Anzeige


Startseite ::: Titelthema ::: Erziehungsberater Jesper Juul im Interview: „Erwünscht ist Gehorsam“

Erziehungsberater Jesper Juul im Interview: „Erwünscht ist Gehorsam“

DÜSSELDORF. Von Schulpolitikern und ihren Reformen hält er wenig. Der dänische Erziehungsberater Jesper Juul erklärt im Interview unter anderem, wie Lehrer mit Vorgaben von oben umgehen sollten.

N4T: Es gebe keine größere Mission auf der Welt als Lehrer für Kinder zu sein, wenn diese ihrem Lehrer hingebungsvoll vertrauen, schreiben Sie. Im Alltag scheint jedoch einiges falsch zu laufen, Was ist die Ursache unserer Bildungsprobleme?

Juul: Sicher gibt es dafür viele Ursachen. Wichtig scheint mir ein Paradox zu sein, das es seit den ersten öffentlichen Schulen gibt: Sie wurden selten mit Bezug auf die Menschen, die dort lernen und arbeiten, gelenkt. Unsere Schulen gründen auf Lern-, Entwicklungspsychologie und pädagogischer Methodik.
Darum lösen Reformen oder Gesetze niemals die Grundprobleme der Schule. In Dänemark haben wir gerade eine neue „große“ Schulreform begonnen, die ich bereits für gescheitert halte, bevor sie eingeführt wird. Die Gründe sind zum einen die Tatsache, dass die Reform von Politikern und Hochschulprofessoren konzipiert wurde und die Stimmen der Lehrkräfte, Kinder und Eltern in dem gesamten Entwicklungsprozess kaum beachtet wurden. Nur die Lehrergewerkschaft wurde „gehört“ und in diesem Fall völlig überstimmt. Alle politischen Hauptakteure behaupten, dass ihre Positionen „für das Wohl unserer Kinder“ seien. Fakt ist, dass sie entweder völlig ignorant sind oder einfach nur lügen. Die Folge ist: Keiner der Menschen, die in der Schule arbeiten und lernen, fühlt sich für die Arbeit verantwortlich. Von ihnen wird zu wenig Verantwortung erwartet oder sie wird nicht genug geschätzt – erwünscht ist lediglich ihr Gehorsam.

Jesper Juul in Frankfurt; 11.04.2008

Jesper Juul würde sich heute nicht mehr als Lehrer ausbilden lassen. Foto: Vanja Vukovic

N4T: Das klingt frustrierend. Was raten Sie Lehrern, Eltern und Schülern, die sich mit dem Schulsystem dennoch arrangieren müssen?

Juul: Trotz Schulgesetzgebung ist es durchaus möglich, jede einzelne Schule in einen effektiven und produktiven Arbeitsplatz zu verwandeln, wenn Schulleitung und Lehrkräfte sich darum bemühen. Die Vorschriften und Anforderungen im Gesetz verbieten dies nicht – nur Traditionen und Mangel an Willenskraft stehen dem entgegen. Die politische Führung vor Ort, aber besonders die Schulleitungen sind entscheidend für diesen Prozess, denn wie sie mit Lehrkräften und Eltern kommunizieren, bestimmen, wie jeder mit den Kindern spricht und wie diese untereinander und mit ihren Lehrkräften sprechen. Kommunikative Kompetenz ist ganz entscheidend für ein gutes Schulklima.

N4T: Haben Sie so etwas wie ein „Rezept“ dafür, wie man schwierige und stürmische Zeiten in der Schule oder im Familienleben übersteht?
Juul: Nein, tut mir leid.

N4T: Wie würden Sie eine erfolgreiche Beziehung zwischen Schülerinnen und Schülern sowie ihren Lehrkräften beschreiben?

Juul: Eine Beziehung mit gegenseitigem Respekt und Anerkennung, wo der Lehrer sich seiner Führungsrolle bewusst ist und die volle Verantwortung für die Qualität der Beziehung übernimmt − alles im Interesse des gemeinsamen sozialen und inhaltlichen Lernens.

N4T:: Sie sind selbst Lehrer für Geschichte und Religionspädagogik. Inzwischen arbeiten Sie in der Lehrerausbildung. Warum wollten Sie Lehrer werden und würden Sie diesen Beruf wieder wählen?

Juul: Ich wurde Lehrer, weil die dänische Lehrerlaufbahn damals viel mehr „Bildung“ als Ausbildung war und – ehrlich gesagt – weil ich immer gut in der Schule war. Nachdem ich Lehrer geworden war, merkte ich, dass ich das Unterrichten mochte, mich aber in der verordneten Schulkultur nicht zurechtfand. Ich übernahm eine Stelle als Lehrer in einer Einrichtung für vernachlässigte und missbrauchte Kinder und begann meine zweite Ausbildung als Familientherapeut. Die Kombination dieser beiden Ausbildungen und die Vielfalt der pädagogischen Erfahrungen erlaubte es mir, Postgraduiertenprogramme für Lehrkräfte zu erstellen, die es schwierig, frustrierend oder anstrengend finden, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. So wie Lehrerausbildung heute oft funktioniert, würde ich daran ungern teilnehmen, denn sie erscheint mir in vielen Fällen komplett an der Schulrealität vorbeizugehen. Allerdings würde ich immer wieder gerne an der Verbesserung menschlicher Beziehungen und der Erwachsenenbildung arbeiten.

N4T: Sie vertreten die Ansicht, dass Bildung nicht nur eine Frage der Ausbildung und Prägung der Gehirne unserer Kinder sei. Können Sie diese Überzeugung etwas genauer erklären? Es ist eine Überraschung in Zeiten von PISA und anderen Schulergebnisstudien.

Juul: Die PISA-Studien waren eine gute Idee, doch leider haben Politiker, Regierungsbeamte und Lobbyisten die Ergebnisse zu sehr vereinfacht oder sogar missbraucht – im Inland, aber auch international. Fähigkeiten in Mathematik, zum Beispiel, werden von konservativen genauso wie von liberaler denkenden Experten für die eigene Argumentation genutzt. Es ist nicht nur unehrlich, es ist traurig, dass diese Studie eine eigentliche wichtige Debatte so dominiert. Denn es gibt viele Bestandteile einer guten Bildung, für die PISA-Studien keine Antwort bereit halten. Stellen Sie sich vor, dass wir die Qualität des Familienlebens messen wollen, indem wir die Ernährung, Schlafgewohnheiten oder Sportstunden von Familien untersuchen.
Seit Urzeiten ist der politische und pädagogische Fokus der Untersuchung unserer Schulen nur auf schulische Leistungen und Erfolg ausgerichtet. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten haben wir begonnen, uns die Lernumgebung der Kinder genauer anzusehen, die besonders erfolgreich und weniger erfolgreich in der Schule lernen.
Natürlich ist Schule für das Wohlergehen der Schüler verantwortlich. Weder die Schule noch die Lehrkräfte können Schülern allerdings das gewährleisten, was sie für ein gutes Leben brauchen. Diese Verantwortung liegt bei den Familien und hoffentlich – in einer wunderbaren nahen Zukunft (!) – werden beide, Schule und Elternhaus, eng zusammenarbeiten.

N4T: Sie konstatieren einen enormen „Bildungsdruck“, den das deutsche Bildungssystem aufbaut für all die, die erfolgreich sein wollen. Wo nehmen Sie das wahr und was kann gemacht werden, um den“ Druck“ abzubauen?

Juul: Leider gilt das nicht mehr nur für Deutschland. Die EU macht uns klar, dass ein gutes Leben sich nur über akademische Leistung erreichen lässt und dass ein Land mit guten Absolventen wettbewerbsfähig bleibt. Wie wir gerade in Dänemark sehen konnten, ist das nur so lange richtig, bis ein Land neue Facharbeiter braucht. Dann dreht sich die ganze Propagandamaschine plötzlich und die Fächer an Universitäten werden wieder mit einem unerreichbaren Numerus clausus belegt.

Fazit: Wenn Sie mit Kindern über deren berufliche Zukunft sprechen, vertrauen Sie nicht den lautesten Politikern oder den größten Schlagzeilen. Treffen Sie eigene Entscheidungen und unterstützen Sie die Träume und Ziele von Kindern so wenig „politisch korrekt“ sie auch erscheinen mögen. Hören Sie auf, Kinder nach ihren Noten oder Zielen für die Zukunft zu fragen. Fragen Sie sie stattdessen: Bist Du mit der Schule zufrieden?, Behandeln Deine Lehrkräfte Dich gut?, Wer ist Dein bester Freund? Was ist Dein Lieblingsfach? Das Gespräch führte Malina Dreesen

Vita
Jesper Juul wurde 1948 in Vordingborg, Dänemark geboren. Er ist Lehrer und Familientherapeut. In zahlreichen Publikationen hat er sich mit Bildungs- und Erziehungsfragen auseinandergesetzt, aktuelle Veröffentlichungen „Pubertät – Wenn Erziehen nicht mehr geht: Gelassen durch stürmische Zeiten“ und „Schulinfarkt. Was wir tun können, damit es Kindern, Eltern und Lehrern besser geht“. Mehr Informationen unter www.jesperjuul.com www.familylab.de

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*