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„Man sollte nicht jede Schwierigkeit sofort auf die eigene Behinderung zurückführen“: Ein blinder Lehrer berichtet

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HOFHEIM. Seine Schülerinnen und Schüler haben sich nach wenigen Wochen daran gewöhnt, dass ihr Lehrer sie nicht sehen kann. Christof Müller unterrichtet Geschichte und Katholische Religion an einem Regelgymnasium (der Main-Taunus-Schule in Hofheim), korrigiert Klausuren und leitet mündliche Abiturprüfungen. Grenzen erlebt er als Blinder trotzdem – durch digitale Angebote, die für Sehende gemacht sind, und mitunter durch Zurückhaltung im Kollegium. Bemerkenswert differenziert fällt deshalb sein Blick auf Inklusion aus: Nicht alles müsse für alle Menschen gleichermaßen zugänglich sein, und für ihn selbst sei eine Blindenschule der richtige Ort gewesen. Darüber spricht Müller mit einer Journalistin, die viele seiner Erfahrungen aus eigener Perspektive kennt: News4teachers-Redakteurin Nina Odenius ist selbst blind.

„Im Kollegium erlebe ich die größte Reserviertheit.“ Illustration: News4teachers

News4teachers: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Lehrer für Geschichte und Katholische Religion wurden? War das von Anfang an Ihr Berufswunsch?

Müller: Ich bin in Marburg auf die Deutsche Blindenstudienanstalt gegangen und habe dort mein Abitur gemacht. Das war eine Sonderschule für Blinde. Zum Studium kam ich dann in die normale Welt und wusste überhaupt nicht, ob ich mich dort zurechtfinden würde. Für mich war nur klar: Ich wollte Theologie studieren.

PhoneLocker, verschließbare Smartphone-Tasche

Als ich nach Frankfurt am Main an die Universität gegangen bin, um mich einzuschreiben, wurde ich gefragt, welchen Studiengang ich wählen wolle: Lehramt oder Magister. Leider konnte mir die Studienberatung nicht sagen, welche Berufsmöglichkeiten ich mit einem Magister später hätte. Also habe ich spontan Lehramt gesagt. Dann wurde ich gefragt: Grundschule, Haupt-, Realschule oder Gymnasium? Da habe ich ebenso spontan Gymnasium gesagt. Anschließend kam die Frage nach dem zweiten Fach. Naiv, wie ich war, habe ich gefragt: „Brauche ich das auch?“ Dann wurde es Geschichte.

News4teachers: Sie unterrichten heute an einem Regelgymnasium in der Oberstufe. War das Unterrichten an einer Blindenschule eine Option für Sie?

Müller: Theoretisch wäre das eine Option gewesen. Ich habe aber nicht für eine Sonderschule studiert, sondern für ein normales Gymnasium. Damals, 1987, vor der Wende, war die Deutsche Blindenstudienanstalt in Marburg das einzige Gymnasium für Blinde. Auf eine einzige Schule hin zu studieren, wäre für mich absurd gewesen.

Ich bin vielmehr davon ausgegangen, dass ich an einer Regelschule eingesetzt werde. Während des Studiums habe ich Praktika an Regelschulen gemacht, unter anderem in Hofheim – an der Schule, an der ich heute unterrichte.

Nach dem Referendariat war ich zunächst arbeitslos. Ich habe mich damals auch an der Blindenstudienanstalt in Marburg  beworben, aber eine Absage erhalten. Das war für mich einfach eine von mehreren Bewerbungen.

„Nach vier Wochen fällt meine Blindheit im Schulalltag kaum noch auf“

News4teachers: Wie reagieren Schülerinnen und Schüler bzw. die Kolleginnen und Kollegen auf den blinden Lehrer? Begegnet man Ihnen mit Unsicherheit, Vorurteilen oder Offenheit?

Müller: Die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler sind überwiegend positiv. Ich denke, das liegt auch an unserer Zeit. Jugendliche sind heute daran gewöhnt, sich schnell auf neue Situationen einzustellen.

Natürlich gibt es am Anfang erst einmal Fragen: Wie funktioniert das überhaupt? Ich spreche meine Behinderung offen an und sage den Schülerinnen und Schülern, dass sie mich alles fragen können. Sie sind zunächst eher vorsichtig.

Ich habe außerdem das Glück, an einem Gymnasium mit vielen Profilen zu arbeiten: Wir haben bilinguale Angebote, ein Sportleistungszentrum und sind eine von 100 hessischen Schwerpunktschulen für MINT. Wir haben also ein sehr zielorientiertes Klientel. Die Schülerinnen und Schüler arrangieren sich schnell mit der Situation und nach vier Wochen fällt meine Blindheit im Schulalltag kaum noch auf.

Im Kollegium erlebe ich die größte Reserviertheit. Gerade wenn es um Zusammenarbeit geht, werde ich vergleichsweise selten angesprochen. Bei Präsentationsprüfungen, die kursübergreifend stattfinden, spreche ich deshalb häufig selbst Kolleginnen und Kollegen an. Hinzu kommt, dass ich einen guten Draht zur Schulleitung habe. Dies ist mir wichtig, gerade wenn ich organisatorische Fragen klären muss. Dieser gute Draht kommt bei manchen Kolleginnen und Kollegen nicht immer gut an.

News4teachers: Wie sieht eine typische Unterrichtsstunde bei Ihnen aus? Gibt es Situationen, in denen Ihre Blindheit den Unterricht verändert bzw. bereichert?

Müller: Ich gehe in die Klasse, begrüße die Schülerinnen und Schüler und frage nach der Anwesenheit. Die Sitzordnung ist festgelegt und ich frage daher die Reihen ab. So bekomme ich schnell mit, wer da ist und wer fehlt. Wenn jemand fehlt, notiere ich mir, dass keine Mitarbeit vorliegt. Deshalb lohnt es sich auch nicht, einfach zu schwänzen und zu hoffen, dass ich es nicht merke.

Etwas weniger nutze ich digitale Medien im Unterricht. Dafür brauche ich die Unterstützung der Schülerinnen und Schüler oder meiner Assistenz, zum Beispiel wenn etwas am Whiteboard gezeigt werden soll. Insgesamt basiert mein Unterricht etwas stärker auf dem Unterrichtsgespräch. Ich arbeite weniger mit Tafelanschriften, sondern diktiere meist die Inhalte. Manchmal gebe ich ein Tafelbild als Kopie aus oder lasse es von einem Schüler oder einer Schülerin anschreiben.

Für die Schülerinnen und Schüler ist zunächst ungewohnt, dass ich sie nicht beobachten kann. Für manche ist das sogar befreiend, weil sie sich nicht ständig angesehen fühlen. Natürlich kann das auch zu Ablenkungen oder Nebengesprächen führen. Das bekomme ich aber meist schnell mit. Wenn jemand nicht mitarbeitet, wirkt sich das auf die mündliche Note aus.

Jede Stunde bestimme ich einen Schüler oder Schülerin, der mir sagt, welche Kommilitonen sich melden. Für manche ist diese Aufgabe hilfreich, weil sie dadurch den Unterricht besonders aufmerksam verfolgen. Andere sind so sehr damit beschäftigt, niemanden zu vergessen, dass sie selbst kaum noch zum Mitdenken kommen.

News4teachers: Wie organisieren Sie Ihren Unterricht von der Vorbereitung über die Arbeit mit Lehrbüchern, Arbeitsblättern bis hin zum Einsatz digitaler Medien? Was funktioniert heute besser als noch vor einigen Jahren? Wo stoßen Sie weiterhin an Grenzen?

Müller: Dadurch, dass ich selbst nicht besonders digital affin bin, bringt die Digitalisierung für mich einerseits große Erleichterungen, andererseits aber auch neue Herausforderungen. Wenn ich Filme im Unterricht einsetze, sehe ich sie mir vorher an beziehungsweise lasse sie mir erschließen. Bei der Unterrichtsvorbereitung läuft vieles ansonsten ganz normal.

Christof Müller. Foto: privat

Ein großer Vorteil sind digitale Karten. Im Geschichtsunterricht vergleiche ich gerne verschiedene Karten miteinander. Wenn wir zum Beispiel die Entwicklung Preußens behandeln, schauen wir uns zunächst die Situation um 1780 an, dann die Veränderungen nach den Napoleonischen Kriegen. So werden historische Entwicklungen und Interessenslagen deutlich. Das funktioniert digital wesentlich besser als früher mit einer Wandkarte oder einem Atlas.

Die Lehrbücher werden von meinen Assistentinnen und Assistenten für mich mit einem Aufnahmegerät aufgesprochen. Dabei beschreiben die Assistenten auch die im Lehrbuch vorhandenen Bilder.

Außerdem unterstützen mich meine Assistenzkräfte bei der Korrektur von Klausuren. Sie nehmen diese ebenfalls auf, sodass ich mir die Klausuren anhören kann. Ich sage den Assistenten dann, an welcher Stelle sie Anmerkungen machen sollen. Am Ende schreibe ich zu jeder Klausur ein Schlusswort auf dem Computer.

News4teachers: Inklusion wird an Schulen oft vor allem aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler diskutiert. Welche Erfahrungen haben Sie als Lehrer mit Behinderung gemacht? Wo gelingt Inklusion im Kollegium und im Schulalltag und wo besteht noch Nachholbedarf?

Müller: Wenn man erst einmal im Arbeitsleben angekommen ist und zeigt, was man kann, dann funktioniert vieles gut. Von Seiten der Schulleitung erlebe ich Inklusion sehr positiv.

Ich bekomme Aufgaben übertragen, die selbstverständlich sind. Beim Abitur kann ich zwar nicht protokollieren, aber als wir den Doppeljahrgang mit rund 400 Abiturientinnen und Abiturienten hatten, wurde ich als Vorsitzender von Prüfungskommissionen eingesetzt, weil man mich gebraucht hat. Seitdem werde ich regelmäßig als Vorsitzender bei mündlichen Abiturprüfungen eingesetzt.

„An großen Schulen wird die Beschäftigungsquote für schwerbehinderte Menschen teilweise sogar übererfüllt“

News4teachers: Kennen Sie andere Lehrkräfte mit Behinderung, die an einer Regelschule unterrichten und würden Sie sagen, dass das Schulsystem in Deutschland offen dafür ist?

Müller: Bei den Treffen der schwerbehinderten Lehrkräfte an unserer Schule habe ich  erst erfahren, dass manche Kolleginnen und Kollegen eine Schwerbehinderung haben. Das merkt man ihnen oft gar nicht an. An großen Schulen wird die Beschäftigungsquote für schwerbehinderte Menschen teilweise sogar übererfüllt. Der Unterschied ist allerdings: Viele Behinderungen sind nach außen nicht sichtbar. Meine Blindheit fällt sofort auf. Ich kann sie nicht verbergen. Das macht den Umgang damit in gewisser Weise einfacher.

Ich denke, die Rahmenbedingungen sind grundsätzlich so, dass man sich im Einzelfall bemüht, gute Lösungen zu finden. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass Betroffene ihre Bedürfnisse offen ansprechen und gemeinsam mit der Schulleitung nach praktikablen Lösungen suchen.

News4teachers: Wie gelingt aus Ihrer Sicht die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung an deutschen Schulen?

Müller: Die Frage ist zunächst, ob das, was heute klassisch mit Inklusion verbunden wird, in jedem Einzelfall die beste Lösung ist. Für mich persönlich war es gut, an einer Blindenschule ausgebildet zu werden. Dort war das gesamte Know-how vorhanden. Ich war kein Einzelkämpfer und musste mir den Umgang mit den technischen Möglichkeiten nicht allein erarbeiten. Außerdem braucht man nicht ständig eigene Assistenz, weil vieles selbstverständlich vorhanden ist.

Gerade in der Pubertät erleben viele blinde Jugendliche sehr schmerzhaft, dass sie in bestimmten Situationen – etwa bei der Partnersuche, bei der viel über Blickkontakt läuft – nicht selbstverständlich dazugehören. Deshalb hat auch der Austausch mit anderen Betroffenen einen eigenen Wert. Dieses gegenseitige Verständnis ist wichtig.

Gleichzeitig habe ich an unserer Schule erlebt, dass Schülerinnen und Schüler, die bereits in der Grundschule Inklusion erfahren haben, oft sozialer waren. Sie kamen auch mit mir als Lehrer sofort gut zurecht. Insofern profitieren die Mitschülerinnen und Mitschüler durchaus von Inklusion.

„Da werden wir blinde Menschen nie vollständig mithalten können“

News4teachers: Digitale Barrierefreiheit spielt im Bildungsbereich eine immer größere Rolle. Wie barrierefrei sind die Plattformen, Lernmaterialien und Anwendungen, mit denen Schulen heute arbeiten? Was wünschen Sie sich von Schulträgern, Kultusministerien und Anbietern?

Müller: Oft wird davon ausgegangen, dass sich alles vollständig barrierefrei gestalten lässt. Ich bin auch kommunalpolitisch tätig und dort funktioniert vieles sehr gut. Im Unterricht spielt aber die Visualisierung eine immer größere Rolle. Da werden wir blinde Menschen nie vollständig mithalten können.

Nehmen wir das Schulportal als Beispiel. Dort wird ein Stundenplan angezeigt, Änderungen sind grün markiert. Ein sehender Mensch erkennt das sofort. Ich müsste mich dagegen durch alle Einträge arbeiten, bis ich die Änderungen gefunden habe. Das ist mit vertretbarem zeitlichen Aufwand kaum möglich.

Hinzu kommt die zunehmende Visualisierung im Unterricht. Früher hatte ich ein Geschichtsbuch, das in Blindenschrift umgesetzt worden war. Es enthielt vergleichsweise wenige Bilder. Heute arbeiten Lehrbücher mit zahlreichen Abbildungen, Animationen und grafischen Darstellungen. Das ist für sehende Schülerinnen und Schüler sehr wertvoll und ansprechend. Für blinde Menschen braucht es dagegen zusätzliche Beschreibungen.

News4teachers: Gab es in Ihrer Laufbahn Herausforderungen, die Sie gemeistert haben? Welche positiven Erlebnisse gab es?

Müller: Herausforderungen gibt es viele. Die Digitalisierung gehört sicherlich dazu. Bei Präsentationen meiner Schülerinnen und Schüler muss ich beispielsweise auch die Visualisierung beurteilen. Das ist eine Aufgabe, in die ich mich erst einarbeiten musste.

Es gibt aber ebenso viele positive Erlebnisse. Manche Schüler schreiben mir nach dem Abitur, dass sie durch meinen Unterricht ihre Schüchternheit überwunden haben oder gelernt haben, nicht alles ungeprüft zu glauben, was in einem Buch steht. Solche Rückmeldungen bedeuten mir viel.

„Man sollte deshalb nicht jede Schwierigkeit sofort auf die eigene Behinderung zurückführen“

News4teachers: Viele Schulen suchen händeringend Lehrkräfte. Welche Botschaft möchten Sie jungen Menschen mit Behinderung mitgeben, die darüber nachdenken, Lehrerin oder Lehrer zu werden, sich den Beruf aber nicht zutrauen?

Müller: Wenn in meinem Unterricht etwas nicht gut läuft, hat das nicht automatisch mit meiner Behinderung zu tun. Und selbst wenn meine Blindheit dabei eine Rolle spielt, bedeutet das nicht, dass sich Schülerinnen oder Schüler gegen mich als Person richten.

Wenn sich jemand im Unterricht lieber mit seinem Handy beschäftigt, dann liegt das oft einfach daran, dass er den Unterricht in diesem Moment langweilig findet. Das passiert bei jeder Lehrkraft. Man sollte deshalb nicht jede Schwierigkeit sofort auf die eigene Behinderung zurückführen.

News4teachers: Wenn Sie einen Wunsch an die Bildungspolitik frei hätten: Was müsste sich ändern, damit Lehrkräfte mit Behinderung an deutschen Schulen selbstverständlicher werden und ihr Potenzial besser einbringen können?

Müller: Ich denke, wir brauchen kleinere Lerngruppen. Die Schülerinnen und Schüler bringen heute sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit, viele benötigen zusätzliche Unterstützung. In Klassen mit 30 Schülerinnen und Schülern kann man dem Einzelnen kaum gerecht werden. Ich halte Lerngruppen mit etwa 20 Schülerinnen und Schülern für sinnvoll. Bei dieser Klassengröße hätten die Lehrkräfte, egal ob mit oder ohne Behinderung, deutlich bessere Möglichkeiten, auf jede und jeden Einzelnen einzugehen.

Und wenn wir über Inklusion sprechen, dann wünsche ich mir auch, dass Menschen mit Behinderung Dinge einfach ausprobieren. Man sollte nicht nur an die Schwierigkeiten denken, sondern den Mut haben, etwas anzugehen – und die anderen sollten bereit sein, ihnen diese Chance zu geben. News4teachers 

Inklusion: Bundesbeauftragter Dusel fordert Abbau der Förderschul-Strukturen („Können wir uns nicht mehr leisten“) – im Interview

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1 Kommentar
Jerunda
3 Stunden zuvor

@Redaktion
Danke! Ein sehr interessantes Interview. Bitte mehr davon, gern auch mit anderen Beeinträchtigungen. Gern auch mal Interviews mit Lehrern und Schülern an Sonder- und Spezialschulen für verschiedene Förderbedarfe.