WIESBADEN. Hitze im Klassenzimmer ist in diesem Sommer bundesweit als Problem in den Fokus gerückt. In vielen Schulgebäuden sind die Temperaturen auf mehr als 30 Grad gestiegen. Doch wie Schulen wirksam geschützt werden können (und wer dafür bezahlt), ist vielerorts ungeklärt. Wie die Debatte verläuft, zeigt beispielhaft Hessen: Schülervertretung und GEW fordern verbindliche Vorgaben und mehr Investitionen, das Land verweist auf Schulträger und Schulleitungen. Eine Grundschule macht derweil vor, was technisch möglich ist: Dort soll Unterricht selbst noch bei 42 Grad Außentemperatur funktionieren – dank einer kühlenden Lüftungsanlage.

Bei Temperaturen von über 30 Grad Celsius dürfte in diesem Sommer so manchen Mädchen und Jungen im Klassenzimmer – ebenso wie ihren Lehrkräften – der Schweiß gelaufen sein. Besserung ist wohl auch in den kommenden Jahren kaum in Sicht. Die Möglichkeiten für kühlere Unterrichtsräume müssen Experten zufolge an jedem Schulgebäude individuell eruiert werden. Grünere Schulhöfe, kleinere Fensterflächen, Jalousien, Lüftungssysteme, die vor Unterrichtsstart runterkühlen, damit Kinder nicht von einer überhitzen elterlichen Wohnung in ein überhitztes Klassenzimmer müssen: All das ist denkbar. Bei Neubauten können höhere Häuser in der Umgebung oder vorhandene Baumreihen als Schattenspender genutzt werden.
Die Landesschülervertretung Hessen hatte schon zum Start ins neue Schuljahr wirksame Schutzmaßnahmen gefordert. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht hier Defizite.
«Systematische Bestrebungen für einen besseren Hitzeschutz an den hessischen Schulen hat es bislang nicht gegeben», bemängelt der GEW-Vorsitzende in Hessen, Thilo Hartmann. Eine landesweite Richtlinie für den Schulbau, die bauliche Standards auch zum Hitzeschutz landesweit regele, existiere nicht. Wie die regelmäßigen Erhebungen zu Schulbauinvestitionen zeigen, investierten die Schulträger in den letzten Jahren extrem unterschiedlich in ihre Schulgebäude. Die Spanne reiche von gut 300 Euro pro Schüler und Jahr in der Stadt Kassel bis zu 1.500 Euro im Hochtaunuskreis. «Bei den meisten Schulgebäuden besteht nach unserer Einschätzung Handlungsbedarf.»
Konzentrations- und Leistungsfähigkeit nehmen ab
«Berichte über stark aufgeheizte Klassenräume sind längst keine Einzelfälle mehr», sagt Landesschulsprecher Laurenz Spies. Auch an seiner eigenen Schule habe er Temperaturen von über 35 Grad in einem Klassenraum erlebt. Vergleichbare Erfahrungen würden auch aus anderen Schulen geschildert.
«Das ist aus unserer Sicht nicht nur eine Frage des persönlichen Wohlbefindens, sondern ein ernsthaftes Bildungsproblem.» Bei hohen Temperaturen nähmen Konzentrations- und Leistungsfähigkeit ab, gleichzeitig könnten gesundheitliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Erschöpfung oder Kreislaufprobleme auftreten.
«Wir kritisieren deshalb, dass die derzeitigen Regelungen bei großer Hitze zu unverbindlich sind. Es braucht klare und landesweit einheitliche Vorgaben dazu, ab welchen Temperaturen welche Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssen», sagt Spies. Die eigentliche Lösung bestehe darin, Schulgebäude so auszustatten und zu sanieren, dass Unterricht auch während Hitzeperioden möglich bleibe.
«Dazu fordern wir unter anderem einen landesweiten Hitzecheck der Schulgebäude, ein dauerhaft finanziertes Sanierungsprogramm, besseren Sonnen- und Wärmeschutz, mehr Begrünung sowie kostenlose Trinkwasserspender an allen Schulen», sagt Spies. Gleichzeitig dürfe Hitzefrei auf Dauer nur die Notbremse sein.

Die jüngsten Hitzewellen haben gezeigt: Viele Schulen und Kitas sind auf extreme Temperaturen noch immer nicht ausreichend vorbereitet. Wie groß die Belastung tatsächlich ist, lässt sich bislang jedoch kaum nachvollziehen.
News4teachers und die Heinz Trox-Stiftung bauen deshalb ihre Dokumentation aus. Bei künftigen Hitzewellen werden wir erneut Fotos und Informationen aus Schulen und Kindertageseinrichtungen sammeln. Alle Einsendungen werden wir in einer digitalen Hitzekarte zusammenführen, die kontinuierlich ergänzt wird. Sie soll sichtbar machen, unter welchen Bedingungen Kinder, Jugendliche und Beschäftigte lernen und arbeiten – und zugleich dokumentieren, wo Handlungsbedarf besteht.
Ein erster Aufruf im Juni stieß bereits auf große Resonanz: Mehr als 200 Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte beteiligten sich und schickten Fotos aus ihren Klassen- und Gruppenräumen.
Sobald die nächste Hitzewelle ansteht, freuen wir uns wieder über Ihre Unterstützung. Dann können Sie uns ein Foto eines Thermometers aus Ihrem Klassen- oder Gruppenraum schicken (bitte ohne erkennbare Personen).
Bitte geben Sie außerdem an:
– Schulform beziehungsweise Kita
– Bundesland
Stadt- oder Einrichtungsname benötigen wir nicht.
E-Mail: redaktion@news4teachers.de
Betreff: Hitze
Alle Einsendungen werden anonym behandelt und ausschließlich für die Dokumentation von News4teachers und der Heinz Trox-Stiftung verwendet.
Die Heinz Trox-Stiftung setzt sich für gesunde, lernförderliche Schulräume ein. Weitere Informationen: www.zukunftsraum-schule.de
Eine Grundschule im südhessischen Groß-Zimmern hat eine Lösung gefunden. Hitzefrei ist für den Schulleiter der Grundschule im Angelgarten, Sebastian Albert, kein Thema. Man könne die Kinder ja nicht einfach heim schicken. Es müssten alle Eltern der rund 220 Kinder angerufen werden, ob eine Betreuung überhaupt gewährleistet sei. Werde es drinnen zu warm, werde der Unterricht auf schattige Grünflächen nach draußen verlegt.
Lüftungssystem bringt kühlere Temperaturen
«Das Feedback von Lehrkräften ist sehr positiv. Es gibt ein gutes Lernklima, auch was die Temperaturen angeht», sagt Albert über den im letzten Winter bezogenen Neubau. Dort hat jedes Klassenzimmer und jeder Schulungsraum ein eigenes Lüftungssystem, um die Temperaturen zu drücken. Mit der Anlage sei es kein Problem, auch bei 42 Grad zu unterrichten.
«Es ist nicht die Absicht, die Temperaturen auf 20 Grad zu halten», sagt Michael Lohn vom Da-Di-Werk des Kreises Darmstadt-Dieburg als Schulträger. Man versuche, zum Start des Unterrichts die Temperaturen angenehm zu halten. Die Lüftungssysteme seien autarke Systeme mit einer kleinen Wärmepumpe, die im Winter heizen und im Sommer die Temperatur drücken könne. Klimaanlagen seien wartungsintensiv.
«Wir haben die sommerlichen Temperaturen ganz oben auf der Agenda», sagt der technische Betriebsleiter des Da-Di-Werks, Holger Gehbauer. Für Neubauprojekte gebe es diese Kühlungsanlagen. Bei der Anlage würden Sensoren zudem die Sonneneinstrahlung erfassen und die Jalousien runterfahren.
Bei Neubauten – im Kreis gibt es 84 Schulen mit mehr als 600 Gebäuden – würden zudem vorhandene Schattenspender wie höhere Häuser oder Baumreihen berücksichtigt. Alle Schulen seien zudem mit Trinkwasserspendern ausgestattet. Wie man Hitzeschutz umsetze, sei bei jedem Gebäude eine neue Abwägung.
Nach Angaben des Kultusministeriums können die Kreise und kreisfreien Städte als Schulträger von Land und Bund unterstützt werden. «Die Schulträger können sich für bauliche Maßnahmen oder die Ausstattung von Schulen zudem von der Landesenergieagentur gezielt beraten lassen.» Die jeweilige Schulleitung müsse entscheiden, wie mit Hitze umgegangen werde.
Im Hitzeaktionsplan des Landes gebe es zudem Empfehlungen wie Trinkpausen oder das Lüften der Klassenräume am kühleren Morgen. Zum Start in das neue Schuljahr sei beim hessischen Kompetenzzentrum Gesunde Schule zudem eine Hotline geschaltet worden.
Eine Lüftungsanlage, die auch kühlen kann, ersetzt das freilich nicht. News4teachers / mit Material der dpa









