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“Boarderlines” Teil 2 – Lehrer Andi in Australien

DÜSSELDORF/KÖLN. Lehrer Andreas Brendt hat viele Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Heute unterrichtet er in Köln und hat sich einen weiteren Traum erfüllt: Ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Es geht um Reisen, um Begegnungen auf der ganzen Welt und wie diese den Blick auf Zuhause verändern. Für die News4teachers.de-Leser veröffentlicht er hier in den folgenden Wochen in elf Folgen Teile seiner Geschichte. Viel Spaß bei der Sommerlektüre.

Teil 2. Irgendwo in Australien

Wir mampfen Toastbrot, während wir zusammenpacken. Ein Blick durch das Chaos unserer Karre beweist, dass wir ausgestattet sind für den bevorstehenden, ultimativen Trip an der Ostküste von Australien. Ein Haufen Klamotten, ein Campingkocher samt Topf, ein Zelt und die Surfbretter füllen unser Auto und eröffnen alle Möglichkeiten, die Down Under zu bieten hat. Symbole der Freiheit und Werkzeuge für das Leben in der Wildnis am anderen Ende der Welt. Ein paar Kanister Wasser, 20 Dosen Baked Beans und Unmengen Toastbrot, für das leibliche Wohl. Alles bunt verstreut auf der Rückbank und im Kofferraum.
Nur eins fehlt noch. Die Quelle der Weisheit. Denn zu einem Roadtrip durch Australien gehört Marihuana wie dreckiges Geschirr in die standesgemäß versiffte Zivi-Bude. Der Turbo für die Welt, oder der Kinderwagen, weil man langsamer wird und banal genug, um die Momente endlich von der Logik, endlich vom Denken zu befreien. ZEN und Bewusstseinserweiterung. Für die unvergesslichen Augenblicke, für das Unfassbare, für die Ewigkeit und vor allem für unseren Trip durch Australien. Und außerdem: Lachen ist gesund.

Andi unterwegs im südamerikanischen Gebirge. (Foto: privat)

Andi, hier unterwegs im südamerikanischen Gebirge. (Foto: privat)

Nach reichlicher Überlegung fahren wir zu Mike in den Laden zurück und stellen schüchtern die verbotene Frage. Die pure Verlegenheit ins Gesicht geschrieben, grinst er, geht in eines der hinteren Zimmer und überreicht uns ein Beutelchen mit den göttlichen Kräutern. Er sieht uns gewappnet für den Trip, als ob er voraussieht, was geschehen wird. Die beiden deutschen Grünschnäbel wissen weniger als nichts und werden mehr als alles richtig machen. Bevor wir den Laden verlassen, gibt er uns noch das allgegenwärtige australische Lebensdogma mit auf den Weg. Die magischen drei Worte, die vermuten lassen, dass Buddha persönlich einen Abstecher nach Australien unternommen hat, um seine tiefste Weisheit in die Alltagssprache zu infiltrieren. Die meist genutzten Worte in Down Under. Worte, die uns an allen Ecken und Enden begegnen werden, spricht uns Mike jetzt weise wie gelassen hinterher:
»… and no worries, mates!«

Wir finden eine schöne Ecke zum Parken, vor der eine große, seichte Lagune in der Dunkelheit ruht. Unter einer funkelnden Kuppel aus tausend Sternen stopfen wir köstliches Toastbrot mit kalten Baked Beans in uns hinein. Die Wocheneinkäufe werden locker bis morgen reichen. Ich sitze auf dem Fahrersitz und Alex kaut daneben. Die Konservendose zwischen den Beinen und das Brot auf der Handbremse wandert Löffel für Löffel und Scheibe für Scheibe in meinen Rachen. Mike´s Beutelchen wartet auf dem Armaturenbrett. Zeit den ersten Tag auf Achse gebührend zu beenden. Bei der technischen Umsetzung unserer Rauschvorhaben ist Kreativität gefragt, weil wir weder Zigaretten noch Joints drehen können. Also basteln wir ein Rauchwerkzeug aus einer leeren Plastikflasche und einem Wasserkanister. Im Fachjargon: Eimerrauchen. Ein einziger Atemzug, der die ungeübte Lunge zerfetzt und uns eine mächtige Dosis Marihuana direkt ins Hirn jagt. Keine Ahnung, was dort genau geschieht. Die überforderten Synapsen spielen verrückt und entfachen ein verwirrendes Feuerwerk der Sinne. Kreativität und Naivität nehmen zu, während Problembewusstsein und Tatendrang abnehmen. Die Gedanken wandern freier umher und treffen unter Umständen auf neue Weltsichten und phänomenale Erkenntnisse – zumindest bis die Wirkung nachlässt. Die Augen spielen gerne Streiche und die Logik verliert ihre Monopolstellung bei der Analyse der urkomischen Welt. So hocken wir in den sicheren vier Wänden unseres Autos, reden irgendeinen Quatsch und lachen uns schlapp.

Dann hält Alex inne. Er sieht nachdenklich aus und seine Miene verfinstert sich. Langsam, noch zweifelnd, aber plötzlich sehr deutlich. Dann sehe ich es auch. Wir starren beide auf seinen rechten Handrücken, auf dem sich zwei kleine, ca. zwei cm voneinander entfernte, blutige Male abzeichnen.
Totenstille.
Das kann doch nicht sein. Verdammt. Ist das echt ein…? Ja. Ein Schlangenbiss! Wie ist das möglich und warum hat Alex nichts bemerkt? Viel wichtiger als alles wie und warum ist die Frage:
Was nun?
UND: Wo ist das Viech jetzt?! Ich rutsche im Fahrersitz hin und her, und suche die Ecken und Nischen der Karre ab. Die Kopfhörerkabel von meinem Walkman auf der Rückbank jagen mir für eine Sekunde einen Infarkt ins Herz. In Australien gibt es mehr giftige Schlangen als irgendwo sonst auf der Welt, und eine davon befindet sich in diesem Auto. Schlimmer, hat bereits zugeschlagen. Gibt es ein Antiserum? Wo ist das nächste Krankenhaus und wie sollen wir in unserem verrauchten, verblödeten Zustand dorthin gelangen? Undenkbar jetzt das Auto zu bewegen. Tod durch Unfall oder Dahinsiechen durch Gift.
Bloß keine Panik und den Verstand benutzen. Logisch denken, obwohl über tausend Dinge durch meinen Kopf wirbeln. Das ist voll krass, aber wir müssen unbedingt den Kreislauf unter Kontrolle bringen. Damit sich das Gift nur langsam ausbreiten kann. Wir brauchen Informationen über die Schlange, die Wirkung, die richtigen Maßnahmen. Und viel Wasser trinken ist immer gut. Vielleicht Fenster runter und frische Luft. Alles verrückte Verwirrung in meinem Hundehirn. Alex sieht keinen Deut besser aus. Müssten nicht längst die ersten Symptome auftreten, sich das nahende Ende in irgendeiner furchtbaren Form ankündigen? Wir müssen reden.

Ich setze an und wähle einen gemütlichen, möglichst harmlosen Plauderton:
»Sag mal. Merkst du schon was? Ist irgendwas anders?«
Alex antwortet mit stummem Starren auf seine Hand. Und Kopfschütteln.
Gibt es eigentlich ungiftige Schlangen in Australien? halte ich gerade noch zurück und sage stattdessen:
»Wenn du jetzt noch nichts hast, passiert auch nichts mehr!«
Stummes Starren und Kopfschütteln.
»Jetzt sag doch mal was.«
Stummes Starren, Kopfschütteln.
»Geht’s dir irgendwie schlecht?«
Stummes Starren, Kopfschütteln. Dann ein tiefes Schnaufen:
»Weiß nicht genau.«
Immerhin. Mit ein bisschen gutem Willen ein erfreuliches Zeichen. Wieso habe ich die Drehscheibe aus Pappe nicht eingepackt. Eine Mitbewohnerin von Jodie hatte sie mir vorgestellt, erklärt und angeboten. Ich habe lachend abgewunken. Das Hilfsmittel für Australien. Mit Abbildungen der giftigsten Schlangen und den Erste-Hilfe-Maßnahmen im Bissfall.
* Todesotter – Zwei Stunden Zeit, um das nächste Krankenhaus zu finden,
* Kupferkopfschlange – Abbinden, dann Blut und Gift mit dem Mund absaugen und ausspucken,
* Taipan – das Körperteil in kochendes Wasser halten (oder abwarten, bis die Atemlähmung einsetzt).
So was in der Art.
Ich entscheide, Alex nicht in meine Gedanken einzuweihen, geschweige denn darüber zu diskutieren. Das führt zu nichts. Lieber Kapitulation, denn Alex ist zwar versteinert, aber atmet. Die Zeit steht still. Also warten. Warten auf einen Ausweg, auf ein Ende dieser Nacht und auf ein Ende, das nicht das Ende ist…
Ein paar grelle Sonnenstrahlen scheinen durch die verschmutzte Scheibe direkt ins Auto. Der kleine Kopfschmerz, der hinter meiner Stirn sein Unwesen treibt, lässt mich blinzeln. In meinem Mund klebt pelziger Geschmack und es riecht muffig. Neben mir zusammengekrümmt Alex.
Der Schlangenbiss.
Er räkelt sich und öffnet die Augen. Keiner sagt etwas, denn es ist wahr. Wir sind mächtig verpeilt, steif und verspannt zwar, doch bei bester Gesundheit. Wir haben überlebt. Die rötlichen Male zieren weiterhin Alex´s Hand, sehen aber eigentlich eher wie zwei gewöhnliche Kratzer als der Biss einer todbringenden Schlange aus. Etwas dämmert. Bloß gewöhnliche Kratzer. Nur gejuckt?
Sahen die kleinen Wunden gestern Abend irgendwie anders aus oder haben wir ein wenig überreagiert?
Sind wir den göttlichen Kräutern nicht gewachsen? Grünschnäbel. Bewusstseinserweiterung im Kindergarten. Aber eigentlich witzig, jetzt. Ich schmeiße den Wagen an und wir fahren zum Strand.

 Zum 1. Teil Andi reist nach Bali

Zum Interview mit Andreas Brendt geht es hier

Zur Webseite des Buchs geht es hier

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