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Boarderlines Teil 5: Lehrer Andi findet Edelsteine auf Sri Lanka

DÜSSELDORF/KÖLN. Lehrer Andreas Brendt hat viele Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Heute unterrichtet er in Köln und hat sich einen weiteren Traum erfüllt: Ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Es geht um Reisen, um Begegnungen auf der ganzen Welt und wie diese den Blick auf Zuhause verändern. Für die News4teachers.de-Leser veröffentlicht er hier in den folgenden Wochen in elf Folgen Teile seiner Geschichte. Viel Spaß bei der Sommerlektüre.

Teil 5
Edelsteine auf Sri Lanka

Ich muss nach Galle. Eine größere Stadt etwa eine Stunde entfernt, weil ich Geld brauche und nochmal was anderes machen will. In den vergangenen zwei Salzwassermonaten habe ich so viele Wellen gesehen, dass ich mir einen halben Tag Pause gönne.

Dort angekommen, laufe ich einfach los. Ohne Ziel, der beste Weg, einen neuen Ort zu entdecken. So bekomme ich ein Stück Alltag serviert, treffe auf das Leben der Straße, anstatt Empfehlungen eines sterilen Reiseführers hinterher zu rennen. Und es geht sofort los, denn am Busbahnhof kommt es zu einer Schlägerei. Zwischen zwei grauhaarigen Greisen. Nicht ganz die wahren Weisen, die ich hier hinter jedem Menschen erwarte, dafür echte, normale Welt.
Genauso wie der Shamane, der mir kurz darauf aus der Hand liest – ganz umsonst, wie er drei Mal betont. Er sieht eine glanzvolle Zukunft, Gesundheit und Liebe, aber er spürt auch eine nervöse Vibration in meiner Aura. Ganz deutlich sogar. In tiefer Konzentration sucht er nach einer Lösung, findet sie und empfiehlt, das Offensichtliche:
Jeden Tag einen Schluck Edelsteinwasser trinken.

Edelsteinwasser? Einfach einen heiligen Stein mit Wasser übergießen und ab ins Licht damit. Dann kann die Energie im Glas sprudeln und das ist wichtig für mich, wird alles verändern. Zufälligerweise weiß der Weise auch, woher ich einen magischen Stein bekommen kann, woraufhin ich mich schleunigst ehrfürchtig verbeuge, danke und verschwinde, bevor er mir seinen heiligen Schabernack andrehen kann.

In der Teestube an der Ecke sitzen die Arbeiter in ihrer Mittagspause. Ein junger Mann spricht mich an. Er möchte alles über den Westen erfahren. Ich erzähle, was ich weiß, was mir einfällt und er revanchiert sich mit einer Geschichte dazu aus seinem Land. Wie immer ist das Leben wunderbar ähnlich, auch wenn es unterschiedlicher nicht aussehen könnte.
Ich gebe ihm meine Uhr. Er hat nicht danach gefragt, aber einen neugierigen Blick darauf geworfen. Manchmal weiß man, was man tut. Weil man die Gedanken vergisst oder der Intuition freien Lauf lässt. Dann ist da so ein Gespür, das mir helfen wird, das Richtige zu tun oder mich in die Sackgasse schickt. Aber das ist egal, weil es sich auch mal gut anfühlt, einfach zu tun, wonach mir ist. Ohne zu überlegen, zu kalkulieren oder abzuwägen. Nicht immer einfach für den durch alle Optimierungsmodelle getriebenen Volkswirt in meiner Brust.
Alleine dafür bin ich meinem Gesprächspartner jetzt dankbar. Nach einer Stunde verabschieden wir uns mit sanftem Augenkontakt und Schulterklopfen. Offenheit macht froh und die Gemeinsamkeiten verbinden, vor allem wenn 12.000 Kilometer zwischen unseren Welten liegen. Das nimmt allen Problemen die Schwere, weil wir trotzdem spüren, dass wir nicht alleine mit unseren Geschichten sind. Er ist mir ans Herz gewachsen, obwohl wir kaum eine Stunde geplaudert haben und seinen Namen habe ich auch schon wieder vergessen. Ich laufe mit einem guten Gefühl weiter, welches mehr wert ist als die Uhr. Das ist sicher. Bis hierher ist alles gut, dann denke ich: Alles richtig gemacht.

Und da ist sie dann wieder, die alte westliche Legitimationswut allen Handelns. Da kann ich nicht aus meiner Haut, vielleicht meine persönliche, nervöse Vibration, die sich letztendlich nur mit 100 Jahren Meditation oder eben einem Schluck Edelsteinwasser heilen lässt.

Autor Andi: Porträt mit einem Lama. (Foto: Privat)

Autor Andi: Porträt mit einem Lama. (Foto: Privat)

Ich schlendere über den bestialisch stinkenden Markt und nähere mich dem großen Fort dahinter. Das Wahrzeichen Galles aus der Kolonialzeit und der Besatzung durch die Holländer.
Im Park werde ich angesprochen. Der junge Mann in Bundfaltenhose stellt sich vor. Sahib ist sein Name. Adrett und von gebildetem Format. Er berichtet über die Geschichte des Orts und führt mich die Stadtmauern entlang durch das Fort. Dann hat er eine Bitte. Er ist auf der Suche nach einem Übersetzer, jemand, der ein paar Worte ins Deutsche übertragen kann. Das glaube ich jetzt nicht, aber ich liebe Zufälle und bin sein Mann.

Der Raum ist aufgeräumt, dunkel und kühl. Der Teppichboden und die großen Gemälde an der Wand verleihen dem Zimmer ein gebieterisches Äußeres, das in starkem Kontrast zu der staubigen Hitze auf den Straßen vor der Tür steht. Sahib sucht ein Dokument in den Schubladen des großen Schreibtischs mit dem Sessel dahinter. Ich sinke in einen bequemen Stuhl mit Lehnen. Er reicht mir ein Heft, in dem ein paar englische Sätze stehen, die ich ins Deutsche übersetze. Das Ganze ist nach vier Minuten erledigt. Dann betritt ein großer Mann mit eleganter Sonnenbrille, gefolgt von einem zweiten, kleinen Typ den Raum. Der Große trägt eine schwarze Anzughose und ein hellblaues Hemd mit steifem Kragen und dunklen Manschettenknöpfen. Er stellt sich als Mr. Fernando vor und nimmt hinter dem Schreibtisch Platz. Der Andere setzt sich stumm auf einen Stuhl in der Ecke. Sahib steht still dahinter.

Unser zufälliges Treffen besteht jetzt aus vier Personen. Alle gut gekleidet und ich in Boardshorts mit Flipflops an den Füßen. Mr. Fernando stellt die Ellenbogen auf und faltet seine Hände. Er denkt nach, während ich mich frage, wo sich unsere seltsame Runde hinbewegen wird.

Ich habe 15 Dollar in der Tasche und bin damit als Opfer eines Überfalls gänzlich ungeeignet. Außerdem hängt keine bedrohliche Stimmung in der Luft und feindselig sehen die drei ebenfalls nicht aus. Auch das edle Mobiliar passt nicht zu einem Haufen Tagediebe, die einen Touristen in Badehose überfallen wollen. Vor mir sitzen Geschäftsmänner, die nach Business und Investitionsplänen aussehen; noch zurückhaltend, vielleicht unentschlossen, aber unmittelbar davor, einen Fremden in die großen Geheimnisse dieses Raumes einzuweihen.
Dann nimmt Mr. Fernando seine Sonnenbrille ab. Fast akzentfrei wandert Small Talk über seine Lippen. Aufmerksam, höflich, professionell. Nachdem wir etwas über dies und jenes und mit Sicherheit nicht über den eigentlichen Sinn und Zweck unseres Treffens gesprochen haben, fragt er:
»Was weißt du über Edelsteine?«

»Naja, Edelsteine sind Edelsteine, nicht ganz günstig, vermute ich.«

»Das stimmt. Edelsteine haben einen hohen Preis.«

Die Worte wirken. Dann fährt er fort.
»Sri Lanka verfügt über glänzende Ressourcen. Edelsteine, allen voran Rubine. Es sind die Steine, die für Sri Lanka so bedeutsam sind. Die Zukunft des Landes hängt davon ab. Wirtschaftliches Wachstum und die Möglichkeit, der Armut Einhalt gebieten zu können. Denn wir wollen den einfachen Leuten helfen, den Familien…«
Er hält inne.
Der Statist vom Stuhl in der Ecke erhebt sich ferngesteuert und legt ein schwarzes Bündel vor Mr. Fernando auf dem Schreibtisch ab. Mr. Fernando greift danach und rollt das schwarze, samtweiche Tuch vor meinen Augen aus. Darauf purzelt ein Haufen rötlich schimmernde Steine hin und her, die mich funkelnd anschauen.
»Wow, sind das Rubine?«, frage ich. »Schön!«
»Ja, Rubine sind schön! Und besonders in Europa…«
»…das Problem sind die Steuern. Der Staat steht im Weg, behindert die Wirtschaft und den Fortschritt des Landes. Die Exportsteuer liegt bei 80 Prozent und verhindert unsere Geschäfte mit Europa. Geschäfte, die meinem Land helfen können.«
Aha.
»Das Modell ist einfach! Und ertragreich!«
»Touristen zahlen keine Steuern auf die Mitnahme der Steine.«
»Am Flughafen kommt unser Kontaktmann und nimmt die Steine entgegen.«
Okay.
Flughafen. Kontaktmann. Übergabe. Edelsteine. Sri Lanka. Grenzenloser Reichtum und dabei auch noch den Armen helfen.
Ich soll Rubine schmuggeln?
James Bond, hinter verschlossenen Türen, im Halbdunkel dieses Büros. Am Schreibtisch mit Mr. Fernando und seinem Gefolge, irgendwo im Süden Sri Lankas, in Folge eines Kontakts im Park von Galle?
Ich bin dabei!
Mr. Fernando überreicht mir ein Heft mit handschriftlichen Notizen, das mich an Siris Guestbook erinnert.
Es hat überzeugende Wirkung.
…Ich konnte nicht glauben, dass es sich um ein legales Geschäft handelt. Ich habe mit kleinen Beträgen begonnen, mittlerweile finanziere ich meine Urlaube mit dem Zusatzgeschäft, 6 Monate im Jahr…
…Ich war am Anfang skeptisch, aber die Übergabe am Flughafen in Frankfurt verläuft jedes Mal reibungslos. Mittlerweile bringe ich die Steine hauptberuflich nach Holland. Ein angenehmer Beruf ohne Risiko…
Ich lehne mich zurück. Ausatmen, um Ordnung im Hirn zu schaffen. Spitzenplan. Aber ich kann nicht ein Wort von diesem einfachen Geschäftsmodell, welches mir eben auf der Straße über den Weg gelaufen ist, überprüfen. Ich lege die Karten auf den Tisch. Ich habe keine Ahnung, ob die Steine echt sind und auch nicht genug Geld, um welche zu erwerben. Egal, ob ich die Rubine direkt am Flughafen zurück verkaufe oder nicht. Mr. Fernando weist nochmals auf die Vorzüge hin, aber zeigt dann Verständnis. Er hat es nicht nötig, mit verbaler Überzeugungsarbeit zu hausieren, sondern pickt stattdessen zwei kleine Steine heraus, um sie mir zu geben. Als Geschenk.
Na, ob die wohl echt sind?
Wie oft bekommt man Edelsteine geschenkt? Von einem Fremden. In der Dritten Welt.
Egal, unser Geschäft ist vertagt. Wir verabschieden uns bis zu meiner Rückkehr nach Sri Lanka und einer ertragreichen Geschäftsbeziehung in einer glänzenden Zukunft.
Am nächsten Morgen surfe ich mir in absolut perfekten Wellen die Seele aus dem Leib. Drei Stunden lang. Ich bin super stoked, überglücklich und leider an meinem letzten Tag angelangt. Ich laufe ein bisschen melancholisch durch die Gegend, verabschiede mich von allen Leuten, starre auf die Wasserwände, die nach wie vor an den Strand hämmern, und bin randvoll mit dem Gefühl: Alles ist so gut!

Frühstück im Surfcafé, Zwischenstop am Kiosk an der Straße, eine Runde vorbei an den Händlern im Ort und ein letzter Schnack mit dem weisen, alten Mann aus meiner Unterkunft. Mr. Miagi kann wieder mal sagen, was er will. Nichts, Beiläufiges oder weise Worte. Was immer es ist, es trifft. Muss die ruhige, gutmütige Art sei. Oder die neugierigen Augen, oder das stille Kichern. Eine Zufriedenheit mit sich und der Welt, die genauso beneidenswert ist, wie ansteckend. Der Mann ist ein Erlebnis, Sri Lanka pur, mit grauem, glänzendem Haar und einem Herz voller Liebe. Schwer sich loszureißen, aber mir fällt nichts mehr ein und ich bin noch nicht so weit, einfach mit ihm zu schweigen.
Also weiter. Sachen packen, doch noch eine letzte Besorgung und nochmal Abflugzeiten und Datum (wirklich heute?) checken. Ich bin dieser wundervollen Insel unendlich dankbar. Erstaunlicherweise freue ich mich gleichzeitig, zurückzukehren. Das passt nicht ins Bild, aber in meine Laune.
Ich organisiere ein Taxi auf der Straße. Wir laden die Sachen ein und am liebsten würde ich Mr. Miagi zum Abschluss umarmen (oder einpacken und mitnehmen). Ich traue mich aber nicht und gebe ihm konzentriert ehrfürchtig die Hand. Er lacht und umarmt mich mit seinen Augen. Er schmunzelt, weil er weiß, was mit mir los ist. Er ist allwissend, also muss er das wissen.

Zum 4. Teil Andi landet auf Sri Lanka

Zum 3. Teil Heimaturlaub

Zum 2. Teil Andi reist nach Australien

 Zum 1. Teil Andi reist nach Bali

Zum Interview mit Andreas Brendt geht es hier

Zur Webseite des Buchs geht es hier

 

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