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„Verdeckter Unterrichtsausfall“ – Verband kritisiert schöngerechnete Statistiken

BERLIN. Nur zwei Beispiele von vielen: Jede 50. Unterrichtsstunde in Sachsen-Anhalt und jede 25. in Thüringen ist im letzten Schuljahr ausgefallen. Doch was genau besagen derartige Statistiken? Was führt dazu, eine Stunde als ausgefallen zu werten? Die Maßstäbe bei Verbänden und Ministerien sind naturgemäß unterschiedlich. Das sorgt immer wieder für Streit.

In Brandenburg gab es in diesem Winter mehrere hundert Zeugnisse mit Leerstellen: An etwa 20 Schulen blieben Fächer wie Physik oder Biologie ohne Noten – wegen hoher Unterrichtsausfälle. Ein Extremfall, dessen Wiederholung der Potsdamer Bildungsminister Günter Baaske (SPD) mit mehr Lehrerstellen verhindern will. Aber auch im benachbarten Berlin ist die Debatte über ausgefallene oder ohne echten Fachunterricht vertretene Schulstunden im Gange. Dort ärgern sich Eltern und Verbände über angeblich schöngerechnete Statistiken.

Ist hier möglicherweise der Unterricht ausgefallen? (Foto: audio-luci-store.it/Flickr CC BY 2.0)

Ist hier möglicherweise der Unterricht ausgefallen? (Foto: audio-luci-store.it/Flickr CC BY 2.0)

Der Bundesvorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, verlangt von den Kultus- und Bildungsministerien der Länder mehr Ehrlichkeit: Es genüge nicht, nur die etwa durch Erkrankung eines Lehrers ersatzlos gestrichenen Stunden statistisch zu erfassen. «Die Ministerien wollen nur wissen: Wie oft wurden die Kinder heimgeschickt, wann war gar kein Lehrer in der Klasse?», kritisiert Meidinger. «Als Elternteil interessiert mich aber doch auch, ob eine Mathematikstunde gar nicht wirklich erteilt wurde, weil ein Kunstlehrer als Ersatz vor der Klasse stand, ob also gar kein Fachunterricht stattfand.»

Bei Schulstunden, die nicht fachgemäß gegeben wurden, werde Unterrichtsausfall «tausendfach» verdeckt, so der Verbandschef. In Deutschland entfielen pro Woche knapp eine Million Stunden – gut 8 Prozent des Unterrichts. Meidinger betont, dass seine Zahlen auf fundierten Schätzungen beruhen, «die aber erheblich näher an der Realität sind als jede Statistik eines Ministeriums».

Die Länder hängen das Thema tiefer, und sie geben andere Statistiken heraus, wie eine Umfrage jetzt ergab. Überwiegend wird die Unterrichtsversorgung als einigermaßen gut bezeichnet – es werde viel für eine ausreichende Bereitstellung von Lehrern und auch für deren Gesundheitszustand getan. Die von den Bildungsbehörden genannten Ausfall-Quoten lagen – falls aktuell ermittelt – meist zwischen 2 und 3 Prozent, Thüringen und Sachsen waren knapp darüber.

Mit klaren Worten positioniert sich der Sprecher des Mainzer Bildungsministeriums, Wolf-Jürgen Karle: «Die Hochrechnungen zum Unterrichtsausfall waren noch nie nachvollziehbar, weil noch nie – zumindest in den vergangenen 20 Jahren, die ich überblicke – jemand diese Angaben mit konkret erhobenen statistischen Daten untermauern konnte.» Unklar sei auch immer der Maßstab, «der bei solchen einfach mal in die Welt gesetzten Zahlen herangezogen wird».

«Ist es vielleicht schon Unterrichtsausfall, wenn nicht der vorgesehene Fachlehrer in der Klasse anwesend ist, aber trotzdem Unterricht in dem Fach stattfindet?», fragt Karle mit ironischem Unterton. «Oder ist es Unterrichtsausfall, wenn der Fachlehrer fehlt, aber stattdessen Unterricht in einem anderen Fach oder Projektarbeit stattfindet?» Aus Sicht der Ministerien seien die Statistik-Zweifel unberechtigt: «Die Daten kommen direkt aus den Schulen und werden von der Schulaufsicht und vom Statistischen Landesamt zusammengefasst.»

Ursache für Stundenausfall sei «der Mangel an Fachlehrernachwuchs», sagt Karle, «zum anderen fällt Unterricht aus wegen Erkrankungen, Weiterbildungen von Lehrkräften, Klassenfahrten oder ähnlichen Auslösern.» Selbst bei einem Vertretungslehrer-Pool oder mehr Geld zur Einstellung von Aushilfskräften lasse sich Unterrichtsausfall nie ganz vermeiden.

Der Vorsitzende des Landeselternausschusses Berlin, Norman Heise, sieht beschwichtigende Aussagen seiner Bildungsbehörde («2,1 Prozent der wöchentlich zu erteilenden Unterrichtsstunden ausgefallen») kritisch: «Eltern können in der Realität diese Zahlen nicht nachvollziehen. Ob getrickst wird, möchten wir nicht unterstellen. Wir beobachten jedoch, dass die Kriterien zur Erfassung von Ausfall und Vertretung nicht alle Formen von Ausfall und Vertretung berücksichtigen.» Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft bezweifelt, dass die offiziellen Zahlen realistisch sind, und fordert eine zehnprozentige «Vertretungsreserve» für Berlins Schulen.

In Niedersachsen gibt es zur Befriedung eine Telefon-Hotline für Eltern. Sie sei «für das Kultusministerium eine Art Seismograf, um entsprechend reagieren zu können. Da hier schon seit vielen Monaten nur sehr vereinzelt Anrufe auflaufen, gehen wir nicht davon aus, dass momentan Unterricht in großem Stil ausfällt», sagte eine Sprecherin. (Werner Herpell und Jens Albes, dpa)

zum Bericht: Gegen Unterrichtsausfall: Klaubert will die Arbeitsatmosphäre für Lehrer verbessern
zum Bericht: Hoher Unterrichtsausfall: Philologenverband fordert weniger Unterrichtsverpflichtung

 

8 Kommentare

  1. Unterrichtsausfall ist nicht gleich Unterrichtsausfall!
    Eine genaue statistische Erhebung ist hier sehr schwierig.
    Ist es uNterrichtsausfall, wenn eine Deutschstunde durch eine Mathestunde ersetzt wird?
    Ist es Unterrichtsausfall, wenn ein Mathelehrer in einer Klasse, die er nicht hat, einmal Mathe außerhalb des Lehrplans unterrichtet?
    Ist es Unterrichtsausfall, wenn ein fachfremder Lehrer eine gut durchdachte Stunde mit Film, Arbeitsblättern etc. hält?
    Alles Beispiele aus der letzten Woche, selbst erfahren!
    M.E. liegt Unterrichtsausfall nur dann vor, wenn die Lernenden ohne konkreten Auftrag die Stunde unter Aufsicht absitzen.
    Natürlich kann es vorkommen (wie in meiner Klasse), dass durch langfristige Erkrankung einer Lehrkraft in einem Fach erst einmal keine Note vergeben wird.
    Solange das kein wirklich relevantes Fach ist, ist das doch kein Beinbruch.
    In den wie auch immer gearteten Vertretungsstunden lernen die Schüler oft mehr:
    rfalio

  2. man könnte anordenen, das abwesende kehrer material für die ausfallenden Stunden bereitzustellen hat, seite x nr y oder basketball reicht in vielen Fällen aus. ausnahmen sind langfristige oder zu schwere erkrankungen. sogar viele plötzliche erkrankungen lassen sich am gleichen morgen beim telefonat mit dem vertretungsplanmenschen per seite x nr y vertreten. im Vorfeld bekannte termine wie fortbildungrn sowieso.

    • Wenn ein Lehrer krank wird, dann doch meist unplanmäßig. Wie kann man dann von ihm erwarten, dass er Material für die Vertretungsstunde bereitstellt? Da Klassenfahrten von der Schule gewollte Unterrichtsausfälle sind, muss meiner Meinung nach der Lehrer auch kein Material bereitstellen – warum sollte er dafür bestraft werden, wenn er auf Klassenfahrt geht. Klassenfahrt vorbereiten und dann noch zusätzlich den Unterricht, den er sonst halten würde??? Bei 47-Stundenwochen von Lehrern nicht zumutbar.

      • seite x nr y ist besser als jede spontane vertretungsstunde und in vielen fächern ohne zu großen aufwand möglich, kunst, sport und die experimentalfächer ausgenommen. ich habe ja geschrieben “wenn irgend möglich”. ich halte die strafe für die vertretende lehrkraft für deutlich größer.

  3. Ich finde es nicht tragisch, wenn Unterricht vorbereitet werden muss für die Stunden, in denen ich krank bin. Auch wenn ich unplanmäßig krank werde, habe ich mir doch schon Tage/Wochen zuvor Gedanken gemacht, was ich machen würde. Das kann ich einfach weiterleiten.
    Allerdings empfinde ich auch jede gut-geleitete Unterrichtsstunde durch einen der Klasse fremden Lehrer als Unterrichtsausfall. Unterrichtstausch, weil der Referendar die Mathestunde braucht, würde ich nicht dazuzählen, allerdings wenn ich dafür in die mir fremde Klasse des Referendars muss und dort in Politik Arbeitsblätter bearbeiten lasse, ist das Unterrichtsausfall. Es fängt ja schon damit an, dass ich nicht sicher sagen kann, ob der Herr Müller darauf besteht, dass dieses Arbeitsblatt mit Bleistift oder Füller ausgefüllt werden muss, wohin es abgeheftet werden muss, ob das prüfungsrelevant sein wird (im Zweifel natürlich immer), wann die Plakate vorgestellt werden können, etc. Das sind vielleicht auch Banalitäten, die später geklärt werden können, aber für die Kinder ist es wichtig und jede Vertretungsstunde bewirkt doch, dass die Kinder sich weniger ernst genommen fühlen in ihren Sorgen um ihr Politikplakat und die nächste Arbeit.
    Und mal ganz ehrlich: Vertretungsstunden sind immer stressig, nervig und häufig betreut man nebenbei auch noch die eigene Klasse, so dass de facto gar nichts stattfindet. Ich finde, die Politik ist es da schuldig, eine vernünftige Statistik über jeglichen nicht-planmäßigen Unterricht zu erstellen. Und ja, auch der Ausflug ins Museum gehört dazu. Es sollen zig zusätzliche Dinge neben dem Unterricht stattfinden, da ist es doch nur recht, dass der dafür “geopferte” Unterricht dokumentiert wird. Man kann das meinetwegen kennzeichnen, aber im historischen Museum hat die Mathematikstunde nicht stattgefunden. Punkt. und auch in der Oper oder im Theater war von Kurvendiskussion nichts zu merken, dann eine Woche Klassenfahrt, das Schülerpraktikum und Sprechtage, da brauchen die Herrschaften Politiker sich nicht einbilden, dass man in Mathematik im nächsten Jahr noch zusätzliche Inhalte bearbeiten kann.

  4. Zur Klärung der Begrifflichkeiten: In Vertretungsstunden werden Schülerinnen BETREUT, aber nicht unterrichtet. “Unterricht” ist ein längerer und kontinuierlicher Prozess, der zwischen Lehrer und Schüler stattfindet und der nicht von einem Vertretungslehrer egal wie qualifiziert mal für eine Stunde übernommen werden kann. Man unterscheide also bitte sorgfältig zwischen “Unterrichtsstunden” und “Betreuungsstunden”.

    • klassen egal welchen alters müssen beschäftigt werden. schon aus Rücksicht auf meine vertretung gebe ich meinen Schülern aufgaben und bedanke mich bei jedem kollegen, der mir material gibt.

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