Sekundarstufe: Eltern folgen meist der Empfehlung der Grundschule – außer…

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STUTTGART. Bisher entscheiden die Eltern, auf welche Schule ihre Kinder nach der vierten Klasse wechseln sollen – und halten sich meist an die Empfehlung der Lehrer. Allerdings gibt es Ausnahmen: Vor allem die Hauptschule wird gemieden. Das Land plant zwar strengere Regeln. Auf die Hauptschule sollen Kinder aber auch künftig nicht gezwungen werden.

Hauptschule? Och, nö. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Die Eltern in Baden-Württemberg halten sich bei der Wahl der weiterführenden Schule für ihre Kinder mehrheitlich an die Grundschulempfehlung der Lehrkräfte. Wie das Statistische Landesamt in Fellbach bei Stuttgart mitteilte, wechselten zu Beginn dieses Schuljahres knapp 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit einer Gymnasialempfehlung auf das Gymnasium.

In den Empfehlungen sind stets auch die Gemeinschaftsschule sowie die formal niedrigeren Schulformen enthalten. Sie wurden jedoch von den Eltern seltener gewählt. Nur rund jeder fünfte Viertklässler mit einer Gymnasialempfehlung entschied sich für eine Real- (16,6 Prozent) oder Gemeinschaftsschule (3,4 Prozent), stellt das Statistische Landesamt auf Basis der amtlichen Schulstatistik fest.

Viertklässler mit der für sie formal höchsten empfohlenen Schulform Realschule entschieden sich zu zwei Dritteln (67,7 Prozent) auch für diese Schulform. 15,1 Prozent wechselten zum Schuljahr 2023/24 entgegen der Empfehlung auf ein Gymnasium, 14,5 Prozent – empfehlungsgemäß – auf eine Gemeinschaftsschule. Der Übergang erfolgte damit geringfügig häufiger auf eine Realschule trotz Gymnasialempfehlung, als entgegen der Realschulempfehlung ein Gymnasium gewählt wurde.

Bei der Empfehlung für Werkreal-/Hauptschule waren Abweichungen besonders häufig. Über ein Drittel wechselte auf eine Realschule (35,4 Prozent), 2,3 Prozent sogar auf ein Gymnasium. Drei von fünf Schülerinnen und Schülern wechselten allerdings entsprechend der Empfehlung auf eine Werkreal-/Hauptschule (22,9 Prozent) oder auf eine Gemeinschaftsschule (37,4 Prozent). Welche dieser beiden Schularten gewählt wird, hängt häufig von der Verfügbarkeit in der Wohnumgebung ab.

Betrachtet man die Entwicklung der Grundschulempfehlungen über den Zeitraum der letzten zwei Jahrzehnte fallen zwei Brüche in der Zeitreihe auf. Mit dem Wegfall der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung sank im Jahr 2012 der Anteil der Gymnasialempfehlungen um fast fünf Prozentpunkte. Dies führte jedoch nicht zu einem Rückgang der Übergänge auf das Gymnasium, ganz im Gegenteil. Der Wegfall der Verbindlichkeit überstieg diesen Effekt. Zwischen den Schuljahren 2011/12 und 2012/13 kam es zu einem einmaligen Anstieg der Übergangsquoten an die Gymnasien und auch an Realschulen um jeweils 3 Prozentpunkte.

Der zweite Zeitreihenbruch ist zwischen 2020 und 2021 zu beobachten. Im Jahr 2021 erfolgte ein Sprung der Gymnasialempfehlungen nach oben um gut 4 Prozentpunkte. Mit 50,4 Prozent wurde erneut der Spitzenwert des Jahres 2011 erreicht. Dieser Sprung dürfte im Wesentlichen auf die Corona-Pandemie zurückzuführen sein. In den letzten beiden Jahren ging der Anteil der Gymnasialempfehlungen wieder etwas zurück, blieb aber noch über dem Vor-Corona-Niveau. Stark rückläufig waren über den gesamten Zeitraum die Empfehlungen für die Werkreal-/Hauptschulen (einschließlich Gemeinschaftsschulen). Sie sanken von 2005 auf 2023 um fast 9 Prozentpunkte.

Dass allein Eltern entscheiden, auf welche Schulform ihr Kind wechselt, soll sich in Baden-Württemberg bald wieder ändern – bei den Gymnasien jedenfalls. Die grün-schwarze Koalition hatte sich im April darauf verständigt, die Grundschulempfehlung wieder verbindlicher zu gestalten. Sie soll künftig aus drei Komponenten bestehen: Lehrerempfehlung, Leistungstest und Elternwunsch. Stimmen zwei aus drei überein, soll das den Ausschlag geben. Wollen die Eltern ihr Kind dennoch aufs Gymnasium schicken, soll das Kind künftig einen weiteren Test absolvieren.

Bei der Realschule sollen die Eltern weiterhin frei bleiben, auch gegen die Grundschulempfehlung und ein Testergebnis zu entscheiden – offensichtlich scheut die Landesregierung davor zurück, Kinder auf die unbeliebte Hauptschule zu zwingen. Das sorgt bei zwei Lehrkräfteverbänden, dem Philologenverband und dem Realschullehrerverband, für harsche Kritik.

«In der geplanten Form ist die ‚Verbindlichkeit‘ eine Mogelpackung, mit der allen Kindern, deren Eltern nicht das Gymnasium anstreben, ebenso wie dem differenzierten Schulsystem insgesamt weiterhin großer Schaden zugefügt wird», betonen Karin Broszat, Landeschefin des Realschullehrerverbands, und Ralf Scholl, Landesvorsitzender des Philologenverbands, unisono. News4teachers / mit Material der dpa

Landesregierung scheut davor zurück, Kinder auf die Hauptschule zu zwingen

 

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OMG
10 Tage zuvor

Das ist der Grund, warum es in Hessen keine Hauptschule mehr gibt sondern nur noch den Bildungsgang.
Und in Hessen zeigt man fröhlich, dass man an dieser Schulform und deren Kinder nicht wirklich Interesse hat. In den Bildungsgängen HS findet 96 Prozent der inklusive Beschickung statt. Die Masse der Flüchtlingskinder gehe. In diesen Bildungsgang und das natürlich nicht mit dem zugesagten B-Niveau in Deutsch. Sonderpädagogen beraten die Lehrkräfte nur und das bei Problemlagen, an denen sie selbst immer wieder gescheitert sind. Ubus-Stellen sind da auch gerne unbesetzt, Lehrstellen in der Regel auch, Schulsozialarbeit zu gering und dann oft auch in einer aggressiven Abgrenzungssituation zu den Maßnahmen des Landes – zumindest von den Jugendhilfeträgern.
Was die Hauptschule braucht, ist seit Jahren bekannt. Die Förderschulen auch. Es gibt halt nix. Deswegen ist die Wahl der Eltern nur logisch.