AvL
3 Tage zuvor

Es wurde auch langsam Zeit, dass Reanimationskurse
strukturiert in den Schulen eingeführt werden.
Allerdings sollte die Kosten beim Land bleiben.
Und es gelingt eben doch durch die Aufrechterhaltung
eines Minimalkreislauf, dass wir mehr Patienten mit
einem geringeren neurologischen Schaden haben,
wenn Laien mit der sofortigen Herz-Druckmassage beginnen.

Meurer
3 Tage zuvor

Tja hier wird mal wieder so getan, als wäre das einzige Problem, dass die Lehrer nicht selbst auf die Idee gekommen sind und dann einen Leitfaden benötigen.

Die Probleme sind aber:
-An einer Schule können nur eine Handvoll der Lehrer selbst Erste-Hilfe. Selbst bei Biologie-und Sportlehrern kursieren noch die wildesten Erste-Hilfe Phantasien. Ein Teil eines Kollegiums ist selbst so unsicher, dass viele sich nicht mal trauen den Notruf abzusetzen, ohne dass die Schulleitung die Anweisung hierzu gibt. Um ehrlich zu sein, würde es mich gruseln, wenn ich bei einigen Kollegen wüsste, dass diese gerade meinen Schülern Erste-Hilfe beibringen.
-Die hygienischen Bedingungen in Schulen lassen die rechtssicheren Einsatz von Übungsphantomen kaum zu. Entweder kostet es regelmäßig eine Menge Geld, oder es müssten Hygienestandards eingehalten und umgesetzt werden. Zu beidem sind Kommunen in der Regel nicht bereit.
-Schüler sind zwar interessiert, möchte ich aber, dass Schüler wirklich keine Angst vor Erste Hilfe haben, muss ich dies entweder über einen längeren Zeitraum oder regelmäßig wiederholend den Schülern beibringen.
-In so ziemlich jedem Lehrplan gibt es einfach keinen Platz und zeitlichen Puffer mehr. Die Lehrpläne sind zu voll und für eigentlich eine andere Zielgruppe als die heutigen Schüler geschrieben, so dass man nicht weiß, wo man die Stunden von abzwacken sollte. Schön, dass man es im Religionsunterricht oder Biologieunterricht verortet, was aber fehlt ist die Kürzung an anderer Stelle.

Was fehlt sind also Zeit, Geld, Material und Unterstützung. Was nicht gefehlt hat, ist vermutlich ein Konzept, das können Lehrer selbst ziemlich gut.

Ich selbst probiere immer so viele Schüler, wie möglich in Erste-Hilfe auszubilden. Ich bin seit 15 Jahren Erste-Hilfe-Ausbilder und Erste-Hilfe am Kind Ausbilder und frische diese Lehrgänge regelmäßig auf. Im Bereich der Schule betreue ich die Schulsanitäter und bilde diese regelmäßig und kontinuierlich aus. Immer mal wieder bilde ich auch Schüler in Vertretungsstunden zumindest für die massivsten Notfälle Bewusstlosigkeit und Herz-Kreislaufstillstand aus. Über die Jahre konnte ich mir nach und nach ein ganz gutes Repertoire an Material mit eigener Puppe und Übungsdefi anschaffen. Da ich hier einen Kompromiss aus Preis, Leistung und Umsetzbarkeit schaffen musste, ist meine Puppe von den Berufsgenossenschaften nicht anerkannt, da eine kleine Funktion fehlen würde. Theoretisch dürfte ich also, obwohl alles vorhanden ist, obwohl ich die enstsprechende Ausbildung besitze, obwohl ich die passenden Fortbildungen besitze, obwohl ich im Namen einer ermächtigten Stelle ausbilde und obwohl meine Schüler deutlich besser Erste-Hilfe leisten können, als jeder, der einen normalen Kurs besucht hat, keine Bescheinigungen ausstellen. An der Stelle zeigt sich also mal wieder unsere Bürokratie.

Wir Lehrer werden immer wieder gezwungen uns in Grauzonen zu bewegen, wenn wir mit den bescheidenen Rahmenbedingungen, die unser Dienstherr uns bietet etwas erreichen wollen. Ich verstehe durchaus, wenn viele Kollegen dies nicht mehr machen.

potschemutschka
3 Tage zuvor
Antwortet  Meurer

„…Unsicherheiten beim Leisten von Erster Hilfe oft Menschenleben kosten….“ – und das was Sie machen kostet Geld! Man muss Prioritäten setzen! (Sarkasmus)
In meiner Schulzeit (70er Jahre) hatten wir eine AG „Junge Sanitäter“ an der Schule. Es war freiwillig (so wurden zwar nicht alle Schüler geschult), aber es war sinnvoll und hat den Beteiligten viel gebracht und Spaß hatten wir dabei auch noch. Aber damals gab es auch noch genügend Personal und wohl auch Geld für verschiedene sinnvolle Arbeitsgemeinschaften an Schulen.

Bla
3 Tage zuvor
Antwortet  Meurer

Mal einfach eine Frage aus Neugierde: Haben Sie keinen Zugriff auf eine Puppe der „im Namen einer ermächtigten Stelle“ (DRK/BRK, ASB, Johanniter, Malteser, DLRG, ADAC-Gelbhilft, wer auch immer …)?

Heinz
1 Tag zuvor
Antwortet  Bla

Doch, einmal im Jahr und nur für die genau die Schüler meiner AG. Einmal im Jahr Reanimation üben reicht aber nicht und wenn ich viele erreichen will, reicht das auch nicht.

Bla
1 Tag zuvor
Antwortet  Heinz

Ok, interessant. Dankeschön.
Jap, sehe ich auch so.

Ale
3 Tage zuvor

Ich verweise mal alle interessierte an dass LRL Programm: mittlerweile mWn für alle Lehrer kostenfrei online absolvierbar. Die einzelnen Module sind etwas unübersichtlich und es geht nur um die vereinfachte Reanimation. Aber immerhin.Die mini Anne Global gibt es um die 30€ pro Stück, man braucht bei 30 Schülern 5-10 Puppen und das ganze dauert 45-90min. Ist auch eine besondere Form des Kennenlernspiels.

Biene
3 Tage zuvor

2000,00 € für die Steuererklärung. Wenn der Dienstherr nicht die Kosten für das Material übernehmen möchte, ich das aber für den „sicheren“ Unterricht brauche, hole ich mir das Geld eben über die Steuererklärung wieder. Und wenn der Sachbearbeiter nachfragt, einfach an die zuständige Stelle im KuMi verweisen. Ich bin mal gespannt wie lange, die dann noch auf die Idee kommen diese Kosten nicht zu übernehmen – Hmmm Obwohl ist das Kumi, die werden das ewig nicht übernehmen.

Bjoern
1 Tag zuvor
Antwortet  Biene

Ihnen ist aber klar, dass Sie bei der Steuererklärung damit nur ihr zu versteuerndes Einkommen reduzieren und nicht ansatzweise die 2000 € zurück bekommen? Es sind eher 10% am Ende, den Rest sponsert man dem Staat. Der wird sich deshalb nichts wirklich anders überlegen, zumal das nicht aus dem Topf des Bildungsministeriums kommt – die merken also (davon) gar nichts.

Heinz
1 Tag zuvor
Antwortet  Biene

Von der Steuer absetzen bedeutet aber noch lange nicht, dass Sie nicht den größten Teil trotzdem selbst bezahlen müssen. Sie mindern lediglich ihr einkommen, auf das Steuer gezahlt wird.

Biene
16 Stunden zuvor
Antwortet  Heinz

Nun ich weiß, was ich wieder bekomme, aber selbst 10 % von 2000,00 € sind hübsch. Haben oder nicht haben ist dann die Devise ;-).
Allerdings fragt bei der Summe manch Sachbearbeiter schon nach, also kann man es ja versuchen und ihn an das Kumi verweisen. Die Frage, die bleibt, ob das Kumi überhaupt eine nachvollziehbare Antwort gibt.
Zu dem: Wenn das vom gesamten Kollegium aller Schulen gemacht wird, wird das schon unangenehm aufschlagen, weil sich dann die 10 % von 2000,00 € durchaus so sehr summieren, dass die 2000,00 € um ein vielfaches überschritten werden.
Des Weiteren: Die Welt der Finanzbeamten ist klein, die werden sich unterhalten und mich würde es nicht wundern, wenn dann mal der eine oder andere Vorgesetzte nach oben hin weiter Fragen stellen dürfte.