BERLIN. Kinder ernst nehmen, ihre Gefühle respektieren, auf Strafen und autoritäre Machtausübung verzichten: Was heute unter bedürfnisorientierter Erziehung verstanden wird, hat viele Grundsätze moderner Pädagogik auf seiner Seite. Doch Fachleute beobachten zugleich eine problematische Entwicklung: Manche Eltern verwechseln Bedürfnisse mit Wünschen und vermeiden Grenzen aus Sorge, ihrem Kind zu schaden. Kitas und Schulen bekommen das zu spüren.

Ein fünfjähriger Junge kommt zur U9, der letzten Vorsorgeuntersuchung vor der Einschulung. Die Kinderärztin soll unter anderem seine Sprachentwicklung überprüfen, beobachten, wie er einen Stift hält und wie er mit ihr interagiert. Außerdem möchte seine Mutter zwei trockene Hautstellen abklären lassen. Doch der Junge läuft immer wieder aus dem Behandlungszimmer ins Wartezimmer.
Für Katharina Schroth, Kinderärztin in einer Praxis im Berliner Südwesten, ist das zunächst nichts Außergewöhnliches. Kinder haben Angst, sind aufgeregt, wollen nicht untersucht werden. Ungewöhnlich ist für sie die Reaktion der Eltern. „Die Eltern saßen einfach nur da“, berichtet Schroth im Interview mit dem stern. Eine medizinische Fachangestellte nimmt das Kind schließlich auf den Arm und trägt es zurück. Daraufhin reagiert der Vater: „Setzen Sie das Kind wieder ab, es wird nicht angefasst gegen seinen Willen.“ Auch sein T-Shirt möchte der Junge nicht ausziehen.
Die Untersuchung kommt nicht zustande. Schroth hat den Fall nach eigenen Angaben zum Schutz der Familie verfremdet und auf Instagram geschildert. Der Beitrag traf einen Nerv: Er erreichte 3,5 Millionen Aufrufe und mehr als 16.000 Kommentare. Die Reaktionen kamen keineswegs nur aus anderen Kinderarztpraxen. „Auch viele Lehrkräfte, Erzieher und Therapeuten meldeten sich – mit dem Gefühl, ihren Job kaum noch machen zu können und über eine Umschulung nachzudenken“, berichtet Schroth.
Für die Kinderärztin steht dahinter ein Erziehungsproblem, das sie nach eigenen Angaben seit fünf bis zehn Jahren gehäuft beobachtet. „Falsch verstandene bedürfnisorientierte Erziehung tut Kindern nicht gut – und sie erschwert unsere Arbeit enorm. Da fliegt dann Spielzeug durchs Behandlungszimmer, Schränke werden ausgeräumt und die Eltern schauen einfach zu.“
„Ich erwarte von den Eltern, dass sie ihr Kind zum Mitmachen ermutigen. Sie haben eine Schlüsselrolle und gehen voran“
Dabei richtet sich Schroths Kritik ausdrücklich nicht gegen den Anspruch, Kinder respektvoll zu behandeln oder ihre körperliche Autonomie ernst zu nehmen. „Ich akzeptiere es, das ist völlig okay – ein Nein ist ein Nein“, sagt sie über Kinder, die sich nicht untersuchen lassen wollen. Aber damit ende die Aufgabe der Erwachsenen für sie nicht. „Ich erwarte von den Eltern, dass sie ihr Kind zum Mitmachen ermutigen. Sie haben eine Schlüsselrolle und gehen voran.“
Schroth erlebt dabei nach eigener Aussage einen erheblichen Unterschied, je nachdem, welche Haltung die Eltern selbst vermitteln: „Sagen Vater oder Mutter: ‚Hier gelten Regeln, und die finde ich gut‘, macht das Kind meist mit. Sagen sie gar nichts, kommen wir nicht weiter.“
Das gilt längst nicht nur für Kinderarztpraxen – auch Kitas und Schulen melden Probleme. Was bedeutet es eigentlich, ein Kind bedürfnisorientiert zu erziehen? Und wann wird aus dem Respekt vor Bedürfnissen eine Erziehung, in der Erwachsene ihre Verantwortung an das Kind abgeben?
Eine eindeutige wissenschaftliche Definition der „bedürfnisorientierten Erziehung“ gibt es nicht. Entwicklungspsychologin Prof. Stefanie Höhl von der Universität Wien weist gegenüber der Süddeutschen Zeitung darauf hin, dass es sich dabei nicht um ein wissenschaftlich definiertes Konzept handelt. Davon zu unterscheiden ist die Bindungstheorie, die seit den Arbeiten des britischen Psychiaters John Bowlby in den 1950er-Jahren zu den etablierten Ansätzen der Entwicklungspsychologie gehört.
Gut belegt ist demnach die Bedeutung verlässlicher Bezugspersonen, die feinfühlig auf die Signale von Kindern reagieren. Eine sichere Bindung in den ersten Lebensjahren steht mit günstigen Entwicklungen bei emotionaler Widerstandsfähigkeit, sozialer Kompetenz und Selbstregulation in Zusammenhang. Doch die populäre Vorstellung von „Attachment Parenting“ beziehungsweise einzelne Praktiken, die heute mit bedürfnisorientierter Erziehung verbunden werden, lassen sich daraus nicht ohne Weiteres ableiten.
Das betrifft beispielsweise die Vorstellung, langes Stillen oder das Schlafen im Familienbett seien für eine sichere Bindung notwendig. Für positive Auswirkungen solcher einzelnen Praktiken auf die emotionale Entwicklung gebe es keine oder widersprüchliche Evidenz, erklärt Höhl. Umgekehrt gebe es auch keine Belege dafür, dass Flaschenernährung oder das Schlafen im eigenen Bett Kinder emotional schädigten. Die Unterscheidung ist entscheidend: Aus der wissenschaftlich gut belegten Forderung nach Feinfühligkeit folgt nicht, dass Eltern jedem Wunsch ihres Kindes entsprechen müssen.
„Ein Bedürfnis ist nicht verhandelbar, es betrifft das körperliche und seelische Wohlbefinden. Ein Wunsch hingegen ist situativ“
An diesem Punkt sieht auch Schroth das Missverständnis, das ihr im Praxisalltag begegnet. „Zum Beispiel die Verwechslung von Wunsch und Bedürfnis“, sagt sie. „Ein Bedürfnis ist nicht verhandelbar, es betrifft das körperliche und seelische Wohlbefinden. Ein Wunsch hingegen ist situativ.“ Für Eltern bedeutet das, Entscheidungen zu treffen, die ein Kind selbst noch nicht treffen kann. Schroth nennt das Beispiel des Schlafengehens: „Sagt nun ein Kind: ‚Ich will noch nicht ins Bett‘ – ist das ein Bedürfnis oder ein Wunsch? Weint das Kind oder plärrt es nur bockig? Ist es überdreht und kann sich nicht mehr selbst regulieren, braucht es ein klares Nein? Das zu unterscheiden, fällt vielen Eltern schwer.“
Auch Vertreterinnen einer bedürfnisorientierten Erziehung trennen ihren Ansatz ausdrücklich von Grenzenlosigkeit. Die Erziehungsberaterin Nicola Schmidt formuliert es gegenüber dem NDR so: „Bedürfnisorientierung heißt nicht Wunschorientierung. Es heißt nicht: du darfst mich hauen, du darfst dein Essen auf den Tisch spucken, denn das hat nichts mit Bedürfnissen zu tun. Das hat mit Zusammenleben zu tun, dafür gibt es Regeln.“
Für Bildungseinrichtungen ist diese Unterscheidung unmittelbar relevant. Denn spätestens in Kita und Schule treffen individuelle Wünsche auf Regeln, Zeitvorgaben und die Bedürfnisse anderer Kinder. Warten, Frustrationen aushalten, Rücksicht nehmen und akzeptieren, dass nicht jede Entscheidung selbst getroffen werden kann, gehören zum sozialen Lernen.
Die Soziologin Prof. Ellie Lee von der University of Kent sieht hinter der Unsicherheit vieler Eltern einen grundsätzlicheren Bedeutungswandel. Nach der begründeten Abkehr von autoritärer Erziehung werde Autoritarismus mit Autorität verwechselt. „Disziplin im Umgang mit Kindern ist zu einem unanständigen Wort geworden, als ob sie das Wohlbefinden bedrohe. Das ist nicht der Fall“, sagt Lee der Süddeutschen Zeitung. Selbstdisziplin – die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren – müsse schließlich erlernt werden.
Der hohe Anspruch an eine möglichst feinfühlige Erziehung bringt noch ein zweites Problem hervor: Er kann die Eltern selbst überfordern. Der Neunte Familienbericht der Bundesregierung beschreibt eine „Intensivierung der Elternschaft“. Eltern in westlichen Ländern investieren heute trotz sinkender Kinderzahlen mehr Zeit in die Kinderbetreuung als Eltern noch in den 1960er-Jahren. Gleichzeitig haben heutige Eltern häufig das Gefühl, noch mehr leisten zu müssen.
Bemerkenswert ist dabei die Diskrepanz zwischen persönlichem Anspruch und wahrgenommenem gesellschaftlichem Druck. Laut Familienbericht findet nur knapp ein Viertel der Eltern, dass Mütter und Väter ihre eigenen Bedürfnisse vollständig zurückstellen sollten. 39 Prozent nehmen dies jedoch als gesellschaftliche Erwartung wahr.
Schroth begegnet dieser Selbstüberforderung in ihrer Praxis. „Viele Eltern haben das Gefühl für sich selbst verloren und erfüllen jeden Kindeswunsch, bis sie in den Burn-out rutschen“, sagt sie. „Sie haben einen hohen Anspruch an sich – und manchmal spüre ich auch einen gewissen Stolz heraus, es ‚besser‘ zu machen als andere oder auch als ihre eigenen Eltern.“
Soziale Medien können diesen Anspruch zusätzlich verstärken. Damit gerät die Vorstellung einer scheinbar jederzeit geduldigen, reflektierten und zugewandten Elternschaft selbst zum Problem. „Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen, keine perfekten“, sagt Psychologin Höhl. Dahinter steht das Konzept des „Good-Enough-Parenting“: Kinder brauchen keine perfekten, immer geduldigen und immer verfügbaren Eltern, sondern Bezugspersonen, die überwiegend verlässlich sind und hinreichend gut auf ihre Bedürfnisse reagieren.
In der Kinderarztpraxis wird die theoretische Debatte konkret. Schroth berichtet etwa von Kindern mit Karies, deren Eltern es nicht schafften, regelmäßiges Zähneputzen durchzusetzen. „Ich frage mich, warum sie die Konsequenzen nicht bedenken: verfaulte Zähne, mehrfache Operationen unter Vollnarkose“, sagt Schroth. „Natürlich gibt es auch eine Veranlagung für Karies – ich spreche von den Fällen, in denen Eltern einfach hinnehmen, dass ihr Kind nicht putzt.“
Für sie ist hier eine Grenze erreicht, an der Erwachsene die Verantwortung übernehmen müssen. Sie kenne Eltern, die mit Tanz und Musik gearbeitet oder die ganze Familie zum gemeinsamen Zähneputzen versammelt hätten. Entscheidend sei, dass die notwendige Zahnpflege tatsächlich stattfinde. „Alles ist erlaubt, Hauptsache, das Kind putzt abends und morgens, und zwar gründlich.“
„Das Gefährliche an falsch verstandener bedürfnisorientierter Erziehung: Die Folgen zeigen sich oft erst viel später – und lassen sich dann kaum noch beheben“
Ähnliche Schwierigkeiten erlebt Schroth bei medizinischen Behandlungen. Bei bestimmten Bindehautentzündungen müssten beispielsweise Antibiotika getropft werden. „Dazu sehen sich die Eltern oft nicht in der Lage“, berichtet sie. Die möglichen Folgen einer falsch verstandenen Rücksichtnahme würden dabei nicht unbedingt sofort sichtbar. „Das Gefährliche an falsch verstandener bedürfnisorientierter Erziehung: Die Folgen zeigen sich oft erst viel später – und lassen sich dann kaum noch beheben.“
Die Alternative zur Grenzenlosigkeit soll aus ihrer Sicht aber keinesfalls die Rückkehr zu jener Erziehung sein, von der sich viele Eltern bewusst verabschiedet haben – zu Recht. „Ich hoffe, die Erziehung kippt nicht zurück ins Autoritäre, nach dem Motto: ‚Kinder brauchen einfach mal einen hinter die Löffel‘“, sagt Schroth.
Ihre Ratschläge an Väter und Mütter: „Erstens: Grenzen setzen. Sie geben Kindern Sicherheit. Zweitens: die eigene Haltung überprüfen. Kinder spüren genau, wie ihre Eltern zu einer Regel stehen, und mit der richtigen Einstellung erspart man sich viele Diskussionen. Drittens: nicht auf Perfektion pochen. Es ist okay, auch mal wütend und laut zu werden.“ News4teachers










Das Schlimmste ist, wenn Kinder der bedürfnisorientierten Erziehung dann feststellen, dass sie nicht die Sonne sind, um die alle Planeten kreisen…..dann bricht für die Eltern die eigentliche Hölle los…..
Wir hatten in den letzten Jahren immer mal wieder so Paradebeispiele und die Eltern waren immer am Ende, nachdem sie feststellen mussten, dass ihre Erziehungsfehler sehr große Auswirkungen auf den schulischen Erfolg des Kindes hatte.
Ich glaube schlicht und ergreifend, dass Erziehung für viele Leute zu anstrengend ist. Konfrontation zehrt Kraft. Da ist es doch viel leichter, sein Nichtstun als Erziehungsmethode zu verkaufen.
Das ist zumindest in meinem Arbeitsfeld meine Einschätzung. Meine Frau arbeitet im komplett konträren Sozialkreis. An ihrer „Privatschule“ sind nur „Reichenkinder“. Die sind tatsächlich meist so unerzogen, weil das Kindermädchen nicht erziehen durfte, da die Eltern mal was von Montessori oder so gelesen haben.
Oh, oh, da müssen Sie aber unterscheiden zwischen keine Lust/Kraft haben und der bedürfnisorientierten Erziehung. Die zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass die Eltern wie Planeten ständig um die Sonne Kind kreisen. Jede Befindlichkeit wird analysiert und jedes Bedürfnis wird sofort befriedigt. Das ist Mega anstrengend, das ist, wenn Eltern ihre Bedürfnisse komplett zurückstellen und nur noch das Kind eine Rolle spielt…..
Es fängt harmlos an: Das Baby (bedürfnisorientiert pur) niemals auch nur eine Sekunde schreien zu lassen. Verzieht es das Schnütchen wird sofort analysiert (Hunger, Schiss in der Windel, müde, überdreht, ….) und dann läuft die Maschinerie an…..und so geht das dann weiter…..
Hmm
Sie haben aber den Unterschied zwischen Bedürfnisorientierung und Wunschorientierung auch nicht so richtig verstanden, oder? Falsch verstandene Bedürfnisorientierung (Wunsch nicht gleich Bedürfnis) führt zu Situationen, wie von Ihnen beschrieben. Korrekt angewandte Bedürfnisorientierung respektiert Bedürfnisse aller Beteiligten, das Bedürfnis der Eltern nach Ruhe und Zeit für sich genauso wie Bedürfnisse der Kinder. So erzogene Kinder erkennen auch in Kita und Schule die Bedürfnisse von anderen Kindern und Erwachsenen und können diese respektieren.
Im Übrigen ist es durchaus sinnvoll, Bedürfnisse von Säuglingen halbwegs zeitnah zu befriedigen, da gibt es auch keine Differenzierung in Bedürfnis oder Wunsch, die haben nur Bedürfnisse und müssen in dem Alter weder Geduld noch Selbstdisziplin lernen…
Montessori erzieht sogar sehr „streng“, wenn man die Literatur genauer liest.
Aber ja, die Vorstellung ist bei einigen „Montessoris“ durchaus vorhanden. Auch bei Eltern, die meistens nur mal „Hand, Herz und Kopf“ gehört oder als schöne Schrift irgendwo gelesen haben.
Das kann man aber „trotz“ [gerade wegen] Montessori-Pädagogik auch den Eltern klar machen … Glauben Sie mir. Bei mir ging und geht das auch fix mal.
Jedoch sind wir auch keine „reichen Montessorischule“, sondern eine inklusive gemeinnützige Montessorischule.
Liegt eventuell auch daran …
Sollte also nicht an „Montessori“ liegen. Wie sieht das Ihre Frau diesbezüglich?
[Wenn man sich bspw. mal DMG zertifizierte Kinderhäuser ansieht … Weiß man auch ganz schnell, wo der Pfeffer wächst. Kann man so oder so beurteilen. Aber „locker“? Haha. Nope.]
Moin, sie ist gernervt von dieser falsch/frei ausgelegten Sicht von Montessori. Meine Mutter, studierte Bildungswissenschaftlerin, und sie können sich darüber stundenlang auslassen.
Ich meinte mit meinem Beitrag auch genau das: Man überfliegt die Cliffnotes bei Insta oder TikTok und das hält dann als Erklärung für den Erziehungsstil her.
Ja, das kann ich nachvollziehen.
Auch unter „Montessori-Lehrkräften“ und „Ausbildungslehrgängen“ gibt es ja so „Zerreibungen“ und unterschiedliche Auslegungen.
Dementsprechend auch in der Praxis vieler Schulen.
Zusätzlich ist der Begriff „Montessori“ ja in Deutschland (und Österreich) nicht geschützt. Daher darf theoretischer jeder solche „Fortbildungen“ anbieten …
Manche Schulen achten daher auf „einheitliche vorgegebene Qualität“ [bspw. DMG] und manche halt gar nicht.
Wie „gut“ oder „ablehnend“ man die DMG auch bewertet. Man weiß zumindest, was man an Qualität hat.
Gilt für AMI und co. ja auch.
Aber bei „aber Montessori ist doch … Ganz offen und jeder darf machen, was er/sie möchte …“ kann man die Eltern normalerweise (zumindest bei uns) recht fix „in die Realität“ holen.
Literatur wollte zumindest noch kein Elternteil … Hab ich noch ca. 30-50 Bücher aus meinem Diplomkurs daheim. Und unsere Schule usw. hat da noch etwas mehr …
Ich bin mir nur nicht so sicher, ob das an „Montessori“ [„offen“, „SuS als Zentrum“] oder „Privatschule“ [„wir zahlen ja“] oder „Reichenklientel“ [„wir zahlen ggf. mehr und fordern deshalb“] liegt. Wahrscheinlich eine Mischung aus allem.
„wenn Kinder der bedürfnisorientierten Erziehung dann feststellen, dass sie nicht die Sonne sind, um die alle Planeten kreisen….“
Bei Einzelkindern also der ganz normale Kindergarten?
Warum glauben Sie, dass Einzelkinder immer bedürfnisorientiert erzogen werden? Ich kenne da ehrlich gesagt nicht so viele….
Weil die keine Geschwister (andere Planeten) haben, um beim Vergleich des Artkels bleiben zu wollen.
„wenn Kinder der bedürfnisorientierten Erziehung dann feststellen, dass sie nicht die Sonne sind, um die alle Planeten kreisen….“
Kennen Sie davon so viele, das stehen zu lassen? 😉
König der Vorurteile, würde ich sagen.
Vorurteile gehen gar nicht…
„wenn Kinder der bedürfnisorientierten Erziehung dann feststellen, dass sie nicht die Sonne sind, um die alle Planeten kreisen….“
Kennen wir uns? Oder ist das wieder nur ein Fakeaccount? 😀
Ja, es ist richtig, dass diese falsch verstandene bedürfnisorientierte Erziehung existiert. Aber sie orientiert sich durchaus an einem Bedürfnis – dem des Erwachsenen nämlich. Erwachsene muten Kindern erstaunlich viel zu, wenn es ihnen in den Kram passt. Sie bekommen keine Ansprache, wenn Elternteil am Handy daddeln will. Sie werden mit wenigen Wochen in die Krippe gegeben, weil Elternteil arbeiten will/ oder muss. Und so weiter. Mir kommen so oft die Eltern ähnlich bedürftig vor wie die Kinder, als wären sie noch nicht wirklich gefestigt, sondern würden Elternschaft erst einmal nur “ spielen“, so schön wie auf Instagram. Bitte nicht falsch verstehen: Mein erster Impuls ist da, die Eltern erstmal in den Arm zu nehmen.
Der Rat, dass Eltern selbst vorleben, dass es ab und an Regeln gibt, die man befolgen muss, ist sehr gut. Denn in der Schule ist solche Haltlosigkeit katastrophal.
Weder eins hinter die Löffel – noch das Kind zum Nabel der Welt verklären.
Aber genau diese Mitte ist verschwunden. Im Lehreralltag sieht man täglich, wie gründlich: Eltern, die fachliche Autorität untergraben, als wäre Expertise eine unverbindliche Empfehlung aus dem Kleingedruckten.
Kinderärzte erleben genau denselben Zirkus wie Lehrkräfte und Erzieher: Das Kind rennt raus, die Eltern sitzen da wie Zuschauer, und sobald eine Fachkraft eingreift, ertönt der moralische Alarmruf: „Setzen Sie das Kind sofort ab, es wird nicht angefasst gegen seinen Willen.“
Im Klassenzimmer heißt das dann: Bitte nicht ansprechen, wenn das Kind gerade „nicht bereit“ ist. Bitte nichts verlangen, wenn das Fühli im Energiesparmodus läuft. Und körperliche Nähe – selbst die helfende Hand beim Experimentieren oder Mikroskopieren – ist bereits ein Grenzübertritt.
Im Sportunterricht wird’s sicher noch komplizierter, wenn der helfende Arm zur Sicherung am Gerät auch als „körperliche Übergriffigkeit“ deklariert werden könnte.
So entsteht eine Pädagogik, in der Erwachsene wenig zu melden haben, Kinder alles dürfen, und Profis funktionieren sollen, ohne wirklich professionell handeln zu dürfen.
Die Mitte – klare Ansagen ohne Gewalt, Respekt ohne Verklärung – ist weg.
Schon so erlebt:
Ein verhaltensorigineller Fünftklässler entschied, die (schmale) Treppe im Schulhaus nach oben im Rückwärtsgang zu erklimmen, weil „sein Körper heute lieber andersrum denkt“. Das Problem: Er blockierte dabei den gesamten Abstieg für alle, die nach unten wollten.
Zwanzig Mitschüler standen hinter ihm wie im Stau auf der A4, zwei Lehrkräfte mit Stapeln von Unterrichtsmaterialien warteten geduldig, und der Hausmeister beobachtete das Spektakel mit der stoischen Verzweiflung eines Mannes, der weiß, dass jede Intervention sofort als „Eingriff in die Selbstentfaltung“ gewertet werden könnte.
Die Eltern erklärten später, man solle ihren Sprößling doch „in seinem kreativen Bewegungsfluss nicht unterbrechen“.
Natürlich nicht. Der Bewegungsfluss ist heilig, die Treppe sekundär, und alle anderen sind Statisten im pädagogischen Experimentaltheater — ein Theater, in dem das Drehbuch ausschließlich lustbetont vom kindlichen Fühli geschrieben wird.
Als Lehrer an (zwei) Brennpunktschulen und 27 Jahren möchte ich doch mal anmerken: Ich hatte mit Schüler*innen zu tun die gemordet haben (3), Schüler*innen die im Knast gelandet sind weil sie gewalttätig waren und natürlich Schüler*innen die sich mit Drogen umgebracht haben. Keine/r* von denen (und auch keiner der verhaltensauffälligen Schüler*innen) hatte das Problem bindungsorientierte Erziehung. Die gewalttätigen Schüler*innen kamen ausnahmslos aus gewalttätigen Elternhäusern (da gabs einen auf die Fresse wenn sie nicht spurten), die Drogis hatten auch gewalterfahrung (oder massive Verbachlässigung) und die Verhaltensoriginellen sind entweder massiv verbachlässigt (klassisches kaputtes Elternhaus oft Drogen etc)
Ist doch super. Danach darf der gleich noch paarmal die Treppe rückwärts hochgehen. Und danach im Vergleich noch vorwärts.
Und dann kann er noch eine kurze Analyse erstellen, was schneller ging.
Falls die Eltern rum weinen: Das nennt man zielgeförderte Pädagogik. Man hilft dem Kinde im Geiste zu wachsen.
Als Zusatz gibt es für das nächste Mal dann „kreative Varianten des Bewegungsflusses zur Förderung der physischen und psychischen Mentalität des Kindes durch den gezielten Einsatz des Treppengangs sowohl als Methik, als auch als Lehrmittel.“
Mal ernsthaft … Diskutieren Sie das tatsächlich aus? Wozu denn? Sowas sehe ich inzwischen mit Humor ehrlicherweise. Die Eltern können dann beim nächsten Workshop auch gerne mitmachen.
„Weder eins hinter die Löffel – noch das Kind zum Nabel der Welt verklären.“
Hey, volle Zustimmung! 😀
Doch reden wir bei Ersterem über „Einzelfälle“, bei Letzterem über die große linksrechtsgrüne Verschwörung der Bildungspolitik -__-
Es geht offensichtlich um sehr viele Einzelfälle, sonst hätte der Instagram-Post der Kinderärztin nicht so viel Zuspruch erhalten, oder?
Wenn Sie Instagram als Beleg für das GEFÜHL heranziehen wollen, stimme ich zu.
Als Beleg für den Sachverhalt reicht es mir persönlich nicht ganz :/
Ich frage mich ernsthaft wie sie bei Gewalterfahrungen auf Einzelfälle kommen.
Viele öffentliche Erklärungen gelesen in den letzten Jahren 🙁
Kinder wissen, was sie wollen. Aber sie wissen nicht immer, was sie brauchen. Das zu erkennen und dafür Verantwortung zu tragen, ist zentrale Elternkompetenz. Einfach mal wieder Jesper Juul lesen. Wirkt.
Kinder wissen oft nicht, was sie wollen, da sie durch das Fehlen von Grenzen und Orientierung eher willkürlich und launisch reagieren, kaum zielgerichtet. Jedes Kind testet seine Grenzen aus, und wenn da keine sind, dann läuft der Test ins Leere und endet im Chaos. Mit Chaos meine ich, dass das Kind sich dann andere „Grenzen“ sucht, und bei diesen Grenzüberschreitungen ist es dann nicht mehr sicher, verliert den gesunden Anschluss an die Gesellschaft. Man lebt nun mal nicht alleine auf einer einsamen Insel …
Das Beispiel mit dem Schlafengehen ist symptomatisch für die ungeheure Ernsthaftigkeit, mit der sich viele Eltern die Bindung zu ihrem Kind vermiesen und jede Menge überflüssige Arbeit machen. Was für ein Zirkus da abends abgezogen wird!
Ich habe meinem Sohn von Anfang an erlaubt, ins Bett zu gehen, wann er halt will. Da gibt es kein Bockigsein (oder: kein „Bockig“). Ich selbst würde es mir ja auch verbitten, wenn mir jemand vorschreibt, wann ich ins Bett gehe. Und wann geht er so ins Bett? Meistens so zur gleichen Zeit wie ich, so gegen 22:00 Uhr, sehr selten auch mal nach mir (dann weiß ich logischerweise nicht wann, ich schlafe ja schon). Hat er das Kleinkindalter und Schulalter überlebt oder ist er ins Koma gefallen**?** Ja: problemlos sogar.
Das mag ein harmloses Beispiel sein. Es gibt aber auch Kinder die mit dem Fußball versuchen die Lampe vom Nachbar abzuschießen, weil die Eltern es erlauben und den Nachbar direkt anmeckern, wenn er es verbietet. Im Artikel geht es wohl eher um solche Fälle. Irgendwann war die Lampe abgeschossen und zerstört und die Eltern mussten sie ersetzen. Trotzdem haben sie ihre Kinder dafür nicht bestraft. Nur der Nachbar hat danach die Kinder geschumpfen, bis die beschlosssen haben, dass man auch woanders Fußballspielen kann. Ich will garnicht wissen, wieviel diese Kinder in der Nachbarschaft, in der Schule, in Einkaufsläden, beim Arzt etc. zerstört haben. Ich denke, wenn man als Lehrer mehrere davon in einer Klasse hat wird es vor allem in den ersten Wochen echt schwer.
Als Kind habe ich selbst mal mit einer Freundin die Gartenmauer einer älteren Dame abgebaut und mit den Steinen in ihrer Einfahrt einen Turm gebaut. Zum Glück hat sie es gesehen und uns aus dem Fenster angebrüllt. Ansonsten hätten wir natürlich weitergemacht und irgendwann dann auch bei ihren Nachbarn umgebaut. Wir waren ziemlich stolz auf den Turm, bis die Dame so wütend wurde.
Schönes konstruiertes Beispiel. Mein Sohn hat aber noch nie etwas zerstört. Obwohl ich ihn wirklich komplett bedürfnisorientiert erzogen habe und keine einzige Regel aufgestellt habe. Das ist einfach nur schwarze Pädagogik zu glauben das Kinder total destruktiv sind und irgendwie gezähmt werden müssen. Sie sind das exakte Gegenteil: Kooperativ.
Mein Kind …. und nie …… Wenn ich das schon höre.
Und jetzt sind Sie Lehrer geworden, statt ein spitzen Bauarchitekt?
Man man man … Die Nachbarn aber auch. Verbauen einem alles …
Ja, kann man machen…..wird wohl gutgehen…..so auf die Dauer. Meine Kinder haben auch irgendwann eine Nachttischlampe bekommen und konnten dann IM BETT noch lesen oder leise spielen.
Aber wir als Eltern hatten ab 20:00 Uhr unter der Woche Elternzeit und auf das Bedürfnis Ich habe auch gut darauf aufgepasst!
Dasselbe, wenn ich mich mit anderen Erwachsenen unterhalten habe, durften die Kinder mit der Hand sprechen oder mussten eben warten. Ansonsten war ich jederzeit ansprechbar, aber einfach ankommen (Bedürfnis), losquaken und sofort Gehör finden, Nö.
Schön, wenn das bei Ihrem Sohn funktioniert hat. In meiner schulischen Praxis sehe ich allerdings regelmäßig auch die andere Seite: In einer meiner Klassen sitzen mehrere Schülerinnen und Schüler, denen morgens deutlich anzumerken ist, dass sie nicht ausreichend geschlafen haben – mit entsprechenden Auswirkungen auf Konzentration, Belastbarkeit und Mitarbeit.
Genau deshalb finde ich den im Artikel angesprochenen Unterschied zwischen Wunsch und Bedürfnis wichtig. Manche Kinder können ihre Schlafenszeit offenbar schon gut selbst regulieren, andere können das noch nicht. Dass die Durchsetzung einer sinnvollen Regel mitunter anstrengend ist und ein Kind dagegen protestiert, macht die Regel aber nicht automatisch überflüssig.
Auch die Aussage, Eltern würden sich durch solche Auseinandersetzungen die Bindung zu ihrem Kind „vermiesen“, überzeugt mich nicht. Eine stabile Bindung setzt schließlich nicht voraus, dass Konflikte vermieden oder Wünsche möglichst immer erfüllt werden. Ein Kind kann sich auch dann angenommen und sicher fühlen, wenn Eltern eine nachvollziehbare Grenze setzen und bei ihr bleiben. Entscheidend ist, wie diese Grenze gesetzt und durchgesetzt wird – respektvoll, nachvollziehbar und verlässlich.
Auch der Vergleich mit einem Erwachsenen greift für mich zu kurz. Erwachsene können die Folgen ihrer Entscheidungen in der Regel besser einschätzen und tragen dafür selbst die Verantwortung. Bei Kindern entwickelt sich diese Fähigkeit zur Selbstregulation erst noch. Gerade deshalb gehört es zur elterlichen Verantwortung, dort Orientierung und Grenzen zu geben, wo ein Kind das noch nicht zuverlässig selbst leisten kann.
„Auch die Aussage, Eltern würden sich durch solche Auseinandersetzungen die Bindung zu ihrem Kind „vermiesen“, überzeugt mich nicht. Eine stabile Bindung setzt schließlich nicht voraus, dass Konflikte vermieden oder Wünsche möglichst immer erfüllt werden. Ein Kind kann sich auch dann angenommen und sicher fühlen, wenn Eltern eine nachvollziehbare Grenze setzen und bei ihr bleiben. Entscheidend ist, wie diese Grenze gesetzt und durchgesetzt wird – respektvoll, nachvollziehbar und verlässlich.“
Zeigt eben auch die Unsicherheit einiger auf. Auch das muss (und kann) man als Erwachsener (Eltern) durchaus lernen …
„ In einer meiner Klassen sitzen mehrere Schülerinnen und Schüler, denen morgens deutlich anzumerken ist, dass sie nicht ausreichend geschlafen haben – mit entsprechenden Auswirkungen auf Konzentration, Belastbarkeit und Mitarbeit.“
In meinen auch, nur schlafen die nicht weil sie die ganze Nacht Gewalt erleben (müssen).
“ Dass die Durchsetzung einer sinnvollen Regel mitunter anstrengend ist und ein Kind dagegen protestiert, macht die Regel aber nicht automatisch überflüssig.“
Das die Regel sinnvoll ist ist nicht mehr als eine Behauptung. Die 20 Uhr regel hat viel mit der Tageschau zu tun und das die Eltern danach ihre Ruhe haben wollten. Und wie schon geschrieben, die Idee das es Säugetiere gibt die ihren Schlaf nicht selbstbestimmt regulieren können (und dafür eine Regel brauchen) ist ziemlich verrückt.
„Auch die Aussage, Eltern würden sich durch solche Auseinandersetzungen die Bindung zu ihrem Kind „vermiesen“, überzeugt mich nicht.“
Mich schon. Regeln wiilkürlich festlegen und dann mit Machtmitteln durchsetzen schädigt natürlich jede Bindung.
„Eine stabile Bindung setzt schließlich nicht voraus, dass Konflikte vermieden oder Wünsche möglichst immer erfüllt werden. Ein Kind kann sich auch dann angenommen und sicher fühlen, wenn Eltern eine nachvollziehbare Grenze setzen und bei ihr bleiben. Entscheidend ist, wie diese Grenze gesetzt und durchgesetzt wird – respektvoll, nachvollziehbar und verlässlich.“
Das ist ein Euphemismus für das willkürliche festlegen von Regeln (woher soll ich wissen wie müde mein Kind ist) und wie man einen autoritären Befehl respektvoll und verlässlich durchsetzen soll wüsste ich jetzt nicht. Klingt nach Gaslighting.
„Auch der Vergleich mit einem Erwachsenen greift für mich zu kurz. Erwachsene können die Folgen ihrer Entscheidungen in der Regel besser einschätzen und tragen dafür selbst die Verantwortung.“
Beim Schlafen? Im Ernst. Nun dann ist mein Sohn sehr erwachsen gewesen als er schon 4 war. Da hat er nämlich genauso viel geschlafen wie er gebraucht hat. Er war nie müde.
„Bei Kindern entwickelt sich diese Fähigkeit zur Selbstregulation erst noch.“
Hatte mein Sohn schon immer Wunder über Wunder
Dass die übermüdeten Schülerinnen und Schüler in Ihren Klassen aufgrund von Gewalterfahrungen nicht schlafen, ist tragisch, widerlegt meine Beobachtung aber nicht.
Außerdem habe ich weder von einer starren „20-Uhr-Regel“ gesprochen noch behauptet, Eltern könnten besser als ihr Kind wissen, ob es in einem bestimmten Moment müde ist. Mein Punkt war ein anderer. Nicht jedes Kind kann sein Verhalten und die langfristigen Folgen seiner Entscheidungen bereits zuverlässig selbst regulieren. Manche können das früher und besser, andere später und schlechter.
Genau an diesem Punkt ist die Entwicklungspsychologie übrigens ziemlich eindeutig. Selbstregulation und exekutive Funktionen sind nicht von Geburt an vollständig vorhanden, sondern entwickeln sich über Kindheit und Jugend hinweg. Erwachsene unterstützen diese Entwicklung unter anderem durch Strukturen, Routinen und schrittweise zurückgenommene Hilfen.
Auch beim Schlaf ist die Sache weniger „verrückt“, als Sie suggerieren. Für 6- bis 12-Jährige werden 9–12 Stunden, für 13- bis 18-Jährige 8–10 Stunden Schlaf empfohlen. Die CDC weist ausdrücklich darauf hin, dass Jugendliche mit von Eltern gesetzten Schlafenszeiten im Durchschnitt mehr schlafen und empfiehlt regelmäßige Schlafenszeiten sowie Grenzen bei Mediennutzung.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jedes Kind um Punkt 20 Uhr ins Bett geschickt werden müsste. Es bedeutet lediglich, dass es fachlich durchaus begründbar sein kann, einem Kind bei der Regulierung seines Schlafverhaltens Grenzen oder Strukturen vorzugeben.
Und auch „Grenze“ und „autritäre Machtausübung“ sind für mich nicht dasselbe. Eine nachvollziehbare Regel kann begründet, altersangemessen, verhandelbar und respektvoll umgesetzt werden. Der Artikel macht genau diese Unterscheidung: Er wendet sich ausdrücklich nicht gegen Bedürfnisorientierung oder körperliche Autonomie, sondern gegen die Gleichsetzung von Bedürfnisorientierung mit Grenzenlosigkeit.
Wenn Sie jede Regel, die ein Erwachsener gegen den momentanen Wunsch eines Kindes durchsetzt, bereits als „autoritären Befehl“ oder sogar „Gaslighting“ bezeichnen, dann liegt unser eigentlicher Dissens vermutlich genau dort. Für mich besteht Erziehung gerade darin, Selbstbestimmung zunehmend zu ermöglichen, ohne einem Kind von Anfang an die Verantwortung für Entscheidungen zu übertragen, die es noch nicht zuverlässig überblicken kann.
Dass es bei Ihrem Sohn funktioniert hat, spricht für Ihren Sohn und möglicherweise auch für Ihre Erziehung, aber nicht dafür, dass alle Kinder dieselben Voraussetzungen zur Selbstregulation mitbringen.
Tja,… genau solche Eltern mit dieser „Haltung“ sind das Problem!
Keine Konfrontation = kein „Stress! Wie schöööön!
Man kann nur hoffen, dass es in der Pupertät, bei Fragen des Alkohol- und Drogenkonsums, bei möglichem „schlechtem Umgang“ … auch so „easy“ läuft.
Warten Sie es ab, wenn´s schlecht läuft, kommt das dicke Ende irgendwann.
Und für die Kinder erst recht…
„Keine Konfrontation = kein „Stress! Wie schöööön!“
Ja genau das meinte ich mit der Ernsthaftigkeit mit der sich deutsche Eltern das Kinderaufziehen vermiesen. Muss halt alles stressig sein, viele Regeln, autoritäres Verhalten und eine ganze Menge Stress. Alles ohne irgendwelche Hinweise das das irgendeinen Sinn macht. In den meisten Ländern gehen die Kinder übrigens ins Bett wenn sie halt wollen. Witzig ist das Menschen denen Kinder großziehen ganz offensichtlich keinen Spass machen sondern die das gerne stressig gestalten das das andere genauso destruktiv handhaben müssen
Man kann Kindern durchaus mehr Autonomie geben und unnötige Machtkämpfe vermeiden. Was die Forschung aber nicht stützt, ist die Gleichsetzung von Regeln und Grenzen mit autoritärer Erziehung oder von möglichst wenig Konfrontation mit automatisch guter Erziehung.
Auch der Verweis auf andere Länder greift zu kurz: Schlafenszeiten und Routinen unterscheiden sich kulturell deutlich, aber daraus folgt nicht, dass Kinder „in den meisten Ländern einfach ins Bett gehen, wann sie wollen“.
Erziehung ist zudem keine Schablone. Manche Kinder brauchen mehr Struktur und Begleitung, andere weniger. Unterschiedliche Grenzen sind deshalb nicht automatisch Ausdruck von Autoritarismus.
Eltern, die solche Grenzen setzen, pauschal zu unterstellen, sie hätten keinen Spaß an ihren Kindern oder würden Erziehung „destruktiv“ gestalten, verlässt die sachliche Ebene. Vielleicht lohnt sich eher die Frage, ob man nicht die eigene Vorstellung von guter Erziehung zum allgemeinen Maßstab macht.
In den meisten Ländern gehen die Kinder übrigens ins Bett wenn sie halt wollen…
Donnerwetter! Sie sind aber gut informiert!
Wie auch immer:
„In den meisten Ländern“ beginnt aber der Unterricht auch nicht schon zwischen 07:25 Uhr und 07:45 Uhr, sondern um 09:00 Uhr…
Und diese Kinder müssen auch nicht um 05:45 spätestens aufstehen, damit sie den Schulbus um ca. 06:35 noch kriegen, der sie dann um 07:15 Uhr herum auf dem Schulgelände auspuckt…
ja, das muss wohl ein Wunderkind sein. Mein Kind überschreitet schnell die Grenze der Übermüdung, gerade wenn etwas spannendes passiert oder andere Kinder dabei sind. Und dann geht es ihm schlecht und er ist echt durch. Soll ich das echt laufen lassen und warten bis er einfach umkippt und nur noch heult, Kopfschmerzen hat und fix und fertig ist? echt? Kinder können viele Dinge einfach nicht abschätzen. soll ich auch nicht eingreifen, wenn das Kind nur noch Schokolade essen mag und sonst nichts? wenn es mal probieren möchte aus dem ersten Stock zu springen? sollen Autofahrer bitte gucken, wenn mein Kind spontan über die Straße rennen möchte? Soll man da ruhig zusehen und sich das Kind „entfalten“ lassen? und dass Grenzen setzen zu mangelnder Bindung führt ist doch Quark. dann würde mir mein Kind ja nichts erzählen, nicht mit Problemen zu mir kommen usw. tut es aber.
Wenn Sie wissen, dass Ihre Schüler Nacht für Nacht (?) Gewalterfahrungen machen, wäre es Ihre Pflicht, das Jugendamt bzw. die Polizei zu informieren!
Also ich kann bestätigen: Wir haben Grenzen gesetzt, haben uns als Eltern nicht aus den Augen verloren und haben trotzdem eine enge Bindung zu den Kindern (sind inzwischen erwachsen). Unsere Kinder haben alles bekommen, was ihren Bedürfnissen entsprach, aber wir haben lange nicht jeden Wunsch erfüllt.
Und ja, ich bin dabei auch ganz bei Jesper Juul…..
Spannend übrigens, sich mal wieder über elterliche Erziehung auszutauschen…..da war ich gar nicht mehr im Thema….
Viele Kinder könnten ihre Schlafenszeit vermutlich regulieren, wenn es im Schlafzimmer weder Handys noch PCs gibt, sondern Bücher oder Hörspiele. Aber sobald Zocken ins Spiel kommt, und wenn es nur ein ganz ruhiges Puzzle- Spiel ist, ist es mit der Autoregulierung leider oft vorbei.
Das passt dann ganz gut zu der Forderung, dass die Schüler doch bitte den Schulbeginn individuell selbst wählen dürfen, da jeder seine persönliche Zeiteinteilung hat, inklusve Schlafenszeiten. Ab einem gewissen Alter könnte es sein, dass die Kids die Nacht zum Tag machen, Gaming ist angesagt.
Bockig ist man nur, wenn keine Erklärungen für die Grenzen abgegeben werden, das legt sich. Aber die Grenze zu „auf der Nase herumtanzen lassen“ ist sehr nahe. Und man muss immer noch verinnerlichen, dass Kinder keine Miniatur-Erwachsenen sind, was Ihr Vergleich „ich würde es mir ja auch verbitten ….“ nahelegt.
Der goldene Mittelweg ist nicht umsonst mit dem Begriff „golden“ betitelt.
Eigentlich sind diese Erziehungsmethoden nur die Folge der Entwicklung der Eltern. Viele junge Eltern sind selbst aufgewachsen mit einem egozentrischen Weltbild, dem unbedingten Bedürfniss ach so individuell zu sein, und dann muss man eben auch bei der Erziehung der eigenen Kinder ganz besonders individuell sein, sich absetzen – oder einfach demonstrativ von bewährten Mitteln und Methoden abweichen. Schlimm finde ich, wie der Umgang wohl erzogener Kinder mit solchen Problemfällen auch erzogene Kinder animiert ihre Kinderstube zu vergessen. Die Belastung der Gesellschaft wird sich zeigen, und mit dem Scheitern im echten Leben werden diese armen Problem-Kinder irgendwann ihre Eltern konfrontieren. … traurige Entwicklung. War die Kritik früher Gewalt in der Erziehung, wird die Kritik von morgen Verwahrlosung sein.
M. Merk schrieb:
„War die Kritik früher Gewalt in der Erziehung, wird die Kritik von morgen Verwahrlosung sein.“
Und das eine Extrem ist so falsch wie das andere.
„War die Kritik früher Gewalt in der Erziehung, wird die Kritik von morgen Verwahrlosung sein.“
Und das eine Extrem ist so falsch wie das andere.
…und (leider) alles schon (fast) da:
Weiß man Bescheid…
Hier können auch manipulative Motive eine Rolle spielen. Einige Eltern instrumentalisieren ihre Kinder, das Kind als erweiterter Teil des eigenen Selbst, das Kind Mittel der Machtausübung, das Kind als Werkzeug der Elternbedürfnisse.
„Disziplin im Umgang mit Kindern ist zu einem unanständigen Wort geworden, als ob sie das Wohlbefinden bedrohe. Das ist nicht der Fall“
Bei Selbstdisziplin ist es meines Wissens nicht der Fall, dass diese als unanständiges Wort gilt…
Vielleicht etwas präzisieren in Zeiten, wo Flaggenappelle, Strammstehen und Gehorsam gefordert werden? 😉
Haben Sie den Text nicht gelesen?
„Die Soziologin Prof. Ellie Lee von der University of Kent sieht hinter der Unsicherheit vieler Eltern einen grundsätzlicheren Bedeutungswandel. Nach der begründeten Abkehr von autoritärer Erziehung werde Autoritarismus mit Autorität verwechselt. „Disziplin im Umgang mit Kindern ist zu einem unanständigen Wort geworden, als ob sie das Wohlbefinden bedrohe. Das ist nicht der Fall“, sagt Lee der Süddeutschen Zeitung. Selbstdisziplin – die Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren – müsse schließlich erlernt werden.“
Ich präzisiere: Wo ist „Selbstdisziplin“ ein unanständiges Wort geworden?
Unser Kinderarzt hat mir damals einen Rat gegeben, der meinen Umgang mit unserem Sohn grundlegend verändert hat und für den ich ihm heute noch dankbar bin. Er sagte: Kämpfen sie nur die Schlachten, die sie wirklich kämpfen wollen. Sprich, überlege,welche 3-4 Dinge dir wirklich wichtig sind und die sind dann unverhandelbar.( z.b. Zähneputzen, Hausaufgaben bevor es an den Computer geht etc). Beim Rest ist es durchaus legitim, das Kind in die Entscheidungen einzubeziehen. Dadurch fühlt sich das Kind ernst genommen, ohne dass es machen kann, was es will. Seitdem ist unser Familienleben ein viel entspannteres und unser Sohn weiss. dass es uns wirklich wichtig ist, wenn wir ihm mal was verbieten oder ihn um etwas bitten.
Ich reibe mir gerade ein bisschen die Augen. So viel ist hier zu lesen über das Sagen und das Versagen von Eltern, aber die größte Wunde aus der Erziehung heute blutet, wurde bislang noch nicht einmal benannt.:
Nämlich wie Tech-Konzerne den uralten Code der Erziehung sabotieren:
Eltern sein ist im Grunde ein biologische Staffellauf:
Seit Hunderttausenden von Jahren folgt Erziehung einem perfekten Naturgesetz: Eltern sind biologisch darauf programmiert, ihre Kinder zu beschützen und sozialkompatibel zu formen. Das Ziel dieses uralten Systems ist simpel: Ein Kind wird sicher ins Erwachsenenleben begleitet, lernt das soziale Miteinander und wird eigenverantwortlich und selbstständig. So gibt jede Generation ihr Lebenswissen wie einen Staffelstab weiter, damit die Kette der Menschheit nicht abreißt.
Soweit so gut und ein erquickliches Thema für Erziehungsratgeber, seit es bedrucktes Papier gibt. Nun hat sich aktuell aber etwas gänzlich Neues hinzu gesellt, das evolutionär vollkommen neu und gänzlich unerprobt ist:
Doch dieser biologische Mechanismus wird heute durch die technische Entwicklung radikal ausgehebelt
Es ist wie ein digitaler Angriff auf unsere Kinder. Man könnte auch sagen: die Sabotage elterlicher Pädagogik:
Smartphones und Tablets wirken auf Kleinkinder wie ein digitaler Magnet. Mächtige Tech-Konzerne nutzen psychologische Tricks, um Kinder gezielt in das digitale Gefängnis von Social Media und Apps zu locken. Den Machern geht es weder um Spaß noch um Bildung, sondern um die eiskalte Umverteilung von Reichtum zu Gunsten einiger weniger Milliardäre.
Die Folge für Eltern:
Erziehungsarbeit findet heute in einem brutalen Spannungsfeld statt. Der biologische Kompass der Eltern wird von mächtigen Algorithmen sabotiert. Mütter und Väter erziehen nicht mehr allein – sie kämpfen täglich gegen eine Übermacht, welche die Aufmerksamkeit und die Gehirne der nächsten Generation kontrollieren will.