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Kolumne „Boarderlines“, Teil 6: Lehrer Andi trifft eine Entscheidung

DÜSSELDORF/KÖLN. Lehrer Andreas Brendt hat viele Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Heute unterrichtet er in Köln und hat sich einen weiteren Traum erfüllt: Ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Es geht um Reisen, um Begegnungen auf der ganzen Welt und wie diese den Blick auf Zuhause verändern. Für die News4teachers.de-Leser veröffentlicht er hier in den folgenden Wochen in elf Folgen Teile seiner Geschichte. Viel Spaß bei der Sommerlektüre.

Teil 6: Andi trifft eine Entscheidung

Ich bin 26 Jahre jung, habe zwei Diplome in der Tasche, ein paar gute Storys im Gepäck und eine Leidenschaft an der Backe. Beide Examen mit Auszeichnung. Zuerst an der Sporthochschule, dann an der Universität zu Köln.
Nach der Verleihung in Hörsaal I halte ich ein Papier in Händen, bin nichts und kann alles werden. Wie an meinem ersten Morgen zusammen mit Alex in Bali kann ich alles tun. Von A bis Z. Von Business Administration bis Surfhero. Bis hierher lief alles wie von selbst. Aber jetzt muss ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen und darf mich aus freien Stücken entscheiden.
Das klingt besser, als es ist, weil alle möglichen Konventionen an mir zerren, während das alte Dilemma zu ungeheuerlicher Größe wächst. Rein in die Chefetage oder Edelsteine schmuggeln und unter dem Orion zelten. Surfer oder Akademiker. Grenzenlose Freiheit verlieren oder Traumjob gewinnen?
Oder umgekehrt.

Irgendetwas bleibt in jedem Fall auf der Strecke. Berufliche Zukunft oder Abenteuer. Karriere oder Surfen. Deutsche Bank oder Wavetours. Es geht darum, das Richtige zu tun, aber diesmal: Endgültig.
Das Problem, das mich plagt, liegt in meinem Kopf. Das ist mir genauso klar, wie der bevorstehende Verlust. Meine an der Uni erarbeiteten und im Wasser erkämpften Möglichkeiten halten sich die Waage und es fällt mir unendlich schwer, irgendetwas loszulassen, was ich mit viel Mühe erreicht habe. Soll ich den Surfer untergehen lassen oder den Absolvententitel in die Tonne kloppen?
Jetzt bräuchte ich einen Buddhistischen Rat, aber statt dessen schwebt die Klinge der Verzweiflung über mir. Ich versuche, mich auf die asiatischen Lehren zu besinnen. Den erhobenen Zeigefinger, das Leben und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Das bringt etwas Balsam auf die Wunden, aber weiterhelfen kann das nicht.
Verdammt, was soll ich nur tun?

Die Uni bietet Seminare für ihre Absolventen an. Wir proben Vorstellungsgespräche, in denen wir uns präsentieren, um als Führungskräfte die Aufgaben der Zukunft zu bewältigen und Verantwortung zu übernehmen. Der Wettlauf um die besten Stellen ist in vollem Gange. Die Zeitungen sind voll davon. Wo es die besten Karrieresprungbretter gibt und wie man aufspringt. Die Konjunktur stimmt: JETZT stehen die Chancen gut, sich etwas aufzubauen.
Traumjob, Geld und Verantwortung, denn wir wollten doch in irgendwelche Managerfußstapfen treten, der Welt zeigen, dass die Saufköpfe klüger sind als die Streber.
Wozu sonst habe ich sieben Jahre gebüffelt und mich über gute Noten gefreut? Die Entscheidungstheorie weiß, dass wir an den Dingen hängen, in die bereits Zeit und Geld gesteckt wurde. Das stimmt. Wir sind verhaftet. Definitiv bin ich das! Dabei ist alles was zählt, das, was rauskommt. Die Vergangenheit ist irrelevant.
Also dann, die Fakten müssen aufs Papier:
I. Alternativen bestimmen (grob)
a) Managerkarriere in einem großen Unternehmen
b) Surfen (Campleiter im Sommer und dann reisen)
c) Professor an der Uni
II. Bewertung (erstmal Brainstorming)
a) Machen die anderen auch, dafür hab ich studiert, endlich richtig Kohle (hoffentlich), langfristig sinnvoll, auch spannend, aber Anzug und Krawatte, mindestens 10 Stunden am Tag, 60 Stunden die Woche
b) Will ich jetzt, supergeil, Kohle würde reichen, die Rente ist im besten Fall «ungewiss«.
c) Uni ist cool, als Forschungssemester getarnte Surftrips, aber ich muss ein paar Jahre übelst am Schreibtisch reinhauen (Doktorarbeit – Oh Gott!), schaffe ich das überhaupt?

III. Zielfunktion (Was will ich eigentlich?)
Das ist einfach: Jetzt sofort viel surfen, grundsätzlich finanzielle Sicherheit ein Leben lang und dabei einen coolen, sinnvollen Job

IV. Ergebnis
FEHLANZEIGE
Funktioniert nicht. Unvereinbare Zielfunktion. Ich bin einfach nicht in der Lage, mein Bedürfnis nach Sicherheit der Liebe nach Abenteuer gegenüberzustellen. Ich kann weder quantifizieren noch gewichten – nur opfern.
Von allen Seiten kommen Tipps und Tricks, Hilfe und Unterstützung, denn die Tage der Kompromisse sind gezählt. Natürlich raten alle zur Vernunft. Alles andere wäre Wahnsinn. Aber ich vermisse die Wellen, die Sonnenaufgänge und die sandigen Hütten am Strand. Es ist unmöglich, das Richtige zu tun, aber das Meeresrauschen in meinem Kopf wird lauter.
Das Mut-Buch kommt mir in die Quere. Am frühen Abend blättere ich darin, es handelt sich um eine ausgewählte Sammlung der Reden und weisen Worte Oshos. Die Zeilen wühlen mich auf, geben Kraft und Anstoß. Lust auf Leben. Sogar mehr noch als die buddhistischen Lehren in Sri Lanka. Die wirken beruhigend, aber die kompromisslos lebensbejahende Folge dieses Buches ist deutlicher. Vollgas voraus, statt Ruhe und Sanftmut.

Autor Brendt auf einer Lesung. (Foto: privat)

Autor Brendt auf einer Lesung. (Foto: privat)

Dieses Buch bietet dem Leser nichts Angenehmes. Kein Versprechen für die Zukunft, keine Sicherheit, kein Dogma und noch nicht mal eine Erkenntnis. Tue dies, damit jenes geschieht? Totaler Unsinn! Denn es gibt nichts als Ungewissheit und Unsicherheit in diesem Leben.
Darum nützt auch Wissen nicht. Nur Verständnis. Und darum geht es: Unsicherheit ist Leben, Unsicherheit ist wunderbar.Das, was für uns das Leben zur Hölle macht (sich auf nichts verlassen zu können), ist das Tor zum Himmel.

Wer glaubt, man könne das Leben vorausberechnen, oder dass ein Allmächtiger weiß, was als nächstes passiert, versteht den Lauf der Dinge nicht. Wüsste irgendein Gott, was in der Zukunft geschieht, wäre das Leben nicht mehr als ein mechanischer Vorgang. Ohne Möglichkeiten, ohne die Gelegenheit zu wachsen, ohne eine Chance sich zu entwickeln. Es gäbe keine Freiheit und wir wären nicht lebendig. Wir wären nur ein Uhrwerk. Leblos und kalt.
Nichts ist sicher! Das ist seine Botschaft. Sonst nichts.
Aber wir klammern uns an alles, was uns scheinbaren Halt gewährt, fürchten das Unbekannte und versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen. Und das ist verrückt.
Mut ist der Schlüssel zum Glück! Es geht darum, die Herausforderungen des Unbekannten anzunehmen. Trotz aller Ängste. Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Im Gegenteil, wer keine Angst hat, wiegt sich in Sicherheit, ist dumm, blind und taub. Mut heißt, der Furcht ins Auge zu blicken, zu akzeptieren und weiter zu gehen. Du weißt nie, wohin das führen wird. Wie bei einem Glücksspiel. Aber nur Spieler wissen, was Leben ist.
Sei wachsam und schaue mit offenem Herzen in die Welt. Ein voreingenommenes Auge ist blind. Ein Herz, das im Voraus entschieden hat, ist tot. Wenn du im Voraus zu viel weißt, verliert die Intelligenz ihre Schärfe, ihre Schönheit, ihre Intensität. Erlebe die Wirklichkeit unverfälscht. Das Leben ist eine Entdeckungsreise. Jeder Augenblick eine Überraschung. Voller Lebendigkeit, voller Leidenschaft. Man findet die Wahrheit nicht, indem man sie studiert. Man muss der Wahrheit begegnen.
Sei einfach, was du bist, kümmere dich keinen Deut um die Welt. Dann wirst du unbeschreibliche Entspannung und einen tiefen Frieden im Herzen spüren.
Versuche nicht, das Leben zu verstehen, lebe es!
Versuche nicht, die Liebe zu verstehen, liebe!
Sprich nicht von Unsicherheit, nenne es Freiheit.
Sei mutig!
Stürze dich kopfüber ins Abenteuer und trotze der Bequemlichkeit. Dann kann das Wunder des Lebens direkt zu dir gelangen. Und es bringt dir alles Glück und alle Liebe mit.
Ich stehe auf, lege das Buch beiseite und fühle neuen Mut. Egal, was ich tue, das Leben ist und bleibt ein Abenteuer. Mein Abenteuer. Es gibt keine Sicherheit, auch nicht als Chef der Deutschen Bank. Nur Freiheit.
Am nächsten Morgen bin ich mal begeistert und mal frustriert, weil all das so einfach ist – auf dem Papier. In einem Interview mit Brad Pitt lese ich:
…wurde mir klar, dass im Akzeptieren des Ungewissen eine eigene Schönheit liegt. Ich weiß nicht, ob das für Sie einen Sinn ergibt, aber mir bedeutet das sehr viel.
Na super. Alle Welt kommt mit dem fernöstlichen Kram zurecht, zieht Kraft und Orientierung daraus, nur mir hilft er nicht aus der Entscheidungslosigkeit, aus dem Dilemma. Schöne Worte, aber ich drehe mich weiter im Kreis.

Dann erwacht meine Sehnsucht nach Meer. Sie meldet sich zwischen all den Wolken zurück und trifft mich wie eine Bombe. Sie weckt die Bilder und Erinnerungen auf. Plötzlich so klar, als wären sie gerade erst vor einer Minute geschehen. Surfen, glitzernde Wellen, weites Meer, tropische Landschaften, lachende Zähne und leuchtende Augen. Dunkle Haut und warme Temperaturen. Palmen und staubige Straßen. Dann geht die Sonne vor einer tiefblauen Wasseroberfläche auf. In regelmäßigen Abständen kommen die Sets, bauen sich zu solcher Schönheit auf, dass ich lospaddeln muss.

Ich bin so weit gekommen und soll jetzt aufhören? Unmöglich. Ganz im Gegenteil. Die Zeit ist gekommen, um anzufangen. Ich muss einfach noch mal weg!
Vielleicht für ein Jahr?
Oder zwei? Oder für immer!
Das ist es! Die Würfel sind gefallen. Es kommt mir so vor, als hätte jemand anderes die Entscheidung getroffen. Zum Glück. Nur noch Wellenreiten. Klingt wie ein Traum. Klingt wie mein Traum.
Ich buche einen Flug und verkaufe alles, was ich besitze und nicht mitnehmen kann. Irgendetwas hat das Ruder übernommen, mich endlich an einen Punkt gebracht, hinter dem es kein Zurück mehr gibt. Ein Ballast weicht von meinen Schultern. Der Kampf in meinem Kopf findet zur Ruhe, weil ich weiß, was ich will.
JETZT kann die Reise beginnen.
Eine Reise ohne Ende. Ohne Wiederkehr. Nur noch Surfen.
Auf nach Südamerika.

 

Zum 5. Teil Andi findet Edelsteine auf Sri Lanka

Zum 4. Teil Andi landet auf Sri Lanka

Zum 3. Teil Heimaturlaub

Zum 2. Teil Andi reist nach Australien

 Zum 1. Teil Andi reist nach Bali

Zum Interview mit Andreas Brendt geht es hier

Zur Webseite des Buchs geht es hier

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