HAMBURG. Der Übergang von der Kita in die Grundschule gilt seit Jahren als neuralgischer Punkt im Bildungssystem. Neue gemeinsame Empfehlungen von Kultusministerkonferenz und Jugend- und Familienministerkonferenz sollen hier für mehr Verbindlichkeit sorgen. Doch in der Praxis bleiben zentrale Probleme bestehen. Der Bildungsexperte Udo Beckmann zeigt im folgenden Gastkommentar auf, warum die Vorschläge zwar fachlich überzeugen, ihre Wirkung aber ohne strukturelle Absicherung begrenzt bleibt.

Gute Zielsetzungen – aber ohne verbindliche Umsetzungskraft
Die neuen länderübergreifenden Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) und der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) zum Übergang von der Kita in die Grundschule setzen ein wichtiges bildungspolitisches Signal. Sie bleiben jedoch hinter den strukturellen Herausforderungen zurück, die etwa die DKLK-Studie 2026, herausgegeben von Fleet Education in Kooperation mit dem VBE am 13. April (News4teachers berichtete), deutlich benennt. Ein kritischer Blick zeigt: Zwischen Anspruch und Realität klafft weiterhin eine erhebliche Lücke.
Positiv ist zunächst, dass der Übergang erstmals bundesweit als gemeinsame Verantwortung von Familien, Kitas und Schulen definiert wird. Auch die Betonung sozial-emotionaler Kompetenzen, sprachlicher Bildung und früher mathematischer Erfahrungen entspricht dem aktuellen Stand der Bildungsforschung. Ebenso bedeutsam ist der Fokus auf institutionelle Kooperation.
Problematisch bleibt jedoch, dass die Empfehlungen unverbindlich sind. Sie formulieren Standards, schaffen aber keine strukturellen Voraussetzungen für deren Umsetzung. Genau hier setzt die zentrale Kritik an.
Die DKLK-Studie zeigt deutlich: 78,7 Prozent der Kitaleitungen nennen fehlende Zeit- und Personalressourcen als größtes Hindernis. Nur zwölf Prozent kooperieren monatlich mit Grundschulen, und fast jede fünfte Einrichtung arbeitet ohne formalisierte Kooperationsstruktur. Damit wird deutlich: Das Problem liegt nicht im fehlenden Wissen über gelingende Übergänge, sondern in unzureichenden Rahmenbedingungen.
“Verbindliche Förderung erfordert zusätzliches Personal, und aufsuchende Elternarbeit ist mit erheblichem Aufwand verbundem”
Die Empfehlungen betonen die Schlüsselrolle der Kooperation zwischen Kitas und Grundschulen. In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Zusammenarbeit erfolgt häufig nur punktuell, die Streuung der Kinder auf verschiedene Schulen erschwert Kontinuität, und verbindliche Vereinbarungen fehlen oft oder werden nicht systematisch überprüft. Ohne feste Zeitbudgets, gemeinsame Fortbildungen oder institutionalisierte Übergangsteams bleibt Kooperation ein zusätzlicher Arbeitsauftrag statt einer tragenden Struktur. Die Empfehlungen benennen dieses Problem, lösen es jedoch nicht.
Auffällig ist die Übereinstimmung zwischen Empfehlungspapier und DKLK-Studie bei der Gewichtung zentraler Kompetenzen. 52,5 Prozent der Kitaleitungen sehen sozial-emotionale Kompetenzen als entscheidend, sprachliche Bildung folgt mit 30 Prozent, während mathematische Kompetenzen eine deutlich geringere Rolle spielen. Hier zeigt sich fachliche Konsistenz zwischen Praxis und politischer Rahmensetzung. Offen bleibt jedoch, wie diese Kompetenzen systematisch gefördert werden sollen, wenn es an Personal fehlt.

Ein zentrales Instrument der Empfehlungen ist die Entwicklungsdokumentation als verbindendes Element zwischen Kita und Schule. In der Praxis stößt dieses Instrument jedoch an Grenzen: Datenschutzregelungen erschweren die Weitergabe von Informationen, unterschiedliche Dokumentationsformate mindern die Anschlussfähigkeit, und fehlende Zeitressourcen beeinträchtigen die Qualität der Beobachtung. Damit droht ein wesentliches Steuerungselement der Empfehlungen in seiner Wirkung eingeschränkt zu bleiben.
Auch bei der Sprachförderung setzen die Empfehlungen einen nachvollziehbaren Schwerpunkt. Die geplanten verpflichtenden Sprachstandserhebungen ein Jahr vor Schuleintritt greifen ein bekanntes Problem auf: Kinder ohne Kitabesuch starten häufig mit schlechteren Bildungsvoraussetzungen. Erfahrungen aus mehreren Bundesländern zeigen jedoch, dass Diagnostik ohne anschließende Förderkapazitäten kaum Wirkung entfaltet. Verbindliche Förderung erfordert zusätzliches Personal, und aufsuchende Elternarbeit ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Auch hier formuliert das Papier Ziele, ohne deren Umsetzung strukturell abzusichern.
Die gemeinsamen Empfehlungen markieren damit einen bildungspolitischen Fortschritt. Sie schaffen erstmals einen länderübergreifenden Orientierungsrahmen und setzen fachlich nachvollziehbare Schwerpunkte. Gleichzeitig macht die DKLK-Studie deutlich, dass der Übergang zwischen Kita und Grundschule derzeit nicht an fehlenden Konzepten scheitert, sondern an unzureichenden Ressourcen und mangelnder Verbindlichkeit in den Strukturen. News4teachers

Udo Beckmann ist Grund- und Hauptschullehrer, leitete zehn Jahre eine Hauptschule in herausfordernder Lage mit einer Schülerschaft, die zu 80 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund stammten.
Er war zudem 16 Jahre Vorsitzender der zweitgrößten Lehrergewerkschaft in Nordrhein-Westfalen (des VBE) und 13 Jahre Bundesvorsitzender. Heute ist er Leiter des Programmbeirats beim Deutschen Schulleitungskongress und beim Deutschen Kitaleitungskongress.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats “Frühe Bildung”.
Länder beschließen bundesweite Empfehlungen für Übergang von Kita zur Grundschule









“Sie schaffen erstmals einen länderübergreifenden Orientierungsrahmen und setzen fachlich nachvollziehbare Schwerpunkte.”
… die künftig kontinuierlich und bewusst unterwandert werden – wir wollen keine Ressourcen dafür ausgeben 🙁
Welche “fachlich nachvollziehbaren Schwerpunkte ” sind das? Wie ich schon schrieb, das ist alles nichts Konkretes, was ich da lese. Haben Sie konkrete Schwerpunkte gefunden? Dann bitte hier teilen! Danke!
Ich zitierte den Artikel.
“Wie ich schon schrieb”
Die Kausalität widerspricht dem ^^
Und welche konkreten “fachlich nachvollziehbaren Schwerpunkte” sollen das sein?
Sie kennen diese ja, sonst hätten Sie dazu nicht folgendes geschrieben:
“… die künftig kontinuierlich und bewusst unterwandert werden…”
Welche Schwerpunkte könn(t)en denn unterwandert werden? Bitte genau aufführen. Denn das müssen Sie ja wissen, wenn Sie diesen Vorwurf/ diese Unterstellung in den Raum werfen. Wie sollen sich die Erzieher gegen diesen Vorwurf sonst verteidigen bzw.wie sollen sie es richtig machen? Um etwas nach Vorgabe umsetzen zu können, müssen die Ziele/ Aufgaben erst einmal bekannt sein, also konkret benannt werden!
@Rainer Zufall
Es scheint, Sie haben auch keine konkreten fachlich nachvollziehbaren Schwerpunkte gefunden. 🙂
Welche sozialen Kompetenzen sollen denn von den Kitas gefördert werden?Im Artikel steht:“Gute Zielsetzungen – aber ohne verbindliche Umsetzungskraft”Müsste man nicht erst einmal die Ziele genau definieren, um sie auch umsetzen zu können? Ganz abgesehen von den fehlenden Ressourcen, die angesprochen werden. Kennt man die konkreten Ziele, also welche sozialen Kompetenzen gefördert werden sollen, kann man auch die benötigten Ressourcen besser erkennen, um die Ziele verbindlich umzusetzen..
Auch im folgenden link habe ich keine konkreten Ziele/ Kompetenzen gefunden!
2026_03_26-Uebergang-Elementar-Primarbereich.pdf
Oder habe ich da was überlesen? Weiß jemand, welche sozialen Kompetenzen das Ziel bis zur Einschulung, laut KMK, sind?
Okay, in dem anderen Artikel (unter diesem Artikel) von n4t fand ich folgendes:
“Besonders ausführlich wird die Bedeutung sozialer und emotionaler Kompetenzen dargestellt. Kinder sollen lernen, „sich sozial zugehörig [zu] fühlen und als selbstwirksam [zu] erleben“. Beziehungen werden dabei als zentrale Voraussetzung für Lernen beschrieben. Die Qualität der Interaktion zwischen Kindern und pädagogischen Fachkräften gilt als entscheidender Faktor für Bildungsprozesse.”
Meine Frage: Was daran ist jetzt NEU? Das klingt sehr schwammig und ich ging bisher davon aus, dass das die meisten Kitas so praktizieren.
Das einzige, was mir aufgefallen ist, ist das mit der Selbstwirksamkeit, die ja heute zu einem Modewort geworden ist. Aber ist damit auch immer das gemeint, was die Psychologie unter Selbstwirksamkeit versteht?
Selbstwirksamkeit – Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik
Erklärung: Warum schrieb ich “Modewort” im Zusammenhang mit “Selbstwirksamkeit”?
Dazu folgendes Zitat aus dem link (Fettdruck-Hervorhebung durch mich):
Auswüchse übertriebener Selbstwirksamkeiterwartung
Der Glaube an die eigene Selbstwirksamkeit, dass man selbst etwas bewegen kann, ist heute bei den Menschen stark verwurzelt, denn es heißt sehr oft, man muss nur genug wollen, dann schafft man es auch. Die Wissenschaft, insbesondere die Psychologie, hat bei vielen Menschen einen extrem hohen Stellenwert, wenn es darum geht, das Leben zu gestalten, denn Menschen orientieren sich daran, was Forscher über Glück, Resilienz, Sex, Erfolg usw. herausgefunden haben. Man vergisst jedoch dabei, dass es sich um zahlreiche kleine und kleinste meist noch unüberprüfte Hypothesen oder Theorien handelt, die einander oftmals widersprechen, und mit minimalen statistischen Zusammenhängen, die keinen Leitfaden zum richtigen Leben ergeben können, nicht alltagstagstauglich sind. (Stangl, 2026).
Verwendete Literatur
Stangl, W. (2026, 3. Mai). Selbstwirksamkeit – Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/1535/selbstwirksamkeit-selbstwirksamkeitserwartung.
Der hochtrabende Begriff “soziale Kompetenzen” ist ein schwammiger Begriff, den jeder mit den politischen und ideologischen Vorstellungen seiner Zeit füllen bzw. nachfüllen kann oder auch ablehnen.
Im Sozialverhalten der Schüler soll offenbar der geiche Austausch des Begriffs “Leistung” durch “Kompetenz” stattfinden wie in anderen schulischen Lernbereichen. Mit ziemlicher Sicherheit kann deswegen vorausgesagt werden, dass auch im Sozialverhalten ein ständiger Niveauverlust stattfindet, der dann mit dem “Totschlagsargument” erklärt wird, dass die Rahmenbedinungen für ein Gelingen zu schlecht seien und verbessert werden müssten. Hauptsache, an der “sozialen Kompetenz” mit ihren vielen Möglichkeiten zu immer neuer, modischer Füllung wird nicht gezweifelt.
Nun haben wir in Kitas und Schulen bereits seit Jahren und Jahrzehnten veränderte Pläne und Zielvorstellungen für eine Erziehung zu “sozialer Kompetenz”. Und wie war der Erfolg von z.B. mehr “Demokratieerziehung”, von mehr Mitbestimmung oder mehr “selbstorientiertem Lernen”?
Kann man aus Fehlern nicht mehr den Schluss ziehen, dass übertreibende und überfordernde Erziehungskonzepte falsch sein können, auch wenn sie sich noch so ideal anhören? Dann liegen Misserfolge nicht immer nur an schlechten Rahmenbedingungen, sondern an unrealistischen, inkompetenten Plänen.
Soziale Kompetenzen lassen sich nur bei Kindern mit einer guten Bindung zunächst an die Eltern und dann an die Bezugspersonen in der Kita fördern. Wo die Bindung fehlt, fehlt Sicherheit und Urvertrauen. Ich nehme ein immer weiter abschwächendes Bewusstsein für gesunde Bindung in der frühkindlichen Entwicklung wahr.
Ein unsicher gebundenes Kind kann soziale Spielregeln lernen, ohne diese zu fühlen, weil das zugrundeliegende Gefühl Unsicherheit, Angst und häufig auch Wut ist. Wir bräuchten eine gesellschaftlich und politisch getragene Unterstützung der Eltern in ihrer Rolle und Kitas, die diese Entwicklung beobachten, unterstützen und gegebenenfalls den Eltern zu frühen Hilfen raten. Es bräuchte genügend gut bezahlte Kinderpsychologen sowohl in flächendeckenden Praxen als auch regelmäßig in Einrichtungen, um Auffälligkeiten frühzeitig gemeinsam mit den Eltern und der Einrichtung korrigierend zu begleiten.
Die allgemeine Sicht, dass Kinder ab dem ersten Geburtstag die Trennung von den Eltern sowie die Eingewöhnung in einer Kita schadlos tolerieren und von der Betreuung ausschließlich profitieren, kann ich so nicht teilen. Meiner Meinung nach müsste das Wohlergehen jedes Kind dabei beobachtet und die Entscheidung entsprechend getroffen werden, ob die Betreuung und der Betreuungsumfang dem Kind gut tun oder nicht und ob entsprechend korrigiert werden muss. Frühe Brüche in der Bindung lassen sich nicht mehr korrigieren, höchstens kompensieren.
Das Argument, dass manche Kinder besser in der Kita aufgehoben sind als bei ihren Eltern ist nachvollziehbar. Da die Eltern aber die Eltern bleiben und das Kind weiterhin bei ihnen lebt, bräuchte es in diesen Fällen aus meiner Sicht verpflichtend eine fachliche Begleitung der Familie zusätzlich zu den Stunden in der Kita und damit die entsprechende finanzielle Sicherung der Kinder- und Jugendhilfe.
Ich sehe Kinder mit frühen Bindungsbrüchen und familiären Problemen allein gelassen. Deshalb halte ich die Diskussion um die frühkindliche Bildung, wie sie heute geführt wird, als Ablenkung von der Tatsache, dass Kinder aus wirtschaftlichen Gründen ohne Rücksicht auf ihre Bindungsentwicklung und die Situation in ihren Familien funktionieren müssen. Die sichtbaren Folgen sollen mit noch mehr Bildung für gleiche Chancen kompensiert werden.
Das kann nicht funktionieren, was wissenschaftlich auch belegt ist. Ohne Bindung und Sicherheit in den frühen Lebensjahren ist die weitere Entwicklung, auch die der Bildung, gefährdet.