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Schule im sozialen Brennpunkt: Elternarbeit – oft auf verlorenem Posten

FRANKFURT/MAIN. In Frankfurt haben zwei Drittel aller Schüler Wurzeln im Ausland. Ein Pilotprojekt sucht nach Wegen, wie Lehrer an jene Eltern rankommen, die sich nie in der Schule blicken lassen.

Hier, am Frankfurter Berg, hat Schule oft einen schweren Stand. Foto: Spiegelneuronen / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Hier, am Frankfurter Berg, hat Schule oft einen schweren Stand. Foto: Spiegelneuronen / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Manchmal kann der Islam-Lehrer die Situation retten: Wenn besonders viele muslimische Väter ihre Töchter nicht mit auf die Klassenfahrt lassen oder wenn es Debatten um den Sportunterricht gibt, dann ist Dorothee Franz froh, dass es Agmal Azami gibt. Der 36-Jährige kann als Muslim und als Mann viel erreichen, «das hätte ich alleine nie geschafft», sagt die Frankfurter Förderschullehrerin.

Azami und Franz sind zwei von 32 jungen Lehrern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein Problem zu lösen, das viele Schulen im Land umtreibt: Wie erreicht man Eltern, die nie zu Infoabenden, Schulfesten und Lehrergesprächen kommen? Die oft nicht Deutsch können, die Schule für nicht wichtig oder gar als Feind sehen.

«Das Problem ist relativ massiv», sagt der Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen, Ulrich Märtin. «Es gibt einen großen Bodensatz an Eltern, die – aus verschiedenen Gründen – Schwierigkeiten mit der Institution Schule haben.»

Besonders drängend ist das Problem bei Förderschulen und in einkommenswachen Gegenden. Die Johann-Hinrich-Wichern-Schule im Norden Frankfurts ist beides: Zum Einzugsgebiet gehören soziale Brennpunkte wie der Ben-Gurion-Ring und der Frankfurter Berg. Ein Großteil der 220 Schüler von Klasse 1 bis 10 muss sonderpädagogisch betreut werden. In der Mainmetropole haben laut Integrationsdezernat zwei Drittel aller Kinder eine internationale Familiengeschichte. In der Stadt leben Menschen aus 180 Nationen.

«Bildungspartnerschaft zwischen Eltern und Schule ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Schulerfolg», sagt der stellvertretende Leiter des Staatlichen Schulamts für Frankfurt, Rainer Kilian. Daher haben das Amt für multikulturelle Angelegenheiten und die Schulbehörden der Stadt das Projekt «Elternbeteiligung in der Schule» gestartet.

16 Frankfurter Schulen aller Schulformen machen mit. Je zwei Lehrer bekommen unterrichtsfreie Stunden und Projektmittel. Zwei Jahre haben sie Zeit, sich etwas einfallen zu lassen, es zu testen und mit ihren Kollegen darüber zu diskutieren. Die erfolgreichsten Ideen sollen 2017 stadtweit Schule machen – und vielleicht hessenweit als Vorbild dienen. Die Stadt lässt sich das Projekt rund 100 000 Euro kosten.

In der Wichern-Schule versucht man, mit Hausbesuchen und Telefonaten die Eltern zu erreichen, wenn Briefe unbeantwortet bleiben. Bei Infoabenden gibt es die Power-Point-Präsentation in verschiedenen Sprachen. Neueste Idee: ein Eltern-Café. «Meist ist der Grund eine sprachliche Barriere», sagt Azami. Viele Eltern seien wenig gebildet – und hätten ein falsches Bild von Schule. «Für sie ist das wie der Gang zu einer Behörde.»

Vielleicht hilft der Blick über die Landesgrenzen, schlägt der Leiter des Amts für multikulturelle Angelegenheiten, Armin von Ungern-Sternberg, vor. Eine Idee aus Berlin: Eltern, die auch dann nicht zum Schulfest kommen, wenn ihre Kinder etwas aufführen, lassen sich vielleicht mit einer Privataufführung im ganz kleine Kreis locken: nur ein Schüler, ein Lehrer und die Familie.

Laut hessischem Kultusministerium gibt es in Hessen zahlreiche Initiativen in dieser Richtung: Das Projekt «Mama lernt Deutsch», eine speziell auf Migranten zugeschnittene Broschüre «Unser Kind kommt in die Schule», die Initiative «Eltern schulen aktive Eltern». In Wiesbaden werden Bürger mit verschiedenen Sprachen zu «Bildungslotsen» für andere Zuwanderer ausgebildet.

Schulen brauchen eine andere Haltung gegenüber bildungsfernen Eltern, glaubt die Frankfurter Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne): «Nicht die Defizite sehen, sondern nach den Ressourcen suchen. Man muss den Eltern das Gefühl geben, dass sie eine Bereicherung sind.» Von Sandra Trauner, dpa

Zum Kommentar: Woher rührt die Verunsicherung der Eltern? Es fehlt an Werten

3 Kommentare

  1. Interessant, wie in diesem Artikel Bildungsferne, sozialer Brennpunkt und ausländische Wurzeln in einen Topf geworfen bzw. sogar miteinander identifiziert werden …

    • ich lebe in einem sozialen Brennpunkt. Der Grund, warum das in einem Topf landet ist schlichtweg der, dass die Stadtteile mit den meisten Migranten so wie meiner auch jene Problembezirke sind, wo nunmal viele Arbeitslose sind, viele schlechte Deutschkentnisse und viele Migrationshintergrund haben.

      in meinem Stadtteil beträgt der Migrantenanteil 45%, der Anteil von Kindern die von Sozialgeld leben ca 63%. Der Arbeitslosenanteil nach offizieller Zählung 17% und insgesamt leben ca 45% insgesamt von Sozialtransfers irgendeiner Art.

      Es gibt bei diesen Gruppen nunmal in vielen Gegenden Überschneidungen.

      • Überschneidungen zweifellos, die Identifikation miteinander halte ich für bedenklich. Außerdem wird mit „ausländische Wurzeln“ garantiert nicht die westeuropäische, skandinavische, japanische, nordamerikanische u.ä. Wurzel gemeint.

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