Start Praxis „Sind nicht effektiv“: Deutschlands Fußball, äh Bildung – aufwendig, aber erfolglos?

„Sind nicht effektiv“: Deutschlands Fußball, äh Bildung – aufwendig, aber erfolglos?

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BERLIN. Deutschland investiert vergleichsweise viel in Bildung, fast alle Kinder besuchen eine Kita, immer mehr junge Erwachsene erwerben höhere Abschlüsse – und bei den MINT-Absolventen ist die Bundesrepublik sogar OECD-Spitze. Trotzdem erreichen Schülerinnen und Schüler beim Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften historisch schwache Leistungen. Der neue OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick 2026“ legt damit einen bemerkenswerten Widerspruch offen: An vielen Voraussetzungen scheint es nicht zu fehlen, wohl aber daran, daraus Bildungserfolg zu machen. Bundesbildungsministerin Karin Prien bringt den Befund auf eine knappe Formel: „Wir sind nicht effektiv.“

Kommt einem irgendwie bekannt vor… (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Deutschland macht im Bildungssystem Fortschritte und ist teils im internationalen Vergleich sogar Klassenbester – und trotzdem fallen Ergebnisse in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften schwach aus. Diese widersprüchliche Botschaft steckt im neuen Bericht «Bildung auf einen Blick 2026» der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Bildungsministerin Karin Prien schließt daraus: «Wir sind nicht effektiv.» Die CDU-Politikerin pocht auf ihre schon angekündigten Reformen: Kinder früh fördern, Unterricht verbessern, Lesen als oberste Priorität.

Anfang September hatten die Ergebnisse der Bildungsstudie PISA 2025 viele geschockt. In Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften wurden bei den in Deutschland getesteten 15-Jährigen «die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen erzielt», hieß es unlängst (News4teachers berichtete). Die jetzige OECD-Studie beleuchtet nicht Testergebnisse, sondern die Rahmenbedingungen für Bildung in Deutschland. Und die sind demnach gar nicht so schlecht.

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Einige Beispiele aus der Studie:

34 Prozent der Studienabgänger, die vorher in Deutschland Abitur oder Fachabitur gemacht haben, schließen ein MINT-Fach wie Mathematik oder Naturwissenschaften ab. Das ist der höchste Anteil im OECD-Vergleich, wie es in der Studie heißt.  Inzwischen haben 41 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen Hochschul- oder einen höheren beruflichen Abschluss – 11 Prozentpunkte mehr als vor zehn Jahren. 96 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen in Deutschland besuchen Kindergärten – im Vergleich zu 90 Prozent im OECD-Durchschnitt. Statistisch betreut jede Fachkraft 7,5 Kinder, im Vergleich zu 9,4 im OECD-Schnitt.

In Deutschland fließen der OECD-Statistik zufolge aus öffentlichen und privaten Kassen für Bildungseinrichtungen vom Kindergarten bis zur Hochschule pro Schüler oder Studierenden jährlich 16.430 US-Dollar (rund 14.480 Euro). Das ist mehr als im OECD-Durchschnitt von 14.861 Dollar. Gemessen an der Wirtschaftsleistung BIP sind die Bildungsausgaben allerdings mit 4,4 Prozent geringer als der OECD-Durchschnitt von 4,7 Prozent.

«Gut vorangekommen»

Bildungsministerin Prien schließt aus den Zahlen grundsätzlich, «dass wir in Deutschland in vielen Bereichen gut vorangekommen sind». Zugleich mahnt die CDU-Politikerin, das «Zeitfenster» für Reformen auszunutzen, solange der PISA-Schock noch im Gedächtnis ist. Prien wirbt seit längerem dafür, schon den Kindergarten als Bildungsort zu gestalten und die Kleinen auf den Übergang zur Schule vorzubereiten. Mit ihrem neuen Kita-Gesetz plant die Ministerin Sprachtests für alle Vierjährigen und bei Bedarf Förderung.

Die von der OECD angeführten 96 Prozent Betreuungsquote der Drei- bis Fünfjährigen nennt Prien zwar einen «rasanten Fortschritt». Doch dabei «wissen wir, dass die Kompetenzvermittlung in den Kitas nicht so gelingt, wie wir das eigentlich bräuchten», sagte Prien zur Vorstellung der Studie. Ihr Ansatz: mehr Geld in die frühe Phase der Bildung und dabei Schwerpunkte in Vierteln mit besonders vielen Kindern, die schlechte Startchancen haben.

«Mehr auf Leistung setzen»

Mit einer anderen Forderung macht sich Prien regelmäßig unbeliebt, wie sie selbst weiß. «Wir müssen mehr auf Leistung setzen», sagte sie der ARD. «Wir müssen unseren Schülerinnen und Schülern mehr zutrauen und sie dann aber auch als Eltern und als Lehrkräfte besser unterstützen in ihrem Streben nach Verbesserung und nach mehr Leistung.»

Die Bundesschülerkonferenz beklagte schon nach den PISA-Daten, dass noch mehr Leistungsdruck die falsche Antwort sei. Der OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher sieht es hingegen wie Prien. «Ich glaube schon, dass der Leistungsanspruch in Deutschland ein großes Problem ist», sagte Schleicher. Schülerinnen und Schüler bekämen gute Noten, selbst wenn die PISA-Leistungen nur mittelmäßig seien. Auch er vertritt die Linie: mehr fordern und mehr fördern durch ein «unterstützendes Umfeld» von Eltern und Gesellschaft, aber auch durch Lehrkräfte.

«Die wichtigste Berufsgruppe des Landes»

Auch das ist potenziell ein Streitthema: Lehrerinnen und Lehrer – und was sie leisten können. Als die Studie veröffentlicht wurde, würdigte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) andernorts Lehrkräfte bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises. «Lehrerinnen und Lehrer sind die wichtigste Berufsgruppe unseres Landes», sagte der CDU-Politiker. «Wir vertrauen Ihnen das Wertvollste an, was wir haben. Das sind unsere Kinder.» (News4teachers berichtet auch darüber – hier.) 

In der OECD-Studie zeigt sich hingegen vor allem Belastung und Mangel. 55 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchen Schulen, deren Leitung angibt, dass Lehrermangel den Lernerfolg schmälert. Mit 18,6 Prozent ist der Anteil von Lehrkräften mit nicht passender oder unfertiger Ausbildung vergleichsweise hoch. Zugleich verließen viele ausgebildete Lehrkräfte den Beruf, sagte Schleicher. Fast die Hälfte von ihnen arbeite nicht in der Schule.

Der Bildungsforscher machte zwei konkrete Vorschläge: eine gezieltere Auswahl von Studierenden für das Lehramtsstudium; und eine andere Organisation des Schulalltags, so dass Lehrende mehr Aufgaben wie Unterrichtsvorbereitung oder Hilfen für einzelne Schüler im Team in der Schule erledigen statt alleine zu Hause. Das steigere die Zufriedenheit. News4teachers / Von Verena Schmitt-Roschmann und Jörg Ratzsch, dpa

PISA-Chef Schleicher: „Das deutsche Bildungssystem ist ambitionslos geworden“

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5 Kommentare
ed840
1 Tag zuvor

„34 Prozent der Studienabgänger, die vorher in Deutschland Abitur oder Fachabitur gemacht haben, schließen ein MINT-Fach wie Mathematik oder Naturwissenschaften ab.“

Die 100% beziehen sich dann auf alle Studienanfänger*innen aller Fächer..

Im Vergleich zu Ländern ohne duales System ist diese Grundgesamtheit in DE vermutlich kleiner, da in anderen Ländern in einigen Berufsfeldern statt dualer Ausbildung oder Berufsfachsschule ein bachelor-abschluss erworben wird.

Xxx
13 Stunden zuvor
Antwortet  ed840

Das bezieht sich vermutlich nur auf den Bachelor of Science. Der ist ziemlich breit geworden und hat teilweise mit klassischem Mint nicht mehr viel zu tun.

dickebank
9 Stunden zuvor
Antwortet  Xxx

Na, für T gibts ja auch den B.Eng.:) Als ob Ingenieurwissenschaften klassische Wissenschaften wären? Fällt spätestens nach abgeschlossener Promotion auf:
Dr.-Ing.
Aber irgendwie muss man sich ja auch von den klassischen (ursprünglichen) Fakultäten abgrenzen. Ist halt wie bei dem Warnhinweis „made in Germany“, hat ja auch genau das Gegenteil bewirkt.

Realist
11 Stunden zuvor

„«Ich glaube schon, dass der Leistungsanspruch in Deutschland ein großes Problem ist», sagte Schleicher. Schülerinnen und Schüler bekämen gute Noten, selbst wenn die PISA-Leistungen nur mittelmäßig seien.“

Alleine diese Aussage ist eine Frechheit. Es werden mit Noten eben nicht PISA-Ergebnisse bewertet, sondern durch die Bildungspläne vorgegebene Kompetenzen. Dass Schleicher selbst diese tiriviale Tatsache nicht weiß, zeugt von maßloser Selbstüberschätzung: PISA ist nicht der Nabel der Welt und Schleicher schon gar nicht!

„Der Bildungsforscher machte zwei konkrete Vorschläge: eine gezieltere Auswahl von Studierenden für das Lehramtsstudium; und eine andere Organisation des Schulalltags, so dass Lehrende mehr Aufgaben wie Unterrichtsvorbereitung oder Hilfen für einzelne Schüler im Team in der Schule erledigen statt alleine zu Hause.“

Macht den Lehramtsberuf finanziell deutlich attraktiver und senkt die Arbeitsbelastung, dann kann man auch eine „gezielte Auswahl“ betreiben! In einem Land, in welchem in welchem ein angelernter IG Metall Arbeiter bei den Autobauern oder der Rüstungsindustrie bei deutlich weniger Arbeit (35-Stunden-Woche, das sind fast ein ganzer Arbeitstag pro Woche weniger (41-Stunden-Woche für viele Beamte) bzw. auf’s Arbeitsleben gerechnet fast sechs(!) Jahre weniger Arbeit) fast so viel wie ein durch das Verfassungsgericht(!) bestätigt unteralimentierter Lehrer verdient, wo sich die Politik nicht schämt durch Verzögerung, Ignoranz und Beamten-Bashing diesen Zustand in vielen Bundesländern scheinbar ad infinitum verlängern zu wollen, muss man sich nicht wundern, wenn das Lehramts-Studium zu „Rudis-Reste-Rampe“ wird.

Und mehr „Unterrichtsvorbereitung oder Hilfen für einzelne Schüler im Team in der Schule erledigen“ bedeuetet im Umkehrschluss entweder weniger Unterricht oder weniger „Nebentätigkeiten“ wie Klausuren korrigieren, Konfernzen und „Sozialarbeit“. Man kann nicht immer auf andere Länder (Singapur) verweisen ohne zu berücksichtigten, dass dort als Ausgleich für diese „Teamzeiten“ auch weniger unterrichtet wird.

Immer nur noch mehr von einer völlig überlasteten Berufsgruppe fordern ohne selbst zu leisten, geht auf Dauer nicht gut aus.

Und an Schleicher: „Sechs! Setzen!“

Susanne M.
21 Minuten zuvor

Das mit groß und teuer trifft auf das Gesundheitssystem zu. Da gibt es über 90 verschiedene gesetzliche KK, und alle Funktionäre wollen bezahlt werden. Dafür gibt es wenig Prävention, bevor Probleme überhaupt erst entstehen, und das was es gab, die U- Untersuchungen beispielsweise, werden nun durch Budgetierung gekürzt
Im Bildungssystem ist es ähnlich. Jedes Bundesland hat x Schultypen und erfindet ständig das Rad neu. Und nicht umsonst sprechen wir von “ Nachhilfe“ “ Vorhilfe“: wäre viel wichtiger.