Start Praxis Gewaltkult mit sektenhaften Strukturen: Wie “Com”-Gruppen Schüler rekrutieren – BKA warnt

Gewaltkult mit sektenhaften Strukturen: Wie “Com”-Gruppen Schüler rekrutieren – BKA warnt

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BERLIN. Es geht um Gewalt, Erpressung, psychische Manipulation – und um Jugendliche, die über soziale Netzwerke und Gaming-Plattformen in abgeschottete Online-Communities gezogen werden. In sogenannten „Com“-Gruppen im Netz wird ein Gewaltkult mit sektenhaften Strukturen zelebriert. Inzwischen bitten Bundeskriminalamt, Europol und Jugendschutzexpert:innen ausdrücklich auch Schulen und Lehrkräfte, auf Warnhinweise zu achten. Denn die meisten der Betroffenen sind Schülerinnen und Schüler.

Das BKA warnt Schüler vor “falschen Freunden”. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

In einer Telegram-Gruppe stimmen Nutzer darüber ab, ob ein Brandanschlag verübt werden soll. Wenige Stunden später brennt in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb ein Mehrfamilienhaus. Kurz darauf gehen im nahen Albershausen mehrere Autos in Flammen auf. Die mutmaßlichen Täter filmen die Brände und veröffentlichen die Videos anschließend im Netz – versehen mit Symbolen, Kürzeln und Pseudonymen aus einer digitalen Szene, die Sicherheitsbehörden in Europa zunehmend beschäftigt.

In Schweden steht derzeit ein 18-Jähriger vor Gericht, dem die Staatsanwaltschaft 77 Straftaten vorwirft. Laut Anklage soll er andere zu schweren Gewalttaten angestiftet, Minderjährige manipuliert und Darstellungen sexualisierter Gewalt verbreitet haben. In einem Fall soll ein 15-Jähriger dazu gebracht worden sein, einen 82 Jahre alten Mann von hinten mit einem Messer anzugreifen.

Die schwedische Staatsanwältin Jenny Ostling erklärte laut Stern, Täter dieser Netzwerke suchten „oft nach leicht zu manipulierenden und schutzbedürftigen Opfern auf Plattformen, auf denen sich häufig Kinder und Jugendliche aufhalten“. Dazu gehörten „Selbstverletzungsgruppen, Selbstmordgruppen und Foren für psychische Probleme, aber auch beliebte Gaming-Plattformen wie Roblox“. Die schwedischen Ermittler sprechen von einem „Pilotfall“. Das Gericht müsse nun prüfen, ob schwere Gewaltverbrechen auch dann strafrechtlich als solche verfolgt werden können, wenn die Täter ihre Opfer ausschließlich digital aus der Distanz steuern.

Damit rückt ein Phänomen in den Mittelpunkt, das Sicherheitsbehörden in mehreren Ländern zunehmend besorgt. Bekannt wurde die Szene im vergangenen Jahr unter anderem durch die Festnahme eines damals 20-Jährigen aus Hamburg, der unter dem Namen „White Tiger“ auftrat und dem die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg inzwischen unter anderem Mord und mehrfach versuchten Mord vorwirft.

„Immer häufiger geraten Kinder und Jugendliche ins Visier von Online-Gruppen, die gezielt Vertrauen erschleichen, um junge Menschen in einen gefährlichen Kreislauf aus Drohungen, Erpressung und Selbstverletzungen zu verwickeln“

Parallel beobachten deutsche Ermittler eine Ausweitung sogenannter „Com“-Strukturen – benannt nach dem englischen Begriff „Community“. Nach Recherchen des Spiegel entstanden in den vergangenen Jahren zahlreiche Gruppen, deren Mitglieder Gewalt nicht nur online verbreiten, sondern reale Straftaten filmen, dokumentieren und in ihren Netzwerken inszenieren.

Der Spiegel beschreibt eine Szene, in der Gewalt selbst zum sozialen Statussymbol geworden ist. Die jugendlichen Täter filmen Brände, Angriffe oder Sachbeschädigungen und verbreiten die Aufnahmen wie Trophäen innerhalb ihrer Gruppen. Je drastischer die Bilder, desto größer die Aufmerksamkeit. Der Extremismusforscher Thilo Manemann von der Analyseorganisation Cemas spricht deshalb von „nihilistischem gewalttätigem Extremismus“. Das verbindende Element sei nicht ein geschlossenes politisches Weltbild, sondern „die extreme Gewalt, um damit Anerkennung in der Szene zu bekommen“.

Gleichzeitig beobachten Sicherheitsbehörden Überschneidungen mit rechtsextremen Online-Milieus. In Chats und Manifesten tauchen laut Spiegel antisemitische, rassistische und nationalsozialistische Bezüge auf. Einige Gruppen hätten Bombendrohungen gegen Schulen gefeiert oder Gewalttaten per Livestream übertragen.

Das Bundeskriminalamt warnt deshalb öffentlich vor „gewaltbereiten Online-Communities“, die Kinder und Jugendliche gezielt manipulierten. „Immer häufiger geraten Kinder und Jugendliche ins Visier von Online-Gruppen, die gezielt Vertrauen erschleichen, um junge Menschen in einen gefährlichen Kreislauf aus Drohungen, Erpressung und Selbstverletzungen zu verwickeln“, erklärt das BKA. Dies gehe „hin bis zum Suizid oder strafbaren Handlungen“.

Die Behörde beschreibt ein Vorgehen, bei dem Täter zunächst gezielt emotionale Nähe herstellen. „Die Täter – häufig selbst noch jung – gewinnen das Vertrauen der Opfer, um sie schrittweise zu manipulieren, zu entwürdigen und schließlich zu kontrollieren.“ Besonders betroffen seien sensible Kinder und Jugendliche zwischen acht und siebzehn Jahren, „die bereits psychisch auffällig sind und/oder gesellschaftlichen Minderheiten angehören“.

Anschließend beginne häufig eine Eskalation. Betroffene würden dazu gedrängt, „sich selbst zu verletzen oder Suizid zu begehen“, „erniedrigende oder sexuelle Handlungen vorzunehmen“, Straftaten wie Tierquälerei oder Körperverletzung zu begehen oder belastende Inhalte zu produzieren, „die anschließend zur Erpressung genutzt werden“. Das Vorgehen erinnere an klassisches Cybergrooming, gehe aber „oft weit über sexuelle Ausbeutung hinaus“.

Das Bundeskriminalamt nennt ausdrücklich Warnzeichen, auf die Eltern, aber auch Lehrkräfte achten sollten: sozialer Rückzug, massive nächtliche Onlinezeiten, plötzliche Nervosität, frische Verletzungen oder auffällige Beschäftigung mit Gewaltfantasien. Auch einzelne Hinweise könnten bereits relevant sein. „In der Kombination oder bei wiederholtem Auftreten sollten Eltern, Lehrkräfte, Ärztinnen und Ärzte sowie andere Vertrauenspersonen aufmerksam werden und das Gespräch suchen“, heißt es in der Warnung unter der Überschrift „Falsche Freunde. Echte Gefahr“.

Ähnlich äußert sich Europol. Die europäische Polizeibehörde spricht in einer aktuellen „Intelligence Notification“ von einem rasch wachsenden Netzwerk „digitaler Kultgemeinschaften, die sich extrem gewalttätigem Kindesmissbrauch widmen“. Diese Gruppen würden extreme Gewalt normalisieren, Minderjährige gezielt manipulieren und sie „in Richtung zukünftiger Gewalt“ drängen.

Europol beschreibt die Gruppen als international vernetzte Strukturen, die Opfer und Täter weltweit rekrutierten. Verbreitet würden Inhalte, die „von drastischen Gewaltdarstellungen und Tierquälerei bis hin zu Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Morddarstellungen“ reichten.

Besonders alarmierend ist für die Ermittler die gezielte Suche nach gefährdeten Minderjährigen. Täter analysierten laut Europol das Verhalten junger Nutzerinnen und Nutzer in sozialen Netzwerken und suchten gezielt nach Jugendlichen mit psychischen Belastungen. Besonders gefährdet seien Minderjährige „zwischen acht und siebzehn Jahren – insbesondere LGBTQ+-Jugendliche, Angehörige ethnischer Minderheiten sowie junge Menschen mit psychischen Problemen wie Depressionen oder Suizidgedanken“. Auch Online-Selbsthilfegruppen würden gezielt genutzt, um neue Opfer zu identifizieren.

Die Täter arbeiteten dabei mit psychologischer Manipulation. Europol beschreibt etwa die Methode des „Love Bombing“, bei der Opfer zunächst mit besonderer Aufmerksamkeit, Verständnis und Zuwendung überschüttet würden, um Vertrauen aufzubauen. Später würden persönliche Informationen gesammelt und zur Erpressung genutzt. Die Opfer würden anschließend dazu gezwungen, explizite Inhalte zu produzieren, Gewalt auszuüben oder sich selbst zu verletzen.

Die Behörde warnt ausdrücklich davor, dass Betroffene selbst zu Tätern werden könnten. Einige Gruppen hätten bereits schwere Gewalttaten oder Tötungsdelikte propagiert. Eltern, Betreuungspersonen und Lehrkräfte müssten deshalb „angemessen informiert“ sein und auf Warnzeichen achten.

„Ziel ist es, vulnerable Jugendliche zu desensibilisieren und gesellschaftliche Normen aufzubrechen“

Das vom Bundesbildungsministerium unterstützte Portal Jugendschutz.net verweist allerdings darauf, dass die Kommunikation weitgehend in geschlossenen digitalen Räumen stattfinde. Gerade deshalb seien Ermittlungen und journalistische Recherchen häufig die einzigen Möglichkeiten, Einblicke in die Strukturen zu erhalten. Gleichzeitig kritisiert Jugendschutz.net die unzureichenden Schutzmaßnahmen vieler Plattformen. Telegram gehe „nur ungenügend gegen extremistische Inhalte und sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige vor“. Auch bei Discord bestehe „Verbesserungspotenzial“.

Der Fall „White Tiger“ zeigt nach Einschätzung von Jugendschutz.net, wie weit diese Dynamik inzwischen reichen kann. Unter dem Pseudonym soll ein 20-Jähriger aus Hamburg als führendes Mitglied der Gruppe „764“ aktiv gewesen sein. Nach Angaben der Ermittler manipulierten Mitglieder des Netzwerks gezielt Kinder und Jugendliche zwischen elf und fünfzehn Jahren. Die Betroffenen seien dazu gedrängt worden, sexualisierte Inhalte zu produzieren, sich selbst zu verletzen oder Suizidgedanken auszuleben. Ein 13-Jähriger nahm sich mutmaßlich infolge dieser Einflussnahme das Leben.

Jugendschutz.net beschreibt deutliche Parallelen zu sogenannten „Suizid-Challenges“, bei denen anonyme Gruppen schrittweise gefährliche Aufgaben stellen und deren Erfüllung dokumentiert werden muss. Wer sich verweigere, werde mit der Veröffentlichung persönlicher Daten, Bilder oder mit Gewalt bedroht. Sicherheitsbehörden in mehreren Ländern gehen inzwischen davon aus, dass weltweit Hunderte Personen mit dem Netzwerk „764“ oder seinen Splittergruppen verbunden sind.

Europol legt dabei eine terroristische Motivation nahe: „Ziel ist es, vulnerable Jugendliche zu desensibilisieren und gesellschaftliche Normen aufzubrechen.“ Und das wirkt offensichtlich: Auf eines der angezündeten Autos in Baden-Württemberg hatten die Täter die Zahl „764“ gesprüht. News4teachers

Hier lässt sich ein Flyer des BKA mit Warnhinweisen herunterladen. 

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