Start Politik Datengestützte Schulentwicklung: Elternvertreter protestieren gegen “gläserne Schüler”

Datengestützte Schulentwicklung: Elternvertreter protestieren gegen “gläserne Schüler”

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ERFURT. „Datengestützte Schulentwicklung“ – diesen (etwas sperrigen) Begriff führen derzeit Kultusministerinnen und Kultusminister jeglicher Couleur im Mund, wenn sie von der Schule der Zukunft sprechen. Auch Thüringens Bildungsminister Christian Tischner (CDU) will Daten effektiver nutzen, um individuelle Lernangebote zu erstellen. Elternvertreter im Freistaat reagieren jedoch alles andere als begeistert: Sie haben Datenschutzbedenken und warnen vor zu viel Druck. Bremens Bildungssenator Marc Rackles (SPD) berichtet unterdessen von einer Fortbildungsreise zum Thema, an der er und Tischner teilgenommen haben.  

Kind im Blick? (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Schub für mehr Bildungsgerechtigkeit oder Gefahr für den Datenschutz? Thüringens Bildungsminister Christian Tischner stößt mit seinen Plänen für eine datengestützte Schulentwicklung bei Eltern auf Kritik und Sorgen. „Was als Instrument zur Verbesserung von Bildung dargestellt wird, birgt erhebliche Risiken für Kinder und Jugendliche“, teilte die Thüringer Landeselternvertretung in Erfurt mit. Wenn Kinder dauerhaft bewertet und verglichen würden, verstärke dies den Leistungsdruck im Schulalltag und setze Schülerinnen und Schüler unter Stress, so die Sorge der Elternvertreter.

„Eine systematische Erfassung von Leistungsdaten über die gesamte Schullaufbahn hinweg führt in der Konsequenz zum ‚gläsernen Schüler‘.“ Die Landeselternvertretung forderte, „auf eine flächendeckende Datenspeicherung zu verzichten“.

Der Minister weist die Bedenken zurück: „Wer datengestützte Schulentwicklung mit Überwachung gleichsetzt, hat den Kern der Sache nicht verstanden. Es geht darum, Lernfortschritte zu organisieren, nicht darum, Daten zu horten“, sagte Tischner im Gespräch.

„Steigender Leistungs- und Erwartungsdruck kann zu Angst, Überforderung und sinkender Lernmotivation führen“

Hintergrund der Debatte ist eine Reise nach Kanada in der vergangenen Woche, wo auf Einladung der Wübben Stiftung sowie der Telekom Stiftung Anregungen zu datengestützter Schulentwicklung gesammelt werden sollten. An der Bildungsreise in die Provinz Alberta nahmen neben Vertreterinnen und Vertretern des Bundesbildungsministeriums auch Bildungsministerinnen und -minister weiterer Bundesländer teil. Datengestützte Schulentwicklung und die Schaffung eines Bildungsverlaufsregisters sind als gemeinsame Ziele von Bund und Ländern im Koalitionsvertrag der Bundesregierung verankert.

Tischner hatte vor Beginn seiner Reise signalisiert, dass er sich auch in Thüringen vorstellen kann, dass mit Hilfe von Daten – vom Kindergarten bis zum Schulabschluss – individuelle Lernangebote entwickelt werden könnten, um die Bildungsqualität zu verbessern.

Auch andere Teilnehmer der Delegation schildern Eindrücke, die das Bild differenzieren. Marc Rackles (SPD), Bildungssenator von Bremen, berichtet auf Linkedin von einem mehrstündigen Treffen mit dem Bildungsminister der kanadischen Provinz Alberta, Demetrios Nicolaides, der auch offen Probleme angesprochen habe – etwa Vorbehalte von Lehrkräften gegenüber Datennutzung oder politische Widerstände gegen frühe Screenings.

Zugleich beschreibt Rackles ein System, das stark auf Steuerung über Ziele und Daten ausgerichtet ist – mit Elementen wie „Businessplänen“, Jahresberichten und einem ausgeprägten Stakeholder-Ansatz. Besonders prägend seien kurze, regelmäßige Screenings von Kindern bereits ab dem Vorschuljahr bis zur fünften Klasse, die in Alberta künftig verpflichtend sein sollen. Diese seien deutlich schlanker als klassische Lernstandserhebungen und offenbar wirkungsvoller.

Einblicke aus besuchten Schulen zeigen, wie diese Logik praktisch umgesetzt wird: So arbeite etwa eine Grundschule in Edmonton konsequent mit Daten, festen Teamstrukturen und zusätzlichen Förderzeiten. Kinder mit Unterstützungsbedarf würden mehrmals pro Woche für jeweils 20 Minuten in Kleingruppen gezielt gefördert – etwa in Mathematik oder beim Lesen. „Es geht nicht um Noten, sondern um Verbesserung“, fasst Rackles den Ansatz zusammen.

Auffällig sei zudem der hohe Stellenwert von Zeit und Ressourcen: Lehrkräfte hätten feste Kooperationszeiten, regelmäßige Fortbildungen und teilweise Kolleginnen oder Kollegen, die ausschließlich für Fördermaßnahmen freigestellt sind. Insgesamt, so Rackles, nutze Alberta viele Instrumente, die auch in Deutschland bekannt seien – setze aber früher an, bündele Ressourcen stärker und arbeite mit flexibleren, schnelleren Diagnoseverfahren.

Tischner führt unterdessen an, dass in Deutschland der Bildungserfolg noch stark von der Herkunft abhängig ist, also ob ein Kind beispielsweise Akademiker als Eltern hat oder aus einem eher bildungsfernen Haushalt kommt. Seiner Einschätzung nach könne das kanadische Modell hier helfen.

„Ich akzeptiere nicht, dass aus einem Vorhaben, das Kindern bessere Förderung ermöglichen soll, ein Zerrbild der Überwachung gemacht wird“

Der CDU-Politiker beklagt zudem, dass wertvolles Wissen über Bildungs- und Entwicklungsstände oftmals beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule verloren gehe. „Wenn eine Erzieherin über Monate die Stärken und den Förderbedarf eines Kindes dokumentiert und diese Erkenntnisse an der Grundschultür enden, dann ist das kein Datenschutz – dann ist das Wissensverlust auf Kosten der Kinder“, sagt Tischner. Gewerkschaften und Bildungsverbände seien bei der Entwicklung einer Gesamtstrategie eingebunden. „Der Datenschutz steht bei uns nicht am Ende eines Konzepts, sondern an dessen Anfang. Kein Schritt wird ohne datenschutzrechtliche Prüfung gegangen“, beteuert er.

Und er betont: „Ich nehme Sorgen von Eltern immer ernst. Aber ich akzeptiere nicht, dass aus einem Vorhaben, das Kindern bessere Förderung ermöglichen soll, ein Zerrbild der Überwachung gemacht wird.“

Die Landeselternvertretung warnt unterdessen vor möglichen Folgen für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. „Steigender Leistungs- und Erwartungsdruck kann zu Angst, Überforderung und sinkender Lernmotivation führen“, hieß es. Bildung dürfe nicht auf messbare Kennzahlen reduziert werden. News4teachers / mit Material der dpa

Datengestützte Schulentwicklung: Deutschland hinkt hinterher – ein Gastkommentar

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ed840
13 Tage zuvor

Auch in Kanada hängt der Bildungserfolg stark von der Herkunft ab.
SuS mit Migrationshintergrund weisen dort laut Statistik z.B. deutlich höhere Bildungserfolge auf als SuS ohne Migrationshintergrund.

Fritze Flink ist 60
13 Tage zuvor

Recht haben sie, die Eltern!

Susanne M.
12 Tage zuvor

Ich denke an einen anderen Aspekt, der vermutlich nicht viele betrifft, doch den einen oder anderen vielleicht schon: Die Chance, von 0 anzufangen. An eine Schule in eine fremde Stadt zu gehen, wo einen keiner kennt, keiner Vorurteile hat und sich dort sein neues Image aufzubauen. Das wäre mit dem ” gläsernen Schüler” unmöglich, es sei denn, er verzieht gleich ins Ausland.

Meiomei
11 Tage zuvor
Antwortet  Susanne M.

Wenn ein Schüler wegen des Imagewandels die Schule wechselt, dann ist dann schon einiges vorgefallen. Egal, letztendlich wird die Nachfolgeschule bestimme Unterlagen einfordern, dann sind sie analog vorhanden. Informationen sind daher in jedem Fall da, nur nicht auf Knopfdruck vorhanden.

Straßenbahn
12 Tage zuvor

Ich finde die Kritik berechtigt und habe all die jungen Leute vor Augen, die sich mit Selbstoptimierungsapps irgendwann in den Wahnsinn getrieben haben.

Meiomei
11 Tage zuvor

Solch eine Datenerhebung wird immer Begehrlichkeiten in späteren Jahren wecken.
Kann ein Schüler, wenn er volljährig ist, verlangen, dass diese vollständig gelöscht werden?