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Was ist „pädagogischer Bedarf“? Spaenle-Brief an Schulen sorgt für Streit ums G9

MÜNCHEN. Die neuen G9-Züge an den bayerischen Gymnasien bleiben offenbar Schülern mit „entsprechendem pädagogischen Bedarf“ vorbehalten. Das geht aus einem Brief von Kultusminister Spaenle an die Gymnasien hervor. Was genau das heißen soll, darüber streiten nun Regierung und Opposition.

Die geplanten neunjährigen Züge am achtjährigen Gymnasium sollen Schülern mit pädagogischem Bedarf vorbehalten bleiben. Das kündigt das Kultusministerium in einem Brief an die Gymnasien an, über den «Süddeutsche Zeitung» und «Münchner Merkur» (Donnerstag) berichteten. Mit dieser Orientierung am pädagogischen Bedarf könne «nicht gleichzeitig eine Wahlfreiheit» einher gehen.

Kultusminister Ludqwig Spaenle will «pädagogischen Bedarf» nicht nur auf schlechte Schüler bezogen wissen. Foto: Sigismund von Dobschütz /  Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Kultusminister Ludqwig Spaenle will «pädagogischen Bedarf» nicht nur auf schlechte Schüler bezogen wissen. Foto: Sigismund von Dobschütz / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Das Kultusministerium betonte, mit «pädagogischem Bedarf» seien keineswegs nur schlechte Schüler gemeint, wie die Opposition einmütig kritisierte. Pädagogischer Bedarf besteht demnach laut Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) nicht nur für Schülerinnen und Schüler, «die längere Zeit brauchten, um sich den Stoff zu erschließen». Spaenle bezog ausdrücklich Schüler ein, «die besondere Talente ausprägen wollen, die zum Beispiel für einen längeren Auslandsaufenthalt oder für hohes sportliches oder musisches Engagement mehr Zeit in der Mittelstufe nutzen wollen».

Die Opposition schenkt dem keinen Glauben: «Ein paar leistungsschwächere Schüler kommen in eine bessere Wiederholungsklasse und werden damit für ihre Leistungen an den Pranger gestellt, während ihre Klassenkameraden mit den besseren Zensuren zwangsläufig das G8 durchlaufen müssen – mit Stress und zu wenig Zeit neben der Schule», kritisierte SPD-Schulexperte Martin Güll.

Die Gymnasien sollen nach dem «Mittelstufe plus»-Plan des Ministeriums nach Bedarf vierjährige neben den dreijährigen Mittelstufezügen anbieten. Somit würde sich für die «Mittelstufe plus»-Schüler die Gymnasialzeit auf neun Jahre verlängern. Die ersten Pilotklassen soll es von nächstem Schuljahr an an ausgewählten Gymnasien geben, ein größeres Angebot ist von 2017/18 an geplant.

«Faktisch ist die Mittelstufe plus ein Sitzenbleiben im Klassenverband», monierte der Grünen-Bildungspolitiker Thomas Gehring. Bei den Freien Wählern kritisierte der Abgeordnete Günther Felbinger: «Ich bin entsetzt darüber, was das Ministerium beim Gymnasium wirklich plant und was die CSU gleichzeitig nach außen kommuniziert.»

Spaenle warf der Opposition vor, den Begriff «pädagogischen Bedarf» misszuverstehen. «Die SPD und die Grünen verharren offensichtlich in einer überkommenen pädagogischen Blickweise.» Die Grünen sprächen sogar wider besseres Wissen von «Sitzenbleiben».

zum Bericht: DGB und GEW Bayern warnen: “Mittelstufe plus” führt zu mehr Abschottung

2 Kommentare

  1. Lieber Herr Spaenle, bitte bleiben Sie bei der Wahrheit:
    1) Gute Schüler würden in einem weiteren Jahr Mittelstufe wegen geistiger Unterforderung einschlafen.
    2) Hohes sportliches und / oder musisches Talent sollte sinnvollerweise nicht an Schulen ausgelebt werden, weil die nicht dafür ausgelegt ist. (Nebenbei: Naturwissenschaftliches Talent wird mal wieder ausgespart. Das hat aber in einer verlängerten Mittelstufe nichts verloren.)
    3) Auslandsaufenthalte bieten sich am Ehesten im ersten Oberstufenjahr an, welches ggf. wiederholt wird. Dann hat man zwar das Abitur nach 13 Jahren, sich aber die verlängerte Mittelstufe erspart.

    Liebe SPD, bleib auch Du bitte bei der Wahrheit:
    1) Die Mittelstufe plus ist kein Sitzenbleiben im Klassenverband, weil (zumindest hoffentlich) kein Schuljahr wiederholt wird, lediglich der Stoff über ein zusätzliches Jahr gestreckt wird.
    2) Der Stress hält sich für die G8-Schüler in Grenzen.

    Zusatzfrage: Der Ganztag wurde ja auch auf Druck von Elternseite eingeführt. Müssen die G9-Schüler dann auch nachmittags in den Unterricht? Falls ja, lösen sich sämtliche Argumente hinsichtlich Zeitdruck in Luft auf, weil diese auf die langen Schultage basieren.

    Fazit: Ich hoffe, das die Schulen die G9-Zweige nach dem Wahlverhalten einrichten dürfen und sie sich damit schon angesichts der extremen Mehrarbeit für die Lehrer im Wesentlichen selbst erledigt haben. Schulen können ja in ihr Profil ein “besonders intensives Lernklima” aufnehmen und dadurch die G9-Klassen faktisch ausschließen.

  2. Hinter dem ganzen Streit steckt doch eine schwierige politische Gemengelage bei der CSU. Die Fraktion würde am liebsten die verlängerte Mittelstufe so unattraktiv machen (etwa durch ein Sitzenbleiberimage), dass sie niemand wählt, während Seehofer durch eine weitgehende Wahlfreiheit das Themas G8/G9 ad acta legen will.
    Das Schreiben der Ministeriums an die Schulen (Es gibt keine Wahlfreiheit, G9 nur bei Förderbedarf) folgt eher der Linie der Fraktion, während Spaenles Dementi (Fördern kann man gute wie schlechte Schüler) die Sache wieder stärker offen hält.
    Hauptattraktivität der verlängerten Mittelstufe ist der mögliche Verzicht auf Nachmittagsunterricht (bei trotzdem mehr Unterrichtszeit als der verkürzte Zweig). Am Lande weichen in Bayern wegen der langen Schultage in der Mittelstufe massenhaft gute Grudnschüler auf die Realschulen aus. Dieses Problem könnte man durch eine Wahlfreiheit bei einer Mittelstufe plus lösen.

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