WIESBADEN. Immer mehr Kinder beginnen ihre Schullaufbahn mit erheblichen Schwierigkeiten im Deutschen – darunter auch Jungen und Mädchen, die ausschließlich deutschsprachig aufwachsen. Hessen setzt deshalb seit Jahren auf verpflichtende Deutschvorlaufkurse vor der Einschulung; inzwischen übernehmen mehrere Bundesländer dieses Modell. Ein Heidelberger Sprachforscher hält den Ansatz für vielversprechend, obwohl belastbare Wirksamkeitsstudien bislang fehlen. Entscheidend für den Spracherwerb seien jedoch nicht allein die Kurse, sondern vor allem ausreichende sprachliche Anregungen im Alltag.

Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen müssen in Hessen vor der Einschulung einen Vorlaufkurs besuchen. Sie starten ihre Schullaufbahn erst, wenn sie die Sprache ausreichend gut beherrschen. Dieses Konzept der Deutschvorlaufkurse ist aus Sicht des hessischen Kultusministeriums ein Erfolgsmodell, mehrere Bundesländer folgten inzwischen dem Beispiel. Giulio Pagonis, Professor für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Heidelberg, lobt die Initiative.
Es sei mutmaßlich kein Zufall, dass das hessische Modell der Vorlaufkurse derzeit in weiteren Flächenbundesländern nachgeahmt werde, erklärt der Wissenschaftler. Valide Wirksamkeitsstudien, dass die Teilnahme am Vorlaufkurs positive Effekte für die Sprachentwicklung hervorruft, gebe es allerdings bislang noch keine. «Wir arbeiten in Heidelberg derzeit an einem entsprechenden Forschungsdesign – die bisherigen Hinweise des hessischen Kultusministeriums deuten aber in eine zuversichtliche Richtung», ergänzte Pagonis. Seit Einführung der Vorlaufkursstruktur seien die Zurückstellungen zum Schulstart aus rein sprachlichen Gründen deutlich zurückgegangen.
Vor Einschulung werden Sprachkenntnisse geprüft
Im hessischen Schulaufnahmeverfahren wird anderthalb Jahre vor der geplanten Einschulung untersucht, wie gut die Kinder Deutsch sprechen. Besteht Förderbedarf, dann müssen die angehenden Erstklässler einen Deutschvorlaufkurs besuchen. Die Kurse liegen in schulischer Verantwortung und finden in der Grundschule oder in der Kita statt. Sie starten mit dem Schuljahr und pausieren in den Schulferien. Zum Ende des vergangenen Schuljahres 2025/2026 lernten fast 17.500 Vorlaufkurskinder in Hessen, wie das Kultusministerium in Wiesbaden mitteilte.
Nach Erfahrungen des Kultusministeriums schaffen etwa 95 Prozent der Kinder nach dem Deutschvorlaufkurs den Sprung in die erste Klasse. Die anderen werden vom Unterricht zurückgestellt, lernen weiter Deutsch, können Vorklassen besuchen und im Verlauf des Schuljahres jederzeit nachrücken.
«Jedes Kind mit Schwierigkeiten in Deutsch erhält bei uns die Chance auf einen erfolgreichen Schulstart», meint Bildungsminister Armin Schwarz (CDU). «Nur wer Deutsch spricht, kann sich dann auch mit seinen Leistungen entfalten.» Seit Bestehen der speziellen Deutschkurse vor der Einschulung haben in Hessen bereits rund eine Viertelmillion Kinder daran teilgenommen.
Schlechtes Deutsch kann mehrere Ursachen haben
Woran liegt es, dass viele Kinder schlecht Deutsch sprechen? «Das kann mindestens zwei Gründe haben, beide haben mit dem Sprachangebot im Deutschen zu tun, das das Kind täglich erlebt», erklärt Pagonis.
Entweder das Angebot sei zu gering, etwa weil das Kind vornehmlich von seiner Erstsprache umgeben sei, etwa im Elternhaus. Oder das Kind habe zwar regelmäßigen Kontakt zum Deutschen, aber im Umfeld werde eine fehlerhafte Variante gesprochen.
«Typischerweise ist es jedenfalls nicht ein defizitäres Sprachvermögen, das die Ursache für die Sprachschwierigkeiten darstellt», bekräftigt der Bildungsexperte. «Im Gegenteil: Kinder haben altersgemäß sehr gute Voraussetzungen, eine Zweitsprache zu erwerben, relativ schnell und auf einem Niveau, das von monolingual deutschsprachigen Kindern irgendwann nicht mehr zu unterscheiden ist.» Das könnten Kinder ganz ohne Lehrkraft oder spezifische Sprachdidaktik schaffen – der alltägliche Input genüge dafür. «Voraussetzung ist aber eben, dass dieser Input reichhaltig und in vorbildlicher Form vorliegt», erklärt der Professor.
Auch rein deutschsprachig aufwachsende Kinder haben Probleme – Smartphone und Co. verhindern wichtigen Blickkontakt
Unter den Kindern in den hessischen Deutschvorlaufkursen sind laut Ministerium auch Jungen und Mädchen mit Deutsch als einziger Muttersprache. «Erfahrene Elementar- und Primarpädagoginnen berichten regelmäßig davon, dass auch unter monolingual deutschsprachig aufwachsenden Kindern unerwartete Rückstände auftreten», erklärt Pagonis. Ausreichende Forschung zu diesem Thema gibt es seines Wissens nach nicht. Sollte es sich bewahrheiten, dann seien dafür mehrere Ursachen möglich.
Womöglich mangele es wegen exzessiver Nutzung von Handys oder Tablets an einem ausreichenden Sprachangebot, sagt der Wissenschaftler. «Dies könnte dazu führen, dass etwa der Blickkontakt und auch die übrige sprachlich getragene soziale Interaktion zwischen Eltern und Kleinkind verarmt.»
Damit hänge möglicherweise eine weitere Ursache zusammen: «Wenn Kindern seltener Geschichten vorgetragen werden, so verkümmert auch ihre Fähigkeit, Geschichten zu verstehen und selbst hervorzubringen.» Wie bei den zweisprachigen Kindern gelte aber auch hier: «Die Lernfähigkeit der Kinder ist in aller Regel intakt. Es sind die Lerngelegenheiten, die abnehmen.» News4teachers / Von Andrea Löbbecke, dpa









