BERLIN. Bundesbildungsministerin Karin Prien will mit verbindlichen Sprachtests und gezielter Förderung die Bildungschancen von Kindern verbessern. Das Ziel unterstützen auch die Kita-Fachkräfteverbände. Den Gesetzentwurf selbst lehnen sie jedoch entschieden ab. Was das Bundesbildungsministerium als Qualitätsentwicklung versteht, sei in Wahrheit ein System aus „mehr Testdruck, gesteuerter Bürokratie und mangelhafter Finanzierung“, das die pädagogische Arbeit in den Einrichtungen eher belaste als stärke.

Im Mittelpunkt der Kritik steht dabei nicht die Sprachförderung an sich. Die Verbände stellen ausdrücklich nicht infrage, dass Kinder möglichst früh unterstützt werden sollen. Sie bezweifeln jedoch, dass sich dieses Ziel vor allem durch standardisierte Testverfahren erreichen lässt. Nach ihrer Auffassung verschiebt der Gesetzentwurf den Schwerpunkt frühkindlicher Bildung grundlegend: weg von der individuellen Begleitung der Kinder, hin zu einer Logik aus Diagnostik, Dokumentation und Kontrolle.
Der Entwurf sieht vor, den Sprach- und Entwicklungsstand aller Kinder spätestens im fünften Lebensjahr verbindlich zu erfassen. Perspektivisch sollen weitere Entwicklungsbereiche wie Motorik, Selbstregulation und mathematische Kompetenzen hinzukommen. Für das Bundesnetzwerk der Kita-Fachkräfteverbände ist das der falsche Ansatz. „Kinder werden frühzeitig in Raster gepresst und in ,förderbedürftig‘ oder ,nicht förderbedürftig‘ eingestuft“, heißt es in der Stellungnahme. Was als Qualitätssteigerung bezeichnet werde, schaffe „einen permanenten Etikettierungsdruck“.
Die Fachkräfte verweisen darauf, dass sprachliche Bildung vor allem im Alltag der Einrichtungen gelinge – durch Zeit, Beziehungen und kontinuierliche Begleitung. Genau daran mangele es jedoch schon heute. Zusätzliche Tests, Förderpläne und Berichte verbesserten die Sprachentwicklung nicht automatisch, sondern banden Personal, das ohnehin fehle.
„Das Gesetz ist kein Investitionsprogramm in die Zukunft, sondern eine geordnete Mangelverwaltung mit Ansage“
Entsprechend scharf fällt die Kritik an den vorgesehenen Dokumentationspflichten aus. Künftig müssten Testergebnisse erhoben, Fördermaßnahmen geplant, dokumentiert, mit den Eltern besprochen und an die Grundschulen weitergegeben werden. Das binde genau jene Ressourcen, „die für die eigentliche pädagogische Arbeit am Kind fehlen“, schreiben die Verbände. Die vorgesehenen Zeitbudgets änderten daran wenig. Am Ende drohe die Logik: „Keine Dokumentation, keine Kohle.“ Das sei „realitätsfremd und schlichtweg am Limit der Belastbarkeit unserer Kolleginnen und Kollegen vorbei gedacht“.
Hinzu kommen datenschutzrechtliche Bedenken. Die systematische Erfassung, digitale Speicherung und Weitergabe sensibler Entwicklungsdaten öffne „der Überwachung und Stigmatisierung von Kindern Tür und Tor“, heißt es in der Stellungnahme. Datenschutzstandards würden zugunsten eines bundesweiten Monitorings aufgeweicht.
Die Kritik beschränkt sich allerdings nicht auf die neuen Testverfahren. Nach Auffassung der Verbände geht der Gesetzentwurf an den eigentlichen Problemen der Kitas vorbei. Seit Jahren forderten Wissenschaft und Praxis verbindliche Fachkraft-Kind-Schlüssel, die ausreichend Zeit für alltagsintegrierte Sprachbildung und individuelle Förderung ermöglichten. Statt zunächst diese Voraussetzungen zu schaffen, führe der Bund immer neue Diagnose- und Berichtspflichten ein, während viele konkrete Regelungen weiterhin den Ländern überlassen blieben. Dadurch drohe erneut ein Flickenteppich bei der Umsetzung.
Auch die geplante Unterstützung für Einrichtungen in schwierigen Sozialräumen halten die Fachkräfte für unzureichend. Zusätzliche Personalstunden seien zwar vorgesehen, profitieren solle aber nur ein begrenzter Teil der Kitas. Viele andere Einrichtungen arbeiteten ebenfalls unter hoher Belastung und gingen dennoch leer aus.
Besonders grundsätzlich wird die Stellungnahme beim pädagogischen Selbstverständnis der Kitas. Die Verbände warnen vor einer „schleichenden Verschulung“. Frühkindliche Bildung brauche freies Spiel, soziale Erfahrungen und emotionale Sicherheit. Standardisierte Testverfahren und Kompetenzraster reduzierten Kinder dagegen früh auf ihre spätere Rolle im Schulsystem und widersprächen entwicklungspsychologischen Erkenntnissen.
Scharfe Worte finden die Verbände schließlich auch für die Finanzierung. Während die gesetzlichen Anforderungen dauerhaft ausgeweitet würden, sinke der Bundesanteil in den kommenden Jahren deutlich. Die Stellungnahme spricht deshalb von einer „finanziellen Kernlüge“. Das Gesetz sei „kein Investitionsprogramm in die Zukunft, sondern eine geordnete Mangelverwaltung mit Ansage“, die Kitas weiter unter Druck setze.
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte den Gesetzentwurf Mitte Juli vorgestellt. Er sieht erstmals bundesweit einheitliche Sprach- und Entwicklungstests für Vierjährige sowie eine verpflichtende Förderung bei festgestelltem Förderbedarf vor. Bis 2034 will der Bund dafür insgesamt 9,25 Milliarden Euro bereitstellen. Ziel ist es, Bildungsbenachteiligungen bereits vor der Einschulung abzubauen. Genau dieses Ziel unterstützen auch die Kita-Fachkräfteverbände. Sie halten jedoch einen anderen Weg für notwendig: weniger zusätzliche Kontrolle – und stattdessen bessere personelle und finanzielle Voraussetzungen, damit Sprachförderung im Alltag der Kitas überhaupt gelingen kann. News4teachers









