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„Boarderlines“ Teil 4: Lehrer Andi landet auf Sri Lanka

DÜSSELDORF/KÖLN. Lehrer Andreas Brendt hat viele Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Heute unterrichtet er in Köln und hat sich einen weiteren Traum erfüllt: Ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Es geht um Reisen, um Begegnungen auf der ganzen Welt und wie diese den Blick auf Zuhause verändern. Für die News4teachers.de-Leser veröffentlicht er hier in den folgenden Wochen in elf Folgen Teile seiner Geschichte. Viel Spaß bei der Sommerlektüre.

Teil 4
X. Sri Lanka, 1998

Ein Wirrwarr aus Menschen kämpft sich die hitzigen Gänge entlang. Der Flughafen in Colombo platzt aus allen Nähten. Die Hektik ist asiatisch. Schwer zu beschreiben. Kleine Menschen, lustiges Treiben und alle durcheinander. Sri Lanka liegt südöstlich des indischen Subkontinents, ist die kleine Schwester und auf dem Wasserweg nur 54 Kilometer vom großen Bruder entfernt. Ein schlafender Rubin, tropisch, leiser als Indien, vielleicht auch schöner, aber vor allem: Ausgestattet mit besseren Wellen.

Ich lasse die übereifrigen Taxiagenten links liegen und laufe hinaus auf die Straße. Dort wartet eine lange Reihe Autos und ein Taxifahrer, der sich wenig um den Trubel schert. Das ist mein Mann. Das ist der Richtige. Weniger Geschäftssinn hat Seltenheitswert, ist vielleicht eine besondere Begegnung und vor allem weniger Kampf in den Verhandlungen.

Ich quatsche ihn an und beginne mit belanglosen Dingen, wie der Uhrzeit. Er versteht, spielt mit und wir nähern uns dem Casus Knacktus. Transport, ich brauche eine Fahrt zum Bahnhof. Er bietet an, mich auch überall sonst hinzufahren:
»…ans Ende der Welt oder den Anfang der Zeit, je nachdem, wohin du willst.«
Ich muss grinsen und gleichzeitig aufpassen, meine Position nicht zu verlieren. Erst verhandeln, dann lieb gewinnen:
»Nein danke, zum Bahnhof reicht aus.«

Ich will Geld sparen und Zug fahren, auch wenn es mir schwer fällt, seinen neugierigen Augen und den schönen Worten zu widerstehen. Es folgen die kalten Zahlen.
Ich versuche mit einer resoluten Haltung vorzugaukeln, dass ich die Taxipreise in diesem Land seit Jahrzehnten kenne. Er nennt einen Preis, den er nur einmal im Leben anbieten kann, woraufhin ich natürlich aus allen Wolken falle. Es folgt die Annäherung auf der Basis von freundlich empörten Zugeständnissen in Höhe von kleineren Pfennigbeträgen. Wir kämpfen wie Feinde und einigen uns wie Brüder. Dann verstauen wir mein Zeug, schnallen die Bretter fest und düsen los.
Im Taxi plaudern wir. Er heißt Gauri und erzählt mir von Sri Lanka. Dem, was hier passiert und ich ihm, weshalb ich gekommen bin. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt seine Geschichten, ein Blick auf das Dach des Wagens meine.

Andi und ein Lama. (Foto: Privat)

Andi und ein Lama. (Foto: Privat)

Während wir durch Colombo fahren, müssen wir immer wieder Militärposten passieren. Ausnahmezustand. Bewaffnete Barrikaden, aufgetürmte Sandsäcke und fest installierte, großkalibrige Geschütze, die alles im Auge behalten, was sich bewegt. Manchmal werden wir durchgewunken, manchmal müssen wir aussteigen, damit die Soldaten den Wagen untersuchen können. Sie wühlen durch mein Gepäck, tasten die Bretter auf dem Dach ab und kontrollieren den Unterboden des Taxis mit Spiegeln an langen Stöcken. Die Stadt fürchtet weitere Bomben. Sie zittert vor der unsichtbaren Zerstörung, die hier nicht hingehört. Sri Lanka gilt als Geburtsstätte des Buddhismus, ist heiliges Land, Ursprung von Frieden und Harmonie, Sanftmut und Menschlichkeit. Eigentlich. Der Blick aus dem Fenster spricht eine andere Sprache. Krisengebiet und Bürgerkrieg statt seliges Tropenparadies und unbekümmertes Sein. Während die bewaffneten Männer ihren Job machen, wirken sie angespannt und konzentriert, aber sind herzlich, wenn sie uns passieren lassen. Das Gute ist überall, steckt tief drin, wartet unter der Bewaffnung. Ich möchte ein Foto machen, den Gegensatz von Uniform und Menschlichkeit und dieses Lachen festhalten, weil es ein Bild für die Götter ist. Schöner als Krieg oder vielleicht besonders schön im Krieg. Trotzdem traue ich mich nicht zu fragen. Seit Jahren wüten Kämpfe hier. Die tamilischen Separatisten fordern die Unabhängigkeit im Norden und Osten des Landes. Mit Waffengewalt. In den letzten Wochen gab es wieder blutige Anschläge, zerfetzte Körper, abgerissene Gliedmaßen, allen voran in der Hauptstadt Colombo. Der Süden scheint weitgehend verschont. Noch.

Am Bahnhof verabschieden wir uns. Gauri ist ein Mensch, der so viel Ruhe ausstrahlt, dass man davon ergriffen wird. Wie er das macht, ist mir ein Rätsel, aber eins, das gut tut und in dem ich am liebsten baden würde. Gerne wäre ich länger mit ihm zusammen geblieben, aber unsere Fahrt ist hier zu Ende.

Zum 3. Teil Heimaturlaub

Zum 2. Teil Andi reist nach Australien

 Zum 1. Teil Andi reist nach Bali

Zum Interview mit Andreas Brendt geht es hier

Zur Webseite des Buchs geht es hier

 

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