MÜNCHEN. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem baut ihre Bildungsarbeit in Deutschland aus. In München soll das erste Bildungszentrum der Einrichtung außerhalb Israels entstehen, ergänzt um eine Außenstelle in Leipzig. Die Verantwortlichen begründen das Projekt mit wachsendem Antisemitismus, zunehmender Geschichtsverzerrung und schwindendem Wissen junger Menschen über den Holocaust. Künftig soll die Perspektive der Opfer stärker in den Mittelpunkt rücken. Die Initiative ist damit auch eine Reaktion auf die Frage, wie Erinnerungskultur in Schulen ohne Zeitzeugen weitergetragen werden kann.

Im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen stoßen Mitarbeiter inzwischen auf Gästebucheinträge mit positivem Bezug zu Adolf Hitler. Für Axel Drecoll, den Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, ist das ein alarmierendes Zeichen. Kurz vor einem Besuch von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte Drecoll im RBB-Inforadio, solche Einträge seien zum Teil „niederschmetternd“. Nicht hinter jeder Äußerung stecke zwingend eine rechtsextreme Gesinnung, manches sei wohl auch Provokation. „Aber mit Sicherheit tut es das auch und das ist besorgniserregend“, sagte er.
Zugleich beobachte man in den Gedenkstätten, dass viele junge Menschen immer weniger über Konzentrationslager und Nationalsozialismus wüssten. Besonders fehle oft der persönliche Bezug zur NS-Zeit. „Die wachsende Zeit zwischen den Ereignissen damals und dem Heute schafft neue Herausforderungen“, sagte Drecoll.
„Dem Judenhass ist ohne Kenntnis der Geschichte nicht beizukommen“
Vor diesem Hintergrund baut die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ihre Bildungsarbeit in Deutschland aus. In München soll ein Bildungszentrum entstehen, dazu eine Außenstelle in Leipzig. Nach Angaben von Yad Vashem handelt es sich um den ersten dauerhaften Ableger der Einrichtung außerhalb Israels. Die Arbeit aufnehmen könnte das Zentrum nach bisherigen Planungen in zwei bis drei Jahren.
Die Gedenkstätte begründete die Entscheidung mit einer zunehmenden Verbreitung verzerrter Darstellungen des Holocaust und wachsendem Antisemitismus. München sei wegen seiner Bildungslandschaft und seiner historischen Bedeutung ausgewählt worden. Das Bildungszentrum soll am Karolinenplatz entstehen, in unmittelbarer Nähe des NS-Dokumentationszentrums. Die Gegend gilt als historisches Zentrum des frühen Nationalsozialismus in Deutschland.
Die kleinere Einrichtung in Leipzig soll interaktive Lernräume schaffen. Die Angebote sollen sich insbesondere an Pädagogen sowie an junge Menschen in der Region und den Nachbarländern richten.
Inhaltlich soll das Zentrum die jüdische Perspektive in der deutschen Erinnerungskultur stärker sichtbar machen. Yael Richler-Friedman, Pädagogische Direktorin des internationalen Instituts für Holocaust-Bildung von Yad Vashem, erklärte bereits Ende vergangenen Jahres, man wolle stärker die Stimmen der Opfer in den Mittelpunkt stellen „und weniger der Täter“. Die deutsche Erinnerungskultur sei bislang häufig von lokalen Geschichten geprägt gewesen. Ziel sei es, die Dimension des Massenmordes deutlicher zu vermitteln und Besucher zur Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Opfer anzuregen. Das solle auch Fragen nach der eigenen Identität und Empathie aufwerfen.
„Am Ort des Geschehens zu sein und dann sich mit den Biografien zu beschäftigen, ist ein wichtiger Zugang“
Bundesbildungsministerin Prien sieht darin zugleich einen Beitrag im Kampf gegen Antisemitismus. „Das Wissen über das, was war, ist wichtig, um das Übel in der Zukunft zu verhindern“, erklärte die CDU-Politikerin. Gerade junge Menschen in Deutschland wüssten zu wenig über die Shoah und die systematische Ermordung von Millionen Juden im Nationalsozialismus. Auch Yad-Vashem-Leiter Dani Dayan verwies darauf, dass die Zeit der Zeitzeugen zu Ende gehe. Historisch fundierte Holocaust-Bildung werde deshalb „wichtiger denn je“.
Unterstützung kommt aus Politik und jüdischen Gemeinden. Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete das geplante Zentrum als „nötiges Gegengewicht“ zu wachsendem politischem Extremismus. Die Zahl der Holocaust-Überlebenden nehme stetig ab, während antisemitische und rechtsextreme Tendenzen zunähmen. „Dem Judenhass ist ohne Kenntnis der Geschichte nicht beizukommen“, sagte Knobloch.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach von einer „Ehre“ für Bayern und bezeichnete das Projekt als klares Bekenntnis gegen Antisemitismus. Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) nannte die Leipziger Außenstelle eine „große Ehre und zugleich Verpflichtung“. Bildungsorte seien notwendig, um Antisemitismus, Vorurteilen, Desinformation und Relativierungen des Holocaust entgegenzutreten. Beim Holocaust wurden bis zu sechs Millionen Juden von den Nationalsozialisten ermordet.
Wie konkret die Sorge vieler Verantwortlicher inzwischen ist, zeigt sich für Axel Drecoll in Sachsenhausen. Gerade authentische Orte könnten jungen Menschen einen Zugang zur Geschichte eröffnen, sagte der Gedenkstättenleiter. „Am Ort des Geschehens zu sein und dann sich mit den Biografien zu beschäftigen, ist ein wichtiger Zugang.“ Dort könnten sich Besucher mit den Schicksalen der Menschen auseinandersetzen. Drecoll warb deshalb auch für eine dauerhafte Finanzierung der Gedenkstätten durch Bund und Länder. Solche Orte seien wichtig, um Schülerinnen und Schülern einen Zugang zur Geschichte zu vermitteln. News4teachers / mit Material der dpa









Gut und wichtig!
„Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete das geplante Zentrum als „nötiges Gegengewicht“ zu wachsendem politischem Extremismus.“
Leider nein, eine wertvolle Ergänzung, aber für ein Gegengewicht braucht es mehr Ressourcen für Bildung in allen (!) Bundesländern und eine Stärkung demokratischer Initiativen, anstatt deren Förderung zusammenzustreichen -__-
(https://taz.de/Bundesprogramm-Demokratie-leben/!6122313/)
Es ist fürchterlich, wenn Menschen von Staatswehen drangsaliert, diskriminiert, anlasslos verhaftet, gefoltert und ausgehungert werden, bombardiert oder beschossen. Das war früher schlimm, wie unsere Gedenkstätten, unser Schulunterricht und unsere Erinnerungskultur klarmachen. Und heute ist es auch schlimm. Anscheinend hat die Menschheit nicht wirklich viel dazu gelernt. Vielleicht benötigt man andere Herangehensweise um die Probleme der Gegenwart und Zukunft zu lösen als mehr desselben?
‚Staatswegen‘ sollte es natürlich heißen.
Ich habe das Yad Vashem in Israel durchwandert – es war ein zutiefst erschreckendes und emotionales Erlebnis zu sehen, zu lesen, zu erleben, wie sich Ausgrenzungen, dann Denunziationen und Diskriminierungen erst schleichend, später provokativ ihren Weg bahnten, um letztendlich in der fast totalen Vernichtung von Millionen Juden sowie Roma, Sinti und vielen anderen, die dieser „Ideologie“ zum Opfer fielen, zu enden. Nicht zu vergessen all die Opfer eines sinnlosen 2. Weltkrieges…
Speziell als Deutsche, die erst am Gymnasium „im Vorübergehen“ über den 2. Weltkrieg „informiert“ wurde…
Deutschland verstummte für Jahrzehnte – aus Scham über die Verbrechen? ihre Naivität? oder aus Scham über die Niederlage?
Und bereitete damit das Feld für die heutigen Leugner des Holocausts und das Wiedererstarken von Neonazis und derengleichen…
Und wieder ertönen die gleichen Parolen…
Sollte das Yad Vashem in München und Leipzig ebenso aufgebaut sein wie in Israel – aber verstärkt und belebt mit visuellen Botschaften – dann würde hoffentlich jedem Besucher die Augen aufgehen darüber, wie die Massen damals mit Parolen im Radio, auf Veranstaltungen und über Zeitungen manipuliert und einer Gehirnwäsche unterzogen wurden…
Und wie sie heute millionenfach verstärkt über die sozialen Medien erneut manipuliert werden…