NORTHEIM. Mehrere Elternvertretungen aus dem Landkreis Northeim werfen der niedersächsischen Bildungspolitik vor, die Lage an Grundschulen zu unterschätzen. In einem offenen Brief an das Kultusministerium schildern sie zunehmende Gewalt, sprachliche Verständigungsprobleme und fehlende Unterstützung für Lehrkräfte. Das Ministerium weist den Eindruck zurück, die Situation in der Region sei besonders problematisch.

Die Situation an Grundschulen im Landkreis Northeim sorgt für wachsende Unruhe unter Eltern. In einem offenen Brief an das niedersächsische Kultusministerium beschreiben mehrere Elternräte die Lage als zunehmend schwierig. Ein geordneter Unterricht sei unter den aktuellen Bedingungen vielerorts kaum noch möglich.
„Ein ‚normales‘ Unterrichten ist hier kaum mehr möglich und grenzt an Zauberei“, heißt es in dem Schreiben. Unterzeichnet wurde der Brief unter anderem vom Stadtelternrat Northeim, dem Stadtelternrat Nörten-Hardenberg, dem Stadtelternrat der Stadt Einbeck, dem Elternrat Bad Gandersheim, dem Stadtelternrat Osterode sowie dem Kreiselternrat Northeim.
Die Elternvertretungen berichten darin von zunehmenden Konflikten im Schulalltag. Prügeleien, Mobbing oder die Zerstörung von Schulgegenständen seien an manchen Schulen seit längerem Teil des Alltags. Auch Angriffe auf Lehrkräfte und Mitschüler würden geschildert. Unter solchen Bedingungen lasse sich Unterricht kaum noch planmäßig durchführen.
Die Eltern betonen, dass die Schulen mit den Herausforderungen häufig allein gelassen würden
Als Ursachen nennen die Elternräte mehrere Entwicklungen. Zum einen verweisen sie auf eine wachsende Zahl von Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten, die nach ihrer Einschätzung teilweise mit den Folgen der Corona-Pandemie zusammenhängen könnten. Zum anderen berichten sie von einer steigenden Zahl von Schülerinnen und Schülern mit sehr geringen oder fehlenden Deutschkenntnissen. Hinzu kämen Kinder mit Kriegserfahrungen, etwa aus der Ukraine, sowie Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, die im Grundschulalltag integriert werden müssten.
Die Eltern betonen, dass die Schulen mit diesen Herausforderungen häufig allein gelassen würden. Es fehle an Personal, um auf die unterschiedlichen Unterstützungsbedarfe der Kinder angemessen reagieren zu können. In dem Schreiben fordern sie deshalb „ein politisches Umdenken und eine absolute Fokussierung auf die finanzielle und personelle Ausstattung an den Grundschulen“.
Konkret verlangen die Elternräte mehr Lehrkräfte, mehr pädagogische Mitarbeiter sowie zusätzliche Klassenassistenzen. Diese könnten Lehrkräfte im Unterricht entlasten und einzelne Kinder gezielter fördern. Als Beispiel nennen sie auch sogenannte Doppelbesetzungen im Unterricht, bei denen zwei Lehrkräfte gemeinsam eine Klasse unterrichten.
Das niedersächsische Kultusministerium weist den Eindruck zurück, dass die Lage im Landkreis Northeim außergewöhnlich sei. Man nehme die Sorgen der Elternvertretungen „sehr ernst“, teilte das Haus mit. Zugleich betont das Ministerium, viele der angesprochenen Themen seien „bereits Gegenstand der laufenden Arbeit von Schulen, Schulträgern und Schulbehörden“.
In seiner Stellungnahme verweist das Ministerium unter anderem auf das bundesweite Startchancenprogramm. Mit dem Programm sollen gezielt Schulen unterstützt werden, an denen viele Kinder mit schwierigen Lernbedingungen unterrichtet werden, etwa aufgrund sozialer Belastungen oder mangelnder Deutschkenntnisse.
Im Landkreis Northeim nehmen nach Angaben des Ministeriums sechs von insgesamt 25 Grundschulen an dem Programm teil. Diese Schulen würden unter anderem beim Ausbau der Schulsozialarbeit besonders berücksichtigt. Allerdings handelt es sich um ein langfristig angelegtes Förderprogramm. „Spürbare Effekte“ seien daher erst in den kommenden Jahren zu erwarten.
Auch bei der personellen Ausstattung widerspricht das Ministerium der Darstellung, es gebe grundsätzlich zu wenig Unterstützung im Unterricht. Nach Angaben der Behörde unterrichten an allen Grundschulen im Landkreis Northeim bereits Lehrkräfte als Teams gemeinsam im Unterricht. Gleichzeitig räumt das Ministerium ein, dass es in bestimmten Bereichen weiterhin Engpässe gibt. So sei die Zahl der Förderlehrkräfte „noch nicht zufriedenstellend“. In diesem Bereich bestehe ein Mangel an Fachkräften, der sich nicht kurzfristig beheben lasse.
Zugleich bestätigt das Ministerium, dass der Anteil von Schülerinnen und Schülern ohne oder mit nur sehr geringen Deutschkenntnissen an einzelnen Schulen vergleichsweise hoch sein kann. Gerade solche Schulen sollen nach Darstellung der Behörde durch Programme wie das Startchancenprogramm zusätzliche Unterstützung erhalten.
Die Elternräte im Landkreis Northeim halten dennoch an ihrer Kritik fest. Sie sehen die Grundschulen mit immer mehr Aufgaben konfrontiert, während gleichzeitig Personal und Ressourcen nicht im gleichen Maß mitwachsen. Unter diesen Bedingungen, so warnen sie in ihrem Schreiben, gerate der eigentliche Bildungsauftrag zunehmend unter Druck. News4teachers / mit Material der dpa
Grundschul-Eltern schreiben Brandbrief: Die Sicherheit unserer Kinder ist nicht mehr gewährleistet









… Ich bin etwas irritiert…
WISSEN diese Elternvertreter*innen, dass ihnen unter der Forderung nach mehr “Eigenverantwortung” das Groß der “Schuld” sowie die alleinige Aufgabe, dies zu lösen, zugeschoben wird?
Oder haben die Schulen dort doch genügend – Sie wissen schon – um sämtlche Probleme einer minderjährigen Minderheit vor Ort anzulasten? 🙁
Dass immer noch die Pandemie als Begründung herhalten muss, ist an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten.
Insbesondere wenn man von Grundschulkindern spricht, die die Pandemie während ihrer Schulzeit wohl kaum erlebt haben.
Dumm!
Betroffene von Longcovid finden das weniger lächerlich – die gibts auch mit Kindern.
Deren Anzahl reicht aber bei weitem nicht aus, die Situation an der Schule aus dem Artikel zu erklären. Außerdem wüsste ich nicht, dass Mobbing und Zerstörung ein Hauptsymptom von Long Covid ist.
Sicher haben Sie ebenso gekonnt evaluiert wie Sie psychische Symptome in passende Kontexte auswerten.
Habe ich nicht. Nur wenn Long Covid oder Post Vac so häufig wäre, hätten wir viel häufiger davon etwas gehört und im Schulalltag auch selbst mitbekommen.
Nein, habe ich nicht. Ich weiß aber aus eigener unterrichtlicher Erfahrung, dass die Verhaltensweisen der Spezialisten einer Klasse in den dafür bekannten Jahrgängen 7-10 vor und nach der Pandemie ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legten und legen.
Haben Sie in denselben Jahrgängen andere Erfahrungen gemacht?
Man muss die Pandemie nicht in der Schulzeit erlebt haben, um von Folgen betroffen zu sein. Auch Kita-Schließungen könnten eine Ursache für mangelhaftes Sozialverhalten in Gruppen sein. Insgesamt ist die Begründung Corona natürlich zu einfach und ignoriert andere Baustellen.
Früher waren Kinder unter 3 nicht in der Kita und bis zum 6. Lebensjahr meist nur von 9 bis 12 Uhr. Komisch, was müssen das in den 80ern für verkorkste Kinder gewesen sein… zu viel Zeit bei Mama. Vor Corona musste man sich von vielen anhören, was sei man für eine böse Mutter, wenn man sein Kind in die Kita gibt. Nun ist es schlimm, dass es nicht in der Kita war. Zuerst wird gemeckert, die Eltern hätten keine Zeit für ihre Kinder, weil die arbeiten gehen. In Coronazeiten waren viele Eltern freigestellt oder im komfortablen Homeoffice. Und nun könnte man doch meinen: f**k, liegt es vielleicht an den Eltern, dass die Kinder so ungezogen, unkonzentriert etc. sind?
Ich vermute ja eher, dass das die Langzeitfolgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sind. Corona ist doch noch zu frisch, um die langfristigen Auswirkungen auf mindestens drei Generationen beurteilen zu können
Ironie bitte immer kennzeichnen!
‘einzelne Kinder gezielter fördern’ – da steckt der ganze, unerfüllbare Anspruch drin: jedes Kind soll immer optimal bezogen auf seine jeweilige Situation gefördert werden, um für alle Kinder das Maximum zu erreichen, nicht zu vergessen die Wohlfühlatmosphäre. Ob den Eltern wohl bewußt ist, dass dann verhaltensauffällige Kinder, Schüler ohne Deutschkenntnisse oder mit Förderbedarf zuerst diese Intensivbetreuung bekommen müssten? Verbesserungen sind sicher schön und gerne gesehen, aber Schule wird immer ein Kompromiss bleiben. Für ‘alle werden so gefördert, wie sie es brauchen’ wird niemals genug Personal, Geld und Platz da sein, selbst mit 200% Personal wäre Schule nicht so, wie Eltern es sich vorstellen. Das ist normal und diese Elternvorstellung auch nachvollziehbar, aber es wäre Zeit dass die Politik das einmal den Eltern sagt, doch Versprechen gewinnen Wahlen, nicht Wahrheiten.
Hmm ich habe nicht das Gefühl, das Eltern das erwarten, sondern die Kultusminister.
Die “Bildungsinitiative ‘Schland 2035” verkündet stolz:
Es GIBT diese Bildungsinstitution!
Dort herrscht ein Personalschlüssel von 28000% bis 30000% und ALLE Kinder werden ganztägig betreut, erzogen, versorgt und beaufsichtigt.
Es kommen ca. 1-2 Personen auf ein Kind!
Beste Bedingungen!
Diese Institution nennt sich “Eltern”.
Erziehung – da gibt’s ja immer noch die augenfällige Diskrepanz zwischen erziehungsberechtigt und erziehungsbefähigt. Wenn doch bloß diese Klaffe nicht wäre
Naja, ein Frage wäre da noch: Wer finanziert diese Betreuung, Erziehung, Versorgung … des Kindes, denn die Eltern können ja (zumindest bei Kindern bis zum Ende des GS-Alters) dann nicht arbeiten, wenn sie (mindestens ein Elternteil) 24/7 das Kind betreuen …?
„ Das niedersächsische Kultusministerium weist den Eindruck zurück, dass die Lage im Landkreis Northeim außergewöhnlich sei.“
Die Elternräte weisen darauf hin, dass Unterrichten kaum möglich ist, und das Kultusministerium sagt: „Wissen wir, ist normal“?
Okay, keine weiteren Fragen meinerseits.
“Das niedersächsische Kultusministerium weist den Eindruck zurück, dass die Lage im Landkreis Northeim außergewöhnlich sei. “
Heißt das dann im Umkehrschluss, dass die geschilderten Zustände an Grundschulen in Niedersachsen normaler Alltag sind?
Nicht nur da … der ganz normale Wahnsinn ist das neue normal.
Und ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode …
We call it a Klassiker – wie schon Franz der Große wusste bzw. es seine Nudelsuppe orakelte.
Auf der Seite des NDR steht, dass es eine Förderschullehrkraft-Versorgung von knapp 75% gibt.
Die Grundversorgung umfasst in NDS 2 Stunden pro Woche pro Klasse für die 3 Unterstützungsbedarfe Lernen, Sprache und Emotional-Soziale-Entwicklung insgesamt. Diese Grubdversorgung erhält die Schule pauschal, die genannten Schulen aber vermutlich nur zu 3/4, da Lehrkräfte fehlen – also weniger als genannte 2 Stunden pro Klasse.
Von diesen Stunden muss Prävention und Förderung und Beratung erfolgen, aber auch die Erstellung von Gutachten. Folglich muss die meiste Förderung allein durch die Lehrkräfte der Schule erfolgen.
“Nach Angaben der Behörde unterrichten an allen Grundschulen im Landkreis Northeim bereits Lehrkräfte als Teams gemeinsam im Unterricht.“
Ja, das wird so sein. Alle Lehrkräfte der Schule bilden ein Team und sie unterrichten auch alle.
Die Unterrichtsversorgung müsste schon herausragend sein, wenn mehrfach am Tag oder gar in der Woche mehrere Lehrkräfte in einem Klassenraum gemeinsam die Schüler:innen einer Klasse unterrichten.
Das ist möglich, wenn die Schule gut versorgt ist, Zusatzbedarfe angemeldet, genehmigt und erhalten hat und kein längerfristiger Ausfall einer Lehrkraft vorliegt, durch den die Zusatzbedarfe in die Vertretung gegeben werden müssen.
Eltern stellen sich unter „Inklusion“ und „Teamteaching“ etwas anderes vor. Sie gehen davon aus, dass Kinder mit Unterstützungsbedarf eine engere Begleitung erhalten und zusätzliches Personal dafür zur Verfügung steht. Zwar gibt es Personal, der zeitliche Umfang ist jedoch minimal und muss auf alle Schüler:innen der Schule angewendet werden.
“Förderschullehrkraft-Versorgung von knapp 75% gibt.“
Nach meinen Informationen konnte aber zumindest die Unterrichtsversorgung an Förderschulen in Niedersachsen von 90,8% auf 91,8% gesteigert werden.
Die Quote bezog sich auf den NDR-Artikel, in dem es um die Schulen geht, die im Artikel benannt sind.
https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/gewalt-an-grundschulen-ministerium-antwortet-auf-eltern-brief,grundschulen-102.html
Wenn es im Schnitt im Land 91% sind, kann es durchaus Schulen mit 75% in der Inklusion geben.
Woher haben Sie die 91%? Bezieht sich das auf Schulen als Förderschulen, Förderzentren oder alle Schulstandorte?
ich beziehe mich wie oben geschrieben auf die Unterrichtsversorgung an Förderschulen in NDS, nicht auf Inklusionslehrkräfte an Regelschulen.
“Woher haben Sie die 91%? “
Die 91,8% lassen sich KM-NDS nachlesen.
Bitte Quelle verlinken. Herzliche Grüße Die Redaktion
Zitat: “So beträgt die Unterrichtsversorgung an Gymnasien und Grundschulen mehr als 98 Prozent. Gesamtschulen kommen auf 97,8 Prozent, Realschulen auf 95,3 Prozent. Bei Oberschulen beträgt die Unterrichtsversorgung 92,7 Prozent, bei Förderschulen 91,8 Prozent und Hauptschulen kommen auf nur 90,6 Prozent Unterrichtsversorgung.”
https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/schulpolitik-in-niedersachsen-die-drei-baustellen-der-ministerin,schule-376.html#:~:text=So%20betr%C3%A4gt%20die%20Unterrichtsversorgung%20an,nur%2090%2C6%20Prozent%20Unterrichtsversorgung.
Ja, das gibt den allgemeinen Durchschnitt an, der Artikel des NDR bezog sich auf genannte Schulen und ggf. auch nicht auf die Statistik zum Jahresbeginn, sondern eine aktuellere Angabe.
Ganz praktisch:
Eine 2zügige Grundschule hat zur Grundversorgung für die Unterstützungsbedarfe L, GE und Sprache Anspruch auf 16h durch eine Förderschullehrkraft, 2 Stunden pro Woche pro Klasse.
Kann die Versorgung nicht gewährt werden, hat die Schule entsprechend weniger Stunden.
Die Anzahl der Kinder spielt keine Rolle, im Brennpunkt kann man nur einen Bruchteil dessen schaffen, was ratsam wäre, da sich alle die Zeit teilen müssen.
Palim schrieb: “Ja, das gibt den allgemeinen Durchschnitt an […].”
Eben. Und auf genau den bezog sich “ed840”, als er schrieb: “ich beziehe mich wie oben geschrieben auf die Unterrichtsversorgung an Förderschulen in NDS […]” und die Redaktion um eine Quellenangabe bat.
Alles klar.
Gerne hier nachlesen:
https://www.landtag-niedersachsen.de/drucksachen/drucksachen_19_10000/09501-10000/19-09864.pdf
Ich glaube auch nicht, dass in Northeim etwas Spezielles passiert – das passiert überall. Das Problem ist, spricht man es als engagierter Elternvertreter an, dass die guten Schüler nicht vorwärts kommen und benachteiligt werden, wie die Kinder besser gefördert werden können, wie wir denn schaffen können, dass wir im Lernstoff vorwärts kommen, und dass wir uns wundern, dass sämtliches Verhalten anderer Schüler so immer als normal hingenommen wird, dann ernten wir bei Lehrern alles von Unverständnis, Abwiegeln bis hin zur absoluten Hilflosigkeit. Ich kann es nicht mal verübeln, denn wie sollen sie das alles leisten. Ich würde jedoch auch mal mehr an die Eigenverantwortung der Eltern appellieren wollen. Viele Kinder haben weder Rücksicht noch Respekt noch Konzentration gelernt, noch wird ihnen daheim vermittelt, dass Schule und Lernen wichtig ist. Das sollte im Übrigen völlig unabhängig von Herkunft oder Sprache möglich sein, aber durch die Bank weg fehlt es… und da man sagen muss, dass die Kita das tatsächlich vielen Familien abnimmt und dies zu Coronazeiten nicht möglich war, und die Grundschüler diese Zeiten so erlebt haben, ist der Hinweis auf Corona nicht ganz falsch.
„Ich würde jedoch auch mal mehr an die Eigenverantwortung der Eltern appellieren wollen. Viele Kinder haben weder Rücksicht noch Respekt noch Konzentration gelernt, noch wird ihnen daheim vermittelt, dass Schule und Lernen wichtig ist.“
Wenn das so ist, dann muss die Schule dennoch mit diesen Kindern arbeiten.
Und diejenigen, die diese Aufgabe übernehmen, müssen entsprechend unterstützt werden.
Es hilft den Kindern nicht, die Erwartungshaltung an die Eltern zu hegen, den Kindern aber nicht zu helfen.
Helfen würde aber vielleicht, wenn man mal einen ehrlichen Kassensturz macht und aufhört, immer alles in die Schulen zu geben und zu schieben, ohne entsprechende Entlastung zu gewähren.
Bei der Elternschaft kommt an, dass die Schule Inklusion umsetzen soll und sich um jedes Kind individuell kümmert. Erwartet wird dann, dass es eine 1:1-Betreuung gibt. Schule ist aber eine Gruppenbetreuung. Wenn sich die Lehrkraft allein um 1 Kind kümmert, gehen die anderen 25 Kinder leer aus. Das ist überspitz, aber Inklusion bedeutet nicht, dass jedes Kind 1:1 betreut wird.
Wenn man medial darstellen würde, wie die Versorgung in der Realität ist und was damit erreicht werden kann, würden die Erwartungen vielleicht auch andere sein und es wäre verständlicher, das Lehrkräfte nicht alles auffangen und eng begleiten können.
Dann kann man immer noch fordern, dass Inklusion besser ausgestattet sein muss (und Schulen im Brennpunkt und Schulen mit vielen DaZ-Kindern oder anderen Herausforderungen), damit die Umsetzung der Bildungsziele gelingen kann.
Was mich stört, ist eben die Schönrederei. Alles ist irgendwie immer fein. Einer kann was und langweilt sich, fein. Einer kann noch nicht lesen, auch fein. Nein, das ist alles eben nicht unbedingt fein. Aber man muss ehrlich drüber reden und sehen, was sich mit den aktuellen Ressourcen machen lässt. Wenn also zB Projektunterricht in der Grundschule nicht vernünftig umgesetzt werden kann, weil die Lernstände zu unterschiedlich sind und nur eine Lehrkraft da ist, dann bitte nicht auf Teufel komm raus machen. Wenn Lernpläne nicht geschafft werden und Kinder diese zuhause bearbeiten sollen, dann den Eltern das klar sagen und nicht hoffen, dass der 7-Jährige das intrinsisch selber erledigt. Wenn die Hälfte der Kinder sich beklagt, dass es zu laut ist, um sich zu konzentrieren, kann die Lösung nicht sein, mehr Kopfhörer anzuschaffen. Aktuell läuft da leider vieles in die falsche Richtung.
Das nehme ich anders wahr:
Einer kann was? Fein. Dann muss er sich ja nicht langweilen, es gibt genug, was ihn herausfordern kann und an oder über seine Grenzen bringt.
Einer kann noch nicht lesen. Dann muss man es üben. Lesen alleine zu üben ist aber sehr schwierig. Dafür bräuchte es Unterstützung.
Einer hört die Flöhe husten und kann sich nicht konzentrieren? Dann können Kopfhörer eine Lösung sein, eine einfache Lösung, die das Kind selbstständig umsetzen kann.
Einer arbeitet sehr langsam? Dann braucht es gemeinsame Absprachen zwischen Elternhaus und Schule, Mithilfe, sofern möglich, Abhilfe in der Schule, Regelungen, ggf. Diagnosen.
Einer braucht Hilfe, weil er in irgendeiner Form beeinträchtig ist? Das benötigt meiner Meinung nach Personal als Hilfe, bis das Kind selbst gelernt hat, mit Hilfsmitteln umzugehen und zu kompensieren.
Einer hat wenig Vorkenntnisse in einem Bereich? Dann muss man innerhalb des Unterrichts versuchen, diese nachzuarbeiten, eine Mithilfe der Eltern wäre günstig.
Einer hat eine Diagnose, die besagt, dass auch das Lernverhalten davon beeinflusst wird? Dann braucht es ebenso Absprachen, man muss Wege suchen, um die Mitarbeit zu ermöglichen.
Alles soll die eine Lehrkraft mit in den Blick nehmen, in jeder Stunde. Alles muss die Lehrkraft bedenken, viele Gespräche führen, breit aufgestellt sein. Alles muss dokumentiert werden, evaluiert, wieder neu abgestimmt, stetig angepasst.
Aber nicht alles kann die Lehrkraft allein in der Klasse umsetzen.
Sie ist auch nicht allein mit einem Kind. Es kann auch niemand erwarten, dass nur das eine (eigene) Kind Hilfe benötigt, denn auch andere Kinder brauchen Unterstützung und Aufmerksamkeit, nicht, weil sie besonders sind, sondern weil sie da sind.
“Alles soll die eine Lehrkraft mit in den Blick nehmen, in jeder Stunde. Alles muss die Lehrkraft bedenken, viele Gespräche führen, breit aufgestellt sein. Alles muss dokumentiert werden, evaluiert, wieder neu abgestimmt, stetig angepasst.”
Und alles ist Arbeitszeit. Und sollte schon aus Selbstschutz individuell erfasst und dokumentiert werden, auch wenn der Dienstherr meint, dass sei “all inklusive” in dem “Rundum-Sorglos-Paket” (für den Dienstherrn!) Beamtenstatus!!!
Es ist EU-Recht, dass die tatsächliche Arbeitszeit zu erfassen ist.
Da reicht kein Modell, allein die Deputatstundenx45min zu rechnen oder noch eine Konferenz und ein Gespräch am Nachmittag draufzuschlagen. Das bildet die Arbeitszeit nicht ab.
Die beschriebenen Zustände werden leider immer mehr zur Normalität. Heute ist bei uns mal wieder ein Erstklässler aus dem Klassenraum abgehauen und hat sich in der hintersten Ecke der Schule versteckt. Ein Dilemma für die Klassenlehrerin: Sie hat die Aufsichtspflicht sowohl für diesen einzelnen Schüler als auch für die ganze Klasse. Und sie ist allein. Eine Schulbegleitung für das Kind ist beantragt. Wann ist damit zu rechnen? Wahrscheinlich zum kommenden Schuljahr.