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Und tschüss… Eine Schulleiter-Generation geht in den Ruhestand – Wie drei von ihnen ihr Berufsleben bilanzieren

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BERLIN. Viele Hundert Schulleiterinnen und Schulleiter in Deutschland haben sich mit dem Ende des Schuljahres in den Ruhestand verabschiedet. Sie haben Schulen über Jahrzehnte geprägt und einen Wandel erlebt, wie ihn das Bildungssystem zuvor kaum kannte. Drei von ihnen haben kurz vor ihrem Abschied Bilanz gezogen. Obwohl sie an unterschiedlichen Schulformen und in verschiedenen Bundesländern gearbeitet haben, zeichnen ihre Erfahrungen ein erstaunlich einheitliches Bild davon, wie sich Schule verändert hat – und wo ihre größten Herausforderungen heute liegen.

Feierabend. (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Als sie ihren Dienst antraten, war Schule vielerorts noch erstaunlich überschaubar. Digitalisierung spielte keine Rolle, Inklusion war kein bildungspolitisches Leitbild, Ganztagsschulen waren eher die Ausnahme als die Regel. Migration stellte Schulen längst nicht vor dieselben Aufgaben wie heute, Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter gehörten vielerorts nicht selbstverständlich zum System. Lehrkräfte unterrichteten, Schulleitungen organisierten den Schulbetrieb. Heute sollen Schulen weit mehr leisten: Sie vermitteln Bildung, fördern individuell, integrieren, begleiten, erziehen und fangen zunehmend auch gesellschaftliche Probleme auf.

Für viele Hundert Schulleiterinnen und Schulleiter in Deutschland endet in diesen Wochen ein Berufsleben. Nach drei oder vier Jahrzehnten im Schuldienst verlassen sie ihre Schulen – und mit ihnen eine Generation, die den wohl tiefgreifendsten Wandel des deutschen Bildungssystems seit den 1990er Jahren erlebt und mitgestaltet hat.

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Wie sehr sich der Beruf verändert hat, beschreiben drei Schulleiter exemplarisch: Klaus Amann, der nach 35 Jahren am Salvatorkolleg im baden-württembergischen Bad Wurzach in den Ruhestand gegangen ist, Martin Pohlmann-Strakhof, der nach 34 Jahren die Wessenberg-Schule in Konstanz verlässt, und Klaus Stephan, der nach 30 Jahren im Schuldienst die Leitung der Lise-Meitner-Gesamtschule in Duisburg abgibt. Ihre Schulen unterscheiden sich erheblich – Gymnasium, berufliche Schule und Gesamtschule. Ihre Bilanz dagegen fällt in vielen Punkten erstaunlich ähnlich aus.

Als Klaus Amann 1991 seinen Dienst am Salvatorkolleg begann, sei Schule zunächst über Jahre hinweg vergleichsweise konstant geblieben, sagt er gegenüber der Schwäbischen. Erst die ersten PISA-Ergebnisse hätten das System grundlegend verändert. Seitdem gehe es nicht mehr allein darum, Wissen anzuhäufen, sondern es anzuwenden, Zusammenhänge zu erkennen und begründete Entscheidungen zu treffen.

Mit dieser Entwicklung verbindet sich bis heute ein Vorwurf, den Amann entschieden zurückweist: Das Abitur werde immer leichter. Das sei, sagt er, „Quatsch“. Wer behaupte, heutige Abiturienten hätten es einfacher, „vergleicht Äpfel mit Birnen“. Die Anforderungen hätten sich verändert, nicht verringert. Heute gehe es stärker darum, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und daraus Schlüsse zu ziehen. „Aber das macht es nicht leichter.“ Auch die häufig angeführten besseren Abiturnoten seien kein Beleg für sinkende Anforderungen. Weil zugleich die Zulassungsgrenzen vieler Studiengänge gestiegen seien, helfe ein besserer Notendurchschnitt den Jugendlichen oft weit weniger, als allgemein angenommen werde.

„Man muss Schule zunehmend vom Schüler her denken und fragen: Was braucht er, damit er in unserem System zurechtkommt?“

Mindestens ebenso stark wie der Unterricht hat sich nach Amanns Beobachtung die Schülerschaft verändert. Migration und soziale Unterschiede spielten heute eine deutlich größere Rolle als zu Beginn seiner Laufbahn. Besonders während der Corona-Pandemie sei sichtbar geworden, wie unterschiedlich die Voraussetzungen seien, mit denen Kinder in die Schule kommen. Manche Familien konnten ihre Kinder intensiv unterstützen, andere kaum.

Für Amann folgt daraus eine grundlegende Veränderung pädagogischen Handelns. „Man muss Schule zunehmend vom Schüler her denken und fragen: Was braucht er, damit er in unserem System zurechtkommt?“ Gerade darin sieht er eine der wichtigsten Aufgaben moderner Schulen. Zugleich bewertet er die größere gesellschaftliche Vielfalt ausdrücklich positiv. Es sei ein Gewinn, wenn Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder ihrer Familiengeschichte den Weg aufs Gymnasium fänden.

Doch dieser Anspruch hat seinen Preis. Schulen übernehmen immer mehr Aufgaben, ohne dass ihre Ausstattung im gleichen Maße mitgewachsen wäre. Amann verweist auf die Digitalisierung, deren Finanzierung vielerorts ungewiss sei. Noch grundsätzlicher sei jedoch der Mangel an Unterstützungssystemen. Bildung und Erziehung gehörten gleichermaßen zum Auftrag der Schulen. Für den wachsenden Erziehungsauftrag fehlten jedoch oft die notwendigen Ressourcen. Eigentlich müssten Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter „an jeder Schule Standard sein“, sagt er.

Das auch für berufliche Schulen, die wie kaum eine andere Schulform die gesellschaftliche Vielfalt abbilden. Martin Pohlmann-Strakhof hat sein gesamtes Berufsleben an der Wessenberg-Schule in Konstanz verbracht. Als junger Lehrer kam er vor 34 Jahren zu der kaufmännischen Schule, später wurde er Schulleiter und schließlich geschäftsführender Schulleiter aller sieben beruflichen Schulen im Landkreis Konstanz. Dass ausgerechnet ein Germanist und Historiker eine kaufmännische Schule leitete, erscheint ihm rückblickend fast ungewöhnlicher als der Weg selbst.

Was ihn an beruflichen Schulen immer fasziniert habe, sei ihre besondere Zusammensetzung gewesen. „Es ist einer der letzten Orte, an denen die ganze Breite der Gesellschaft zusammenkommt“, sagt er gegenüber dem Südkurier. Jugendliche, die einen Hauptschulabschluss nachholen, lernen dort ebenso wie Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zum Einser-Abitur am Wirtschaftsgymnasium. Für Lehrkräfte bedeute das, sich immer wieder auf neue Voraussetzungen einzustellen. Pohlmann-Strakhof: „Jede Klasse braucht die passende Ansprache, die passende Art der Wissensvermittlung.“

„Die Zeiten, in denen Lehrkräfte nur Einzelkämpfer im Unterricht sind, sind vorbei“

Gerade diese Vielfalt habe seinen Blick auf Schule geprägt. Anders als früher lasse sich Unterricht heute kaum noch nach einem einheitlichen Muster gestalten. Unterschiedliche Bildungsbiografien, unterschiedliche Erwartungen und unterschiedliche Lebenswirklichkeiten verlangten nach größerer Flexibilität – nicht nur im Unterricht, sondern auch in der Organisation einer Schule.

Damit habe sich auch die Rolle der Schulleitung verändert. Lange Zeit gestalteten Lehrkräfte ihren Unterricht weitgehend unabhängig voneinander. Dieses Modell passe heute nicht mehr. „Die Zeiten, in denen Lehrkräfte nur Einzelkämpfer im Unterricht sind, sind vorbei.“ Schule funktioniere nur noch als Gemeinschaftsaufgabe. Deshalb habe er auch die Schulleitung bewusst als Team organisiert und den Austausch im Kollegium gefördert. „Ich habe mich immer als Sprecher und erster Interessenvertreter verstanden.“

Auch nach mehr als drei Jahrzehnten fällt seine Bilanz bemerkenswert positiv aus. „Keinen Tag habe ich meine Berufswahl bereut“, sagt Pohlmann-Strakhof. Lehrer zu sein bedeute, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und sich dabei selbst ständig weiterzuentwickeln. Genau das sei für ihn über all die Jahre die eigentliche Konstante geblieben – obwohl sich Schule in fast allen anderen Bereichen grundlegend verändert habe.

Kaum jemand beschreibt diesen Wandel eindringlicher als Klaus Stephan. Nach 30 Jahren im Schuldienst, davon 13 als Leiter der Lise-Meitner-Gesamtschule in Duisburg-Rheinhausen, verlässt auch er in diesem Sommer seine Schule. Was ihm von diesen Jahrzehnten besonders in Erinnerung geblieben ist, sind weniger organisatorische Herausforderungen als die Begegnungen.

„Ich war oft als Mensch gefragt“, sagt Stephan rückblickend laut einem Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Hinter vielen Gesprächen hätten keine dienstlichen Fragen gestanden, sondern persönliche Krisen, familiäre Probleme oder Schicksalsschläge. Nicht selten sei es darum gegangen, Schülerinnen und Schülern, Eltern oder auch Lehrkräften zuzuhören und ihnen Halt zu geben. Schule sei längst zu einem Ort geworden, an dem gesellschaftliche Entwicklungen unmittelbar sichtbar würden.

Wie sehr sich die Anforderungen verändert haben, macht Stephan an ganz konkreten Beispielen fest. Nach der Debatte über die sogenannten Remigrationspläne von Rechtsextremen seien viele zugewanderte Jugendliche verunsichert gewesen. Die Schule reagierte mit einer Arbeitsgemeinschaft und einer Plakataktion, um deutlich zu machen, dass alle Schülerinnen und Schüler willkommen seien. Mit dem Angebot islamischen Religionsunterrichts habe die Gesamtschule zudem bewusst ein gleichberechtigtes Angebot neben den etablierten Religionsfächern geschaffen. Lehrkräfte mit Migrationsgeschichte seien nicht nur wegen ihrer Fächer eingestellt worden, sondern auch als Vorbilder für junge Menschen.

Für Stephan sind das keine zusätzlichen Projekte neben dem Unterricht. Sie gehören inzwischen zum Selbstverständnis vieler Schulen. Gleichzeitig wächst damit die Verantwortung der Lehrkräfte weit über die Vermittlung von Wissen hinaus.

„Wir sind ganz schlecht in frühkindlicher Bildung, weil viele erst mit fünf Jahren in die Kita gehen“

Besonders deutlich werde das für ihn an den Bildungsbiografien vieler Kinder. Wenn er einen Wunsch für das Bildungssystem frei hätte, dann würde dieser nicht bei den weiterführenden Schulen beginnen, sondern viele Jahre früher. „Wir sind ganz schlecht in frühkindlicher Bildung, weil viele erst mit fünf Jahren in die Kita gehen.“ Was dort versäumt werde, komme später in den Schulen an. Viele Fünftklässler seien mit elementaren Fähigkeiten wie dem Binden von Schnürsenkeln oder dem Umgang mit einer Schere überfordert.

Zugleich gingen beim Wechsel von der Kita in die Grundschule und später auf die weiterführende Schule immer wieder wichtige Informationen verloren. Für Stephan ist das kein Versagen der Kinder – sondern eine Schwäche des Systems.

Seine Konsequenz daraus fällt bemerkenswert optimistisch aus. „Kinder sind nicht dumm“, sagt er. Entscheidend sei, ihre Entwicklung in den Blick zu nehmen und nicht vorschnell ihre Abschlüsse oder Defizite zu bewerten. Die Lise-Meitner-Gesamtschule sei dafür ein gutes Beispiel. Von rund 150 Kindern, die jedes Jahr aufgenommen würden, bringe etwa ein Drittel eine Gymnasialempfehlung mit, ein Drittel eine Hauptschulempfehlung und das restliche Drittel liege dazwischen. „Dabei haben wir hier zum Start eine bunte Tüte.“ Trotzdem machten am Ende durchschnittlich rund 80 Schülerinnen und Schüler Abitur.

Woran misst ein Schulleiter den Erfolg seiner Arbeit? Für Klaus Stephan sind es nicht in erster Linie gute Abiturnoten oder prominente Karrieren. Zwar haben Schülerinnen und Schüler seiner Schule später in der Bundesliga gespielt oder an Olympischen Spielen teilgenommen. Besonders in Erinnerung geblieben seien ihm jedoch die Jugendlichen, mit denen Schule besonders schwer gewesen sei.

Mit manchen habe die Schule gemeinsam mit Eltern, Jugendhilfe oder Polizei neue Perspektiven entwickeln können. Andere seien trotz aller Bemühungen in die Kriminalität abgerutscht. Wieder andere seien mit Kriegserfahrungen und schweren Traumata nach Deutschland gekommen. Gerade diese Begegnungen hätten ihm vor Augen geführt, wie unterschiedlich die Voraussetzungen seien, mit denen Kinder und Jugendliche heute in die Schule kämen. Wer nach Flucht und Krieg zunächst therapeutische Hilfe brauche, werde im Schulalltag dennoch häufig an denselben Leistungsmaßstäben gemessen wie seine Mitschülerinnen und Mitschüler.

Seine Botschaft an künftige Schulleitungen ist ebenso schlicht wie zeitlos: „Sie sollten ein hohes Maß an Verlässlichkeit und Ruhe ausstrahlen – die Zeiten sind unruhig genug.“ News4teachers 

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