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Ermittler jagen Cybergroomer – Kinderschutzbund fordert mehr Aufklärung an Schulen

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BERLIN. Die Zahl sexueller Übergriffe auf Kinder und Jugendliche bleibt in Deutschland auf hohem Niveau und steigt in mehreren Deliktbereichen weiter an. Das neue Bundeslagebild des Bundeskriminalamts (BKA) zeigt vor allem eine zunehmende Verlagerung der Taten in den digitalen Raum. Der Kinderschutzbund fordert deshalb verbindliche Schutzkonzepte in Schulen, Kitas und Vereinen und warnt vor Einsparungen in der Jugendhilfe. Denn Strafverfolgung allein reicht nach Ansicht des Verbandes nicht aus, um Kinder wirksam zu schützen.

Im Dunkelfeld. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Ihre Mission: Sie sollen Erwachsene überführen, die im Internet gezielt nach Kindern suchen. Dafür schlüpfen Ermittlerinnen und Ermittler des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen in die Rolle von Minderjährigen, bewegen sich in sozialen Netzwerken, Chatforen und Online-Spielen und warten darauf, dass potenzielle Täter Kontakt aufnehmen. Die Bilanz dieser sogenannten Scheinkindoperationen zeigt, wie groß das Problem inzwischen ist: Seit 2023 führten die Einsätze zu 674 Strafverfahren wegen des Verdachts auf Cybergrooming.

Cybergrooming beschreibt die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener mit Kindern und Jugendlichen über das Internet, um sexuelle Übergriffe vorzubereiten. Die Täter geben sich häufig als Gleichaltrige aus, erschleichen das Vertrauen ihrer Opfer und bringen sie dazu, intime Bilder zu verschicken. Nicht selten dienen diese später als Druckmittel; manche Täter verfolgen von Anfang an das Ziel eines realen sexuellen Missbrauchs. Zwischen November 2023 und Juni 2026 führte das LKA Nordrhein-Westfalen darüber hinaus 23 konzentrierte Scheinkindoperationen durch, die jeweils zwischen einem Tag und einer Woche dauerten. Ziel sei es, den Verfolgungsdruck auf Täter dauerhaft zu erhöhen.

Dass die Ermittler ihre Aktivitäten ausbauen, spiegelt eine bundesweite Entwicklung wider. Das Bundeskriminalamt registrierte im vergangenen Jahr 17.126 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs – 772 mehr als im Vorjahr und rund 1.600 mehr als noch vor fünf Jahren. Auch die Zahl der Missbrauchsfälle bei Jugendlichen sowie die Zahl der Tatverdächtigen stieg erneut. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach bei der Vorstellung des Lagebilds von „erschreckend hohen“ Zahlen. Besonders alarmierend sei der Anstieg im Bereich der Jugendpornografie um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr – ein „dramatischer Befund“.

Nach Einschätzung von BKA-Präsident Holger Münch werden die Zahlen vor allem dadurch nach oben getrieben, dass sich die Straftaten zunehmend in den digitalen Raum verlagern. Dort suchen Täter ihre Opfer über soziale Netzwerke, Messenger-Dienste oder Online-Spiele.

„Jugendliche sind nicht geschützt, wenn irgendein Mann über 50 meist ein Mädchen in eine sexuelle Beziehung verstrickt. Das ist nicht strafbar“

Für die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus, sind deshalb Scheinkindoperationen ein unverzichtbares Instrument. „Elementar“ seien diese, sagte sie bei der Vorstellung des Lagebilds. Täter bahnten Kontakte zu möglichen Opfern häufig über soziale Medien oder Chats in Online-Spielen an. Zugleich kritisierte Claus rechtliche Lücken beim Schutz Jugendlicher. „Jugendliche sind nicht geschützt, wenn irgendein Mann über 50 meist ein Mädchen in eine sexuelle Beziehung verstrickt. Das ist nicht strafbar.“ Viele Betroffene erstatteten keine Anzeige. „Sie schweigen aus Scham oder weil sie sich selbst die Schuld geben.“

Der Kinderschutzbund begrüßt zwar konsequente Strafverfolgung, hält sie jedoch nur für einen Teil der Lösung. Präsidentin Prof. Sabine Andresen fordert, den Schutz von Kindern dort zu stärken, wo sie ihren Alltag verbringen. „Wir brauchen auf jeden Fall umfassende Präventionsarbeit, und zwar überall dort, wo Kinder und Jugendliche sind.“ Verbindliche Schutzkonzepte müssten in Schulen, Kindertagesstätten und Vereinen etabliert werden, damit Prävention gestärkt und schnelle Hilfe ermöglicht werde.

Nach den Erfahrungen des Kinderschutzbundes gehen Täter strategisch vor, um das Vertrauen von Kindern zu gewinnen. Gerade deshalb müsse Wissen über diese Strategien breit vermittelt werden – an pädagogische Fachkräfte ebenso wie an Eltern und Kinder. Zugleich warnt der Verband vor Einsparungen infolge der angespannten Haushaltslage von Bund, Ländern und Kommunen. Viele Beschäftigte in Jugendämtern und der Jugendhilfe sorgten sich bereits heute, ihren gesetzlichen Schutzauftrag nicht mehr umfassend erfüllen zu können.

Wie verbreitet sexuelle Annäherungsversuche im Netz inzwischen sind, zeigt auch eine repräsentative Befragung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. Jeder vierte junge Mensch gab an, bereits sexuell motivierte Kontaktversuche Erwachsener in sozialen Netzwerken oder Online-Games erlebt zu haben.

Das Bundeslagebild macht zugleich deutlich, dass die polizeilich registrierten Fälle nur einen Teil des Problems abbilden. Die Statistik erfasst ausschließlich das sogenannte Hellfeld – also Straftaten, die der Polizei bekannt werden. Das tatsächliche Ausmaß dürfte deutlich größer sein. Eine bundesweite Befragung von Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern soll das Dunkelfeld künftig genauer ausleuchten.

Mit Sorge blicken Ermittler und Fachleute außerdem auf die zunehmende Nutzung Künstlicher Intelligenz. Missbrauchsdarstellungen werden immer häufiger vollständig künstlich erzeugt oder verändert. Dass dadurch weniger reale Kinder betroffen sein könnten, glaubt Kerstin Claus ausdrücklich nicht. „Nein, das Gegenteil ist der Fall. Diese Flut von Material, echt oder KI-generiert, führt zu Entgrenzungen.“ Solche Entgrenzungen könnten dazu beitragen, sexuelle Gewalt weiter zu normalisieren und neue Täter hervorzubringen. Zugleich erschwert die immer bessere Qualität der KI-generierten Bilder nach Einschätzung des Bundeskriminalamts die Identifizierung realer Opfer erheblich. News4teachers / mit Material der dpa

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