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Zehntausende Vorschulkinder zur Sprachförderung hin- und herfahren? Breites Bündnis fordert Stopp der ABC-Klassen an Grundschulen

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DÜSSELDORF. Wenige Tage vor der entscheidenden Schlussabstimmung im nordrhein-westfälischen Landtag wächst der Widerstand gegen die geplanten ABC-Klassen noch einmal deutlich. Ein ungewöhnlich breites Bündnis aus freien Kita-Trägern, Elternvertretungen, Kinderschutz, Wissenschaft und Gewerkschaften fordert CDU und Grüne auf, das Gesetz nicht in seiner jetzigen Form zu verabschieden. Maßgeblich initiiert wurde der Appell von Fröbel, Deutschlands größtem überregionalen Kita-Träger. Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen das Ziel einer besseren Sprachförderung – sondern gegen den Weg dorthin.

Ausflug zur Sprachförderung!? (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Mit dem gemeinsamen Schreiben erreicht die Auseinandersetzung um eines der wichtigsten bildungspolitischen Vorhaben der schwarz-grünen Landesregierung kurz vor der Entscheidung einen neuen Höhepunkt. Die Unterzeichner wenden sich unmittelbar an die Abgeordneten des Landtags und appellieren: „Verabschieden Sie dieses Gesetz nicht in seiner jetzigen Form.“

Bemerkenswert ist dabei vor allem der gemeinsame Ausgangspunkt der Unterzeichner. Niemand bestreitet den erheblichen Handlungsbedarf. Dass noch immer rund jedes dritte Kind in Nordrhein-Westfalen mit sprachlichen Auffälligkeiten eingeschult wird, gilt als unstrittig. Umstritten ist allein die Antwort darauf. Nach Auffassung des Bündnisses setzt die Landesregierung mit den geplanten ABC-Klassen an der falschen Stelle der Bildungskette an. „Die Frage ist jedoch nicht, ob gehandelt werden muss, sondern wie“, heißt es in dem Appell.

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Was CDU und Grüne planen

Mit der Reform wollen CDU und Grüne die Sprachförderung in Nordrhein-Westfalen grundlegend neu organisieren. Kernstück sind verpflichtende Sprachtests vor der Einschulung sowie sogenannte ABC-Klassen für Kinder mit erheblichem Förderbedarf.

Ab dem Schuljahr 2028/29 sollen diese Kinder im Jahr vor der Einschulung zweimal wöchentlich jeweils zwei Stunden zusätzliche Sprachförderung erhalten. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) rechnet langfristig mit rund 50.000 Kindern. Vorgesehen ist, dass die Förderung grundsätzlich an Grundschulen stattfindet. Zwar betont das Schulministerium, dass bei Bedarf auch Kitas oder andere geeignete Räume genutzt werden können. Das Grundmodell sieht jedoch vor, dass viele Kinder regelmäßig zwischen ihrer Kita und einem zusätzlichen Förderort pendeln. Die hierfür entstehenden Transportkosten übernimmt das Land.

Dieser Wechsel zwischen zwei Bildungsorten ist für die Kritiker zum Sinnbild einer aus ihrer Sicht verfehlten Reform geworden.

„Die betroffenen Kinder brauchen nicht mehr Systeme“

Nach Auffassung des Bündnisses profitieren gerade Kinder mit erhöhtem Unterstützungsbedarf von stabilen Beziehungen, vertrauten Fachkräften und verlässlichen Tagesabläufen. Zusätzliche Fahrten zu schulischen Förderangeboten, weitere Übergänge und neue Bezugssysteme seien pädagogisch fragwürdig und stünden in keinem überzeugenden Verhältnis zum erwarteten Nutzen.

„Die betroffenen Kinder brauchen nicht mehr Systeme. Sie brauchen bessere Unterstützung in den Systemen, die sie bereits täglich begleiten“, heißt es in dem gemeinsamen Schreiben. Sprachförderung aus dem Alltag der Kinder herauszulösen und in zusätzliche schulische Vorkurse zu verlagern, schaffe ein „fachpädagogisch nicht vertretbares sowie stigmatisierendes und kostenintensives Parallelsystem“, dessen Überlegenheit bislang weder wissenschaftlich belegt noch praktisch nachgewiesen sei. Statt neue Strukturen aufzubauen, müssten die bestehenden Bildungsorte gestärkt werden.

Fröbel: „Richtiges Ziel – falscher Ansatz“

Den fachlich ausführlichsten Gegenentwurf hat Fröbel bereits im Anhörungsverfahren des Landtags vorgelegt. Deutschlands größter überregionaler Kita-Träger unterstützt darin ausdrücklich das Ziel der Landesregierung, deutlich mehr Kinder mit ausreichenden Sprachkenntnissen einzuschulen.

„Richtiges Ziel – falscher Ansatz“, überschreibt Fröbel seine zentrale Bewertung. Gute Sprachkompetenzen seien entscheidend für Chancengerechtigkeit und Bildungserfolg. Deshalb teile man das Ziel des Gesetzentwurfs ausdrücklich. Nicht akzeptabel sei jedoch, „dass die NRW-Landesregierung mit dieser Schulrechtsnovelle allein aus der bildungspolitischen Not heraus ein Gesetz auf den Weg bringen will, das Kita-Kinder zu additiven, vom regulären pädagogischen Alltag abgetrennten Sprachfördermaßnahmen in der Schule verpflichtet“. Damit werde zugleich verkannt, dass die Kita selbst über die notwendige fachliche Kompetenz verfüge, Förderbedarfe frühzeitig zu erkennen und gezielt darauf zu reagieren.

Die Antwort formuliert Fröbel bewusst selbstbewusst: „Frühkindliche Bildung leistet hier jeden Tag hochprofessionelle und wirksame Arbeit. Die Kita kann es!“

Eigene Daten sollen die Wirksamkeit belegen

Zur Untermauerung verweist Fröbel auf umfangreiche eigene Auswertungen. Nach Angaben des Trägers wird inzwischen die Sprachentwicklung von jährlich rund 17.000 Kindern mithilfe des wissenschaftlich fundierten Beobachtungsverfahrens BaSiK systematisch dokumentiert und ausgewertet. Anders als punktuelle Sprachtests erfolgt diese Beobachtung kontinuierlich im pädagogischen Alltag und soll dadurch ein wesentlich differenzierteres Bild der Sprachentwicklung liefern.

Die daraus gewonnenen Daten sollen nach Auffassung des Trägers zeigen, dass Sprachförderung gerade im Kita-Alltag wirksam ist. Nach den vorgelegten Auswertungen wechseln 38 Prozent der zunächst sprachauffälligen Kinder zwischen zwei Beobachtungszeitpunkten in einen unauffälligen Befund. Fröbel wertet dies als Beleg für die Wirksamkeit der alltagsintegrierten Sprachförderung. Besonders deutlich seien die Fortschritte bei Kindern, die Deutsch als Zweitsprache erwerben. Gerade dort zeigten sich die größten Kompetenzzuwächse.

Für Fröbel ergibt sich daraus eine grundsätzliche Schlussfolgerung: Nicht zusätzliche Fördersysteme seien entscheidend, sondern die konsequente Stärkung der bestehenden Bildungsarbeit in den Kindertageseinrichtungen.

Zweifel an der wissenschaftlichen Grundlage

Die Stellungnahme beschränkt sich allerdings nicht auf eigene Praxiserfahrungen. Fröbel verweist zugleich auf die vorhandene Forschung.

Danach habe sich für mehrere vergleichbare Modelle additiver Sprachförderung außerhalb des regulären Kita-Alltags bislang kein belastbarer Wirksamkeitsvorteil gegenüber einer alltagsintegrierten Sprachförderung nachweisen lassen. Positive Evidenz gebe es dagegen insbesondere für Konzepte, die unmittelbar an der Qualität der sprachlichen Interaktion zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern ansetzten.

Vor diesem Hintergrund komme man zu einem klaren Urteil: „Die im Gesetzentwurf getroffene Annahme, mit den ABC-Klassen werde ein wirksames zusätzliches Förderinstrument geschaffen, ist vor diesem Hintergrund empirisch nicht hinreichend abgesichert.“ Einer so weitreichenden Strukturentscheidung müsse eine belastbarere wissenschaftliche Evidenz zugrunde liegen.

Ressourcen würden an der falschen Stelle eingesetzt

Die geplante Regelung adressiere „ein fundamental reales Problem unserer Zeit an der falschen Stelle der Bildungskette“ und lenke die verfügbaren Ressourcen nicht dorthin, „wo sie nachweislich die größte Wirksamkeit entfalten: in die Kita“.

Mit den ABC-Klassen entstünden „kostenintensive Parallelstrukturen zur frühkindlichen Bildung“, obwohl dieselben Mittel innerhalb der Kitas deutlich wirksamer eingesetzt werden könnten. Fröbel erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass mit dem Ende des Bundesprogramms „Sprach-Kitas“ in Nordrhein-Westfalen rund 1.480 zusätzliche Sprachfachkräfte sowie große Teile der Fachberatungsstrukturen weggefallen seien. Statt diese Lücke zu schließen, werde nun eine neue schulische Förderstruktur aufgebaut.

Auch die im aktuellen Appell aufgegriffene Debatte über die Finanzierung spielt dabei eine Rolle. Dort verweisen die Unterzeichner darauf, dass nach Berechnungen der Landesregierung allein für die Beförderung der Kinder zu den ABC-Klassen jährlich rund 108 Millionen Euro vorgesehen seien. Diese Mittel wären nach ihrer Auffassung in der unmittelbaren Sprachbildung innerhalb der Kitas deutlich wirksamer investiert als in den Aufbau einer neuen Parallelstruktur.

Auch GEW sieht erhebliche Probleme

Mit dieser Einschätzung steht Fröbel nicht allein.

Bereits im Januar hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) das Ziel einer verbindlichen frühen Sprachförderung ausdrücklich begrüßt, zugleich jedoch erhebliche Zweifel an der Umsetzung angemeldet. Sprachförderung müsse bereits in der Kita beginnen und dürfe nicht erst kurz vor der Einschulung ansetzen, erklärte die Landesvorsorsitzende Ayla Çelik.

Vor allem stellte die Gewerkschaft die Ressourcenfrage. Schon heute fehlten in Nordrhein-Westfalen mehr als 8.000 Lehrkräfte. Gleichzeitig müssten die Grundschulen zusätzliche Aufgaben wie den Ausbau des Ganztags bewältigen. „Neue Aufgaben können nur dann erfolgreich umgesetzt werden, wenn zusätzliches Personal bereitgestellt wird“, erklärte Çelik. Andernfalls drohe ein ohnehin stark belastetes System weiter unter Druck zu geraten.

Zugleich warnte die GEW davor, Kinder durch zusätzliche Förderstrukturen frühzeitig als defizitär wahrzunehmen oder sie aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld herauszulösen.

Entscheidung fällt noch vor der Sommerpause

Politisch bleibt die Landesregierung dennoch bei ihrem Kurs. Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, wollen CDU und Grüne sowohl das reformierte Kinderbildungsgesetz als auch das Schulrechtsänderungsgesetz mit den ABC-Klassen noch in dieser Woche vor der Sommerpause verabschieden. Auf Antrag der SPD finden beide Gesetze zunächst noch eine dritte Lesung statt. Die Schlussabstimmungen sind für Donnerstagabend als letzte Tagesordnungspunkte des Plenums vorgesehen.

Das Bündnis fordert die Abgeordneten auf, die verbleibende Zeit bis zur Schlussabstimmung zu nutzen, die fachlichen Einwände noch einmal aufzugreifen und das Gesetz nicht in seiner jetzigen Form zu verabschieden. „Die Kinder in Nordrhein-Westfalen verdienen eine Reform der Sprachbildung“, heißt es in dem Schreiben. „Aber sie verdienen eine angemessene, am Kind orientierte Reform.“ News4teachers / mit Material der dpa

„ABC-Klassen“ vor der Einschulung: Landesregierung nimmt Grundschulen für frühkindliche Sprachförderung in die Pflicht

 

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